SPSU - Jahresbericht 2000


Im Rahmen der Swiss Paediatric Surveillance Unit (SPSU) wurden 2000 von 24 der 38 pädiatrischen Ausbildungskliniken insgesamt 95 Krankheitsfälle gemeldet: 58 Fälle von Varizellen-Zoster-Infektionen, 15 Fälle von Hämolytisch-urämischem Syndrom (HUS), zwölf akute schlaffe Lähmungen als Indikator für die Poliomyelitisüberwachung, fünf Fälle von Frühsommer-Meningoenzephalitis, drei Vitamin-K-Mangelblutungen und zwei Fälle von akutem rheumatischem Fieber. Fälle von kongenitaler Röteln wur-den keine gemeldet. Die Erhebung der Vitamin-K-Mangelblutungen wurde Ende 2000 beendet. Ab 2001 werden neu Neuralrohrdefekte erfasst; geplant ist die Erfassung von schwer verlaufenden RSV-Infekten.

Die Swiss Paediatric Surveillance Unit (SPSU) ist ein seit 1995 bestehendes nationales Erhebungssys-tem, das gemeinsam von der Schweizerischen Gesellschaft für Pädiatrie und dem Bundesamt für Ge-sundheit betrieben wird. Es dient der Erfassung von seltenen pädiatrischen Krankheitsbildern und selte-nen Komplikationen häufigerer Krankheiten bei hospitalisierten Kindern in der Schweiz. Die SPSU ist ein einfaches und flexibles, aktives Meldesystem, das einen minimalen Aufwand erfordert und die Möglich-keit bietet, bei epidemiologischen Notfällen schnell reagieren zu können [1]. Das Ziel der SPSU ist es, die Forschung im Bereich seltener pädiatrischer Krankheiten zu erleichtern sowie epidemiologische Ab-klärungen im Bereiche dieser Fragestellungen zu ermöglichen.
Vergleichbare Erhebungssysteme sind in verschiedenen Ländern (England, Wales, Kanada, Australien, Neuseeland, Holland, Deutschland, Lettland, Malaysia und Papua-Neuguinea) aktiv; eine Zusammenar-beit und Erfahrungsaustausch erfolgt im Rahmen des "International Network of Paediatric Surveillance Unit (INoPSU)" (http://bpsu.rcpch.ac.uk/).

Monatlich wird an alle pädiatrischen Ausbildungskliniken in der Schweiz eine Meldekarte gesandt. Auf dieser ist die Zahl der im letzten Monat diagnostizierten Fälle anzugeben. Die Karte ist auch dann zu-rückzusenden, wenn keine Erkrankungsfälle beobachtet wurden. Im Falle einer positiven Rückmeldung erfolgt durch die SPSU eine Mitteilung an den jeweiligen Studienleiter, welcher für die weiteren Abklä-rungen selbst verantwortlich ist. An dieser Stelle möchten wir allen Beteiligten für ihre wertvolle Mitarbeit bestens danken.

Anträge für neue Studien sind an den Präsidenten des SPSU-Komitees, Prof. Dr. G. Schubiger, (Pädiat-rische Klinik, Kinderspital, 6000 Luzern 16) zu richten. Ein Beschrieb des Erfassungssystems und die Richtlinien für die Aufnahme von Studien können beim BAG, SPSU-Sekretariat (Bundesamt für Gesund-heit, Abteilung Epidemiologie und Infektionskrankheiten, 3003 Bern, Tel. 031 / 323 02 97 oder 031 / 323 87 06, Fax 031 / 323 87 95) bezogen werden.


Allgemeine Übersicht über das Erhebungsjahr 2000

Wie in den Vorjahren haben auch 2000 alle 38 pädiatrischen Ausbildungskliniken an der SPSU-Erhebung teilgenommen. Die initialen Meldekarten wurden, wie schon in den Vorjahren, zu 100% zu-rückgeschickt (Tabelle 1). Im Jahr 2000 wurden von 24 Kliniken insgesamt 95 Erkrankungsfälle gemel-det: 77 (81%) aus der Deutschschweiz, 16 (17%) aus der Romandie und 2 (2%) aus dem Tessin. Von 93 Fällen (98%) liegt auch der ergänzende Fragebogen mit den spezifischen Informationen vor. Die Anzahl der seit Beginn der Erfassung gemeldeten Fälle und deren Klassierung sind in Tabelle 2 wiedergege-ben.


