|
| |
Empfehlung zur Primärprävention
von Allergien für Neugeborene und säuglinge mit einem erhöhten
Atopierisiko

Einleitung:
Die Prävention atopischer Erkrankungen mittels einer speziellen Ernährung bei
Neugeborenen und Säuglingen und durch Massnahmen in deren Umgebung ist in der
Schweiz weit verbreitet. Die Durchführung ist aber nicht einheitlich und entspricht
nicht immer aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen. Die folgenden Empfehlungen
wurden durch die Gruppe der paediatrischen Immunologen und Allergologen der
Schweiz (PIA-CH) erarbeitet in Zusammenarbeit mit der Ernährungskommission
der Schweizerischen Gesellschaft für Paediatrie und der Spezialistenkommision
der Schweizerischen Gesellschaft für Allergologie und klinische Immunologie.
Ziel:
- Diese Empfehlungen sind an Kinderärzte und andere Berufstätige des Gesundheitswesens
gerichtet, die in einer beratenden Funktion die ersten Lebensjahre der Kinder
begleiten. Die Beratung der Eltern basiert auf aktuellen wissenschaftlichen
Erkenntnissen. Damit soll eine Primärpraevention von Allergien für alle diejenigen
Neugeborenen und Säuglinge ermöglicht werden, die ein erhöhtes Risiko aufweisen,
eine atopische Erkrankung zu entwickeln.
Empfehlungen:
Die Ernährung
- Diese Ernährungsempfehlungen dienen der primären Praevention atopischer
Erkrankungen. Das atopische Ekzem, das Asthma und die allergische Rhinokonjunktivitis
gehören zu den atopischen Erkrankungen. Es kann davon ausgegangen werden,
dass das Risiko, eine atopische Erkrankung zu entwickeln, stark
erhöht ist (auf etwa 60 bis 70%), wenn zwei Mitglieder der
Familie (die beiden Eltern oder ein Elternteil und ein Geschwister des
Neugeborenen oder Säuglings) unter atopischen Beschwerden leiden. Damit sind
die folgenden diätetischen Massnahmen gerechtfertigt.
- In erster Linie wird Muttermilch für alle Neugeborenen empfohlen.
Die meisten Studien zeigen einen praeventiven Effekt des Stillens auf die
Entwicklung atopischer Erkrankungen bis zu einem Alter von 4 bis 6 Monaten.
Muss die Muttermilch in den ersten Lebenswochen für wenige Tage ergänzt werden,
so sollen voll hydrolysierte Präparate vorgezogen werden, um vom Weglassen
von Kuhmilchproteinen aus der Ernährung in dieser Zeit weiterhin zu profitieren.
Es wurden zwar geringste Mengen verschiedener Fremdproteine (Kuhmilch, Hühnerei,
Getreide) in der Muttermilch nachgewiesen, doch konnte bisher nie der Beweis
erbracht werden, dass ein präventiver Verzicht auf diese Lebensmittel durch
die Mutter einen Vorteil für das Kind erbringt. Eine solche diätetische Einschränkung
kann allenfalls bei schweren allergischen Erkrankungen von Familienmitgliedern
individuell mit dem spezialisierten Paediater diskutiert werden.
- Verschiedene Arten von Milchpräparaten für Neugeborene und Säuglinge
sind bei uns im Handel, die auf der Basis von Kuhmilchproteinen hergestellt
werden: a) nicht hydrolysierte, b) partiell hydrolysierte („HA-Milch“), oder
c) voll hydrolysierte Präparate (in der Schweiz: Alfaré® oder Damira®,) oder
auf der Basis von anderen Proteinen oder Aminosäuren (Pregomin®, Pregomin
AS®, Neocate®) hergestellte Säuglingsmilchen. Von der Verwendung von Milchen
anderer Säugetiere (Ziege, Schaf oder Stute) und von Sojapräparaten ist abzuraten,
da kein wissenschaftlicher Hinweis für eine primäre Praeventionswirkung besteht
und der nutritive Wert als ungenügend betrachtet werden muss.
