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Adipositas im Kindesalter:
Tägliches Brot des Pädiaters? (pdf)
Einführung
Warum muss es die Aufgabe eines Pädiaters sein und auch bleiben, sich um die
adipösen Kinder und Jugendlichen zu kümmern? Diese Frage stand eingangs einer
Fortbildungs-Veranstaltung, die vergangenen April im Genfer Kinderspital abgehalten
wurde. Der Titel der eigentlichen Fortbildung war: "Von der Adipositas zum
Diabetes Typ II". Ein zusammenfassender Teil wird in dieser Paediatrica-Nummer
publiziert, mit dem Ziel, die Pädiater auf die Probleme, die sich durch das
Uebergewicht bei Kindern und Jugendlichen ergeben, aufmerksam zu machen. Um
sich jedoch ausführlicher zu informieren, möchten wir gerne dem Leser die kürzlich
publizierte "Expertise collective de l’ Inserm sur l’obésité de l’enfant"1)
zur Lektüre empfehlen. Aus diesem Artikel stammt auch ein grosser Teil der in
diesem Exposé präsentierten Daten und Fakten.
Die Häufigkeit der Adipositas nimmt in Europa, wie auch in Amerika zu. In den
USA hat die Zunahme an übergewichtigen Kindern ebenfalls eine Inzidenzerhöhung
an Zuckerkrankheit (Diabetes mellitus Typ II) zur Folge 2)
3) . Diese Entwicklung wird wahrscheinlich zeitlich leicht verschoben
auch in Europa zu sehen sein. Es ist daher zu erwarten, dass auch hier mit einer
Zunahme an Diabetes Typ II erkrankten Kinder und Jugendlichen zu rechnen ist.
Die Adipositas ist nicht nur ein ästhetisches, sondern auch ein äusserst wichtiges
klinisches Problem. Sie ist mit einem erhöhten Morbiditätsrisiko in allen Altersstufen
und mit einer verminderten Lebenserwartung vergesellschaftet, und geht
mit einem erhöhten Risiko an Herz- Gefässkrankheiten, arteriellem Bluthochdruck,
Gallen- und Nierensteinen, sowie vor allem, an Diabetes Typ II zu erkranken,
einher. Leider führt die Adipositas im Kindesalter relativ häufig auch zu einer
Adipositas im Erwachsenenalter. Es ist daher äusserst wichtig, dieses Problem
weder zu bagatellisieren noch zu banalisieren. Die therapeutischen Möglichkeiten
bei der Adipositas sind zwar sehr limitiert, umso bedeutungsvoller jedoch wird
die Prävention. Gerade diese stellt somit das wichtigste Aktionsfeld des Pädiaters
dar 4) .
Definitionsprobleme der Adipositas
Die Adipositas ist ein multifaktorielles Leiden. Sie ist die Folge einer möglichen
genetischen Veranlagung verbunden mit dem Einfluss verschiedener Umweltfaktoren
1) . Eine einfache Definition, anwendbar für alle
Formen des Übergewichtes, kann wie folgt formuliert werden: Übergewicht stellt
ein Kalorien-Missverhältnis dar; es widerspiegelt einen Überfluss an Fettmasse,
welche in einem Ungleichgewicht von Energiezufuhr und Energieverbrauch wurzelt.
Wie immer liegt die Hauptursache in einer aktuellen Tendenz zur exzessiven Kalorienzufuhr,
sowie in einem verminderten Verbrauch, z.B. in einer Verminderung der körperlichen
Aktivitäten. Jedoch was bedeutet Übergewicht, was ist Adipositas? Eine reproduzierbare
und kontrollierbare Definition ist notwendig. Diese Definition gilt es vorerst
abzufassen! Deshalb muss die Fettmasse adäquat bestimmt werden können. Dazu
können verschiedene präzise Methoden zur Evaluation der Körperzusammensetzung
benützt werden, wie z. B. die Magnetresonanz. Diese Methode ist leider für den
Alltag nur schwer zu gebrauchen. Die Fettmasse wird im klinischen Alltag anhand
verschiedener anthropometrischer Indikatoren evaluiert 5)
. Der Gebrauch des Body Mass Index (BMI; Körpergewicht in kg über Körpergrösse
in Quadratmeter; kg/m2) oder des Quetelet-Index wird bei Kindern oft verwendet.
