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Update
zum Konsensus Statement zur Prävention von Respiratory Syncytial Virus (RSV)-Infektionen
bei Säuglingen mit dem humanisierten monoklonalen Antikörper Palivizumab (Synagis®)
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Einleitung
Im Herbst 1999 veröffentlichte eine von den Schweizerischen Gesellschaften
für Neonatologie und Infektiologie und von der Schweizerischen Arbeitsgruppe
für pädiatrische Pneumologie beauftragte interdisziplinäre Arbeitsgruppe ein
„Konsensus Statement zur Prävention von RSV Infektionen bei Neugeborenen und
Säuglingen mit dem humanisierten monoklonalen Antikörper Palivizumab (Synagis®)“
1,2 . Diese Empfehlungen werden im vorliegenden
Dokument aktualisiert und präzisiert.
RSV Infektion
Die durch RSV verursachte Bronchiolitis ist die bei weitem häufigste untere
Atemwegsinfektion des Säuglings und führt bei 1-2% der jährlichen Geburtskohorte
zur Hospitalisation infolge respiratorischer Insuffizienz und/oder ungenügender
Nahrungs- und Flüssigkeitsaufnahme. Etablierte Risikofaktoren für eine RSV-bedingte
Hospitalisation sind geringes chronologisches Alter (d.h. Säuglinge unter 2
Monaten), Frühgeburtlichkeit, bronchopulmonale Dysplasie (BPD) bzw. Chronic
Lung Disease (CLD) und kongenitale Herzvitien. RSV verursacht jährliche Epidemien
im Winter, wobei in der Schweiz frühbeginnende, hochfrequente Epidemien mit
spätbeginnenden, niederfrequenten Epidemien alternieren 3
.
Palivizumab (Synagis®)
Palivizumab ist ein RSV neutralisierender monoklonaler Antikörper. Er wird
während der RSV Saison in monatlichen Abständen als passiver Impfstoff intramuskulär
verabreicht. In der bisher einzigen randomisierten und placebo-kontrollierten
Studie (IMPACT Studie) 4 , an der 1502 ehemalige
Frühgeborene ≤ 35 Schwangerschaftswochen mit oder ohne BPD teilnahmen, wurde
nachgewiesen, dass Palivizumab die Hospitalisationsrate von 10.6% auf 4.8% senkt
(relative Reduktion von 55%). In der Subgruppe mit BPD verringerte sich die
Hospitalisationsrate von 12.8% auf 7.9% (39%). Die in dieser Studie geringe
Letalität wurde durch Palivizumab nicht beeinflusst. Spätere, unkontrollierte
Studien aus Europa und Nordamerika mit jeweils unterschiedlichen Einschlusskriterien
ergaben bei Palivizumab-behandelten Patienten Hospitalisationsraten zwischen
1.6 und 9.0% 5-8. Unter Studienbedingungen zeichnete
sich Palivizumab als sichere und gut verträgliche Substanz aus6,8.
Eine neue, auf Meldungen an die Food and Drug Administration (FDA) beruhenden
Zusammenstellung über schwere Medikamentennebenwirkungen bei Kindern < 2
Jahren in den USA, brachte Palivizumab mit 28% der Fälle in Zusammenhang9.
Eine kausale Verknüpfung konnte aber nicht hergestellt werden.
Palivizumab in der Schweiz
Die interdisziplinäre Arbeitsgruppe kam nach sorgfältiger Analyse der verfügbaren
Daten und einer Kosten-Effektivitäts-Analyse zum Schluss, dass die routinemässige
Verabreichung von Palivizumab gemäss IMPACT-Kriterien nicht gerechtfertigt ist
1,2 . Für diese Beurteilung massgebend waren die
relativ bescheidene Wirksamkeit, die fehlende Beeinflussung der Letalität sowie
die hohen direkten Kosten von Fr. 60'000 - 100'000 zur Verhütung einer einzigen
RSV-bedingten Hospitalisation.
Trotz Publikation dieses Konsensus Statement im Herbst 1999 1,2
verfügte das Bundesamt für Sozialversicherungen (BSV) im Jahr 2000 in Anlehnung
an die Einschlusskriterien der IMPACT Studie 4 die
limitierte Kassenzulässigkeit von Palivizumab
(1) für ehemalige Frühgeborene im Alter von ≤ 6 Monaten zu Beginn der
RSV Saison und
(2) für Kinder mit vorbestehender und bereits behandelter BPD im Alter von ≤
12 Monaten zu Beginn der RSV Saison.
Neubeurteilung von Wirksamkeit und Stellenwert von Palivizumab
Wie erwähnt blieb die im Winter 1996/97 durchgeführte IMPACT Studie die einzige
zur Zeit publizierte kontrollierte Wirksamkeitsstudie. Spätere offene und nicht-kontrollierte
Palivizumab-Studien waren zwar mit dem Ergebnis des Verum-Arms der IMPACT Studie
vereinbar 5-8 , wiesen aber beträchtliche methodologische
Unterschiede auf, wodurch ein direkter Vergleich mit der IMPACT Studie erschwert
wird. Andererseits zeigten neue Studien aus verschiedenen Ländern Europas
10-14, dass Hospitalisationsraten für unbehandelte Frühgeborene
ohne BPD mit 0.7 bis 8.9% deutlich geringer ausfielen als in Nordamerika und mit
der Verum-Gruppe der IMPACT Studie vergleichbar waren. Bei Vorliegen einer BPD
wurden in den gleichen Studien10-14 allerdings deutlich
höhere Hospitalisationsraten von 2.9% bis 24.1% ermittelt.