Bei Neugeborenen und Säuglingen mit erhöhtem Atopierisiko sollen übliche,
nicht hypoallergene Milchpräparate bis zum Ende des 4. Monats gemieden werden.
Bei der Ernährung von Neugeborenen und Säuglingen mit erhöhtem Atopierisiko
zeigen einige Studien einen Vorteil von partiell hydrolysierten Milchpräparaten
hinsichtlich der Entwicklung von frühen atopischen Symptomen, vor allem wenn
sie bis zum Alter von 4 bis 6 Monaten verabreicht wurden. Ob voll hydrolysierte
Milchpräparate oder solche, die auf der Basis von Aminosäuren entwickelt wurden,
noch wirksamer für die primäre Praevention allergischer Erkrankungen sind,
ist bis zum jetzigen Zeitpunkt nicht klar; diese Präparate sind aber deutlich
teurer als partiell hydrolysierte Milchpräparate. Nach dem 4. Lebensmonat
kann ein übliches, dem Altergerecht adaptiertes Milchpräparat gegeben werden.
- Die Einführung weiterer Nahrungsmittel („Beikost“) soll nicht vor dem Ende
des 4. Lebensmonats erfolgen. Diese späte Einführung der Beikost beugt vor
allem der Entwicklung von Nahrungsmittelallergien vor. Die verschiedenen Lebensmittel
sollen eines nach dem anderen, während eines Zeitraumes von jeweils 3 bis
4 Tagen, in die Ernährung eingeführt werden. Getreide, Beeren oder Zitrusfrüchte
müssen nicht präventiv gemieden werden, da sie nur ganz selten allergische
Reaktionen auslösen. Lebensmittel, die aus Kuhmilch zubereitet werden, können
ab dem Alter von 9 bis 12 Monaten gegeben werden. Exotische Früchte (Kiwi,
Mango, etc. ...) sollen bis zum Alter von 12 Monaten gemieden werden. Eine
Ausnahme unter den exotischen Früchten bildet die Banane, die empfohlen werden
kann. Ebenfalls gemieden werden sollen Hühnerei (Eiklar und Eigelb),
Sellerie und Fisch, welche erst nach Abschluss des ersten Lebensjahres der
Ernährung zugesetzt werden sollen. Erdnüsse, Nüsse und Mandeln schliesslich
dürfen nicht vor dem 3. Lebensjahr der Nahrung zugesetzt werden. Das Meiden
der jeweiligen Nahrungsmittel muss strikte erfolgen und auch Lebensmittel
miteinbeziehen, die nur geringe Mengen der jeweiligen Proteine enthalten.
Sollten Reaktionen beobachtet werden, die eine allergische Pathogenese vermuten
lassen, so bedarf es einer präzisen Diagnostik vor Beginn einer weitergehenden
Diät.
Die Umgebung
- Die primäre Praevention atopischer Erkrankungen verlangt ganzheitliche Massnahmen
und beinhaltet auch die unmittelbare Umgebung des Kindes.
- Die Bedeutung der Umgebung für die Entwicklung der atopischen Erkrankungen
wurde im Verlaufe der letzten Jahre intensiv untersucht. Die Resultate sind
zwar zum Teil widersprüchlich und lassen nicht immer klare Schlussfolgerungen
zu. Unbestritten aber ist, dass ein Kind, das in einer Umgebung ohne ein bestimmtes
Allergen lebt, gegen dieses bestimmte Allergen auch keine Allergie entwickeln
wird.
- Massnahmen der primären Prävention der Umgebung zielen darauf hin, Allergene,
die einfach zu kontrollieren sind, zu reduzieren (Hausstaubmilben, Schimmelpilz,
Küchenschaben, etc.).
- Eine Familie mit einem Kind mit erhöhtem Allergierisiko sollte sich nicht
ein felltragendes Tier anschaffen (Katze, Hund, Hase, etc.). Es
ist zur Zeit noch offen, ob eine allfällige frühe Exposition (unmittelbar
nach der Geburt) weniger schädlich als ein späterer Kontakt ist.
