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Paediatrica (vol.12 N°4. 2001, p. 46-49)
Entwicklungs-Dyslexie
Wiedererwachtes Interesse in der französischsprachigen Schweiz und einige neue
Fakten
Einführung
Am 31.1.2001 hat die französische Gesellschaft für ambulante Pädiatrie in Clermont-Ferrand
eine Tagung über die Dyslexie beim Kind organisiert, die das wachsende Interesse
und Engagement der Pädiater im Bereich der Lernstörungen bezeugt. Aus diesem
Anlass wurde ich um eine Darstellung der Abklärung dieser Kinder in der Romandie
gebeten. Dazu hatte ich die Möglichkeit, mich bei vielen Fachleuten aus den
französischsprachigen (und auch deutschsprachigen) Kantonen zu erkundigen und
ich habe viel gelernt, wobei sich auch die gegenseitige Unwissenheit des einen
über die Aktivitäten des anderen zeigte, die für unseren Föderalismus typisch
ist.
Anschliessend wurde im CHUV ein Kolloquium organisiert, bei dem alle, die aus
dem einen oder anderen Grunde etwas damit zu tun haben (Neuropsychologen, Logopädinnen,
Neuropädiater, Kinderpsychiater, Psychologen, Erzieher, Elternvereinigungen,
Verantwortliche aus spezialisierten Einrichtungen) und die erfreulicherweise
auch beginnen, in verschiedenen Situationen zusammen zu arbeiten, zu Wort kamen.
Der folgende Text enthält einige persönliche Überlegungen auf der Grundlage
dieser jüngsten Erfahrungen und meiner Aktivität als Neuropädiater, der sich
seit vielen Jahren für diese Probleme interessiert.
Der Erwerb des Lesens, das einen privilegierten Zugang zur Kultur ermöglicht,
gibt immer wieder Anlass zu heftigen Diskussionen. Die Schriftsprache ist das
Resultat eines willentlichen Lernprozesses und nicht ein "natürlicher"
Erwerb wie die gesprochene Sprache (man sollte bei der gesprochenen Sprache
eher von Erwerb sprechen als von Lernen). Mit dem Lernen der Schriftsprache
und seinen Störungen beschäftigen sich viele Personen verschiedener Art, deren
Ausbildung, Erklärungsmodelle und Erfahrungen sehr unterschiedlich sind. Dies
führt zu gewissen Schwierigkeiten bei der inderdisziplinären Kommunikation.
Lesen, kulturelle Diversität und biologische Einheitlichkeit
Die natürlichen Sprachen unterscheiden sich von einander auf vielerlei Arten,
speziell im Grad der Übereinstimmung zwischen Phonem und Graphem (Laut und Buchstabe).
Im Jargon der Fachleutewird dies Transparenz genannt (Harris, 2000). Das
Italienische ist z.B. völlig transparent, währenddem jedermann weiss, dass Französisch
und Englisch dies überhaupt nicht sind. Es versteht sich nun von selbst, dass
die Struktur der Sprache die Schwierigkeiten beeinflusst, welche ein Kind mit
einer Disposition für diese Behinderung hat. Dies ist der Grund für ihre grosse
Bedeutung in bestimmten Sprachen und ihre geringeren Konsequenzen in anderen.
Paulescu und Kollegen haben französischsprachige, italienischsprachige und englischsprachige
Erwachsene Dyslektiker bei entsprechenden Leseaufgaben mit funktioneller Bildgebung
(PET) untersucht und mit Normalen verglichen. Nachdem sie das Problem, italienische
Dyslektiker zu finden (!), gelöst hatten, fanden die Autoren unabhängig von
der Sprache, dass die aktivierten Zonen sich bei den Normalen und den Dyslektikern
deutlich unterschieden. Diese Studie scheint zu bestätigen, dass es zwischen
den Dyslektikern und den Normalen einen fundamentalen neurobiologischen Unterschied
in der Verarbeitung der geschriebenen Information gibt, ohne dass man diese
Information beim gegenwärtigen Stand und vor allem im Einzelfall für die Diagnose
oder Prognose anwenden könnte.
