Impfung gegen Meningokokken


Invasive Meningokokken-Erkrankungen wie Sepsis und Meningitis führen regelmässig zu grosser Besorgnis im Umfeld der Patienten, bei den behandelnden Ärzten, beteiligten Gemeinschaftseinrichtungen (Kindergarten und Schulen) sowie den zuständigen lokalen Gesundheitsbehörden. Neben Fragen der Akutbehandlung stehen Massnahmen zur Prävention von Sekundärfällen zur Diskussion. Oftmals geben invasive Meningokokken-Infektionen - verstärkt durch die Berichterstattung in den Medien! – allgemeinen Anlass zu Fragen der Impfprophylaxe.

Im vorliegenden Beitrag soll der aktuelle Stand des Wissens zur rationalen Vorgehensweise vermittelt werden.


Erreger, Pathogenese und Erkrankungen

Meningokokken (= Neisseria meningitidis) sind bekaspelte, gramnegative Diplokokken. Aufgrund von  Antigenunterschieden der Polysaccharidkapsel unterscheidet man 13 Serogruppen (A, B, C, D, 29E, H, I, K, L, W 135, X, Y und Z).

Die Übertragung der Meningokokken erfolgt durch Tröpfcheninfektion. Asymptomatische Träger von Meningokokken (im Nasopharynx) sind häufig. Unter den Säuglingen und Kleinkindern sind es etwa 2%, unter Schulkindern 5-10% und bei jungen Erwachsenen bis zu 30% und mehr.

Gelegentlich werden Meningokokken invasiv. Dies führt zu Bakteriämie sowie zu den gefürchteten invasiven Infektionen (Sepsis, eitrige Meningitis) mit akutem bis foudroyantem Verlauf.

Risikofaktoren für invasive Infektionen sind

  • junges Alter (Mangel an spezifischen Antikörpern)
  • Besiedelung mit einem besonders virulenten Meningokokken-Stamm
  • Asplenie und spezifische Immundefekte (z.B. Komplementdefekt; Properdinmangel; Hypo- oder Agammaglobulinämie)
  • enger Kontakt zu einem Erkrankten

Epidemiologie


Meningokokken sind weltweit verbreitet. Die Verteilung der Serogruppen weist starke regionale Unterschiede auf. So werden im sogenannten „Meningitisgürtel“ Afrikas und in Südamerika die meisten Infektionen durch Meningokokken der Serogruppe A verursacht, während in den USA Infektionen der Serogruppen B und C (jeweils ca. 45%) und Y (ca. 10%) am häufigsten sind. In Europa treten endemisch fast ausschließlich Infektionen der Gruppe B (ca. 70 %) und C (ca. 30 %) auf, wohingegen Infektionen durch die Serogruppen A, Y und insbesondere W135 vorwiegend importiert werden.


Inzidenz

In Europa beträgt die jährliche Inzidenz an invasiven Meningokokken-Infektionen zwischen 0.1 (Bulgarien) und 8.0 (Island) pro 100'000 Einwohner. Der europäische Durchschnitt lag 1996 bei 1.3. In den vergangenen Jahren war in Europa eine Zunahmetendenz zu verzeichnen, von der die Schweiz besonders betroffen ist (Inzidenz zurzeit 2.6). Die genauen Gründe dafür sind unklar, Auf- und Abwärtsbewegungen der Inzidenz im langjährigen Verlauf sind allerdings nicht ungewöhnlich.  


Altersabhängigkeit und Serogruppenverteilung

Invasive Meningokokken-Erkrankungen zeigen eine markante, zweigipfelige Altersabhängigkeit. Nach Angaben des BAG waren in der Schweiz von Juli 2000 bis Juni 2001 am stärksten Säuglinge (16.7/1000'000) und Jugendliche im Alter von 15-19 Jahren (11.6/100'000) betroffen.
Die Verteilung der in Europa überwiegenden Serogruppen B und C zeigt erhebliche nationale bzw. regionale Unterschiede. In der Schweiz ist seit einigen Jahren eine deutliche relative Verschiebung hin zu Infektionen durch Serogruppe C zu verzeichnen (Abb. 1). Die relative Verteilung in ausgewählten europäischen Ländern in den Jahren 1993 bis 1996 ist in Abbildung 2 dargestellt.

Abbildung 1

Abbildung 2

 


Polysaccharidimpfstoffe

In den 60er Jahren - nachdem man die Kapselpolysaccharide als einen wesentlichen Virulenzfaktor der Meningokokken identifiziert hatte – wurden Polysaccharidimpfstoffe bestehend aus den Kapselantigenen der Serogruppen A und C sowie  Y und W 135 entwickelt. Das Polysaccharid der Gruppe A ist bereits im Säuglingsalter immunogen, nicht aber die der Gruppe C, Y und W135 (ab dem Alter von 18 - 24 Monaten).

Deshalb wird die Impfung mit den heute verfügbaren Polysaccharid-Impfstoffen gegen Meningokokken (A und C bzw. A, C, Y und W 135) erst ab dem Alter von 2 Jahren empfohlen.

Impft man früher, so ist bei späteren Wiederholungsimpfungen mit einer verminderten Immunantwort gegen Serogruppe C zu rechnen („Hyporesponsiveness“).

Schutz besteht etwa 7 Tage nach einer Impfung (0,5 ml s.c.) und korreliert mit spezifischen bakteriziden Serumantikörpern. Bei Kindern hält der Impfschutz zuverlässig für etwa 2 Jahre, bei Erwachsenen für 3-5 Jahre an. Die Verträglichkeit der Polysaccharidvakzinen ist gut. Die Wirksamkeit der Polysaccharidvakzinen gegenüber invasiven Meningokokken-Infektionen der Gruppen A und C beträgt ab dem Alter von 2 Jahren etwa 85-95 %. Für die Gruppen Y und W 135 ist sie mangels Studien dagegen nicht bekannt.

