|
| |
Erfahrungsbericht von Frau Dr. med. F. Kienz, Praxisassistentin, Kinderspital
Zürich
Wie es dazu kam
Die Notwendigkeit der Neugestaltung der Weiterbildung
für pädiatrische AssistentInnen in Hinblick auf ihre spätere
Praxistätigkeit ist unumstritten. Mehr und mehr entfernt sich die
Spitalmedizin von den Ansprüchen der pädiatrischen Praxen. Die
wohl grössten Defizite bestehen in den Bereichen Entwicklungspädiatrie,
Vorsorgeuntersuchungen und Beratungen, die 2/3 der pädiatrischen
Praxistätigkeit ausmachen ("Beratung in der kinderärztlichen
Praxis", Verlag Praxispädiatrie, 1998)!
Als die Idee der Lehrpraxis stand, erhielt ich wichtige Informationen
vom Kollegium für Hausarztmedizin (KHM), das schon immense Know-how-Arbeiten
im Bereich der Lehrpraxen gemacht hat. "Tageslehrpraxen" für
Vorsorgeuntersuchungen gab es im Rahmen eines pädiatrischen Projekts
im Kt. St. Gallen und auch das nationale Pilotprojekt des weiterbildungsbegleitenden
Entwicklungspädiatrieseminars (mit begleitenden Besuchen in den Praxen)
sind wichtige Schritte in die richtige Richtung.
Das Herzstück ist aber die Praxisassistenz, und die ist an sich kein
Novum! Praxisassistenzen in überlasteten pädiatrischen Praxen
laufen aber Gefahr (gelinde ausgedrückt), den Ausbildungsanteil zu
Gunsten von Parallelarbeit verschwindend klein werden zu lassen. Entsprechend
suchte ich nach einem Modell einer Ausbildungspraxis, bei der sowohl Lehrpraktiker*
wie AssistentIn auf ihre Kosten kommen. Ich plante die Praxis um, bestückte
das Hauptsprechzimmer mit drei fixen (winzigen) Videokameras und liess
einen Einwegspiegel und ein Plattenmikrophon einbauen.
Die Umsetzung ist so geplant, dass während zwei Jahren vier AssistentInnen
im Halbjahresturnus in einer gut eingeführten pädiatrischen
Praxis (Dr. med. S. Holtz, FMH Kinder- und Jugendmedizin, Praxis seit
1993) auf ihre spätere Praxistätigkeit vorbereitet werden. Dazu
gehört der Bereich der pädiatrischen Tätigkeit, der Administration,
Personalführung, wie auch unternehmerische Überlegungen. Der
fortgeschrittene Assistent (ab drittem Ausbildungsjahr) sollte nach diesem
halben Jahr fähig sein, den ganzen Umfang einer pädiatrischen
Praxis abschätzen und sie selbständig führen zu können.
Niemand fand die Idee schlecht, aber Geld dafür frei machen....
schliesslich fand sich die Stiftung einer Bank (vor allem die!), das Kollegium
für Hausarztmedizin und zwei kleinere Stiftungen, die das ambitiöse
Projekt zu finanzieren bereit waren. Grosse Bereitschaft mitzutun war
auch von Anfang an vom Kinderspital Zürich und der Vereinigung Zürcher
KinderärztInnen spürbar.
*Einfachheitshalber werden im Folgenden meist männliche
Schreibweisen benützt. Die weibliche Form soll dabei aber eingeschlossen
sein!
Praktische Umsetzung

Den ersten Monat des halben Jahres arbeiten Lehrpraktiker (LP) und Praxisassistent
(PA) gemeinsam, einen Monat gegen Ende des Halbjahres bestreitet der PA
alleine. Fünf der sechs Monate arbeitet der LP hauptsächlich
vormittags. An diesem Halbtag werden vor allem Vorsorgeuntersuchungen,
entwicklungspädiatrische Abklärungen und Beratungen durchgeführt
(Akutmedizin nur im Notfall). Den anderen Halbtag (praxispädiatrische
Akutmedizin) bestreitet der PA alleine (der LP macht Hintergrundsdienst),
je nach Erfahrungsgrad können zunehmend auch Vorsorgeuntersuchungen
in den Nachmittag eingebaut werden.
In der gemeinsamen Arbeitszeit werden die Patienten gemeinsam betreut.
Dabei wird eine Einführungszeit (dem LP über die Schulter schauen)
abgelöst durch die eigenständige Durchführung von Abklärungen
und Beratungen unter intensivem Coaching (Videoübertragung, resp.
Einwegscheibe). Um dem Coachingeffekt gerecht zu werden, soll je nach
Fragestellung 30-60 Minuten pro Patient eingerechnet werden.