Es bestehen verschiedene publizierte BMI-Normalwerte aus unterschiedlichen Ländern
(inkl. Schweiz: Genfer Gesundheitsdienst, Zürcher Longitudinal-Studie). Auch
andere Messmethoden zur Evaluation der Fettmasse kommen zur Anwendung. Die Hautfaltenmessung
verschiedener Körperpartien, sowie die Berechnung der Oberfläche der Arme anhand
von Hautfalten und Armumfang werden benützt. Wie beim Erwachsenen gibt es beim
Kind verschiedene neuere Studien, welche aufzeigen, dass die abdominale Fettmasse
durch die Messung des Taillen- und Hüftumfanges geschätzt werden kann. Der abdominalen
Fettmasse ist bezüglich Folge-Krankheiten eine grosse Bedeutung beizumessen.
Leider werden von Studie zu
Studie Adipositas und Übergewicht unterschiedlich definiert, was nur schwer
entsprechende Vergleiche der Resultate zulässt. So müssen vorerst Messmethode
und Referenzpopulation definiert werden. In Anbetracht der grossen Variationen
im Verlauf des Wachstums ist es unabdingbar, dass das gebrauchte Mass für die
Definition der Adipositas beim Kind nicht nur Alter und Grösse sondern auch
auf Geschlecht
bezogen ist.
Cole et at 6) haben kürzlich eine neue
Definition für Uebergewicht und Adipositas im Kindes- und Jugendalter vorgeschlagen.
Ziel dieser neuen Definition sollte es sein, Daten aus verschiedenen Studien
miteinander vergleichen zu können. Dieser Ansatz ist höchst interessant und
sollte im Originaltext nachgelesen werden. Anhand BMI-Daten von über 200'000
Individuen (von Geburt bis 25 Jahre) aus Brasilien, England, Hongkong, Holland,
Singapur und USA wurden alters- und geschlechtsspezifische "cut-off"
Limiten für die Alter 2 - 18 festgelegt. Die Basis dafür lieferten die Werte,
die bei 18 jährigen Jugendlichen einen BMI von 25 (kg/m2, Definition Uebergewicht)
und 30 (kg/m2; Definition Adipositas) ergaben. Diese Definition basiert auf
dem damit vergesellschafteten erhöhten Gesundheitsrisiko Erwachsener und ist
international anerkannt. Mathematisch wurden die Z-Scores (basierend auf diesen
Daten der 18 Jährigen erhoben) dem unterschiedlichen Alter und Geschlecht entsprechend
errechnet und angegeben. So liegt z.B. ein entsprechender Z-Score bei einem
5 jährigen Knaben auf einem BMI von 17.2 (übergewichtig) und bei 19.3 für die
Definition: adipös. Der Vorteil dieser Methode ist eine einheitliche Definition
des Uebergewichtes und der Adipositas, nicht nur während des Erwachsenen- sondern
auch des Kindesalters.
Auf den vor einigen Jahren
durch den Genfer Gesundheitsdienst etablierten Normkurven des BMI entspricht
die 90igste Perzentile in etwa der Definition des Übergewichtes, wogegen die
Adipositas im Kindesalter oberhalb der 97,5. Perzentile zu liegen kommt.
Risikofaktoren der Adipositas im Kindesalter
Entsprechend einer Studie von Sorensen et al. 7)
korreliert das Geburtsgewicht positiv mit dem BMI im Erwachsenenalter.