Tabelle 1:

SPSU 2000: Übersicht über die gemeldeten Fälle und Rücklauf der Meldekarten

 

VKMB1

ASL2

Kong.R.3

HUS4

ARF5

FSME6

VZV7

Rücklauf Meldekarten %

Januar

 

1

 

3

     

 100

Februar

 

1

         

 100

März

             

 100

April

     

2

   

14

 100

Mai

2

2

     

1

11

 100

Juni

 

4

     

2

11

 100

Juli

1

   

3

   

4

 100

August

     

2

 

1

2

 100

September

 

1

 

2

 

1

2

 100

Oktober

 

1

 

1

2

 

6

 100

November

 

1

       

4

 100

Dezember

 

1

 

2

   

4

 100

Total

3

12

0

15

2

5

58

100

Deutsche CH

2

12

0

13

1

5

44

100

Französ. CH

1

0

0

1

1

0

13

100

Tessin

0

0

0

1

0

0

1

100


Anzahl teilnehmende pädiatrische Ausbildungskliniken: 38 (40 Meldekarten verschickt)

1 Vitamin-K-Mangelblutung, 2 akute schlaffe Lähmung, 3 Kongenitale Röteln, 4 hämolytisch-urämisches Syndrom, 5 akutes rheumatisches Fieber, 6 Frühsommer-Meningoenzephalitis, 7 Varizellen-Zoster-Infektionen


Tabelle 2:

SPSU 1995-2000, gemeldete Erkrankungsfälle und Klassierung

 

1995

1996

1997

1998

1999

2000

Total

sichere Fälle

mögliche Fälle

keine Fälle

fehlende Information

Vit.-K-Mangel-blutungen

  4

  4

  4

  4

  5

3

24

20

3

  1

Kong. Toxo-plasmose

10

  8

12

  5

   

35

17

4

10

4

Kong. Röteln

  2

  1

  0

  0

  1

0

  4

  2

1

1

Akute schlaffe Lähmungen

10

10

15

  8

  8

12

63

55

  2

6

Cyst. periventr. Leukomalazie

 

15

33

     

48

       

Hämolyt.-uräm. Syndrom

   

  211

18

24

15

78

78

Akut. rheumat. Fieber

         

22

2

  1

1

   

Frühsommer-Meningoenzeph.

         

52

5

  3

 

1

1

Varizellen-Zoster- Infektionen

         

582

58

58

     

 

1 April – Dezember 1997
2 April-Dezember 2000


Publikationen und Kongressbeiträge:

