|
|
|
|
Fieberbehandlung im Kindesalter
Fieber gehört zu den Leitsymptomen der Kinderheilkunde und stellt oft
Grund zu Konsultationen in der Praxis und Klinik dar. Ursächlich stehen
Infektionskrankheiten im Vordergrund, wobei es sich sehr oft um harmlose,
selbstlimitierende Erkrankungen handelt. Trotzdem ist das Auftreten febriler
Temperaturen oft mit Befürchtungen und Ängsten verbunden, nicht
ausschliesslich betreffend ursächlicher Erkrankung, sondern auch bezüglich
möglicher Risiken durch die erhöhte Körpertemperatur per
se. Dieser Umstand kann bisweilen den rationalen Einsatz antipyretischer
Massnahmen erschweren. In vorliegender Arbeit sollen einige Grundlagen der
Fieberbehandlung im Kindesalter zusammengefasst werden, um letztlich mögliche
Merkpunkte zur antipyretischen Therapie bei ansonsten gesunden Kindern und
Jugendlichen zu formulieren. Die verschiedenen Ursachen und Formen von Fieber,
die mögliche diagnostische Bedeutung des Fieberverlaufes und insbesondere
das (differential-)diagnostische Vorgehen zum Ausschluss einer schwerwiegenden
Erkrankung beim Vorliegen eines Status febrilis werden hier nicht besprochen.
|
![]() Fig. 1 (37 kb) |
Theoretisch können therapeutische Massnahmen an jedem Punkt der
“Fieber-Kaskade” (Abbildung
1) ansetzen. Pharmakotherapeutisch kommen jedoch in erster Linie Paracetamol
und Wirkstoffe aus der Gruppe der nicht-steroidalen Antirheumatika (NSAR)
zum Einsatz. Unter der Bezeichnung nicht-steroidale Antirheumatika (nonsteriodal
anti-inflammatory drugs, NSAID) werden eine chemisch heterogene Gruppe
von Wirkstoffen subsummiert, denen gemeinsam eine antiphlogistische, analgetische
und antipyretische Wirkung ist. Hauptsächlicher Wirkungsmechanismus
der NSAR ist die Hemmung der Biosynthese von Prostaglandinen durch Hemmung
der Cyclooxygenase. Die antipyretische Wirkung soll dabei im Wesentlichen
durch Hemmung der Synthese von PGE2 (Endothelzellen cerebraler Blutgefässe)
vermittelt werden. Die dadurch bewirkte Reduktion (oder Normalisierung)
des Sollwertes der Thermoregulation resultiert letztlich in einer Reduktion
der Körpertemperatur wie eingangs beschrieben.
Bislang wurden zwei Isoformen der Cyclooxygenase (COX-1 und COX-2) identifiziert.
COX-2 wurde dabei als induzierbare Form für die Produktion von Prostaglandinen
in entzündlichen Geweben verantwortlich gemacht; COX-1 galt dagegen
als konstitutive Form, verantwortlich für die Produktion von Prostaglandinen
im Rahmen von Regulationsmechanismen (gastrointestinale Zytoprotektion,
renaler Blutfluss, Thrombozytenaggregation etc.). Entsprechend wurde die
antiphlogistische Wirkung der NSAR vorwiegend der Hemmung von COX-2 zugeschrieben,
wogegen viele der NSAR-Nebenwirkungen mit der unspezifischen Hemmung von
COX-1 in Verbindung gebracht wurden. Ein umgekehrt-proportionaler Zusammenhang
zwischen Selektivität für COX-2 und Häufigkeit von Nebenwirkungen
unter NSAR konnte entsprechend nachgewiesen werden. Unlängst wurde
jedoch gezeigt, dass diese Einteilung nicht vollständig zutrifft.
COX-1 wird nicht nur in den meisten Geweben konstitutiv exprimiert, sondern
teilweise auch im Rahmen entzündlicher Reaktionen in relevantem Ausmass
induziert. Umgekehrt konnte auch eine konstitutive Form von COX-2 nachgewiesen
werden (Nieren, Ovar, Uterus, Gehirn, Knochen). Somit muss vom einfachen
Konzept, dass therapeutische Wirkungen durch Hemung von COX-2 und Nebenwirkungen
durch jene von COX-1 zustande kommen, Abstand genommen werden. Dies hat
sich auch im klinischen Alltag gezeigt (zum Beispiel renale Nebenwirkungen
selektiver COX-2 Hemmer). Theoretisch sind COX-2 Hemmer auch als Antipyretika
einsetzbar; unabhängig von der Indikation wurden diese jedoch für
pädiatrische Patienten noch nicht systematisch untersucht und zugelassen.