Entwicklungsdyslexie und Analphabetismus
In der grossen Debatte über den Analphabetismus beschäftigt man sich selten
mit der Möglichkeit, dass die schwache Leseleistung Folge von spezifischen Lernstörungen
in diesem Bereich sein könnte, die man in der Kindheit nicht als solche erkannt
hat oder die zusätzlich in Zusammenhängen aufgetreten sind, wie ungünstiges
Milieu, Schulverleider, mangelnde Übung, usw., in denen sie nicht überwunden
werden konnten. Eine beachtenswerte Untersuchung dazu wurde in Tours durchgeführt.
Delahaie und Kollegen haben die Leseleistung und die phonologischen Fähigkeiten
von 124 jungen Erwachsenen (Durchschnittsalter 21 Jahre) mit Schwierigkeiten
in der beruflichen und sozialen Integration untersucht. Ihre Leseschwierigkeiten
waren von einer deutlichen Veränderung der phonologischen Verarbeitung begleitet,
die das Kurzzeitgedächtnis, die auditive Diskrimination und die metaphonologischen
Fähigkeiten der frühen Entwicklung betraf (mentale Manipulation von Silben oder
Phonemen, Subtraktion, Inversion usw.). Man weiss, dass gute metaphonologische
Fähigkeiten ein guter Prädiktor für ein problemloses Lesenlernen sind.
In den Resultaten zeigte sich, dass bei 49% der untersuchten Personen die schwache
Leistung im Lesen einer Entwicklungsdyslexie zuzuschreiben ist. Diese Resultate
weisen nach der Meinung der Autoren auf eine "funktionelle Verbindung zwischen
Dyslexie und Analphabetismus" hin. Sie sollten einen zusätzlichen
Anstoss für die Anstrengungen zur Früherkennung dieser Störung und ihrer Abklärung
liefern, und nicht etwa zu einer neuen sinnlosen ideologischen Debatte führen,
in der das physiologische Problem zu ausschliesslich betont, und damit das Erziehungssystem
von seinen Mängeln entlastet würde.
Das Wort den Betroffenen
Der Verein der Familien mit dyslektischen Kindern hat es ermöglicht, dass man
vom Leid der dyslektischen Kinder, vor allem von denjenigen, die zu spät entdeckt
wurden und von den Kämpfen um die nötige Unterstützung und eine angemessene
Schulung, welche ihre Eltern zu führen hatten, nicht mehr nur im vertraulichen
Rahmen hört. Desgleichen sollten sich die Fachleute, wie es Frau Gola-Malaterre,
Präsidentin der APEDIS-FRANCE (Fédération d"associations de parents d"enfants
dyslexiques) sehr überzeugend darlegte, die Berichte der erwachsenen Dyslektiker
über den Charakter ihrer eigenen Dyslexie, unvermutete Schwierigkeiten oder
effiziente Strategien zur Beherrschung des Problems (mit möglichen Vorteilen
in anderen Bereichen) anhören und studieren, auch um den Verlauf über längere
Zeit kennen zu lernen. Es gibt sehr wenige Studien dazu. Man ignoriert, in welchem
Ausmass gewisse Dyslektiker, welche die nötige Unterstützung nicht erhalten
haben oder in ihrer Kindheit nicht erkannt wurden, im Erwachsenenalter mit adäquater
Hilfe Fortschritte machen und aufholen können. Aber es gibt sehr aufregende
Beispiele dieser Art. Bestimmte Dyslektiker haben so gut kompensiert oder ihr
Lesen, häufig Dank der Tatsache, dass sie nicht genau bekannten oder dekodierten
Wörtern den richtigen Sinn geben (semantischer By-Pass) verbessert, dass man
leugnen oder vergessen möchte, dass ihre residuellen Probleme in der Rechtschreibung
mit dem selben Grundproblem zusammenhängen.