  • Rudin Ch, Schmid H, Burnens AP, Bianchetti MG and the Swiss Paediatric Surveillance Unit (SPSU). Das hämolytisch-urämischen Syndroms (HUS) 1997-2001. Abstact P109. Jahresversammlung der Schweizerischen Gesellschaft für Pädiatrie, Luzern, 14.-16.6.1991
  • Bauder FH, von Siebenthal K, Bucher HU. Sonographisch nachgewiesene zystische periventrikuläre Leukomalazie (PVL): Inzidenz und assoziierte Faktoren in der Schweiz 1995-1997. Geburtsh Neona-tol 2000; 204: 68-73
  • Schubiger G, Stocker C, Bänziger O, Laubscher B, Zimmermann H. Oral vitamin K1 prophylaxis for newborns with a new mixed-micellar preparation of phylloquinone: 3 years experience in Switzer-land. Eur J Pediatr 1999; 158: 509-602
  • Bauder F. Zystische periventrikuläre Leukomalazie: Inzidenz und assoziierte Faktoren in der Schweiz 1995-1997. Dissertation, Zürich 1998
  • Cornelissen M, von Kries R, Loughnan P, Schubiger G. Prevention of vitamin K deficiency bleeding: efficacy of different multiple oral dose schedules of vitamin K. Eur J Pediatr 1997; 156: 126-30
  • Schubiger G, Stocker Ch, Bänziger O, Zimmermann H, Swiss Paediatric Surveillance Unit. Den bis-herigen Tropfenlösungen überlegen? Mischmizellen-Vitamin-K1-Präparation zur Blutungs-Prophylaxe bei Säuglingen. Kinderärztliche Praxis 1997; Nr. 3: 166-9
  • Bauder F, Fawer C-L, von Siebenthal K, Bucher HU. Die zystische periventrikuläre Leukomalazie in der Schweiz 1995 bis 1997: Inzidenz und assoziierte Faktoren. Abstact Nr. 9. 91. Jahresversamm-lung der Schweizerischen Gesellschaft für Pädiatrie, St. Gallen 11.-13.6.1998. Schweiz Med Wo-chenschr 1998; 128 (Suppl 99): 7S
  • Schmid H, Rudin Ch, Burnens AP, Bianchetti MG and the Swiss Paediatric Surveillance Unit (SPSU). Epidemiology of haemolytic uremic syndrome (HUS) in Swiss children: preliminary results of a sur-veillance study. Abstract. 4th World Congress Foodborne Infections and Intoxications. Berlin, Juni 7-12, 1998
  • Rudin Ch, Schmid H, Burnens AP, Bianchetti MG and the Swiss Paediatric Surveillance Unit (SPSU). Epidemiologie des hämolytisch-urämischen Syndroms (HUS) in der Schweiz - Ein Projekt der SPSU. Abstact Nr. 56. 91. Jahresversammlung der Schweizerischen Gesellschaft für Pädiatrie, St. Gallen 11.-13.6.1998. Schweiz Med Wochenschr 1998; 128 (Suppl 99): 18S
  • Kind C und Swiss Paediatric Surveillance Unit. Symptomatische konnatale Toxoplasmose: Häufigkeit in der Schweiz 1995-1996. Abstract Nr. 4, 90. Jahresversammlung der Schweizerischen Gesellschaft für Pädiatrie, Genève, 19.-21.6.1996. Schweiz Med Wochenschr 1996; 126 (Suppl 87): 5S

Vitamin-K-Mangelblutungen 2000

(G. Schubiger, Luzern, B. Laubscher, Neuchâtel)

Im Berichtsjahr wurden drei Kinder gemeldet, wobei ein Fall einer Frühblutung ohne durchgeführte Pro-phylaxe labormässig nicht gesichert ist. Dieses SPSU-Projekt wird nach 5 Jahren Laufzeit gestoppt und eine detaillierte Analyse aller gemeldeten Fälle vorgenommen.

Die Richtlinien aus dem Jahr 1994 [2] behalten vorläufig ihre Gültigkeit, müssen aber sicher im Jahr 2001 neu überdacht und umformuliert werden.


Tabelle 3:

SPSU 2000: Meldungen von Vitamin-K- Mangelblutungen

Meldemonat

Alter

Vitamin-K-Prophylaxe

gestillt

Grundkrankheit

Folgen

Mai

2/7 Tage

Keine

voll

Keine Laborresultate

 

Mai

13 Wo

2 Dosen, zweite i.v.

voll

Fam. Alagille-Syndrom u. Cholestase

Hautblutungen

Juli

3 Wo

1 Dosis

voll

keine

Nabelblutung



Tabelle 4:

SPSU 1995-2000: Meldungen von Vitamin-K-Mangelblutungen

Meldejahr :

1995

1996

1997

1998

1999

2000

Frühe Blutung
(erste Lebenswoche)
  · nicht gesichert
  · gesichert
 
 
 
0

0

 
 
 
0

0

 
 
 
0

1

 
 
 
0

0

 
 
 
0

0

 
 
 
14

0

Spätblutung
(8.Tag bis 12. Woche)
  · nicht gesichert
  · gesichert
   - ohne Prophylaxe
   - nach oraler Prophylaxe
   - voll gestillt
   - mit Cholestase
 
 
 