Fünf Supervisionsstufen
Vor Beginn des Projekts nahm ich am "Lehrmeisterkurs" des Kollegiums
für Hausarztmedizin teil. Dabei wurden fünf Supervisionsstufen
vorgeschlagen, die von den Assistenten durchlaufen werden können.
Übergänge in eine autonomere Stufe werden fortlaufend zwischen
dem Lehrpraktiker und dem Assistenten diskutiert (z.B. dreimal zuschauen,
dann unter Beobachtung selber machen!).
Aufgrund der Auswertung der bisher ausgewerteten Praxisassistenzen (durch
das KHM) wurde aber klar, dass für die direkte Beobachtung des Assistenten
durch den Lehrpraktiker wohl aus logistischen und finanziellen Überlegungen
mit Abstand am wenigsten Zeit einberaumt wurde. Wie später aufgezeigt
werden kann, wird in diesem Projekt aber gerade auf diese Supervisionsstufe
grossen Wert gelegt. Dies aus der Überzeugung heraus, dass in der
direkten Supervision (über die Einwegscheibe) ein enormes Lernpotenzial
liegt.
Erste Erfahrungen nach der Hälfte der Projektzeit
Im Juni dieses Jahres hat die zweite Assistentin ihre Projektzeit abgeschlossen.
Die bisherigen Erfahrungen sind grossteils positiv. In diesem Bericht
beschreibt Frau Dr. Flavia Kienz, wie sie die Supervisionsstufen (nach
dem Modell des KHM) erlebt hat. In einem zweiten Teil wird eindrücklich
gezeigt, wie sie den Lernzuwachs dokumentieren konnte.
Fallbeispiel auf Supervisionsstufe 5 (PA schaut nur zu)
Ein schon 11j. Knabe mit der Verdachtsdiagnose Hyperaktivität kommt
mit seiner Mutter in die Sprechstunde von Dr. Holtz. Einerseits steht
Information über die eigentliche Abklärung bevor, andererseits
geht es der Familie vor allem auch darum, mehr über Wirkungen und
Nebenwirkungen des von ihnen "geforderten" Medikamentes "Ritalin"
zu erfahren.
Die Beobachterfunktion im Hintergrund des Raumes erlaubt es mir, ganz
genau auf die Interaktionen zu achten. Meine besondere Aufmerksamkeit
liegt sehr auf der Gesprächsführungstechnik des Lehrpraktikers....
Fallbeispiel auf Supervisionsstufe 4 (LP schaut dem PA zu, meist durch
den Einwegspiegel)
Ein 15-monatiger Knabe kommt mit seiner Mutter zur Vorsorgeuntersuchung
und zum Impfen. Es sind erst zwei Wochen meiner Praxisassistenz vergangen.
Ich freue mich, nach drei Untersuchungen dieses Alters auf Stufe 5 nun
selbst meine erste Vorsorgeuntersuchung durchzuführen.
Nach dem Einholen der Erlaubnis, die Videokamera einschalten und die Einwegscheibe
in Betrieb nehmen zu dürfen, ist, sowohl für die Kindsmutter
als auch für mich, die Beobachtungssituation schnell vergessen. Wir
sind bald in ein Gespräch verwickelt, das der auf dem Schoss der
Mutter sitzende Knabe interessiert verfolgt....allerdings wird er zunehmend
unruhig.....wenn ich ihm nicht bald etwas zur Beschäftigung gebe,
schlüpft er unter den Tisch, und weg ist er
.. was mache ich
nun mit all den Untersuchungssituationen, die ich so gewissenhaft vorbereitet
und mit dem LP vorbesprochen hatte?? (Grob- und Feinmotorik, kognitive
Entwicklung, Essverhalten, Schlaf, Nachtschoppen?
.)
Kurz: es ist sehr schwierig, alles unter einen Hut zu bringen, das Gespräch
mit der Mutter und die Beobachtung und Beschäftigung des Knaben
.
Als ich beim ersten Griff in die Untersuchungskiste die Klötzchen
finde, erscheinen mir diese passend. Ich präsentiere sie dem jungen
Knaben und mache ihm einen Turm vor: Irgendwie ist er aber unzufrieden,
schaut die Klötze ziemlich entrüstet an und schmeisst sie in
weitem Bogen von sich. Mit den nächsten paar Klötzen verfährt
er ebenso
es ist nichts zu machen!
