Vitamin K-Prophylaxe bei Neugeborenen :
Neue Empfehlungen

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Message:

Alle Neugeborenen brauchen eine Vitamin K-Prophylaxe:

3 Dosen Konakion MM® 2 mg per os im Alter von 4 Stunden, 4 Tagen, 4 Wochen (NEU)

 

In der Schweiz erhalten über 99% aller Neugeborenen eine orale Vitamin K-Prophylaxe am 1. und 4. Lebenstag entsprechend den Richtlinien, die 1994 publiziert wurden (1,2). Diese Richtlinien waren mit dem Übergang von den früher verwendeten fettlöslichen Konakion®-Tropfen zu einer neuen galenischen Form von Vitamin-K1 in Form von Gallensäuren-Lecithin-Misch-Mizellen (Konakion® MM) verbunden (3).

Die prospektive Überwachung der Inzidenz von Vitamin K-Mangelblutungen in der Schweiz hat gezeigt, dass Blutungen in der ersten Woche gänzlich verschwunden sind. Die Zahl von sogenannten Spätblutungen, die nach der ersten Lebenswoche bis zum 6. Lebensmonat auftreten können, ist wohl zurückgegangen, aber nicht ganz verschwunden. Betrug diese in den Jahren 1986-88 noch 7.1/100'000 Neugeborene, waren es in den letzten 6 Jahren noch 2.6/100'000 (1,4,5). 14 von 19 in den letzten 6 Jahren von Spätblutungen betroffene Kinder hatten ein angeborenes Leberleiden, das erst nach Auftreten der Blutung diagnostiziert wurde. Die Hoffnung, mit der neuen wasserlöslichen galenischen Form von oralem Vitamin K auch Kinder mit einem noch unentdeckten cholestatischen Grundleiden zu schützen, hat sich somit nicht ganz erfüllt. Bei 6 der 19 wurde die Vitamin K-Prophylaxe nicht durchgeführt. Unterlassung oder Verweigerung der Vitamin K-Prophylaxe erhöht das Risiko eine Spätblutung um das 50-Fache!

Erfahrungen in anderen Ländern zeigen bessere Resultate. Die intramuskuläre Verabreichung von Vitamin K nach der Geburt schützt praktisch zu 100%, ebenso die tägliche Zufuhr von geringen Mengen (25 µg/Tag). Solche Mengen werden den Formula-Milchen zugesetzt und werden z.B. in Holland für voll gestillte Kinder als täglicher Zusatz empfohlen (6).

In Deutschland ist die Prophylaxe mit 3 peroralen Dosen Vitamin K üblich. Die Inzidenz der Spätblutungen konnte zwar nicht völlig eliminiert werden. Betrachtet man nur diejenigen Kinder, bei denen die Prophylaxe mit Konakion® MM durchgeführt wurde, ist die Inzidenz um das 6-Fache tiefer als in der Schweiz (0.44/100'000) (7).

Aus Gründen der Praktikabilität möchten wir in der Schweiz ebenfalls eine dritte Dosis empfehlen, die am Ende der Neugeborenenperiode im Alter von einem Monat anlässlich mit der von der Schweizerischen Gesellschaft für Pädiatrie vorgesehenen Vorsorgeuntersuchung verabreicht werden kann. Die Applikation soll ins Gesundheitsheft eingetragen werden. Die Bezahlung ist gemäss KVG geregelt [1]. Die Auswirkungen der neuen Empfehlungen werden wiederum mit dem pädiatrischen Erfassungssystem von seltenen Erkrankungen (SPSU) dokumentiert (8).

Die umstrittene präpartale Vitamin K-Verabreichung an Schwangere, die unter enzyminduzierenden Medikamenten stehen, wird nur noch in ganz speziellen Fällen empfohlen (9, 10). Solche Ausnahmen sind geplante vorzeitige Entbindung vor der 37. Schwangerschaftswoche, Medikamentenkombinations-Therapien und vorbestehende hepatische Grunderkrankungen der Mutter.