11
3
    1
 
    22
 
    3
    2  
 
 
 
0
4
    1
 
    3
 
    3
    3
 
 
 
0
3
    1
 
    2
 
    3
    3  
 
 
 
0
3
    1
 
    2
 
    3
    2  
 
 
 
13
4
    1
 
    3
 
    3
    3  
 
 
 
0
2
    -
 
    25
 
    2
    1  
Inzidenz derSpätblutungen:
Total
trotz Prophylaxe
 
 
3.7/100’000
2.5/100’000
 
 
4.8/100’000
3.2/100’000
 
 
3.6/100’000
2.4/100’000
 
 
3.6/100’000
2.4/100’000
 
 
4.9/100’000
3.2/100’000
 
 
3.6/100’000
2.4/100’000

 

1  Assoziierte Hirngefässmissbildung,

2  Ein Kind erhielt noch die fettlöslichen KonakionÒ-Tropfen. Ab Mitte 1995 wurde bei > 95% der Kinder eine orale Prophylaxe am 1. und 4. Tag mit je 2 mg des neuen Mischmizellen-Präparates (Konakion-MMÒ) durchgeführt.

3   Im Zusammenhang mit Kawasaki-Syndrom und erhöhten Leberwerten (Synthesestörung?) aufgetreten.

4   Keine Prophylaxe durchgeführt, Vitamin-K-Mangel nicht labormässig nachgewiesen.

5  Ein Kind nur eine Dosis Vitamin K, ein Kind mit Cholestase und zweiter Dosis i.v.!


Kongenitale Röteln

(HP. Zimmermann, Bern)

Im Jahr 2000 wurde kein Fall von kongenitalen Röteln gemeldet. Auch im Rahmen des obligatorischen Meldesystems erfolgten keine Meldungen von kongenitalen Röteln oder von Rötelnerkrankungen in der Schwangerschaft. Von 1995-2000 sind in der Schweiz insgesamt vier Fälle von kongenitalen Röteln aufgetreten, respektive gemeldet worden (zwei sichere 1995 und 1996), ein möglicher (1995) und ein fraglicher Fall (1999)). Zwei Frauen waren ausländischer Nationalität (Ex-Yugoslawien, Georgien), zwei Frauen waren geimpft (einmal anamnestische Angabe). Im Rahmen des obligatorischen Meldewesens wurde 1999 zudem eine laborbestätigte Rötelnerkrankung bei einer 40jährigen Frau in der vierten Schwangerschaftswoche gemeldet, welche eine Interruptio zur Folge hatte.


Akute schlaffe Lähmungen

(C. Bourquin, Bern)

Die Überwachung der akuten schlaffen Lähmungen (ASL) hat zum Ziel, alle allenfalls auftretenden Poli-omyelitisfälle zu erfassen und Risikogebiete zu identifizieren. Die Qualität der Überwachung wird durch zwei Parameter bestimmt:

1) Die Rate der erfassten Fälle von ASL, welche nicht durch eine Poliomyelitis bedingt sind, ist ein Mass für die Sensitivität der Erfassung: sie sollte mindestens 1 / 100'000 Kinder unter 15 Jahren betragen.

2) Der Anteil der ASL-Fälle, welche durch adäquate Stuhluntersuchungen auf Polioviren abgeklärt werden sollte mindestens 80% betragen.

Die im Jahr 2000 gemeldeten Fälle und die ASL-Überwachung seit 1995 sind in den Tabellen 5 und 6 zusammengestellt.