Im Verlauf aber wird klar, dass die Mehrheit der Kinder welche am Anfang ihres
Lebens adipös sind, dies nicht bleiben 8) . Daher
ist es wichtig, den transitorischen Charakter der Adipositas im Kleinkindesalter
zu berücksichtigen, damit solche Kinder nicht unnötigerweise "krank" gemacht
werden. Anders verhält es sich jedoch bei adipösen Kindern, die älter als 6
Jahre sind. Die Adipositas in diesem Alter erhöht deutlich das Risiko auch im
Erwachsenenalter adipös zu sein, zudem sind bis 2/3 der adoleszenten Adipösen
später auch adipös als Erwachsene.
Im Normalfall ist der BMI-Verlauf keineswegs linear, er nimmt im Verlauf des
ersten Jahres zu, um folglich bis zum 6. Lebensjahr dann wieder abzunehmen.
Das Alter bei Wiederanstieg des BMI ist ein guter Prädiktor für eine Adipositas
im Erwachsenenalter9)10). Je früher der BMI wieder
anzusteigen beginnt, desto höher ist das Risiko später an Adipositas zu leiden.
Folglich ist ein Wiederanstieg vor 6 Jahren mit einem erhöhten Adipositasrisiko
vergesellschaftet, wogegen Kinder, die einen Wiederanstieg nach 6 Jahren zeigen,
meistens schlank bleiben. Hervorzuheben ist, dass sich ein vorzeitiger Wiederanstieg
bei praktisch allen adipösen Kindern bei genauer Anamneseerhebung finden lässt.
Zudem haben Kinder adipöser Eltern ein erhöhtes Risiko eine Adipositas zu entwickeln
8). Bei 1 - 2 jährigen übergewichtigen Kindern
ist das Risiko im Erwachsenenalter eine Adipositas zu entwickeln nur etwa 10%,
falls beide Eltern normalgewichtig sind. Das Risiko steigt jedoch auf 45%, falls
ein Elternteil eine Adipositas hat, resp. 75%, falls beide Eltern adipös sind.
Ein Votum für das Stillen stellt die Tatsache dar, dass die Dauer der Ernährung
mit Muttermilch ein protektiver Faktor für die Entwicklung einer Adipositas
im Kindesalter sein könnte. Dies wurde in einer kürzlich publizierten "Follow-up"
Studie von 9357 Kindern aus Bayern gezeigt 11)
. Leider belegen nicht alle Studien diesen protektiven Effekt.
Wichtig aber ist auch darauf
hinzuweisen, dass es zahlreiche Umweltrisikofaktoren für eine Adipositas gibt.
Von Wichtigkeit sind vor allem: ethnische kulturelle Faktoren und tiefes sozio-ökonomisches
Milieu in einem industrialisierten Land, alte Eltern, Einzelkind, ländlicher
Wohnort, prolongierte Immobilisation und verminderte körperliche Aktivität (insbesonders
häufiges Fernsehen und Videospiele usw.).
Zunahme der Adipositas-Häufigkeit
Wie bereits vorgängig erwähnt, sind die publizierten Daten und Ziffern stark
von der jeweiligen Definition von Übergewicht und Adipositas abhängig. Dies
gilt es eingehend bei Beurteilung von Studien zu berücksichtigen. Gemäss Studien
aus England hat die Prävalenz der Adipositas zwischen 1972 und 1981 bei Knaben
zwischen 5 und 11 Jahren um 30%, für Mädchen gar um 50% zugenommen 12)
. In Deutschland beschreibt man für Kinder von 7 bis 13 Jahren eine Zunahme
von 55% für Knaben und eine von 111% für Mädchen zwischen 1975 und 1995 13)
. In Frankreich wiederum findet sich bei Kindern zwischen 9 und 10 Jahren eine
Zunahme von 197% für Knaben und 131% für Mädchen zwischen 1980 und 1996 1)
