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So verdienstvoll es ist, wenn sich Fachspezialisten um Nebenwirkungen von häufig
gebrauchten Arzneimitteln kümmern, so merkwürdig erscheint es, wenn dazu eine
Substanz, die seit Jahrzehnten häufig eingesetzt wird und - wie die Autoren
selbst nachweisen - bezüglich Cardiotoxizität absolut unbedenklich ist, ausgewählt
wird. Schade ist es, wenn dabei Anwendungsrichtlinien postuliert werden, die
mit der Realität nicht übereinstimmen und zeigen, dass die Autoren das Thema
der medikamentösen Therapie von ADHS-Betroffenen nur aus der Theorie kennen.
Noch einmal schade ist es, wenn bei dieser Gelegenheit nicht stärker auf die
aktuellen, eben erst erschienenen Leitlinien der American Academy of Pediatrics
(1) verwiesen wird, in denen bezeich-nenderweise ebenfalls
nicht auf mögliche cardiale Nebenwirkungen eingegangen wird, da solche bisher
beim korrekten therapeutischen Einsatz von Stimulanzien praktisch nie beobachtet
wurden.
Im Einzelnen sind folgende Berichtigungen für den praktizierenden Kinderarzt
von Bedeutung:
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Die Verabreichung von Methylphenidat ist in grossem Umfang in den USA nicht
erst seit einigen Jahren, sondern seit den 60- er Jahren eine akzeptierte
Behandlung, Kontroversen über das Pro und Contra darüber - wie sie jetzt
auch hier zur Regel werden - sind in den USA seit dieser Zeit immer wieder
aufgetreten. Ich selbst benütze - wie andere Kollegen auch - diese Substanz
seit über 25 Jahren und war über die Zurückhaltung vieler Kollegen hierzulande
immer wieder erstaunt, da ja auch in Europa seit langem gute Erfahrungen
vorliegen (vgl zB 2,3)
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Die Zunahme des Einsatzes von Stimulanzien in den USA und jetzt auch in
Europa ist in erster Linie auf die gute Wirksamkeit der Medikation zurückzuführen
und auf die Erkenntnis, dass eine ununterbrochene Behandlung über Jahre
sowohl im Kindes- wie auch im Jugend- und Erwach-senenalter am meisten Erfolg
verspricht.
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Alle relevanten Untersuchungen zeigen, dass wir mit einer Behandlung von
Stimulanzien mehrheiltich unteraktivierte Neurotransmittersysteme der Dopamin-
und Noradrenalinbahnen normalisieren und dabei nicht die im pharmakologischen
Profil der Autoren angegeben Effekte (die einer Ueberstimulierung entsprechen!)
von "Lokomotorischer Stimulation, Euphorie etc." erreichen, sondern die nachfolgend
erwünschten Behandlungsziele, wie sie 1997 von den amerik. Kinderpsychiatern
in einer Meta-Analyse (4) zusammengestellt wurden:
- Motorische Hyperaktivität:
"Normalisiert" sich
Uebermässiges Reden, Lärmen und Stören anderer verschwindet
Handschrift verbessert sich
Feinmotorik wird besser
Bleibt bei der Arbeit (Hausaufgaben !)
Besseres Spielverhalten, kann sich beschäftigen
Weniger Streitereien, weniger Frustrationen
Verhalten ruhiger, der Situation angepasster
Im Turnen und Spiel integrierter
Wird von anderen Kindern besser akzeptiert
Weniger aggressives Verhalten, weniger Trotzen
Verbesserung der Eltern-Kind Beziehung, familiäres Klima entspannt sich
Eltern und Lehrer verändern ihre Einstellung, sie sehen das Kind positiver
Aufmerksamkeit wird besser, vor allem bei relativ monotonen Aufgaben
Weniger ablenkbar
Kurzzeitgedächtnis verbessert sich
Impulsives Handeln verschwindet, überlegt vorher
Kann Gedanken (abgespeicherte Informationen) besser abrufen
Arbeitspensum wird grösser
Arbeitet genauer
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Diese Effekte sind sowohl durch Methylphenidat wie auch durch Amphetaminpräparate
zu erzielen (5), wobei im Einzelfall nie ausgesagt werden
kann, auf welches Präparat ein Indivi-duum besser anspricht. Im Gegensatz
zu Methylphendiat sind d-Amphetamine in den USA ab 3 Jahren zugelassen und
bei richtiger Dosierung in vielen Fällen, wo z.B. eine Kindsmisshandlung droht,
sehr hilfreich. Dies gilt ebenso für Methylphenidat, von dem ebenfalls viele
praktische Erfahrungen mit Kleinkindern bestehen, nur hat es die Firma Novartis
nie für nötig befunden, das Präparat für jüngere Kinder registrieren zu
lassen, ein Faktum, das ja für viele Medikamente in der Pädiatrie gilt.