Tabelle 5:

SPSU 2000: Gemeldete Fälle von akuten schlaffen Lähmungen (ASL)

 

Alter

(Jahre)

Geschlecht

Diagnose

Untersuchung auf Polioviren

Polioimpfung: Anzahl Dosen Jahr letzte Dosis

1

4

w

Plexusneuritis

Stuhl (1 x neg)

4/1996

2

11

w

Guillain-Barré-Syndrom

Stuhl (2 x neg)

ja

3

11 Mt

w

Guillain-Barré-Syndrom

Nein

3/1999

4

2

m

Guillain-Barré-Syndrom

Stuhl (1x neg)

ja

5

13

m

Guillain-Barré-Syndrom

Stuhl (2 x neg)

ja

6

7

m

Guillain-Barré-Syndrom

Stuhl (1x  neg)

ja

7

7

w

Guillain-Barré-Syndrom

Stuhl (2 x neg)

ja

8
4
m
Guillain-Barré-Syndrom Nein ja
9*
4
m
Akute schlaffe Lähmung Stuhl ( 2 x neg) ja
10
9
w
Hemisyndrom li mit Facialisparese Nein ja
11
15
m
Neuroborreliose Stuhl (2 x neg) 5/1995
12
11
w
Guillain-Barré-Syndrom Stuhl (2 x neg) 5/1996

*Fall vom schweizerischen Referenzlabor für Poliomyelitis gemeldet (Resultate der Isolierung von Polioviren (Stuhluntersuchungen)


Tabelle 6:

SPSU 1995-2000: Gemeldete Fälle von akuten schlaffen Lähmungen (ASL) bei Kindern <15 Jahren

Jahr

Total ASL

Total  ASL "Non Polio"*

Rate ASL total

(pro 100‘000)

Total ASL mit 2 Stuhlproben

% der ASL-Fälle mit adäquater Stuhluntersuchung

2000

12

12

1,0

6

50%

1999

8

  7

0,6

1

14%

1998

 8

  7

0,6

0

   0 %

1997

14

13

1,1

1

   7 %

1996

10

  8

0,9

0

   0 %

1995

10

  8

0,9

0

   0 %

*  Fehlende Information (ergänzender Fragebogen) für je einen Fall 1997/98/99 und je zwei Fällen 1995/96


Die Erfassung der Fälle von akuten schlaffen Lähmungen (ASL) sowie die virologischen Stuhluntersu-chungen sind im Vergleich zu den Vorjahren besser geworden. Erst mit der Erfassung und adäquaten virologischen Abklärung einer ausreichend hohen Zahl von ASL können wir belegen, dass unser Melde-wesen im Falle einer Polioerkrankung diese auch mit hoher Wahrscheinlichkeit erfassen würde. Die Erfassung der ASL hat somit keinen diagnostischen Wert, sie ist lediglich der Qualitätsmassstab für un-ser Polio-Meldewesen. Die Stuhluntersuchungen sind kostenlos und werden durch das BAG finanziert. Sie sind im Nationalen Referenzlabor für Poliomyelitis in Basel (Prof. K. Bienz) durchzuführen.

Trotz der beobachteten Verbesserung der ASL-Überwachung ist das Komitee für den Nachweis der Po-lioeradikation aber immer noch nicht in der Lage, die Schweiz als poliofrei zu erklären. Die dazu notwen-digen Kriterien werden immer noch erst teilweise erfüllt. Wir sind daher auf die Mitarbeit aller Kliniken angewiesen, um die ASL-Überwachung weiter verbessern und eine ausreichende Qualität erreichen zu können.

 


Hämolytisch-urämisches Syndrom

(H. Schmid, Bern, C. Rudin, Basel, A.P. Burnens, Bern, M.G. Bianchetti, Bern)

Das Hämolytisch-urämisches Syndrom wurde im April 1997 in das Meldeprogramm der SPSU aufge-nommen, um die Inzidenz der Krankheit in der Schweiz zu ermitteln und bessere Kenntnis ihrer klini-schen und epidemiologischen Charakteristika zu gewinnen. Zu melden ist jedes Kind bis zum Alter von 16 Jahren, bei dem die klinisch-biochemische Diagnose eines hämolytisch-urämischen Syndroms vor-liegt.

Im vierten Meldejahr (1. April 2000 - 31. März 2001) sind acht Fälle gemeldet worden. Dies bedeutet gegenüber den drei vorgängigen Jahresperioden (24, 17 und 21 Fälle) einen deutlichen Rückgang.