- Ob Massnahmen zur Reduktion der Hausstaubmilben („Hausstaubmilbensanierung“:
Matratzenhülle, Acarizide etc.) bereits präventiv (und nicht erst nach erfolgter
Sensibilisierung) ergriffen werden sollen, um der Entwicklung einer
Allergie auf Hausstaubmilben vorzubeugen, ist bis heute noch Gegenstand von
Diskussionen. Wir empfehlen diesbezüglich einfache Massnahmen (maximal 1 bis
2 waschbare Plüschtiere im Bett, Waschen der Wäsche bei 60°C, Staubsaugen
zweimal wöchentlich und Lüften des Zimmers zweimal täglich, Temperatur ideal
zwischen 18 und 20°C).
- Mehrere Studien haben eine schützende Wirkung eines „naturnahen Lebens"
(zum Beispiel auf dem Bauernhof) gezeigt. Mehrere Faktoren könnten dabei einen
positiven Effekt ausüben (z. Bsp. Bakterien in der Umgebung, Ernährung Etc.).
Die aktuellen Fakten aus der Literatur erlauben zur Zeit noch nicht, präzise
Empfehlungen aus diesen Beobachtungen abzuleiten.
- Der schädliche Einfluss des Tabakrauches während der Schwangerschaft und
später in der unmittelbaren Umgebung des Kindes ist klar dokumentiert. Als
Verantwortliche im Gesundheitswesen müssen wir die Eltern ermutigen und unterstützen,
das Rauchen aufzugeben.
PIA-CH 2001
Korrespondenz:
PIA-CH, Secrétariat d'Allergologie, Hôpital des Enfants, 6 rue
Willy-Donzé, 1211 Genève 14
Ausgewählte Referenzen:
- Björkstén B. The intrauterine and postnatal environments. J Allergy Clin
Immunol 1999;104:1119-27
- Halken S et al. Comparison of a partially hydrolyzed infant formula
with two extensively hydrolyzed formulas for allergy prevention: A prospective,
randomized study. Pediatr Allergy Immunol 2000;11:149-61
- Høst H et al. Dietary products used in infants for treatment and
prevention of food allergy. Arch Dis Child 1999;81:80-84
- Lau S et al. Early exposure to house-dust mite and cat allergens
and development of childhood asthma: a cohort study. Lancet 2000;356:1392-7
- Saarinen AM et al. Breastfeeding as prophylaxis against atopic disease:
prospective follow-up study until 17 years old. Lancet 1995;346:1065-69
- Schoetzau A et al. Prospective cohort studies using hydrolysed formulas
for allergy prevention in atopy-prone newborns: a systematic review. Eur J
Pediatr 2001;160:323-32
- Sporik R et al. Exposure to house-dust mite allergen and the development
of asthma in childhood. A prospective study. N Engl J Med 1990;323:502-7
- Wahn U et al. Indoor allergen exposure is a risk factor for sensitization
during the first three years of life. J Allergy Clin Immunol 1997;99:763-9
- Warner JA. Controlling indoor allergens. Pediatr Allergy Immunol 2000;11:208-19
- Zeiger RS. Dietary aspects of food allergy prevention in infants and children.
J Pediatr Gastroenterol Nutr 2000;30:S77-86
Ernährungsempfehlungen für Neugeborene und Säuglinge mit einem erhöhten
Allergierisiko (beide Eltern, oder 1 Elternteil und ein Geschwister)
|
|
Ab Geburt bis Ende 4. Monat
|
Ab 5. Monat
|
Ab 9 – 12 Monate
|
Ab 12 Monate
|
Ab 36 Monate
|
|
Muttermilch (kann auch nach 5 Monaten weitergeführt werden) oder hypoallergene
Milchpräparate
|
|
|
|
|
| |
Einführung der Beikost ausser: Ei, Kuhmilchprodukte, Fisch, Sellerie,
exotische Früchte (Banane ausgenommen), Erdnüsse, Nüsse, Mandeln.