. Interessanterweise hingegen ist in Amerika im Verlauf von 17 Jahren eine
Zunahme von 23% bei Knaben und eine von 63% bei Mädchen für Kinder von 6 bis
11 Jahren gefunden worden 14) .
Wichtig allerdings ist der Hinweis, dass in Frankreich, wie auch in den USA,
die Prävalenz der morbiden Adipositas schneller zunimmt als die der leichteren
Formen. Entsprechend einer französischen Studie hat die Prävalenz der schweren
Adipositas (BMI >25kg/m2) in den Jahren 1980 und 1996 um 375% zugenommen,
wogegen Formen von leichter Adipositas (BMI > 20kg/m2) bei Kindern von 9
bis 10 Jahren lediglich um 130% zugenommen haben soll 15)
. In einer weiteren amerikanischen Arbeit zeigt sich eine Zunahme der massiven
Adipositas von 98% (Hautfalte über P97), resp. 54% Zunahme der mässigen Adipositas
(Hautfalte über P85) zwischen den Jahren 1965 und 1980 bei Kindern von 6 bis
11 Jahren 16) . Diese Zunahme ist zweifelsohne
noch bedeutender in den letzten 20 Jahren.
Die bedeutendste Schweizer Studie, welche die Prävalenz der Adipositas im Kindesalter
beschreibt, stammt von Zimmermann et al. 17)
. In 30 verschiedenen Schulen aus verschiedenen Städten und Regionen der Schweiz
wurde ein Kollektiv von 595 Kindern im Alter von 6 bis 12 Jahren untersucht.
Dieses Kollektiv entspricht etwa 1/1000 Schweizer Kinder dieser Altersgruppe.
Die Tabelle 1 zeigt die Prävalenz des Übergewichtes und der Adipositas entsprechend
der von den Engländern, respektive Franzosen benützten Normwerte und Definitionen.
Entsprechend dieser Studie zeigen zwischen 22% und 33% der Kinder zwischen 6
und 12 Jahren ein Übergewicht und 10% bis 16% sind adipös. Analysiert man die
Daten entsprechend der amerikanischen Referenzwerte, findet man 23% der Knaben
resp. 25% der Mädchen mit Übergewicht; adipös sind 9% der Knaben und 10% der
Mädchen (Tabelle 2). Aufgeteilt in Altersklassen zeigt sich, dass die Prävalenz
des Übergewichtes sowie der Adipositas im Alter von 6 bis 8 Jahren am höchsten
ist. Die Differenz der Prävalenz des Übergewichtes zwischen Knaben und Mädchen
ist nur in der Altersklasse zwischen 9 und 10 Jahren signifikant. Die Differenz
bzgl. Adipositas ist signifikant in der Altersklasse zwischen 6 und 8 Jahren,
wo sich mehr adipöse Knaben als Mädchen befinden. In der Altersklasse von 11
– 12 Jahren findet man dagegen mehr adipöse Mädchen als Knaben.
Adipositas im Kindesalter und begleitende Morbidität 1)
Die wichtigsten Krankheiten,
welche mit Adipositas im Kindesalter assoziiert sind, sind orthopädischer, metabolischer,
endokriner Art, sowie ist das Risiko an einer kardio- vaskuläre Folgeerscheinung
zu erkranken erhöht. Zudem können bis 33% der Kinder mit schwerer Adipositas
an einem Schlafapnoesyndrom oder an einer Atemabnormität leiden. 80%
der Kinder mit Genu varum oder Tibia vara sind adipös. Des weiteren sind 50
– 70% der Kinder mit Epiphysiolyse des Femurkopfes überwichtig.
Wenn mit den altersentsprechend
normalgewichtigen, gesunden Kindern verglichen, zeigen die adipösen Kinder eine
Tendenz zur früheren Pubertätsentwicklung. Zusätzlich lässt sich eine erhöhte
Prävalenz von Oligo- und Amenorrhoe bei adipösen Adoleszenten finden. Obwohl
die meisten adipösen Kinder keine Beschwerden spüren, finden sich verschiedene
subklinische Abnormitäten in dieser Gruppe. Das Übergewicht bei kleinen Kindern
scheint häufiger mit einem arteriellen Bluthochdruck vergesellschaftet zu sein,
wogegen bei älteren Kindern eher Abnormitäten im Lipidstatus zu finden sind.