Die bekannte Assoziation zwischen dem hämolytisch-urämischen Syndrom und Infektionen mit Veroto-xin-produzierenden E. coli (VTEC) [3-6] konnte im bisherigen Verlauf dieser Studie bestätigt werden. Seit Einführung der neuen Meldeverordnung am 1. März 1999 [7] besteht eine Meldepflicht der Laboratorien und Ärzte für Infektionen mit diesen Erregern, die auch als Enterohämorrhagische E. coli (EHEC) be-zeichnet werden. Auch bei diesen Meldedaten zeigte sich eine abnehmende Tendenz, mit 107 Fällen im Jahr 1999 und nur noch 48 im Jahr 2000.
Das Nationale Zentrum für enteropathogene Bakterien (NENT) erhielt im vierten Meldejahr von vier der acht Fälle Stuhlproben. Nur in einer von ihnen konnte ein Stamm von Verotoxin-produzierenden E. coli (VTEC) isoliert werden.

Dem hämolytisch-urämischen Syndrom geht meistens eine Episode von Diarrhöe voran [3-5]. Im vierten Studienjahr traf dies für sieben der acht Fälle zu. Beim einzigen Fall ohne prodromale Diarrhöe waren respiratorische Symptome und Erbrechen als prodromale Symptome festgestellt worden. Die Charakte-ristika aller bisherigen 70 Fälle können der Tabelle 7 entnommen werden.

Die SPSU hat beschlossen, das hämolytisch-urämische Syndrom noch ein weiteres Jahr, d.h. bis zum 31. März 2002, im Meldeprogramm zu belassen.


Tabelle 7:

SPSU 1997-2001: Charakteristika der von 1.4.1997 bis 31.3.2001 gemeldeten Fälle von hämolytisch-urämischem Syndrom

 

Meldeperiode

Total

4/97 - 3/98
n

4/98 - 3/99
n

4/99 - 3/00
n

4/00 - 3/01
n

Total

24

17

21

8

70

Todesfälle

0

2

1

0

3

Geschlecht
         Männlich
         Weiblich
 
12
12
 
9
8
 
11
10
 
5
3
 
37
33
Alter (Jahre)
   0  -    1
   2  -    4
   5  -    9
   10  -  12
11
8
3
2
 
7
7
3
0
2
15
4
0
 
2
5
1
0
22
35
11
2
Kategorie
   mit prodromaler Diarrhöe
   ohne prodromale Diarrhöe
 
21
3
 
12
5
 
17
4
 
7
1
 
57
13
Klinische Charakteristika (im Akutstadium):
   Anämie
   Anurie oder Oligurie
   Hypertonie
   Fieber
   Gelbsucht
   Krämpfe
   Hirnblutung
   Enzephalopathie
   Sepsis
   Nebennierenblutung
   Thrombose
   Ileo-colische Invagination

Komplikationen:
   Persistierende Niereninsuff
   Terminales Nierenversagen
   Pankreatitis
   Kardiomyopathie
   Diabetes mellitus
 
 
24
12
14
10
5
2
0
0
1
0
0
0
 
 
5
2
0
0
0
 
 
17
13
9
6
6
3
2
2
0
1
0
0
 
 
6
1
3
1
1
 
 
21
12
7
10
7
3
1
0
0
0
0
1
 
 
5
0
0
1
0
 
 
8
5
6
5
2
3
0
0
0
0
1
0
 
 
1
0
1
0
0
 
 
70
42
36
31
20
11
3
2
1
1
1
1
 
 
17
3
4
2
1

 

Akutes rheumatisches Fieber

(D. Bolz, Basel)

Das akute rheumatische Fieber ist in den westlichen Ländern selten geworden. Die Verlaufsformen sind vermehrt nicht mehr typisch und die Diagnosestellung schwierig. Die Inzidenz in der Schweiz ist nicht bekannt. Ebenso gibt es keine epidemiologischen Daten über das Auftreten und die Verläufe von Fällen mit schwerer Endokarditis. Letztere ist entscheidend für die Langzeitprognose, sowohl bezüglich Morbi-dität als auch Mortalität. Zur Ermittlung der Inzidenz und der Manifestationstypen wurde die Erfassung des akuten rheumatischen Fiebers am 1. Juni 2000 ins Programm des SPSU aufgenommen. Zur Diag-nosestellung sollen die Kriterien nach Jones angewendet werden [8].