Die Entwicklung der Ideen und die Situation in der Romandie
Die medizinisch-pädagogischen und schulpsychologischen Strukturen wurden in
der Romandie in unterschiedlichem Ausmass von Kinderpsychiatern psychoanalytischer
Ausrichtung dominiert. Misstrauisch und herablassenden Auges betrachteten sie
die Entwicklung der Kenntnisse im Bereich spezifischer Lernstörungen des Kindes,
welche die Sicht dieser Störungen und die Organisation der Schulen beeinflusst
haben. Diese Situation ist in Genf, der Stadt, in der Pioniere der kognitiven
Psychologie gearbeitet haben, besonders paradox. Dort wurden grundlegende Arbeiten
über Schwierigkeiten beim Erwerb des Lesens geschrieben (Kocher 1970),
welche jedoch offensichtlich nur wenig Einfluss auf die nachfolgende psychoanalytische
Sichtweise hatten. Für die Vertreter der psychoanalytischen Denkweise war die
Möglichkeit einer spezifischen Störung der Entwicklung der (mündlichen oder
schriftlichen) Sprache ohne affektive, kognitive oder primäre Kommunikations
-Störung fast undenkbar, wenn nicht unerträglich. Sie steht auch oft im Widerspruch
zum Empfinden gewisser Eltern, welche spontan von einer emotionalen Blockade
sprechen oder diese Erklärung, die für sie weniger schlimm zu sein scheint,
einer genetisch verursachten physiologischen Störung "vorziehen".
Es ist interessant, dass die "ideologischen" Debatten über die Existenz
der Dysphasie, die in Frankreich geführt wurden, sich gegenwärtig zum Thema
Dyslexie wiederholen: Wichtigkeit der Umgebung und der psychischen Entwicklung
des Kindes, bestimmende Rolle der eigenen Lern-Motivation des Kindes, Befürchtung,
die Störung zu früh zu etikettieren, Ungenauigkeit der Definitionen. Diese Elemente
sind offensichtlich alle wichtig, werden aber manchmal vorgebracht, um das Konzept
der Dyslexie und ihre Wirklichkeit zu leugnen oder zu relativieren.
In diesem Zusammenhang ist es sehr wichtig, den Bericht, den der Erziehungsminister
vom Inspektor der Akademie, J.C. Ringard angefordert hat, zu lesen (Juli 2000:
http://www.sante.gouv.fr/htm/actu/36_dyslexie.htm),
der über 50 Seiten auf den Fussspitzen und rückwärts schreitend die Tatsache
eingesteht, dass die Schwierigkeiten des Lernens der Schriftsprache Resultat
einer spezifischen Entwicklungsstörung sein können, was grosses Leid verursachen
kann, und dass dieses Eingeständnis wichtige Implikationen über die Organisation
der Schule beinhaltet, welche in Frankreich immer noch grosse Mängel auf diesem
Gebiet aufweist. Die Heftigkeit der Debatten in den vergangenen 20 Jahren in
Frankreich zeigt sich im Buch von Debray-Ritzen (1978) über dieses Thema, das
die fehlende Anerkennung der spezifischen Lernstörungen in Frankreich durch
die verantwortlichen pädagogisch-psychologischen Instanzen in polemischer Art
denunzierte.
Wie schon oft waren es die Elternvereinigungen, welche die Sache in Bewegung
brachten, indem sie die Autoritäten der Regierung zwangen, sich mit dem Problem
zu befassen und zu erkennen, was in den meisten Ländern Europas schon seit Jahren
offensichtlich war.
In der französischsprachigen Schweiz, die in unterschiedlichem Grade ideologische
Gefangene ihres grossen linguistischen Nachbars ist, fanden zur selben Zeit
etwas leisere Debatten und Diskussionen der selben Art statt, aber die Lage
war trotz allem viel unterschiedlicher, weil unsere kantonalen Strukturen eigenständige
Initiativen in Politik und Philosophie der Erziehung erlauben, was die grossen
Unterschiede zwischen den Kantonen der Romandie bezüglich der vorhandenen Strukturen
erklärt: Z.B. bezüglich Existenz von Spezialschulen für dyshasische und dyslektische
Kinder, Verbindung zwischen den psychopädagogischen Strukturen und dem Schulsystem,
Anpassungsfähigkeit der Normalschule usw.
