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Frage an den Spezialisten :
Neonatale Bluttransfusion und Hepatitis C im Erwachsenenalter.
In The Lancet 2000; 356:1572-3 findet sich eine kurze Mitteilung unter dem
Titel "association between neonatal blood microtransfusion in the 1960s
and hepatitis C virus infection.".
Diese Publikation veranlasst mich zu folgenden Ueberlegungen:
1. Die Indikation zur Transfusion irgend einer Blutportion sollte mit extremer
Strenge gestellt werden, da wir nicht wissen, welche infektiösen Partikel
wir zur Zeit verpassen.
2. Wir alle kennen Mütter mit einer Hepatitis C (meist zu Beginn der
Schwangerschaft diagnostiziert). Wissen wir immer, und vor allem, wissen die
betreffenen Mütter immer, woher ihre Infektion mit dem Hepatitis C-Virus
stammt?
Frage
Ich möchte deshalb die zwei folgenden Fragen stellen:
1. Seit wann wird das Hepatitis C-Virus (HCV) in der Schweiz in Blutprodukten
gesucht, bzw seit wann können wir sicher sein, nicht versehentlich Hepatitis
C-Viren transfundiert zu haben?
2. Kann eine in der Neugeborenenperiode erworbene Hepatitis C retrospektiv mit
Hilfe der Guthrie-Karte dokumentiert werden?
R. Schlaepfer, La Chaux-de-Fonds
Antwort
Obgleich das Vorkommen einer Hepatitis Non-A-non-B (HNANB) bereits 1974 bekannt
war1, wurde erst 1988/89 der Erreger der meistens
parenteral übertragenen und der sogenannten sporadischen HNANB durch molekularbiologische
Methoden identifiziert und charakterisiert2. Diese
Entdeckung und anschliessende Charakterisierung führte rasch zur Entwicklung
von serologischen Nachweismethoden. 1989 wurde der erste 1. Generationstest
zum Nachweis von anti-HCV Antikörpern eingeführt3.
Später wurden dann auch Tests zum Nachweis von viraler RNA entwickelt,
mit deren Anwendung nur ganz wenige Hepatitis C Viren in klinischem Material
nachgewiesen werden können.
Vor der Einführung von obligatorischen Screening-Tests für HCV, sind
posttransfusions bedingte Hepatitiden, ausgelöst durch HCV relativ häufig
vorgekommen. In verschiedenen Studien wurde gezeigt, dass das Vorkommen von
solchen Transfusionszwischenfällen, vor der Einführung von HCV-Screening
Tests, bei Kindern ungefähr bei 10-20 % lag.4,5,6,7
Die Daten weisen darauf hin dass Neugeborene, welche vor 1992, also vor Beginn
des anti HCV-Screenings, Blut und Blutprodukte erhalten haben, heute einen gewichtigen
Anteil von Patienten mit chronischer Hepatitis C ausmachen 8,9,10,11,12.
Die klinischen und labordiagnostischen Anzeichen einer chronischen Hepatitis
sind in der frühen Kindheit relativ mild bis aysmptomatisch und aus diesem
Grund nicht einfach zu erkennen9,10.
Bei perinatalen Infektionen zeigen die Daten von verschiedenen Studien, Transmissionen
von HCV von den infizierten Müttern auf ihre Neugeborenen. 6% der Neugeborenen
von Müttern, welche anti-HCV positiv waren und deren 10% bei HCV-RNA positiven
Müttern. Eine wichtige Beobachtung dabei war, das der Virustiter eine entscheidende
Rolle zu spielen scheint. Bei Titern die kleiner als 106 Viren/ml fand keine
Übertragung von den Müttern auf die Kinder statt. Im Gegenteil dazu
ereignete sich in 36% eine Übertragung, wenn mehr als 106 Viren / ml im
mütterlichen Blut gemessen wurden13,14. Das
Center for Disease Control (CDC, USA) nimmt an, dass die perinatale Transmission
durchschnittlich 5-6% betrug15. Bei Neugeborenen,
deren Mütter eine Doppelinfektion mit HIV und HCV hatten, wurde das Hepatitis
C Virus zu 14 % 16. Das ist darauf zurück
zu führen, dass bei HIV/HCV Doppelinfektionen die Virustiter für HCV
höher sind als bei Monoinfektionen mit HCV allein.
Transmissionen via Muttermilch konnten bis heute noch nicht nachgewiesen werden.
Obwohl das Hepatitis C Virus in Muttermilch nachgewiesen werden konnte, war
die Übertragungsrate nicht höher als bei Neugeborenen, die mit Flaschenmilch
ernährt wurden16.
Aus heutiger Sicht fahrlässige Spendeauswahlkriterien, schlecht empfindliche
Labortests zum Nachweis von spezifischen Infektionserregern, sowie noch ungenügend
wirksame Plasma-Inaktivierungsmethoden trugen dazu bei, dass damals Zehntausende
von Transfusionsempfängern an Hepatitis C erkrankten und später viele
daran starben.
Infektionserreger können prinzipiell auf zwei Arten nachgewiesen werden.