In den ersten 7 Monaten der Erfassung wurden 2 Fälle mit akutem rheumatischem Fieber gemeldet. Diese Häufigkeit entspricht in etwa den Erwartungen. Für eine epidemiologische Aussage ist die Erfas-sungszeit aber noch zu kurz.

Von den gemeldeten Patienten erfüllt der eine die diagnostischen Kriterien und auch der vorausgegan-gene Streptokokken-A-Infekt ist klinisch und labormässig gut dokumentiert. Als Residuum blieb eine leichte bis mittelschwere Mitralinsuffizienz. Eine Langzeitprophylaxe mit Erythromycin (Hautreaktion auf Penicillin) wurde begonnen. Beim zweiten Patienten ist die Diagnose unsicher: Es gibt keine eindeutigen Hinweise für einen vorausgegangenen Streptokokken-A-Infekt; die leichte Aorteninsuffizienz könnte ein residueller Befund bei St. n. ARF vor 5 Jahren im Ausland (Ex-Jugoslawien) sein und die Symptomatik könnte auch einer parainfektiösen Arthritis bei viralem Infekt entsprechen. Trotz fraglicher Diagnose ist in diesem Fall wegen der belasteten Anamnese eine antibiotische Langzeitprophylaxe indiziert.

 

 

Frühsommer-Meningoenzephalitis

(J. Stähelin, Hp. Gnehm, Aarau)

Die SPSU-Erfassung von Kindern mit FSME hat im Mai 2000 begonnen. Über die SPSU wurden bisher fünf FSME-Fälle gemeldet. Anhand des serologischen Verlaufs hat sich ein Fall davon nicht bestätigt. Der Fragebogen von einem weiteren Kind ist noch ausstehend. Das BAG hat zusätzlich noch sechs La-bormeldungen von hospitalisierten Kindern mit positiven FSME-Serologien erhalten, die nicht durch die SPSU erfasst wurden. Bei zwei dieser Meldungen wurden die Studien-Einschlusskriterien einer Menin-goenzephalitis erfüllt. Bei vier Patienten sind die Fragebögen noch ausstehend. Als Bilanz ergeben sich fünf gesicherte plus fünf noch nicht bestätigte FSME-Fälle. Bei noch zahlreich ausstehenden Fragebö-gen kann über den akuten Verlauf noch keine Auswertung gemacht werden. Aussagen über den mittel-fristigen klinischen Verlauf (6 Monate nach Erkrankung) sind erst im Verlauf des Jahres 2001 möglich. Da die FSME über das Labor meldepflichtig ist, kann die Vollständigkeit der SPSU-Erfassung überprüft werden. Zur Zeit sind nur zwei gesicherte FSME-Fälle durch die SPSU nicht erfasst worden. Einer dieser Patienten wurde nicht erfasst, weil er auf einer medizinischen Abteilung für Erwachsene hospitalisiert wurde. Der andere Fall ist nicht näher erklärt.

 

 

Hospitalisierte VZV- Infektionen

(U. Heininger, Basel, C. Aebi, Bern, D. Nadal, Zürich, U.B. Schaad, Basel, Studienkoordinatoren: G. Bär, J. Bonhoeffer, Basel)

Seit April des Jahres 2000 wurden Fälle von Hospitalisationen bei Varicella-Zoster-Virus (VZV)-Infektionen in das Meldesystem der SPSU neu aufgenommen, um die Art und Häufigkeit von Komplikati-onen der VZV-Infektion bei Kindern und Jugendlichen in der Schweiz zu erfassen. Der geplante Erfas-sungszeitraum beträgt zunächst zwei Jahre. Zu melden sind alle Kinder bis zum 16. Lebensjahr, bei denen die Diagnose "Varizellen" oder "Zoster" binnen 14 Tagen vor oder während des stationären Auf-enthaltes gestellt wurde.