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Zu Recht wird eine einschleichende Dosierung empfohlen, allerdings sollte
diese in 2,5 mg - Schritten erfolgen und Dosisteigerungen von 5 - 10 mg
pro Woche sind zu rasch, ebenso hat es sich bewährt, vorerst nur mit einer
Morgendosis zu beginnen. ( Motto: "Welche Dosis wirkt wie lange?") Ich habe
Kinder, die mit 2,5 - 5 mg morgens den ganzen Tag davon profitieren, andere
brauchen 20 - 30 mg alle 3 Stunden, d.h. die angegebene Tageshöchstdosis von
60 mg ent-spricht ebenfalls nicht der Wirklichkeit (wieder ein "Problem"
der Herstellerfirma).
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Dass in den englichen Richtlinien (warum werden nicht die aktuelleren amerikanischen
konsultiert?) angegeben wird, dass keine Studien über Nebenwirkungenbei
langandauernder Anwendung bestehen, mag richtig sein, allerdings wissen
wir von vielen gut studierten Präparaten ( zB Teldane, Hismanal, Prepulsid
etc.) dass erst die Erfahrungen aus dem klinischen Alltag unerwartete Nebenwirkungen
gezeigt haben. Bei den Stimulanzien, die ja seit Jahrzehnten in grossem
Umfang eingesetzt werden, ist gerade dies bis heute nicht der Fall gewesen
!
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Die bisherigen klinischen Erfahrungen, die in der Regel eine Behandlung
über Jahre beinhalten, zeigen zusammen mit den Empfehlungen aller ADHS-
Experten , dass eine korrekt indizierte und richtig dosierte Therapie mit
Stimulanzien sicher und vor allem ohne ein Risiko für kardiale
Nebenwirkungen
ist. Die medikamentöse Basisbehandlung bei der ADHS stellt somit
eine wirksame, hilfreiche und nebenwirkungsarme Unterstützung (6)
dar, die es dem Kind erlaubt, seine wahren Fähigkeiten, Begabungen und Kreativität
zu zeigen.
M.Ryffel
Münchenbuchsee
Literatur:
- Practice Guideline:Treatment of the School-Aged Child with ADHD
American Academy of Clinical Pediatrics, Pediatrics Vol. 108 No 4, Oct. 2001,
S 1033ff
- C.Kind: Methylphenidat als Psychopharmakon bei Kindern mit leichter Hirndysfunktion
und Epilepsie,
Schweiz.med. Wschr. 105, 1975, 213ff
- W.Eichlseder, Ten Years of Experience with 1000 Hyperactive Children in
a Private Practice, Pediatrics,
Vol 76, No 2, 1985, 176ff
- AACAP:Practice Parameters for the Assessment and Treatment of Children,
Adolescents and Adults with ADHD.
J.Am.Acad.Child.Adolesc.Psychiatry,1997, 36.10 Supplement
- Arnold L.E. Methylphenidate vs amphetamine: Comparative review.
J. of Att. Disorders, 2000, Vol 3, 200ff
- MTA Coop. Group A 14-Month Randomized Clinical Trial of Treatment Strategies
for ADHD.
Arch Gen Psych, 1999, Vol 56,1073ff
Antwort von M. Hämmerli und S. Mühlebach
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