In der Deutschschweiz ist die Situation bezüglich Kultur und Erziehung in verschiedener
Hinsicht anders und würde den Rahmen dieser Diskussion über die Romandie sprengen.
Im ganzen sind es hauptsächlich die Therapeuten für Dyslexie ("Legasthenie"),
die vom Unterricht her kommen, welche sich mit den Dyslektikern befassen, währenddem
sich in der Romandie die Logopäden (orthophonistes) damit befassen.
Einige wichtige Probleme der Dyslexie im Entwicklungsalter
Hier sollen einige wichtige und schwierige Punkte zu den Problemen beim Erlernen
des Lesens und der Rechtschreibung und speziell zur Dyslexie schematisch zusammengefasst
werden. Das Wissen um sie und die Erinnerung daran sollten es uns erleichtern,
uns über die "Anschauung" der Anderen in praktischen Situationen Rechenschaft
abzulegen und uns Klarheit darüber verschaffen, welche Punkte schwer auseinander
zu halten sind.
1. Diagnostische Probleme:
Es gibt keine klare und einfache Grenze, die uns erlaubt, am Anfang des Lesenlernens
die zukünftigen Dyslektiker zu identifizieren und von denen zu unterscheiden,
deren Start langsam ist oder von den "schlechten Lesern", die aus
verschiedenen Gründen kaum Fortschritte machen, ohne dass sie spezifische Schwierigkeiten
haben.
Die Diagnose der Dyslexie war bis jetzt eine Ausschlussdiagnose geblieben (normale
Intelligenz, adäquate Auseinandersetzung mit der Schriftsprache, Diskrepanz
zwischen den Lese-Rechtschreib - Fähigkeiten und anderen Bereichen, Lesealter
unter dem chronologischen Alter), die man erst nach einer gewissen Lernzeit
stellen konnte. Man weiss heute, dass die Mehrheit der Dyslektiker (sogenannte
phonologische Dyslektiker), ganz spezifische Schwierigkeiten bei metaphonologischen
Aufgaben (Reime, Zerlegen von Wörtern in Silben, in Phoneme, Wegnehmen von Silben
usw.) haben, was uns eine "positive" Diagnose erlaubt (Snowling, 2000).
Umgekehrt stellen gute Kompetenzen auf diesem Gebiet einen guten Prädiktor für
ein eher leichtes Erlernen des Lesens dar.
Entsprechend dem Schweregrad der Störung ist der Grad der Verbesserung und
der Kompensation von einem Kind zum anderen extrem variabel und es gibt spezifische
Formen von Dyslexie. Schliesslich kann das Lesen gut beherrscht werden, währenddem
allein die Orthographie Mängel aufweist (Dysorthographie), trotzdem aber handelt
es sich um das gleiche Problem.
2. Assoziierte Störungen ("Co-Morbidität")
Wie bei allen spezifischen Lernstörungen gibt es häufig ein gemeinsames Auftreten
von mehreren spezifischen Störungen: Störungen des mündlichen Ausdrucks, visuell-räumliche
Störungen, Störungen der Aufmerksamkeit, allgemeine motorische Ungeschicklichkeit,
Störungen der Graphomotorik, oder psychische, häufig reaktive Störungen. Diese
Probleme haben die Tendenz, sich gegenseitig zu vergrössern. Die Evaluation
der spezifischen Schwierigkeiten im Bereich Lesen-Orthographie kann sich in
einem solchen Kontext und in der Praxis als sehr schwierig erweisen. Es können
grosse Schwierigkeiten auftreten, wenn man die Dinge auseinander halten will,
die Dyslexie kann in anderen Schwierigkeiten ertrinken oder nicht als solche
erkannt werden.
Ausserdem hat ein frühes Schulversagen bei den ersten schulischen Lerninhalten
(Alphabet und Lesen) häufig derartige psychologische Konsequenzen, dass die
ganze Haltung bezüglich Selbstbild und schulische Motivation beeinflusst wird.