Da das Polysaccharid der Serogruppe B nicht immunogen ist, konnte bislang kein Impfstoff entwickelt werden. Problematisch ist die antigene Verwandtschaft des B-Polysaccharids mit einem Bestandteil von Gehirnzellen, der N-Acetyl-Neuraminsäure.


Meningokokken-Konjugatimpfstoffe

Analog zum Verfahren bei Hib und Pneumokokken wurden in den vergangenen Jahren von verschiedenen Impfstoffherstellern die verschiedenen Kapselpolysaccharide von Meningokokken an Trägerproteine konjugiert. Dadurch läßt sich eine T-zell­abhängige Immunantwort bei Impfling induzieren, die bereits im frühen Säuglingsalter einen wirksamen Schutz bewirkt. Ein erster Poly­saccharid-Proteinkonjugat Impfstoff gegen Meningokokken-Infektionen der Gruppe C wurde kürzlich in der Schweiz und in anderen europäischen Ländern zugelassen (Meningitec®).

Zahlreiche Studien belegen Immunogenität und Verträglichkeit dieser Konjugatimpfstoffe. Die mit Schutz vor Infektion korrelierenden bakteriziden postvakzinalen Antikörper sind bei Kleinkindern 10-100fach höher als nach Impfung mit konventionellen Polysaccharidvakzinen (Abb. 3). Das empfohlene Impfschema beträgt für Säuglinge ab dem Alter von 2 Monaten 3 Dosen im Abstand von jeweils mindestens 1 Monat. Bei Kindern älter als 1 Jahr, Jugendlichen und Erwachsenen genügt eine Impfdosis.

 

Abbildung 3


In den Jahren 1999 und 2000 wurde in Grossbritannien begonnen, in einer grossangelegten Impfkamapgne Säuglinge, Kinder und Jugendliche mit Meningokokken-Gruppe C-Konjugatimpfstoffen (überwiegend Meningitec®) zu impfen. Dies führte zu einem starken Rückgang invasiver Gruppe C-Infektionen, ohne dass bislang eine Zunahme von Infektionen durch andere Meningokokken Serogruppen festgestellt worden wäre. Die basierend auf den Erfahrungen in Grossbritannien berechnete Wirksamkeit der Vakzine beträgt bei Kindern im Alter von 1-2 Jahren 89% (95% CI: 72-96%) und bei Jugendlichen im Alter von 15-17 Jahren 93% (95% CI: 79-96%).


Impfempfehlungen in der Schweiz

Zurzeit gelten in der Schweiz folgende, gemeinsam von der Schweizerischen Kommission für Impffragen, der Arbeitsgruppe Meningokokken und dem Bundesamt für Gesundheit publizierten Empfehlungen zur Verwendung des Gruppe C-Konjugatimpfstoffes (ausführliche Erläuterungen finden sich in der Publikation im BAG Bulletin 46/2001 (http://www.bag.admin.ch/dienste/publika/bulletin/f/BU46_01d.pdf):

  1. Impfung unabhängig vom Auftreten eines Falles
    Bei medizinischer Indikation (z.B. Störungen des Immunsystems wie Defekte im Komplementsystem, Asplenie u.ä.), beruflicher Indikation (potentiell exponiertes Laborpersonal), Rekruten sowie Personen vor Reisen in Endemiegebiete (letztere mit Polysaccharidimpfstoff) bei Reisen in Regionen mit häufigen Gruppe A und/oder W135 bzw. Y-Infektionen.
  2. Impfung in Ergänzung zur Chemoprophylaxe
    • Enge Kontaktpersonen von wahrscheinlichen und sicheren Fällen, die durch Meningokokken Gr. C oder einer unbekannten Serogruppe verursacht werden
    • Angehörige 1. Grades <20 Jahre auch ohne engen Kontakt (wegen der Möglichkeit von familiären Proteindefekten)
    • Kinder und Personal von Kinderkrippen sowie Schüler und Lehrer von Schulklassen beim Auftreten von 2 wahrscheinlichen oder sicheren Fällen innerhalb von 12 Wochen (mindestens 1 Fall gesichert Gr. C)
  3. Indikation für die generelle Impfung einer Region
    Wenn mindestens 3 sichere oder wahrscheinliche primäre Fälle invasiver Meningokokken-Infektionen der Serogruppe C innerhalb von 12 Wochen aufgetreten sind und gleichzeitig die Erkrankungsrate in der entsprechenden Gesamtbevölkerung mindestens 10/1000'000 in diesem Zeitraum betragen hat.

Es ist zu hoffen, dass der Einsatz der Konjugatvakzine gemäss diesen neuen Empfehlungen dazu beiträgt, die Morbidität durch Meningokokken Gruppe C Infektionen zu senken. Da diese jedoch meistens bei primär gesunden Personen sporadisch auftreten, wird der Effekt auf die Epidemiologie dieser gefürchteten Infektion vermutlich jedoch eher gering sein und Sinn und Notwendigkeit einer generellen Impfempfehlung sollten regelmässig überdacht werden.

 

U. Heininger, Basel

 

Korrespondenzadresse :

Priv.-Doz. Dr. Ulrich Heininger

Universitäts-Kinderspital beider Basel (UKBB)
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Dernière mise à jour du site: 25.06.2008