Das Spektrum möglicher Nebenwirkungen von NSAR ist jedoch nicht nur
vom Wirkstoff per se, sondern auch von weiteren Faktoren wie Grunderkrankung
und Komedikation abhängig. Zusammenfassend sind beim Vorliegen folgender
Risikofaktoren häufiger und/oder schwerere Nebenwirkungen unter Medikation
mit nicht-steroidalen Antirheumatika möglich: Vorgeschichte mit gastro-intestinalen
Ulzera, gleichzeitige Medikation mit Steroiden oder Antikoagulantien,
vorbestehende Nephropathie, Dehydratation. Weiterhin wurde mehrfach eine
Assoziation von Medikation mit NSAR und Auftreten von Nekrotisierender
Fasciitis bei Patienten mit primären Varizellen beschrieben. Die
aktuellste Fall-Kontroll-Studie vermochte dies jedoch nicht zu bestätigen.
Dagegen fand sich eine statistisch signifikante Assoziation von nicht-nekrotisierenden
invasiven Infektionen mit Streptokokken der Gruppe A und der Medikation
mit Ibuprofen und Paracetamol. Die Bedeutung dieser Daten kann noch nicht
abschliessend beurteilt werden, ein Kausalzusammenhang ist damit jedoch
nicht nachgewiesen. Möglicherweise identifiziert der vermehrte Bedarf
an Antipyretika Patienten mit schwerwiegendem Verlauf und erhöhtem
Risiko für das Auftreten dieser Komplikationen.
Wegen der beschriebenen Assoziation mit dem Reye Syndrom ist der Einsatz
von Salicylaten zur Fieberbehandlung bei infektiösen Erkrankungen
im Kindesalter kontraindiziert.
Entgegen der NSAR zeigt Paracetamol eine bevorzugt zentrale Hemmung der
Cyclooxygenase. Dadurch können sowohl die vorwiegend antipyretische
und analgetische Wirkung bei praktisch fehlender Entzündungshemmung
von Paracetamol, als auch Unterschiede des Nebenwirkungsspektrums erklärt
werden.
Als schwerwiegende Nebewirkung von Paracetamol steht die Hepatoxizität
im Vordergrund. Nebst akzidenteller Ueberdosierung wurde auch in zunehmender
Zahl von Patienten mit Hepatotoxizität nach formal korrekter Dosierung
berichtet. Eine derartige erhöhte Toxizität von Paracetamol
ist bei vorbestehender Lebererkrankung, bei schwerer Malnutrition / „Fasten“,
bei wiederholter Anwendung und bei Co-Medikation mit Induktoren des CytochromP450-Systemes
(z.B. Phenobarbital, Phenytoin, Rifampicin, Isoniazid etc.) möglich.
Zusammenfassend sind eine Vielzahl von Pharmaka zur Behandlung von Fieber im
Kindesalter verfügbar. Am besten dokumentiert sind dabei Paracetamol und
Ibuprofen, für die anderen Wirkstoffe stehen für diese Indikation
insgesamt nur wenige Daten zur Verfügung. Allgemein zeigt das pharmakokinetische
Profil von Antipyretika eine raschere und nachhaltigere Wirkung bei Verabreichung
per os im Vergleich zur rektalen Anwendung; weiterhin werden nach peroraler
Verabreichung weniger intra- und interindividuelle Schwankungen beobachtet.
Entsprechend soll -soweit altersentsprechend geeignete galenische Formen verfügbar-
der peroralen Verabreichung Vorzug gegeben werden. Ibuprofen per os zeigt eine
nachhaltigere, dosisabhängige antipyretische Wirkung im Vergleich zu Paracetamol.
Beide erreichen ihre maximale antipyretische Wirkung erst 2 ½ - 4 Stunden
nach peroraler Verabreichung, wobei mit repetitiver Dosierung eine vergleichbare
Wirkung beider Substanzen erreicht werden kann. Zur Behandlung von Fieber (Alter
>3 Monate) gelten folgende perorale Dosierungsrichtlinien: Paracetamol 10-15
mg/kg q 4-6h, maximal 60-75 mg/kg/24h beziehungsweise maximal 4 gr/24h. Ibuprofen
5-10 mg/kg q 6-8h, maximal 40 mg/kg/24h beziehungsweise maximal 1800 mg/24h.
Bei Vorliegen von obengenannten Risikofaktoren für das Auftreten von Nebenwirkungen
muss jedoch eine Reduktion der maximalen Tagesdosis erfolgen.