Detaillierte, über 5 Jahre erhobene Daten aus einer Region der Schweiz zeigen,
dass Kinder mit BPD zwar häufiger wegen einer RSV Infektion hospitalisiert werden
13, dass sich der Hospitalisationsverlauf bezüglich
Intensivpflegebedürftigkeit, mechanischer Beatmung und Letalität aber nicht
signifikant von Frühgeborenen ohne BPD und von termingeborenen Säuglingen unterscheidet
(Tabelle). Besonders beachtenswert ist die im Beobachtungsintervall
fehlende Letalität unter Frühgeborenen.
Überarbeitete Empfehlungen
Der Mangel an neuen kontrollierten Daten zur Wirksamkeit von Palivizumab
sowie der Einbezug neuer europäischer Daten zur Epidemiologie von RSV Hospitalisationen
bei unbehandelten Säuglingen führen zu folgenden Empfehlungen:
- Die routinemässige Verabreichung von Palivizumab gemäss den im Arzneimittelkompendium
festgehaltenen oder den vom BSV erlassenen Indikationen wird nicht empfohlen.
Entscheidend für dieses Statement sind, dass
(1) die Wirksamkeit von Palivizumab bescheiden ist,
(2) sich der RSV Hospitalisationsverlauf ehemaliger Frühgeborener in der Schweiz
nicht substantiell von Nicht-Frühgeborenen unterscheidet und
(3) die Verabreichung von Palivizumab nicht wirtschaftlich ist 1
. Diesem letzten Argument kommt nur im Zusammenhang mit den beiden ersten
Bedeutung zu.
- Säuglinge mit BPD weisen ein substantiell erhöhtes Hospitalisationsrisiko
auf. Basierend auf der lokalen RSV Epidemiologie, die von Ort zu Ort variiert
15,16, kann es gerechtfertigt sein, Säuglingen
mit schwerer BPD Palivizumab zu verabreichen. Eine solche Indikationsstellung
kann beispielsweise Säuglinge einschliessen, die zu Beginn der RSV Saison
< 12 Monate alt sind und bei Spitalaustritt eine Heimsauerstoff-bedürftige
BPD oder eine mittelschwere/schwere BPD aufweisen17.
Eltern sollen sorgfältig darauf aufmerksam gemacht werden, dass Palivizumab
das Hospitalisationsrisiko wegen einer RSV Infektion bei Kindern mit BPD um
ca. 40% vermindert, das Hospitalisationsrisiko für Atemwegsinfektionen aller
Ätiologien um ca. 25%, und dass der Verlauf einer hospitalisationsbedürftigen
Durchbruchsinfektion nicht günstig beeinflusst wird 4
.
- Die Verabreichung von Palivizumab an Kinder mit anderen Risikofaktoren (kongenitales
Herzvitium, zystische Fibrose, Immundefizienz) ist zur Zeit nicht indiziert
und wird von den Krankenkassen nicht vergütet.
C. Aebia, C. Barazzoneb, J. Hammerb,
C. Kindc, D. Nadala (Präsident)*, R.E. Pfisterc
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Interdisziplinäre Arbeitsgruppe aus Mitgliedern
a die Schweizerische Gesellschaft für Infektiologie (SGI)
b der Schweizerischen Arbeitsgruppe für Pädiatrische Pneumologie
(SAPP)
c und der Schweizerischen Gesellschaft für Neonatologie (SGN)
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*Korrespondenz:
Prof. Dr. D. Nadal,
Abteilung für Infektiologie,
Universitäts-Kinderklinik Zürich,
Steinwiesstrasse 75,
8032 Zürich
Referenzen
- Aebi C, Nadal D, Kind C, Pfister R, Barazzone C, Hammer J. Konsensus Statement
zur Prävention von Respiratory Syncytial Virus (RSV)-Infektionen bei Neugeborenen
und Säuglingen mit dem humanisierten monoklonalen Antikörper Palivizumab (Synagis).
Schw Aerzteztg 1999;80:2927-2934.
- Aebi C, Nadal D, Kind C, Pfister R, Barazzone C, Hammer J. Konsensus Statement
zur Prävention von Respiratory Syncytial Virus (RSV)-Infektionen bei Neugeborenen
und Säuglingen mit dem humanisierten monoklonalen Antikörper Palivizumab (Synagis).
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- Duppenthaler A, Gorgievski-Hrisoho M, Frey U, Aebi C. Two-year periodicity
of Respiratory Syncytial Virus epidemics in Switzerland. Submitted for publication.
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Tabelle:
Virologisch bewiesene RSV Hospitalisationen an der Universitäts-Kinderklinik
Bern vom 01.07.97 bis 30.06.2002 (Datenbank A. Duppenthaler3,12)
|
n |
Intensivbehandlung |
Mechanische
Beatmung |
Letalität |
| > 35 SSW |
516 |
49 (9.5%) |
13 (2.5%) |
1 (0.2%) |
| ≤ 35 SSW ohne BPD |
50 |
9 (18.0%) |
1 (2.0%) |
0 |
| ≤ 35 SSW mit BPD |
17 |
2 (11.8%) |
1 (5.9%) |
0 |
|
Total |
583 |
60 (10.3%) |
15 (2.6%) |
1 (0.2%) |
Top
15. Dezember 2002
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