 

G. Schubiger, B. Laubscher, O. Bänziger

Schweizerische Gesellschaft für Neonatologie
(Präsident: Prof. Dr. H.U. Bucher, Zürich)

Ernährungskommission der Schweizerischen Gesellschaft für Pädiatrie
(Präsident: PD Dr. M. Roulet, Lausanne)

Schweizerische Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe
(Präsident: Prof. Dr. P. Hohlfeld)


Literatur :

  1. Tönz O, Schubiger G: (1988) Neonatale Vitamin K-Prophylaxe und Vitamin K-Mangelblutungen in der Schweiz. Schweiz Med Wochenschr 118:1747-1752
  2. Schubiger G, Roulet M, Laubscher B: (1994) Vitamin K1-Prophylaxe bei Neugeborenen: neue Empfehlungen. Schweiz Ärztezeitung 75:2036
  3. Schubiger G, Grüter J, Shearer MJ: (1997) Plasma vitamin K1 and PIVKA-II after oral administration of mixed micellar or Cremophor EL-solubilized preparations of vitamin K1 to normal breast-fed newborns. J Pediatr Gastroenterol Nutr 24: 280-284
  4. Schubiger G, Stocker C, Bänziger O, Laubscher B, Zimmermann H: (1999) Oral vitamin K1  prophylaxis for newborns with a new mixed micellar preparation of phylloquinone: 3 years experience in Switzerland. Eur J Pediatr 158:599-602
  5. Weber R: Vitamin K-Prophylaxe bei Neugeborenen in der Schweiz: Update 2001
    (2002) Dissertation, Universität Zürich
  6. Cornelissen EAM, Kries R von, Loughnan P, Schubiger G: (1997) Prevention of vitamin K deficiency bleeding: efficacy of different multiple oral dose schedules of vitamin K. Eur J Pediatr 156:126-130
  7. von Kries R, Hachmeister R, Göbel D: Surveillance of the efficacy of a 3 dose oral vitamin K regime: lack of protection of mixed micellar vitamin K for VKBD in infants with latent cholestasis (in print Arch Dis Child)
  8. Zimmermann H, Desgrandchamps D, Schubiger G: (1995) The Swiss Pediatric Surveillance Unit (SPSU). Soz Präventivmed 40:392-395
  9. Kaaja E, Kaaja R, Matila R, Hiilesam V: (2002) Enzyme-inducing antiepileptic drugs in pregnancy and the risk of bleeding in the neonate. Neurology 58:549-53
  10. Hey E:(1999) Effect of maternal anticonvulsant treatment on neonatal blood coagulation. Arch Dis Child Fetal Neonatal Ed 81:F208-10


Empfehlung zur Vitamin K-Prophylaxe bei Neugeborenen (ab Januar 2003 )

Gesunde Neugeborene:

(>34 Schwangerschaftswochen; >2´000 g Geburtsgewicht)

Alter

Zeitpunkt

Dosis

4 Stunden

bei der Geburt

2 mg Konakion® MM oral

4 Tage

mit dem Screening-Test "Guthrie"

2 mg Konakion® MM oral

4 Wochen

mit der Vorsorgeuntersuchung 1 Monat

2 mg Konakion® MM oral

 

Kranke Neugeborene / Frühgeborene mit i.v.-Zugang

oder nicht normal ernährbare Säuglinge:

Alter

Zeitpunkt

Dosis

4 Stunden

nach der Geburt

0.5 mg Konakion® MM i.v.

(oder i.m.)

4 Wochen

 

2 mg Konakion® MM oral

 

Sondersituationen:

Schwangere Frauen, die unter einer Dauermedikation mit gewissen enzyminduzierenden Medikamenten* stehen, benötigen in der Regel keine antenatale Vitamin K-Substitution. Ausnahmen sind geplante vorz. Entbindung (<37 SSW) , Medikamentenkombinations-Therapien* und hepatische Grunderkrankung bei der Mutter: Gabe von 20 mg/Tag Konakion® MM oral 7-10 Tage vor erwarteter Geburt.

*Phenobarbital, Phenytoin, Carbamazepine, Primidone, Rifampicin, INH

Gestillten Kindern, deren Mütter unter Phenprocoumon (Marcoumar®) stehen, soll wöchentlich

1 mg Konakion® MM oral zugeführt werden.

Der kurzen Halbwertszeit wegen ist diese Vorsichtsmassnahme beim Einsatz von Acenocoumarol (Sintrom®) nicht notwendig.

Beobachtet man beim Säugling einen Ikterus prolongatus (sichtbar gelbe Haut nach dem 14. Lebenstag), so soll eine Cholestase ausgeschlossen werden (Bestimmung des direkten Bilirubins).

Liegt beim Kind eine Grundkrankheit mit gestörter Vitamin K-Resorption vor, soll entsprechend substituiert werden.

Bei jedem Säugling mit Blutungen ohne ersichtliche Ursache ist eine Thromboplastinzeit-Bestimmung (Quick oder INR), allenfalls erweiterte Gerinnungsabklärungen, angezeigt.



[1] Von der eidg. Kommission für allgemeine Leistungen (ELK) genehmigt, die Bestätigung durch das eidg. Departement des Innern ist noch ausstehend.

 

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15 Dezember 2002

 


Dernière mise à jour du site: 25.06.2008