Während der Meldeperiode von April 2000 bis Dezember 2000 wurden 58 hospitalisierte VZV-Infektionen gemeldet (Tabelle 8), davon 53 Fälle (91%) mit primärer VZV-Infektion und fünf Fälle (9%) mit endogenem Rezidiv (Zoster). Die Zahl der monatlich gemeldeten Fälle zeigt eine erhebliche Variabilität (2-14 Fälle). In 74% der Fälle war die VZV-assoziierte Symptomatik bzw. Komplikation der eigentliche Hospitalisationsgrund. Bei 26% trat die VZV-Erkrankung dagegen zufällig koinzidierend mit einem anderen Hospitalisationsgrund auf, zum Teil überraschend während des stationären Aufenthaltes. Bei 17 Patienten (29%) lag eine chronische Grunderkrankung vor. Der Grossteil der Kinder war zum Zeitpunkt der Hospitalisation 0-5 Jahre alt, 21% der gemeldeten Kinder waren Säuglinge. Bislang wurden keine Todesfälle im Zusammenhang mit VZV-Infektion bekannt, wohl aber einige zum Teil schwerwiegende Komplikationen durch assoziierte bakterielle Infektionen. Die Rücklaufquote der sechs Monate nach Hospitalisation verschickten Nachfragebögen liegt zurzeit bei etwa 90%.

Tabelle 8:

SPSU 2000: Meldungen von hospitalisierten VZV-Infektionen

Meldemonat

Anzahl
n

VZV primär

Zoster

primär gesund

chronische Grunderkr.

Hospitalisationsgrund

Varizellen-Zoster-Symptomatik

anderer

April

14

14

0

9

5

9

5

Mai

11

10

1

8

3

11

0

Juni

11

10

1

9

2

6

5

Juli

4

4

0

3

1

2

2

August

2

2

0

1

1

2

0

September

2

2

0

2

0

2

0

Oktober

6

5

1

3

3

4

2

November

4

3

1

3

1

4

0

Dezember

4

3

1

3

1

3

1

Total

58

53

5

41

17

43

15

 


Bundesamt für Gesundheit
Abteilung Epidemiologie und Infektionskrankheiten
SPSU-Komitee

 


Literatur:

  1. Zimmermann H, Desgrandchamps D, Schubiger G. The Swiss Paediatric Surveillance Unit (SPSU). Soz Prä-ventivmed 1995; 40: 392-5
  2. Schubiger G, Roulet M, Laubscher B. Vitamin K1-Prophylaxe bei Neugeborenen: Neue Empfehlungen. Schwei-zerische Ärztezeitung 1994; 75: 2036-7
  3. Karmali MA, Steele BT, Petric M, Lim C. Sporadic cases of hemolytic uremic syndrome associated with faecal cytotoxin and cytotoxin-producing Escherichia coli in stools. Lancet 1983; 1: 619
  4. Burnens AP. Bedeutung von Escherichia coli O157 und anderen Verotoxin bildenden E. coli. Mitt Gebiete Le-bensm. Hyg. 1996; 87: 73-83
  5. Fitzpatrick M. Haemolytic uraemic syndrome and E. coli O157 (Editorial). BMJ 1999; 318: 684-5
  6. Verweyen HM, Karch H, Allerberger F, Zimmerhackl LB. Enterohemorrhagic Escherichia coli (EHEC) in pediatric hemolytic-uremic syndrome: a prospective study in Germany and Austria. Infection 1999; 27: 341-7
  7. Schweizerischer Bundesrat. Verordnung über die Meldung übertragbarer Krankheiten des Menschen (Melde-Verordnung) vom 13. Januar 1999 (SR 818.141.1). Eidg. Drucksachen- und Materialzentrale, Bern 1999
  8. Guidelines for the diagnosis of rheumatic fever. Jones Criteria, 1992 update. Special Writing Group of the Committee on Rheumatic Fever, Endocarditis, and Kawasaki Disease of the Council on Cardiovascular Disease in the Young of the American Heart Association. JAMA. 1992;268:2069-73 (Erratum in JAMA 1993; 269: 476)


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Dernière mise à jour du site: 25.06.2008