Die BCG-Impfung (pdf)

 

1. Einleitung

Die Bacillus-Calmette-Guérin-Impfung (BCG) besteht aus einem lebenden, attenuierten Stamm von Mycobacterium bovis [1] . Die BCG-Impfung wird seit den 40er-Jahren des letzten Jahrhunderts weltweit angewandt, seit 1974 ist sie Teil des „Expanded Programme on Immunization“ (EPI) der Weltgesundheits-Organisation (WHO). Der Nutzen der BCG-Impfung ist unbestritten was den Schutz gegen einen tödlichen Verlauf, gegen die tuberkulöse Meningitis und gegen disseminierte Tuberkuloseformen betrifft. Sie verleiht einen wesentlichen Schutz gegen die Tuberkulose im Säuglingsalter, ihre Wirksamkeit ist hingegen bei älteren Kindern bereits deutlich schlechter und bei Erwachsenen nur noch klein. Während BCG in Entwicklungsländern und Ländern mit hoher Tuberkuloseprävalenz routinemässig verabreicht wird, haben die meisten industrialisierten Länder die Impfung aufgegeben oder stark eingeschränkt [2] , [3] .

Für die Formulierung von spezifischen schweizerischen BCG-Impfrichtlinien sind die nachfolgenden Charakteristika der BCG-Impfung von besonderer Bedeutung:

  • Die BCG-Impfung bietet nur einen beschränkten Schutz gegen die Tuberkulose. Sie kann zwar die Häufigkeit disseminierter Verlaufsformen der Tuberkulose wie Miliartuberkulose und tuberkulöse Meningitis sowie tödlicher Tuberkulose-Verläufe verringern, nicht aber die (meist latente) tuberkulöse Infektion und nur beschränkt die Entwicklung einer Lungentuberkulose verhindern.
  • Die Impfung reduziert das Risiko der erwähnten schweren Krankheitsformen bei Kleinkindern um etwa 60-90%. Da die disseminierten Tuberkuloseformen mit zunehmendem Alter seltener werden, nimmt die Wirksamkeit der BCG-Impfung mit dem Alter ab und erreicht bei Kindern im Schulalter nur noch etwa 50% [4] , [5] . Im Erwachsenenalter konnte in den meisten prospektiven Untersuchungen keine Schutzwirkung der BCG-Impfung nachgewiesen werden [6] , lediglich eine englische Studie hat bei der Impfung von Adoleszenten einen Schutz im Erwachsenenalter gezeigt [7] . Die Schutzdauer nach BCG-Impfung ist zeitlich begrenzt und abhängig von der klinischen Form der Tuberkulose.
  • Die BCG-Impfung hat keinen wesentlich Einfluss auf die Tuberkuloseendemie [8] . Der Verzicht auf die BCG-Impfung in mehreren Ländern Europas führte nicht zu einem Wiederanstieg der Tuberkulosefälle bei Kindern [9] , [10] , [11] .
  • Die BCG-Impfung kann lokale Komplikationen unterschiedlichen Schweregrads und selten auch systemische Komplikationen zur Folge haben [12] , [13].
  • Die positive Reaktion auf den Tuberkulintest, welche vor allem bei später BCG-Impfung (nach dem Neugeborenenalter) eintritt, kann die Diagnose einer Tuberkuloseinfektion erschweren, z.B. im Rahmen einer Umgebungsuntersuchung [14] , [15] .

Wegen des erhöhten Erkrankungsrisikos von Säuglingen ist die BCG-Impfung bei diesen in Ländern mit erhöhtem Tuberkulose-Infektionsrisiko (definitionsgemäss >0,1%) gerechtfertigt. In Ländern wie der Schweiz mit niedriger Tuberkuloseinzidenz (definitionsgemäss <10 Fälle/ 100'000 Einwohner/Jahr) und entsprechend niedrigem Infektionsrisiko, in denen die Kindertuberkulose die Ausnahme darstellt, ist die BCG-Impfung für die einheimische Bevölkerung nicht mehr indiziert [16]. Die BCG-Impfung kann in diesen Niedrig-Prävalenzländern aber für Kinder <1 Jahr in Betracht gezogen werden, falls deren Eltern aus Ländern mit hoher Tuberkulose­prävalenz stammen und die Kinder später wegen einer Rückkehr oder einem längeren Aufenthalt in ihrem Herkunftsland einem erhöhten Infektionsrisiko ausgesetzt sind [17] , [18]. Die kritische Zeitdauer für einen solchen Aufenthalt ist nicht bekannt.