Entweder durch den Nachweis des Erregers selbst oder aber durch die Reaktion
des Immunsystems der infizierten Person auf diesen Erreger, also den Nachweis
erregerspezifischer Antikörper. Der Nachweis der erregerspezifischen Antikörper
für HCV ist heute in der Schweiz die Methode der Wahl. Diese Analyse wird
in der Schweiz seit dem 1. Juli 1990 an allen Blutspenden durchgeführt.
Heute sind wir bei der 3. Testgeneration angelangt, die bezüglich Sensitivität
und Spezifität wesentlich besser ist als die zu Beginn der 90er Jahre eingesetzten
1. Generationsassays. Der Vorteil dieser serologischen Methoden liegt darin,
dass Antikörper nach einer kurzen Anlaufzeit (diagnostisches Fenster),
die je nach Erreger verschieden lang ist, während der ganzen Dauer der
Infektion und in der Regel dann lebenslang im Blut nachweisbar sind.
Eine sehr kleine Lücke besteht noch in der Frühphase der Infektion.
In dieser Frühphase breitet sich das Virus im ganzen Körper aus. Da
es noch auf ein unvorbereitetes Immunsystem trifft, werden im Gewebe und im
Blut noch hohe Viruskonzentrationen erreicht. Die oben beschrieben, serologischen
Tests weisen bei einer infizierten Person nicht direkt das Virus nach, sondern
die Immunantwort des Körpers auf die Infektion. Während dieser Frühphase
der Infektion konnte der menschliche Organismus noch keine Antikörper bilden
und deshalb kann in dieser Phase ein noch so empfindlicher Antikörpertest
keine Infektion nachweisen. Dieses sogenannte diagnostische Fenster für
die Antikörpertests, ist je nach Virus verschieden lang. Neue auf der Nukleinsäure-Amplifikations-Technologie
(NAT) basierende Verfahren können dieses diagnostische Fenster verkürzen.
Bei HCV beträgt diese diagnostische Lücke durchschnittlich 82 Tage17.
Seit der obligatorischen Einführung der Nukleinsäure-Amplifikationstechnik
(NAT) am 1. Juli 1999 für das Hepatitis C Virus für das Blutspendewesen
in der Schweiz konnte diese diagnostische Lücke bis auf durchschnittlich
23 geschlossen werden17. Die theoretisch errechnete
Wahrscheinlichkeit ergibt heute ein Restrisiko von 1 Fall in 3 Millionen Spenden
für die Schweiz18.
Die Laboranalysen, sind aber nur ein wichtiges Standbein, welches die Sicherheit
der Blutprodukte garantieren.
Diese Sicherheit wird durch eine Reihe von Massnahmen erzielt. Die Grundlage
für sichere Blutprodukte bilden die freiwilligen, unbezahlten Blutspender,
die teilweise seit Jahrzehnten dem Blutspendedienst die Treue halten und regelmässig
spenden gehen.
In zweiter Linie trägt die spendenärtzliche Befragung der Blutspender
nach ihrem Gesundheitszustand, durchgemachten Krankheiten, medizinischen Eingriffen
und dem infektiologischen Risikoverhalten zur Sicherheit von Blutprodukten bei.
Ein weiterer Punkt ist heute die lückenlose Dokumentation der Daten jeder
Blutspende und aller Blutspender. Falls einmal eine infektiöse Blutspende
auftauchen sollte, können die entsprechenden Blutprodukte rasch und effizient
gesperrt und vernichtet werden.
Die letzte Massnahme die zur hohen Sicherheit von Blutprodukten beiträgt,
ist wie vorangehend schon kurz erwähnt die Labortestung an sämtlichen
Spenden.
Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass diese 4 Eckpfeiler (Spender,
spenderärztliche Befragung, Datendokumentation, Labortestung) heutzutage
für eine ausgesprochen hohe Sicherheit von Blut und Blutprodukten führen.
Der Nachweis von Antikörpern aus Guthrie-Karten, welche gegen das Hepatitis
C Virus gerichtet sind, wurde schon gezeigt19.
Der Nachweis von CMV DNA aus Filterpapier der Guthrie-Karten mit Hilfe der
Polymerase Kettenreaktion (PCR) wurde schon in mehreren Publikationen beschrieben20,21,22.
Ob die gleiche Methodik auch für RNA Viren angewandt werden kann ist mir
nicht bekannnt. Bekanntlich ist RNA wesentlich weniger stabil als DANN. Eine
Arbeitsgruppe aus den USA hat Säugetier-RNA und pflanzliche RNA auf spezielles
FTA Papier aufgebracht und anschliessend aus diesem mit der PCR die RNA wieder
nachweisen können. Ob solche Untersuchungen mit Guthrie-Karten schon durchgeführt
worden sind ist mir nicht bekannt. Momentan wird diese Untersuchung in der Schweiz
meines Wissens für den Routinebetrieb noch nicht durchgeführt.
Zusammenfassend kann gesagt werden, dass die Empfänger von Blutspenden
in der Schweiz mit einem qualitativ hochwertigen Produkt transfundiert werden.
Ein Nullrisiko gibt es heute nicht und wird es auch in Zukunft nie geben, einerseits
weil sich Fehler im ganzen Prozess der Befragung der Spender bis hin zur Transfusion
beim Empfänger ereignen können und andererseits weil auch nicht auszuschliessen
ist, dass neue bis dahin unbekannte Erreger via Blut übertragen werden
können.
Ch. Niederhauser, Bern
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