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Knochenmasse, Calcium und Osteoporose
Die Knochenmineralmasse stellt eine der hauptsächlichsten Determinanten des
mechanischen Widerstands des Knochens dar. Bei einem vorgegebenen Alter hängt
diese Knochenmineralmasse von der Menge Mineralien ab, die einerseits während
des Wachstums angereichert wird und andererseits in der 2. Lebenshälfte verloren
geht. Wahrscheinlich folgt die Entwicklung der maximalen Knochenmasse schon
von der Fetalzeit an bis zum Erreichen des Maximums im 3. Lebensjahrzehnt einer
vorgegebenen Spur, die hauptsächlich genetisch bestimmt wird. Mengenmässig entspricht
die Anreicherung der Knochenmineralmasse während der Adoleszenz den späteren
Verlusten in den 20-30 Jahren nach dem Alter von 50 Jahren. Die damit verbundenen
Vorgänge am Knochen sind aber ganz verschieden.
Die Anreicherung des Knochens während des Wachstums betrifft die Änderung der
Knochendimensionen in Verbindung mit der Knochenmodellierung, während der Knochenverlust
im Alter das Verschwinden des Knochens im Knocheninnern und eine Änderung der
Mikrostruktur in Verbindung mit der Remodellierung betrifft.
Häufig wird die Frage gestellt, ob Umgebungsfaktoren wie die Ernährung oder
körperliche Aktivität die genetischen Einflüsse zum Erreichen der Knochenmasse
modulieren können.
Die Genfer Forschergruppe hat mit ihren Untersuchungen verschiedene Argumente
zugunsten dieser Hypothese erhalten.
- Frühgeborene Mädchen haben im Alter von 8 Jahren eine geringere Knochendichte
als termingeborene, obwohl sie ihre Körpergrösse in dieser Zeit normalisiert
haben (1).
- Die Verabreichung von Vitamin D im Verlauf des ersten Lebensjahres scheint
einen günstigen Einfluss auf den Knochen zu haben, auch später bei den Mädchen
im Vorpubertätsalter (2).
- In einer randomisierten, doppelblinden Studie hat die zusätzliche Gabe von
Calcium bei Mädchen im Vorpubertätsalter nicht nur die Knochenmasse positiv
beeinflusst, sondern auch die Knochenform (3).
- Diese Wirkung war v.a. bei Mädchen mit einer spontan eher niedrigen Calciumzufuhr
erkennbar und überdauerte die Zeit, in der das Calcium verabreicht wurde (4).
- Ob dieses letzte Phänomen auf einem Wechsel der genetisch bestimmten Wachstumsspur
oder auf einer Beschleunigung der Knochenreife in der Pubertät beruht, kann
im jetzigen Moment nicht mit Sicherheit beantwortet werden. Ebenso verfügen
wir über keine Angaben, die uns erlauben auf eine günstige Wirkung von Vitamin
D zu schliessen bei Adoleszenten, die keinen Mangel an Vitamin D haben. Ein
solches Supplement von Vitamin D erinnert an den Lebertran, der früher allgemein
gegeben wurde und den Älteren unter uns sicher noch bekannt ist. Nach diesen
verschiedenen Beobachtungen erhebt sich die Frage, ob eine weitreichende Nahrungsergänzung
mit Calcium und Vitamin D während der Zeit des Erreichens der Knochenmasse
gegeben ist (5).
Auf der Basis von experimentellen und epidemiologischen Beweisen kann man nur
empfehlen, sich ausgeglichen zu ernähren mit genügend Calcium, Eiweiss und Vitaminen
und auch ein regelmässiges körperliches Training einzuhalten.
In Zukunft müssen aber die quantitativen Aspekte noch genauer beschrieben werden,
so : der notwendige Bedarf (Zufuhr) und die erwarteten Wirkungen, ob eine bestimmte
Sensibilität während der spezifischen Periode der Adoleszenz besteht und wie
sich die Ernährungsinterventionen langfristig auswirken.
Bevor wir die Antworten auf diese Fragen haben, scheint es sicher vernünftig,
täglich 1000mg Calcium mit der Nahrung einzunehmen. Was das Vitamin D betrifft,
ist es schwierig eine systematische Ergänzung vorzuschlagen, wenn kein Vitamin
D-Mangel vorliegt, und wir auch keine entsprechenden Angaben dazu haben.
Vielleicht hatten unsere Eltern nicht unrecht mit dem Lebertran während der
Wintermonate!
R. Rizzoli, Genf
(Übersetzung : K. Baerlocher, St Gallen)
Korrespondenzadresse :
Prof. René Rizzoli
Médecin-chef de service
Division des Maladies Osseuses
Hôpital Cantonal
1200 Genève
Litteratur :
- Zamora, S.A., D.C. Belli, R. Rizzoli, D.O. Slosman and J.P. Bonjour. Lower
femoral neck bone mineral density in prepubertal former preterm girls. Bone
29:424-427; 2001.
- Zamora, S.A., R. Rizzoli, D.C. Belli, D.O. Slosman and J.P. Bonjour. Vitamin
D supplementation during infancy is associated with higher bone mineral mass
in prepubertal girls. J. Clin. Endocrinol Metab. 84:4541-4544; 1999.
- Bonjour, J.P., A.L. Carrié, S. Ferrari, H. Clavien, D. Slosman, G. Theintz,
and R. Rizzoli. Calcium enriched foods and bone mass growth in prepubertal
girls : A randomized, double –blind, placebo-controlled trial. J. Clin. Invest.
99:1287-1294; 1997.
- Bonjour, J.P., T. Chevalley, P. Ammann, D. Slosman and R. Rizzoli. Gain
in bone mineral mass in prepubertal girls 3,5 years after discontinuation
of calcium supplementation : a follow-up study. Lancet 358:1208-1212; 2001.
- J.P. Bonjour et R. Rizzoli. Bone acquisition in adolescence. In : Osteoporosis,
Second Edition, vol.1, chapter 25, pp.621-638, edited by R. Marcus, D. Feldman
and J. Kelsey, Academic Press, San Diego, 2001.
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