Es bringt mich völlig aus dem Konzept, denn nun beginnt sich die
diagnostische Mühle zu drehen: wenn dieser Knabe tatsächlich
mit den Klötzen nichts zu bauen versucht, stimmt vielleicht entwicklungsmässig
etwas nicht
Plötzlich merke ich, dass ich nicht damit gerechnet
habe, dass dieses Kind einen Entwicklungsrückstand haben könnte
und wie erkläre ich der Mutter jetzt meine Verwirrung? Ich möchte
ihr ja keine Angst machen, abgesehen davon, dass meine Erfahrung im Diagnostizieren
von Entwicklungsrückständen sich bisher immer auf mehrere Beobachtungen
stützte und ohnehin noch nicht sehr gross ist
Mittlerweile ist bereits eine beträchtliche Zeitspanne verstrichen
und ich habe die Impfberatung noch gar nicht begonnen! Und auf die Unfallprävention
bin ich auch noch nicht zu sprechen gekommen (das zu lange Bernsteinkettchen
am Hals ihres Sohnes ist gefährlich....) und ich habe auch noch nicht
gefragt, wie denn die ausserfamiliäre Betreuung des Knaben ist, wenn
sie arbeitet
etc. etc. wo bleibt mein schönes Konzept?!
Also mache ich jetzt vorwärts: ich entscheide mich, den Knaben körperlich
zu untersuchen (worin ich mich aufgrund meiner Spitalerfahrung sicher
fühle). Dies hingegen findet er nicht sonderlich sympathisch, denn
er kennt mich ja noch nicht lange und vor allem nur leicht gestresst
so wehrt er ab und erst als ich ein paar Tricks aus der Hypnosetrickkiste
des LP (z.B. mit angenehmer, freundlicher Stimme während der Untersuchung
auf den Knaben einzureden) anwende, ist er ein wenig kooperativer
(später
muss ich im Gespräch feststellen, dass ich vielleicht auf Vieles
der körperlichen Untersuchung im Vorsorge-Setting hätte verzichten
können).
Gegen Ende der Untersuchung, nachdem die Schweissperlen aller nur so trieften,
habe ich es doch noch geschafft, den Auftrag (die Vorsorgeuntersuchung)
auszuführen und rufe den LP in's Zimmer, der meine Verwirrung bezüglich
des Spiels des Knabens auflöst: seiner Meinung nach war das Klötze
wegwerfen ein klarer Unmutsausdruck, Ausdruck der leichten Überforderung
des Knaben, weil er vielleicht noch gar keinen Turm bauen kann, oder die
Erwartungshaltung spürte
(was er als Beobachter hinter der
Scheibe viel besser beurteilen kann, denn er kann sich ganz auf das konzentrieren,
was ihn interessiert). Tatsächlich setzt der Knabe jetzt plötzlich
- quasi unbeobachtet - einzelne Klötze aufeinander.
Wichtige Fragen beschäftigen mich: Wie bringe ich alles in einem
zeitlich vernünftigen Rahmen unter? Worauf kann ich in der Vorsorgeuntersuchung
allenfalls verzichten? Was ist der Auftrag der Eltern? Was ist mein innerer
Auftrag, oder derjenige der Gesellschaft? Wie finde ich den Weg zwischen
Über - und Unterforderung des Kindes?
...nach jeder Konsultation haben wir zum Glück eine kurze Besprechungszeit.
Manchmal reicht sie sogar für kleine Sequenzen am Video, die uns
als Knackpunkte der Konsultation erscheinen.
Fallbeispiel auf Supervisionsstufe 2 (selbstständiges Arbeiten des
PA, abends Rückmeldung und Fragen an LP)
Eine Mutter bringt ihr Mädchen in die Praxis, welches in die 2.
Klasse geht. Anmeldungsgrund: Ohrspülen beidseits. Das Ohrspülen
ist mühsam, es geht lange bis die beiden grossen Pfröpfe herausgespült
sind. Im Gespräch wird klar, dass sich die Mutter um das Mädchen
sorgt. Die Lehrerin habe die Eltern darauf aufmerksam gemacht, dass das
Kind so unkonzentriert in der Schule sei, man solle einmal das Gehör
abklären. Daheim sei ihr das weniger aufgefallen. Sie sei sehr erleichtert,
dass es tatsächlich Ohrpfröpfe seien, sie habe sich schon Sorgen
gemacht.
Im Gespräch abends mit dem LP wird mir klar, dass das Problem tatsächlich
eher nicht die Ohrpfröpfe waren. Das Mädchen war schon früher
von dem beim LP mitarbeitenden Psychologen abgeklärt worden, da es
schon im Kindergarten als verträumt aufgefallen war. Es bestand schon
damals Verdacht auf eine auditive Merkfähigkeitsstörung.
