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Was ist neu ?Gegenüber den 19991 und 20022 formulierten Empfehlungen beinhaltet die vorliegende Revision zwei Neuerungen. Die Arbeitsgruppe empfiehlt die Verabreichung von Palivizumab für Kinder im chronologischen Alter < 12 Monaten zu Beginn der RSV Saison mit:
Für Kinder ohne einen der genannten Risikofaktoren wird Palivizumab weiterhin
nicht empfohlen. EinleitungKonsensusempfehlungen für die Verabreichung von Palivizumab in der Schweiz wurden erstmals 1999 formuliert1. Eine erste Überarbeitung erfolgte im Jahr 20022. Die von Swissmedic kürzlich genehmigte Indikationserweiterung für Kinder mit hämodynamisch signifikantem kongenitalem Herzvitium erfordert nun eine erneute Überarbeitung. Entscheidungsgrundlagen liefern eine in Nordamerika und Europa durchgeführte randomisierte, placebo-kontrollierte Studie über die Anwendung von Palivizumab bei Kindern mit hämodynamisch signifikanten kongenitalen Herzvitien3 sowie eine aktuelle Studie über die Inzidenz von RSV Hospitalisationen bei Kindern mit hämodynamisch signifikanten kongenitalen Herzvitien in der Schweiz4. RSV Infektion und PalivizumabDie RSV Bronchiolitis ist die häufigste untere Atemwegsinfektion des Säuglings und führt bei 1-2% der jährlichen Geburtskohorte zur Hospitalisation infolge respiratorischer Insuffizienz und/oder ungenügender Flüssigkeitsaufnahme. Etablierte Risikofaktoren für eine RSV-bedingte Hospitalisation sind geringes chronologisches Alter, Frühgeburtlichkeit, bronchopulmonale Dysplasie (BPD) und kongenitale Herzvitien. RSV verursacht jährliche Winterepidemien. In der Schweiz alternieren frühbeginnende, hochfrequente Epidemien und spätbeginnende, milde Epidemien5. Neben allgemeinen Massnahmen zur Expositionsprophylaxe besteht die einzige Präventionsmöglichkeit für Risikopatienten in der passiven Immunisierung mit Palivizumab (Synagis®), einem neutralisierenden monoklonalen anti-RSV Antikörper. Palivizumab wird während der RSV Saison in monatlichen Abständen in einer Dosis von 15 mg/kg Körpergewicht intramuskulär verabreicht. In einer randomisierten, placebo-kontrollierten Studie (IMPACT Studie) wurde nachgewiesen, dass Palivizumab bei ehemaligen Frühgeborenen ≤ 35 SSW die Hospitalisationsrate signifikant von 10.6% auf 4.8% senkt (relative Reduktion 55%)6. In der Subgruppe mit BPD verringerte Palivizumab die Hospitalisationsrate in nicht signifikanter Weise von 12.8% auf 7.9% (relative Reduktion 39%). Die Letalität wurde nicht beeinflusst. Unkontrollierte Studien mit unterschiedlichen Einschlusskriterien ergaben bei Palivizumab-behandelten Patienten Hospitalisationsraten zwischen 1.6 und 9.0%7-14. Palivizumab ist sicher und gut verträglich7. Eine auf Meldungen an die Food and Drug Administration in den USA beruhende Studie über schwere unerwünschte Medikamentenwirkungen bei Kindern unter 2 Jahren brachte Palivizumab mit 28% der Meldungen in Zusammenhang15.15 Eine kausale Verknüpfung konnte aber nicht hergestellt werden16. In Anlehnung an die Einschlusskriterien der IMPACT Studie wird Palivizumab in den USA
Nationale Empfehlungen anderer Länder variieren erheblich, sind aber im allgemeinen deutlich restriktiver formuliert.
In der Schweiz kam die 1999 konstitutierte interdisziplinäre Arbeitsgruppe nach sorgfältiger Analyse der verfügbaren Daten und einer Kosten-Effektivitäts-Analyse zum Schluss, dass die routinemässige Verabreichung von Palivizumab gemäss IMPACT-Kriterien nicht gerechtfertigt ist1. Für diese Beurteilung massgebend waren die bescheidene Wirksamkeit, die fehlende Beeinflussung der Letalität sowie die hohen direkten Kosten von Fr. 60'000 - 100'000 zur Verhütung einer einzigen RSV Hospitalisation. Dennoch verfügte das Bundesamt für Sozialversicherungen (BSV) im Jahr 2000 in Anlehnung an die Einschlusskriterien der IMPACT Studie6 die limitierte Kassenzulässigkeit von Palivizumab :
Im Jahr 2002 überarbeitete die interdisziplinäre Arbeitsgruppe Empfehlungen für die Schweiz überarbeitet2. Als einzige Indikation wurde festgehalten, dass Palivizumab für Säuglinge in Erwägung gezogen werden kann, die zu Beginn der RSV Saison < 12 Monate alt sind und eine Heimsauerstoff-bedürftige BPD oder eine mittelschwere/schwere BPD18 aufweisen. Palivizumab für Kinder mit kongenitalem HerzvitiumIn der eingangs erwähnten, randomisierten, placebo-kontrollierten Studie3 bewirkte die Verabreichung von Palivizumab an Kinder < 24 Monaten mit kongenitalem Herzvitium eine Reduktion des RSV Hospitalisationsrisikos von 9.7% auf 5.3% (relative Reduktion 45%, 95% Vertrauensintervall 23-67%). In der Subgruppenanalyse beschränkte sich eine signifikante Risikoreduktion auf Kinder < 6 Monaten (12.2% vs. 6.0%) und solche mit nicht-zyanotischen Vitien (11.8% vs. 5.0%). Eine Reduktion der Letalität wurde nicht nachgewiesen. Aufgrund dieser Studienresultate wurde in den USA die Indikationsliste für Palivizumab erweitert für Kinder < 2 Jahren mit hämodynamisch signifikantem kongenitalem Herzvitium17. Eine populationsbasierte Studie4 aus dem Kanton Bern, in der Hospitalisationsdaten von 1997 bis 2003 untersucht wurden, ergab für Kinder mit kongenitalem Herzvitium nach gleicher Definition wie oben3 ein absolutes RSV Hospitalisationsrisiko, das viermal kleiner war als in den USA19. Altersabhängige Hospitalisationsraten sind in Tabelle 1 zusammengefasst.