Bei letzteren findet man eine Erhöhung des totalen Cholesterin, des LDL-Cholesterin
sowie der Ratio LDL/HDL und der Triglyceride. Ebenso häufig ist eine Glucoseintoleranz
vorhanden. Vorgängig kann, wenn gesucht, eine entsprechende Hyperinsulinämie
bei Insulinresistenz gefunden werden. Im Extremfall ist die Entwicklung eines
Diabetes mellitus Typ II möglich.
Eine adipöse Adoleszente kann
im Rahmen des Syndroms der polyzystischen Ovarien eine Insulinresistenz assoziiert
mit Hyperandrogenismus entwickeln. Zudem können häufig nach der Pubertät eine
Lebersteatose und/oder Gallensteine bei adipösen Jugendlichen gefunden werden.
Eine intrakranielle Druckerhöhung ist ebenfalls stark mit der Adipositas vergesellschaftet;
umgekehrt sind 90% der Kinder mit intrazerebralem Hochdruck adipös.
Auch die psychosozialen Konsequenzen
sind nicht zu vernachlässigen. So findet sich bei adipösen Kindern eine Tendenz
zu schlechteren Schulleistungen, sozialer Ausgrenzung, sowie einem schlechteren
Selbstbewusstsein, was nicht förderlich ist für die weitere Persönlichkeits-Entwicklung.
Die Wahrscheinlichkeit, dass
ein adipöses Kind im Erwachsenenalter adipös bleibt, beträgt vor der Pubertät
20% bis 50%, jedoch 50% – 70% nach der Pubertät. Das Vorhandensein der Adipositas
bei einem Elternteil erhöht das Risiko beim Kleinkind stark, wogegen beim älteren
Kind die Eigenverantwortung immer mehr auch die Adipositas und deren Verlauf
bestimmen muss.
Must et al. 19) haben gezeigt, dass für
adipöse männliche Adoleszente das Risiko an einer Koronarkrankheit, einem Diabetes,
einer Gicht oder einem Kolonkarzinomen zu erkranken im Alter über 70 Jahren
erhöht ist. Wichtig hervorzuheben ist, dass das Risiko, ausser für den Diabetes
mellitus, vom Ausmass des BMI im Erwachsenenalter unabhängig war. Die Adoleszenz
ist das wichtige Alter! Ältere Frauen hingegen, welche in der Adoleszenz übergewichtig
waren, zeigten ein erhöhtes Risiko für Gelenkspathologien, insbesonders Arthritiden,
zudem hatten sie eine deutlich verminderte Lebensqualität. Für die Männer mit
Übergewicht während der Adoleszenz zeigte sich, eben auch unabhängig vom BMI
im Erwachsenenalter, eine Zunahme der Mortalität, insbesondere eine Zunahme
der Mortalität bedingt durch koronare Herzkrankheiten. Dies führt zu einer verminderten
Lebenserwartung ab dem 45. Lebensjahr. Entsprechend dieser Daten wäre somit
das erhöhte Mortalitätsrisiko im Erwachsenenalter nicht einzig durch das Persistieren
der Adipositas im Erwachsenenalter erklärbar. Bei Frauen fanden sich entsprechende
Konsequenzen des Übergewichtes in der Adoleszenz bezüglich Mortalität nicht
19) .
Schlussfolgerungen
Die Prävalenz der Adipositas
im Kindesalter nimmt in den industrialisierten Ländern stetig zu. In unserem
Land bleibt die Inzidenz tiefer als in den Vereinigten Staaten, aber die Zunahme
im Laufe der Zeit wird wahrscheinlich genau so bedeutend sein. Die Zunahme der
Prävalenz der morbid Adipösen ist besonders wichtig und besorgniserregend, da
es vor allem diese Individuen sind, welche ein erhöhtes Gesundheitsrisiko haben.
Des weitern ist anzunehmen, dass in den kommenden Jahren die Zunahme der Adipositas
im Kindesalter zu einer Zunahme der Adipositas im Erwachsenenalter führen wird.
Da das künftige Morbiditäs- und Mortalitätsrisiko bei den Patienten mit Übergewicht
während der Adoleszenz besonders erhöht ist, auch wenn ihr Gewicht im Erwachsenenalter
normal ist, gilt es vor allem in dieser Altersgruppe die Adipositas zu vermeiden.