Der LP spricht nochmals telephonisch mit den Eltern. Vermutlich steht
eine Legasthenieabklärung an.
Fallbeispiel auf Supervisionsstufe 1 (Selbstständiges Arbeiten des
PA, mit Pikett des LP im Hintergrund)
Kurz vor Verlassen der Praxis am frühen Donnerstagnachmittag taucht
unangemeldet ein völlig aufgelöster Vater mit seinem 8-monatigen
Säugling im Snuggli (Känguruhsack) bei uns in der Praxis auf
und erklärt ausser Atem, dass ihm soeben sein Sohn kopfvoran auf
die Steinplatte im Garten geknallt sei. Der Aussenteil des Snugglis sei
nicht richtig verschlossen gewesen.... Der Sohn schaut wach umher, aber
der Vater ist sichtlich geschockt und voller Selbstvorwürfe
Ich dachte mir: Eigentlich ist ja die Praxis schon zu. Oder bin ich jetzt
Vertreter des jederzeit erreichbaren Hausarztes? Oder soll ich ihn zum
Notfallarzt weiterschicken, der allerdings die Familie nicht kennt? ...und
in's Spital schicken wollte ich ihn nicht, ohne mir ein Bild davon zu
machen, ob das überhaupt nötig sei. Zudem fühlte ich mich
fachlich sicher, denn ich hatte ja auf dem chirurgischen Notfall Erfahrungen
gesammelt in diesen Dingen
Während der Untersuchung wurde mir schnell klar, dass dem Kind nicht
viel passiert war. Der Knabe hatte bereits wieder einen Schoppen getrunken
und strahlte mich an
aber der aufgewühlte Vater machte mich
so unsicher, dass ich plötzlich merkte, dass die Gewissheit, dass
es dem Kind gut geht, in meiner bisherigen Erfahrung auch auf der zweiten
klinischen Beurteilung durch einen Oberarzt beruht hatte (evt. auch auf
einem zusätzlichen Röntgenbild) und dass ich nicht genügend
nur' auf meinen klinischen Eindruck vertrauen gelernt hatte. Plötzlich
kamen mir alle Ausnahmen der Regel in den Sinn, zumal mich der Vater auch
noch mit der Frage nach der Möglichkeit einer Hirnblutung konfrontierte
Ich war heilfroh, dass ich ganz im Sinne eines Timeouts' eine kurze
Unterredung mit dem LP am Telefon haben konnte. Mir wurde dabei klar,
dass mein klinischer Eindruck sehr wohl genügte. Das einzig Schwierige
war, in dieser Situation die Verantwortung alleine zu tragen, in der der
Vater so schwierig zu beruhigen war. Es war spannend für mich zu
merken, dass die Tatsache, alleine mit der ganzen Verantwortung dazustehen,
in keiner Weise zu vergleichen ist mit derjenigen auf der Notfallstation,
wo man sich immer einen Rat holen kann. Und dass eine kurze Unterredung
mit einem Kollegen' das Ganze wieder in's Lot gebracht hatte.
Ausschnitte aus der Auswertung: Unterschied Praxis - Spital, Lerneffekte
Die knapp 1200 Konsultationen in 6 Monaten hat Frau Dr. Kienz
nach subjektiven Kriterien von 0 bis 4 ausgewertet:
Lerneffekt: 0 bedeutet kein Lerneffekt, 4 bedeutet maximaler
Lerneffekt ("ich habe ganz viel Neues gelernt").
Unterschied Praxis - Spital Zudem wurde in einer Skala von 0-4
codiert, wie sehr sich die Konsultationen von den bisherigen Erfahrungen
im Spital unterschieden:
0 bedeutet kein Unterschied zum Spital. 4 bedeutet, dass sich die Konsultation
ganz wesentlich von dem bisher im Spital Erlebten unterscheidet.
In den ersten zwei Monaten (Juli, August) wurden viele Konsultationen
mit 3 oder 4 codiert, sowohl bez.grossem Lerneffekt, wie auch für
grossen Unterschied zum Spital. Ab dem vierten Monat (Juli bis Oktober)
scheint eine gewisse (sinnvolle!) Repetition einzutreten, der "Break
even" tritt ein.





Ausschnitte aus dem Erfahrungsbericht der zweiten Praxisassistentin,
Frau Dr. Ricarda Hoop, werden in den Forum-News veröffentlicht.
Dr. med. S. Holtz, Lehrpraktiker, Zürich
Die beiden ausführlichen Zwischenberichte des Pilotprojektes können
bei Dr. Holtz über E-Mail angefragt werden: holtz@cyberlink.ch
Top
|