Die so etablierten absoluten RSV Hospitalisationsrisiken lagen im internationalen Vergleich im Inzidenzbereich von Gesamtpopulationen ohne Risikofaktoren. Für die Altersgruppe von Säuglingen <6 Monaten, für die eine signifikante Risikoreduktion durch Palivizumab nachgewiesen werden konnte3, lag das relative Hospitalisationsrisiko für Kinder mit kongenitalem Herzvitium lediglich bei 1.4 (95% Vertrauensintervall 0.6-3.1). In dieser Studie wurde für Kinder mit kongenitalem Herzvitium eine signifikant höhere Letalität dokumentiert (1/10 vs. 0/719, p=0.014). Hierbei handelte es sich um einen einzigen Todesfall, der nicht hätte verhindert werden können, weil das Herzvitium erst anlässlich der RSV Hospitalisation diagnostiziert wurde. Für verschiedene Altersgruppen wurde berechnet, dass zur Verhinderung von einer RSV Hospitalisation zwischen 80 und 259 Patienten mit kongenitalem Herzvitium behandelt werden müssten4. Überarbeitete Empfehlungen für die Verabreichung von Palivizumab in der SchweizAufgrund der dargelegten Daten zur Epidemiologie von RSV Hospitalisationen bei Kindern mit Risikofaktoren und zur Wirksamkeit
bei Kindern mit kongenitalem Herzvitium formuliert die interdisziplinäre Arbeitsgruppe folgende Empfehlungen:
2. Ehemalige Frühgeborene mit bronchopulmonaler Dysplasie (BPD):
Säuglinge mit BPD weisen ein substantiell erhöhtes Hospitalisationsrisiko auf.
Für Kinder im chronologischen Alter < 12 Monaten zu Beginn der RSV Saison und
schwerer BPD gemäss internationaler Konsensusdefinition18 empfiehlt die
Arbeitsgruppe deshalb die Verabreichung von Palivizumab (Tabelle 2).
3. Kinder mit hämodynamisch signifikantem kongenitalem Herzvitium: Aufgrund der bescheidenen Wirksamkeit von Palivizumab3, des geringen Hospitalisationsrisikos in der Schweiz, das im internationalen Vergleich in den Inzidenzbereich für Kinder ohne Risikofaktoren fällt, und der daraus folgenden exzessiv hohen Kosten zur Verhinderung einer RSV Hospitalisation4, wird die routinemässige Verabreichung an Kinder mit kongenitalem Herzvitium nicht empfohlen. Bei Vorliegen individueller Risikofaktoren kann Palivizumab für Kinder im chronologischen Alter von < 12 Monaten zu Beginn der RSV Saison indiziert sein. Risikofaktoren sind zyanotische Vitien, Vitien mit schwerer pulmonaler Hypertonie und/oder klinisch manifeste Herzinsuffizienz, sofern die chirurgische Korrektur vor Beginn der RSV Saison nicht in Frage kommt20. Die Indikationsstellung erfolgt durch den zuständigen Kinderkardiologen. CAVE: Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung dieser Empfehlungen ist Palivizumab für Kinder mit kongenitalem Herzvitium noch nicht kassenzulässig (s. Limitatio in der Spezialitätenliste http://www.bag.admin.ch/kv/gesetze/sl/d/). Die Finanzierung ist individuell zu regeln. 4. Andere Risikofaktoren: Für Kinder mit anderen Risikofaktoren wie z.B. Cystische Fibrose, Immundefekte oder neuromuskuläre Erkrankungen ist Palivizumab nicht registriert und nicht kassenzulässig. In Individualfällen, in denen die Verabreichung sinnvoll erscheint, ist die Finanzierung vorgängig zu regeln. 5. Palivizumab ist nicht indiziert und nicht wirksam21 für die Therapie der etablierten RSV Infektion. 6. Allgemeine Empfehlungen: Es ist empfehlenswert, betroffene Eltern
sorgfältig darauf aufmerksam zu machen, dass Palivizumab das RSV
Hospitalisationsrisiko Kindern mit BPD oder Herzvitium um lediglich 40-50%
senkt, das Hospitalisationsrisiko für Atemwegsinfektionen aller Ätiologien nur
um ca. 25%, und dass der Verlauf einer hospitalisationsbedürftigen
Durchbruchsinfektion nicht günstig beeinflusst wird. Ebenso sollen sie darauf
aufmerksam gemacht werden, dass Rauchexposition und Krippenbesuch10 das
Hospitalisationsrisiko erhöhen und bei Hochrisikopatienten nach Möglichkeit
vermieden werden sollten. Die Beratung kann zudem dazu genutzt werden, die
aktiven Impfungen gegen Pneumokokken (Frühgeborene < 32 SSW bzw. < 1500g,
pulmonale und kardiale Risikopatienten) und Influenza (pulmonale und kardiale
Risikopatienten > 6 Monate) zu empfehlen. *Korrespondenzadresse:Prof. Dr. D. Nadal,
Referenzen
date de création 13.11.04
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