 

2. Indikationen

2.1. Kinder

  • Die BCG-Impfung von Kindern schweizerischer oder ausländischer Nationalität, deren Eltern festen Wohnsitz in der Schweiz haben, ist nicht indiziert.
  • Die BCG-Impfung von Neugeborenen und Kindern <1 Jahr, deren Eltern aus Ländern mit hoher Tuberkuloseprävalenz (Afrika, Asien, Südamerika, Osteuropa, Portugal) stammen, und die möglicherweise in diese Länder zurückkehren, wird weiterhin empfohlen.

2.2. Erwachsene

  • Die BCG-Impfung ist bei Kindern ≥1 Jahr und bei Erwachsenen nicht indiziert. Dies gilt auch für Erwachsene, die im Rahmen ihrer beruflichen Tätigkeit Tuberkulose-exponiert sind, und für Reisende in Hochprävalenzländer [19] .

 

3. Praktische Aspekte

3.1. BCG-Impftechnik

Die Anweisungen in der Packungsbeilage (Auflösung des Impfstoffs, Schutz gegen Licht, Art der Spritze und Nadel) müssen eingehalten werden.

  • Die Injektion muss streng intrakutan, vorzugsweise in der Deltoideusregion erfolgen.
  • Üblicherweise wird auf der linken Seite geimpft.
  • Die Dosis ist nicht bei allen Produkten für alle Altersgruppen identisch (s. Packungsbeilage).

Eine nässende Wunde während 2 bis 4 Wochen nach der Impfung ist normal. Sie wird mit einem trockenen Verband behandelt.

3.2. Zeitpunkt der BCG-Impfung

  • Die BCG-Impfung soll vorzugsweise im Neugeborenenalter vorgenommen werden, sofern das Kind nicht hospitalisiert ist oder die Spitalentlassung unmittelbar bevorsteht.
  • BCG-Auffrischimpfungen haben keinen erwiesenen Nutzen, sie sollen nicht durchgeführt werden [20] .
  • Bei Vorliegen einer BCG-Narbe ist keine weitere BCG-Impfung indiziert.

3.3. Tuberkulintest vor der Impfung

  • Bei Kindern ≤12 Monate wird vor der BCG-Impfung kein Tuberkulintest [21] durchgeführt.

3.4. Kontrolle nach der Impfung

  • Es besteht keine Korrelation zwischen BCG-Impfschutz und Resultat des Tuberkulintests [22] , somit ist ein Mantouxtest zur Kontrolle des Impferfolgs sinnlos.

3.5. Gleichzeitige Verabreichung von BCG und anderen Impfungen

  • Es sind keine Interaktionen zwischen BCG-Impfung und anderen gleichzeitig verabreichten Impf­ungen bekannt.
  • Die BCG- und die MMR-Impfung können entweder zusammen oder mit einem Minimalabstand von einem Monat verabreicht werden. Bei Totimpfstoffen müssen nach der BCG-Impfung keine Minimal­abstände eingehalten werden.

 

4. Komplikationen

  • Lokale oder regionale Komplikationen in Form einer persistierenden oder ausgedehnten Ulzeration oder Lymphknotenschwellungen können vorkommen. Disseminierte BCG-Infektionen sowie eine Osteomyelitis sind sehr selten [23] .
  • Bei Bedarf kann eine chirurgische Intervention (Abszess) oder eine antituberkulöse Behandlung (Osteomyelitis, disseminierte BCG-Infektion) indiziert sein, bei welcher unter anderem der natürlichen Resistenz von Mycobacterium bovis BCG gegen Pyrazinamid Rechnung zu tragen ist. Die Konsultation eines Spezialisten wird deshalb empfohlen.

 

5. Kontraindikationen

  • Defekt der zellvermittelten Immunität.
  • Bekannte HIV-Infektion.

 

 

Schweizerische Kommission für Impffragen, Lungenliga Schweiz, Bundesamt für Gesundheit

 

 


Literaturverzeichnis

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Parution le 9 avril 2003


Dernière mise à jour du site: 08.05.2008