Beginn mit einem üblichen altersgerecht adaptierten Milchpräparat
|
|
|
|
| |
|
Einführung von Kuhmilch-produkten
|
|
|
| |
|
|
Einführung von Ei, Fisch, exotischen Früchten, Sellerie
|
|
| |
|
|
|
Einführung von Erdnüssen, Nüssen, Mandeln
|
ÓPIA-CH 2001
Präventive Massnahmen in der Umgebung des Neugeborenen und Säuglings
mit erhöhtem Atopierisiko
|
- Stoppen einer allfälligen passiven Tabakrauchexposition
- Einleiten einfacher Massnahmen zur Reduktion der Hausstaubmilben
- Massnahmen zur Sanierung des Wohnbereichs (Küchenschaben und Schimmelpilze)
- Einschränkung von Kontakt mit felltragenden Haustieren
|
ÓPIA-CH 2001
Allgemein akzeptierte Fakten
|
Offene Fragen
|
|
Praevention durch die Ernährung
|
|
- Keine diätetische Einschränkung während der Schwangerschaft
- Vorteil der Muttermilch für die meisten Neugeborenen und Säuglingen
- Späte Einführung der Beikost vor allem für Kinder mit hohem Atopierisiko
von Vorteil (Praevention von Nahrungsmittelallergien)
|
- Welches Milchpräparat ist besser für die Primärprävention: partiell
hydrolysierte oder voll hydrolysierte Milch?
- Gibt es wirklich einen Vorteil bei der späten Einführung von exotischen
Früchten und Sellerie?
- Müssen Kuhmilchprodukte wirklich erst nach dem üblichen Milchpräparat
eingeführt werden?
|
|
Praeventive Massnahmen in der Umgebung des Kindes
|
- Verschiedenste Faktoren beeinflussen die Entstehung allergischer Reaktionen
(genetische, infektiöse, Alter bei Erstexposition gegenüber dem Allergen,
Allergenmenge, ...)
- Man kann nur allergisch werden, wenn man dem entsprechenden Allergen
ausgesetzt gewesen ist.
- Impfungen begünstigen Allergieentstehung nicht
|
- Können felltragende Haustiere vor Allergien schützen, wenn die Exposition
bereits im Neugeborenenalter erfolgt?
- Soll ein milbendichter Matratzenüberzug bereits präventiv empfohlen
werden?
|
Correspondance:
PIA-CH, Secrétariat d'Allergologie, Hôpital des Enfants, 6 rue
Willy-Donzé, 1211 Genève 14
Références :
- Björkstén B. The intrauterine and postnatal environments. J Allergy Clin
Immunol 1999;104:1119-27
- Halken S et al. Comparison of a partially hydrolyzed infant formula
with two extensively hydrolyzed formulas for allergy prevention: A prospective,
randomized study. Pediatr Allergy Immunol 2000;11:149-61
- Høst H et al. Dietary products used in infants for treatment and
prevention of food allergy. Arch Dis Child 1999;81:80-84
- Lau S et al. Early exposure to house-dust mite and cat allergens
and development of childhood asthma: a cohort study. Lancet 2000;356:1392-7
- Saarinen AM et al. Breastfeeding as prophylaxis against atopic disease:
prospective follow-up study until 17 years old. Lancet 1995;346:1065-69
- Schoetzau A et al. Prospective cohort studies using hydrolysed formulas
for allergy prevention in atopy-prone newborns: a systematic review. Eur J
Pediatr 2001;160:323-32
- Sporik R et al. Exposure to house-dust mite allergen and the development
of asthma in childhood. A prospective study. N Engl J Med 1990;323:502-7
- Wahn U et al. Indoor allergen exposure is a risk factor for sensitization
during the first three years of life. J Allergy Clin Immunol 1997;99:763-9
- Warner JA. Controlling indoor allergens. Pediatr Allergy Immunol 2000;11:208-19
- Zeiger RS. Dietary aspects of food allergy prevention in infants and children.
J Pediatr Gastroenterol Nutr 2000;30:S77-86
Top
|