Physikalische Massnahmen zur Reduktion der Wärmeretention (Bekleidung)
und der Verbesserung der Wärmeabgabe (kühle Umschläge,
Bad etc.) sind als „Hausmittel“ in der Behandlung febriler
Erkrankungen weit verbreitet. Insbesondere in der Phase des Temperaturanstieges
sind letztgenannte jedoch problematisch. Einerseits werden sie als unangenehm
empfunden, andererseits führen sie zu einer zusätzlichen Stimulation
der beschriebenen Mechanismen (Thermogenese und Wärmeretention),
da durch externes Abkühlen die Differenz zwischen Soll- und Istwert
der Thermoregulation vergrössert wird! Additiv zur medikamentösen
Therapie sowie nach spontaner Normalisierung des Temperatursollwertes
im Verlauf der Erkrankung können diese Massnahmen theoretisch zur
effizienteren Wärmeabgabe hilfreich sein und somit zur rascheren
Normalisierung der Körpertempertaur beitragen. Die verfügbaren
randomisierten Studien zeigen insgesamt nur einen geringen Nutzen physikalischer
Massnahmen zur Fieberbehandlung. Zusammenfassend können diese sowohl
isoliert, als auch in Kombination mit Pharmakotherapie während der
ersten 30-60 Minuten der Pharmakotherapie leicht überlegen sein,
im weiteren Verlauf nimmt dieser Unterschied jedoch rasch ab. Diese Erhebungen
zeigen jedoch auch ein deutlich vermehrtes Unbehagen durch physikalische
Massnahmen und teilweise ein rasch auftretender neuerlicher Anstieg der
Körpertemperatur (rebound). Aufgrund dieser Fakten wird in der Literatur
in zunehmendem Masse zum zurückhaltenden Einsatz physikalischer Massnahmen
zur Fieberbehandlung geraten. Falls diese Massnahmen angewendet werden,
sollen sie additiv zur Pharmakotherapie, unter Berücksichtigung des
Wohlbefinden des einzelnen Patienten und bevorzugt bei sehr starker Erhöhung
der Körpertemperatur (zum Beispiel Hyperpyrexie) erfolgen. Eine Durchsicht
41 elternorientierter Internet sites mit Empfehlungen zur Fieberbehandlung
zeigt dagegen, dass in mehr als der Hälfte physikalische Massnahmen
als Intervention bei Fieber empfohlen werden, zumeist ohne Assoziation
mit der Verabreichung von Antipyretika. Zweimal wurde gar die Anwendung
alkoholhaltiger Lösungen empfohlen, eine Praktik, die wegen der möglichen
Risiken (Intoxikation durch Inhalation alkoholischer Dämpfe mit konsekutiver
Hypoglykämie, Koma und teilweise letalem Ausgang) seit langem als
kontraindiziert gilt.
Zur Behandlung der Hyperthermie haben physikalische Massnahmen dagegen
weiterhin einen zentralen Stellenwert; aufgrund der von Fieber unterschiedlichen
Pathogenese zeigen Antipyretika (Cyclooxygenase-Hemmer) in dieser Situation
keine Wirkung!
Die Frage der Indikation zur Fieberbehandlung kann wohl am wenigsten
abschliessend beantwortet werden. Die systematische Behandlung jeglichen
Status febrilis wäre gerechtfertigt, falls die begrenzte Erhöhung
der Körpertemperatur bei febrilen Erkrankungen per se nachteilige
Auswirkungen hätte und diese durch die Fieberbehandlung aufgehoben
oder zumindest reduziert würden. Bislang konnte jedoch keine dieser
Annahmen nachgewiesen werden. Im Gegensatz dazu gibt es Hinweise, dass
die Erhöhung der Körpertemperatur einen Bestandteil der Abwehrmechanismen
darstellen und den Verlauf von Infektionskrankheiten günstig beeinflussen
kann. Dem entgegen findet sich jedoch die weit verbreitete Meinung, dass
Fieber schädlich sei und a priori einer Therapie bedürfe; in
der Literatur wurde dafür der Begriff „Fieber-Phobie“
geprägt. Nebst dieser teilweise unspezifischen Angst vor Fieber werden
sowohl das Risiko von Fieberkrämpfen bei Kindern im entsprechenden
Alter, als auch ein möglicher diagnostischer Nutzen (Unterscheidung
zwischen harmloser und schwerwiegender ursächlicher Erkrankung in
Abhängigkeit vom Ansprechen auf Antipyretika) als Indikation zur
systematischen Behandlung von Fieber genannt. Bei Kindern mit einfachen
Fieberkrämpfen kann jedoch auch mittels systematischer antipyretischer
Therapie (Paracetamol) das Auftreten von erneuten Krampfereignissen nicht
verhindert, beziehungsweise deren Häufigkeit nicht reduziert werden.