Wir haben es also mit einer komplexen Psychopathologie zu tun.
3. Früherkennung
Um die Verstrickung der Schwierigkeiten bei einer übersehenen oder spät erkannten
Dyslexie zu verhindern und um diesen Kindern spezielle Unterstützung zu geben
bemüht man sich heute, relativ einfache Tests zu entwickeln, die eine Entdeckung
und Früherkennung von Schwierigkeiten im Bereich der Schriftsprache schon im
Kindergarten oder zu Beginn der ersten Klasse erlauben. Mehrere Tests sind in
unterschiedlichem Kontext in verschiedenen Sprachen in Erprobung oder werden
validiert. Eine Studie ist im deutschsprachigen Teil des Kantons Fribourg mit
dem BISC (Jansen H. et coll.) im Gange (M.Sassenroth, persönliche Mitteilung).
Es ist zu erwarten, dass sie eine frühere Diagnose erlauben werden, aber in
einem so komplexen Gebiet wie dem Erlernen der Schriftsprache muss man darauf
gefasst sein, dass sensible und spezifische Kriterien als Grundlage für die
Screening " Tests einer Reihenuntersuchung schwer zu bestimmen sind. Dies
ist jedoch kein Grund, um auf Anstrengungen in dieser Richtung zu verzichten
wenn man dabei die erforderliche Vorsicht walten lässt. Ausserdem stellt die
Information und Sensibilisierung der Lehrer bezüglich Dyslexie eine andere wichtige
Facette der Früherkennung dar. Die Elternvereinigungen spielten und spielen
dabei immer noch eine wichtige Rolle. (Siehe Association Dyslexie Suisse Romande,
Coppet, VD, 022 776 51 34).
4. Die Beziehung gesprochene Sprache - Schriftsprache und genetische
Faktoren
Wenn die Mehrheit der Kinder, die in der Folge als dyslektisch anerkannt wurden,
eine Geschichte mit Entwicklungsverzögerung der gesprochenen Sprache durchlaufen
haben, so hatte eine gewisse Anzahl von ihnen keine oder jedenfalls nicht genug
Probleme, um in diesem Bereich die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Die spezifischen
Schwierigkeiten beim Erlernen des Lesens treten dann völlig unerwartet auf und
man beschäftigt sich damit noch später, in der dritten oder vierten Primarklasse,
oder sogar noch später, mit allen psychischen Schäden, die man auf diesem Weg
erleidet.
Man entdeckt häufig einen Verlauf von Dysphasie-Dyslexie-Dysorthographie (oder
eine dieser Störungen in isolierter Form) beim einen oder anderen Verwandten
oder bei den Brüdern und Schwestern des Patienten. Diese Tatsache von grundsätzlicher
Bedeutung wird häufig nicht als determinierender ätiologischer Faktor in Betracht
gezogen, besonders wenn das Problem bezüglich Schweregrad oder hauptsächlicher
Ausprägung (Sprechen, Schriftsprache, assoziierte Verhaltensprobleme usw.) ein
wenig anders aussieht oder wenn die Eltern eine völlig andere Ursache annehmen.
Th Deonna, Lausanne
Uebersetzung: U. Heiniger, St. Gallen
Adresse des Autors
Prof. Ass. Th. Deonna
Unité de neuropédiatrie
Département médico-chirurgical de pédiatrie
CHUV, 1011 Lausanne
Literatur:
- Pulescu E. et al: Dyslexia: Cultural diversity an biological unity, Science,
291, 2165-2167, 2001
- Snowling M.J.: Dyslexia, 2d Edition, 2000
- Delahaie M.; Billard C., Calvet C., Tichet J., Gillet P., Vol S.: Dyslexie
développementale et illettrisme. Quels marqueurs?. Revue A.N.A.E (Approche
Neuropsychologique des Apprentissages)., 57; 43-49, 2000
- Debray-Ritzen P.: Lettre ouverte aux parents des petits écoliers. Editions
Albin Michel, 1978
- JansenH., Mannhaupt G., Marx H., Skowronek H.: Bielefelder Screening zur
Früherkennung von Lese-Rechtschreibschwierigkeiten (BISC). Hogrefe, Verlag
für Psychologie. 1999.