Die Hauptaufgabe des Pädiaters bezüglich Adipositas im Kindes- und Jugendalter
ist zweifelsohne präventiver Art. Es ist also unabdingbar, erstens bei allen
Patienten auf Umweltfaktoren zu achten, welche die Entwicklung einer Adipositas
begünstigen könnten, sowie zweitens den frühzeitigen Wiederanstieg des BMI um
das 6. Lebensjahr zu erfassen.
Die Behandlung der Adipositas
im Kindesalter beschränkt sich leider auf Aufklärung und Instruktion bezüglich
gesunder Ernährung und aufbauender körperlicher Aktivität. Um positive Resultate
zu erreichen ist es oft nötig, eine Änderung des Lebensstils für die ganze Familie
zu empfehlen. Die Ernährung sollte individuell angepasst werden. Eine leicht
negative Kalorienbilanz ist dabei anzustreben. Wichtig ist, ein exzessives Fasten
kann gefährlich sein. Das Ziel sollte ein langsamer und progressiver Gewichtsverlust
sein. Beim Kind im Wachstum ist im allgemeinen die Gewichtsstabilisierung ein
gutes und realistisches Ziel. Eine tägliche körperliche Aktivität sollte unterstützt
werden (Gebrauch von Lift, Auto und Bus usw. vermeiden). Die "aeroben" Aktivitäten
sind zu bevorzugen. Spezielle und aufbauende, innovative Programme sollten die
Kinder dabei unterstützen, dass sie an der körperlichen Aktivität und am Sport
gefallen finden und sich nicht entmutigen lassen.
Eine psychologische Betreuung
muss individuell evaluiert werden. In jedem Fall aber sollte der Pädiater versuchen,
das Selbstbewusstsein des Kindes zu stärken.
Tabelle 1
Prävalenz des Übergewichtes und der Adipositas bei 597 Schweizer Kindern im
Alter von 6 - 12 Jahren.
Nach Zimmermann
et al. (Ref. 17).
| |
Prävalenz übergewichtig (%)
|
Prävalenz adipös (%)
|
|
BMI (kg / m2)
|
> P 91 (GB)
|
> P 90 (F)
|
> P 98 (GB)
|
> P 97 (F)
|
|
Knaben
(n: 297)
|
22.9
|
31.9
|
10.3
|
16.4
|
|
Mädchen
(n: 298)
|
20.4
|
33.8
|
9.1
|
15.2
|
|
Total
|
21.7
|
32.8
|
9.7
|
15.8
|
Errechnet aus Referenzwerten und BMI der
englischen(GB; Perzentile >91: übergewichtig; >98 adipös) und französischen
(F; Perzentile >90: übergewichtig; >97 adipös) Studien
Tabelle 2
Prävalenz Übergewichte und Adipositas (%)
entsprechend Alter und Geschlecht bei 595 Schweizer Kindern im Alter von 6 -
12 Jahren, errechnet aus Normwerte und BMI-Werte der Vereinigten
Staaten (Ref. 18)
|
|
6 – 8 jährig
|
9 – 10 jährig
|
11 – 12 jährig
|
Total
|
|
Knaben
übergewichtig
adipös
|
n: 99
27.4
16.3
|
n: 97
19.2
5.6
|
n: 101
23.0
7.5
|
n: 297
23.1
9.2
|
|
Mädchen
übergewichtig
adipös
|
n: 108
27.2
12.6
|
n: 92
24.6
7.8
|
n: 98
21.8
10.3
|
n: 298
24.7
10.4
|
entsprechend einem BMI von 85. resp. 95 Perzentile.Nach Zimmermann et al. (Ref. 17).
J.-M. Dubuis, Genf
(Übersetzung : P. Mullis, Bern)
Adresse des Autors :
Dr Jean-Michel Dubuis
Groupe Médical du Grand-Lancy
Av. des Communes-Réunies 16
1212 Grand-Lancy
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