Zu dieser Schlussfolgerung kommen die Autoren verschiedener Studien und
die Aussage fand entsprechend auch Eingang in einem „Technical Report“
der American Academy of Pediatrics. Ausgerechnet in dieser Situation zum
zurückhaltenden Einsatz antipyretischer Massnahmen zu raten kann
jedoch problematisch sein. Mitunter lassen diese statistischen Zahlen
auch keinen sicheren Rückschluss auf einen allfälligen Nutzen
im Einzelfall zu. Doch das Wissen um die beschränkte Möglichkeit
erneute Fieberkrämpfe mittels systematischer Antipyrese zu verhindern,
kann im Falle von Rezidiven als Entlastung von Selbstvorwürfen nützlich
sein.
Weiterhin erlaubt das Ansprechen auf Antipyretika keine Rückschlüsse
auf den Schweregrad der ursächlichen Erkrankung; diese Medikamente
sind auch bei Bakteriämie / Sepsis wirksam.
Insgesamt finden sich somit keine festen Kriterien für den zwingenden
Einsatz von Antipyretika bei ansonsten gesunden Kindern, insbesondere
kann kein einfacher cut-off der Körpertemperatur als strikte Indikation
festgelegt werden. Die Indikation zum Einsatz von Antipyretika soll in
erster Linie das Wohlbefinden des Patienten mit dessen entsprechenden
inter- und intraindividuellen Schwankungen berücksichtigen. Diese
Haltung wird auch dem Umstand gerecht, dass im Rahmen vieler Erkrankungen
Begleitsymptome wie Kopf-, Gelenk- und Muskelschmerzen, die nicht zwingend
mit der Körpertemperatur korrelieren, wesentlich zum allgemeinen
Unbehagen beitragen und ebenso Massnahmen zur Linderung rechtfertigen.
Letztlich wurde bei Vorliegen von schweren Grunderkrankungen (kardio-vaskulär,
pulmonal) ein ungünstiger Effekt von Fieber (durch den gesteigerten
Metabolismus) vermutet. Ein positiver Effekt der antipyretischen Therapie
in derartigen Situationen wurde bislang jedoch nicht systematisch nachgewiesen.
In dieser Situation kann jedoch die Indikation zur antipyretischen Therapie
grosszügiger gestellt werden.
Mögliche Merkpunkte aufgrund derzeit verfügbarer Daten und Kenntnisse
zur antipyretischen Therapie sind in Tabelle 1 aufgeführt.
Fieber gehört zu den häufigsten Symptomen im Kindesalter, wobei harmlose, selbstlimitierende Infektionen als Ursache im Vordergrund stehen. Nebst der Identifikation von Fällen schwerwiegender Ursachen eines Status febrilis, gehört die Beratung von Eltern betreffend das Vorgehen bei Fieber zu den wichtigen ärztlichen Aufgaben. Entgegen der weit verbreiteten Meinung, konnte bislang nicht nachgewiesen werden, dass diese Erhöhung der Körpertemperatur nachteilige Auswirkungen hat und somit in jedem Fall einer Behandlung bedarf. Entsprechend kann kein allgemeingültiger Grenzwert der Körpertemperatur zum Einsatz von Antipyretika angegeben werden. Die Indikation zur antipyretischen Behandlung soll vielmehr vom Wohlbefinden des Patienten abhängig gemacht werden. Dabei resultiert oft eine Abhängigkeit zwischen Ausmass des Temperaturanstieges und Häufigkeit des Einsatzes von Antipyretika. Aufgrund der besseren Pharmakokinetik ist die perorale Verabreichung von Antipyretika soweit möglich zu bevorzugen. Physikalische Massnahmen zur Behandlung febriler Zustände sind weit verbreitet, wegen des nur geringen Effektes, dem oft damit verbundenen Unwohlbefinden des Patienten und des bisweilen auftretenden rebound wird jedoch zunehmend vom systematischen Einsatz dieser Massnahmen abgeraten.
Besten Dank an PD Dr. Ch. Aebi für die kritische Durchsicht des Manuskriptes
Rodo O. von Vigier, Cleveland
rov@po.cwru.edu
Literatur
(ein umfassendes Literaturverzeichnis ist auf Anfrage beim Autor erhältlich)
9-10-2003
|