- Ringard J.C.: Plan d"action pour les enfants atteints d"un
trouble spécifique du language. Site de l"association APEDYS-France (Fédération
d"associations de parents d"enfants dyslexiques: www.apedys.com)
2000
- Kocher Francis: La Rééducation des dyslexiques. Presses Universitaires de
France, 4ème édition, 1970
- Harris M.: Learning to read and write: A cross-linguistic perspective. Margaret
Harris Editor, Cambridge Univ. Press, 1999
Kommentar zu den Verhältnissen in der Deutschschweiz
In der deutschsprachigen Schweiz erfolgt die Erfassung und Abklärung leseschwacher
Kinder grossmehrheitlich auf der schulisch-pädagogischen, respektive schulpsychologischen
Ebene.
Die Erfassungsrate ist insgesamt gut; die Häufigkeit von spezifischen Fördermassnahmen
liegt relativ konstant zwischen 3 " 4 % aller Schulkinder.
Daraus resultierten schon in den 70er Jahren Forschungsprojekte, aus deren
Erkenntnissen heraus neue Erstleseprogramme entwickelt worden sind.
Therapeutisch beschäftigen sich Legasthenie-Therapeutinnen (Lehrkräfte mit
spezifischen Ausbildungsprogrammen), schulische Heilpädagoginnen oder aber Logopädinnen
in der Regelklasse mit diesen Kindern. In schweren Fällen besteht in vielen
Kantonen auch das Angebot einer Sprachheil-Sonderschulung mit dem Ziel einer
späteren Reintegration in die Regelklassen.
Aktuell sind an verschiedenen Orten Diskussionen um Frühförderprogramme und
Früherfassung insbesondere von Risikokindern mit sprachlich-expressiver Entwicklungsverzögerung
in Gang. Nicht zuletzt versucht auch das Forum für Praxispädiatrie zusammen
mit der Universität Fribourg Kinderärzte für die Problematik zu interessieren
und Grundlagenwissen zu vermitteln.
Dies macht auch deswegen Sinn, weil Pädiater und Neuropädiater vermehrt mit
psychologischen Auswirkungen von Lernstörungen auf der Verhaltensebene konfrontiert
werden. Nebst pädagogischen Förderprogrammen und Massnahmen werden hier gelegentlich
in zweiter Instanz auch psychotherapeutische Hilfestellungen nötig, um das Greifen
pädagogischer Stützmassnahmen erst zu ermöglichen. In den letzten Jahren sind
viele neue Erkenntnisse zu Legasthenie oder Dyslexie gewonnen worden, nicht
zuletzt dank moderner bildgebender Verfahren und ausgeklügelten neuropsychologischen
Versuchsanordnungen. Es sei hier für Interessierte auf die Monographie von Habib
(1), respektive auf eine aktuelle Review dieses Autors (2)
verwiesen.
Die bekannte Tatsache der Familiarität von Teilleistungsstörungen unterstreichen
neuere molekulargenetische Untersuchungen, welche dafür verschiedene Gen-Loci
gefunden haben.
Es ist zu wünschen, dass wir mit gemeinsamen pädagogischen, neuropsychologischen
und medizinischen Massnahmen, unterstützt durch die Elternvereinigung Verband
Dyslexie Schweiz (3), das Lesen für unsere Kinder zu einer
reizvollen und bereichernden Herausforderung machen und damit auch die Verbreitung
des funktionalen Analphabetismus im Erwachsenenalter günstig beeinflussen können.
Literatur :
- Habib M. «dyslexie: le cerveau singulier» solal Marseille 1997
- Habib M. "The neurological basis of developmental dyslexia"
Brain 2000, 123, 2373 " 2399
- Verband Dyslexie Schweiz, Postfach 1270, 8021 Zürich
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