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Gebärdensprache und gesprochene Sprache
: Konkurrenz oder Synergie ?
Wenn sich die Frage stellt, welches Kommunikationsmittel man den Eltern eines
jungen schwer hörgeschädigten/gehörlosen Kindes empfehlen soll, so findet sich
der Pädiater immer wieder ratlos zwischen den Verfechtern der oralen und der
visuo-gestuellen Sprache, die zwar bereits seit mehr als 200 Jahren existiert,
aber vor kurzem durch das Einsetzen von Cochleaimplantaten einen neuen Aufschwung
erlebt. Abgesehen von den ethischen und philosophischen Aspekten auf ein Recht
auf Verschiedenheit und auf eine eigene Kultur, die die Gemeinschaft der Gehörlosen
[i] für sich in Anspruch nimmt, wird von Seiten der Eltern,
aber auch von Seiten der Professionellen immer wieder ein wichtiger Punkt hervorgehoben,
nämlich der der Konkurrenz zwischen der Gebärdensprache und der gesprochenen
Sprache: "Wenn das Kind Zeichen lernt, wird es nicht sprechen lernen". Kann
man auf diese Frage mit wissenschaftlichen Daten aus der Neurobiologie oder
der Psychologie antworten?
Bevor wir uns jedoch dieser Frage stellen, muss man daran erinnern, dass verschiedene
Arten von gestueller Kommunikation existieren:
1) Die Gebärdensprache (GS) [ii]
ist eine eigenständige Sprache, die sich der visuo-gestuellen Modalität einer
Gemeinschaft von Gehörlosen bedient. Ganz im Gegensatz zu dem was man annehmen
könnte, handelt es sich dabei nicht um eine Reihe von Gebärden, die ein Objekt
oder eine Tätigkeit mimen, wie man sie etwa beim Bestellen von Essen in einem
fremden Land gebraucht, sondern um eine komplexe Sprache, die eigene grammatikalische
Regeln befolgt. Die GS ist von Land zu Land und von Region zu Region verschieden,
und Dialekte und Akzente existieren genauso wie bei der gesprochenen Sprache.
Die Hände werden dabei gebraucht, aber auch der Blick und die Mimik, welche
nicht nur die Emotionen, sondern auch grammatikalische Gegebenheiten (z.B. Aenderung
der Kopfhaltung und Heben der Augenbrauen = Konjunktiv) vermitteln, genau wie
bei einem Hörenden auch. Jedes Zeichen wird zusammengesetzt aus einer Konfiguration
(Position der Finger und der Hand), aus einer bestimmten Oertlichkeit (Gesicht,
Arm, Thorax) und einer genau definierten Bewegung. Diese drei Grundelemente
der Zeichen sind in ihrer Zahl begrenzt, genau wie die Laute bei jeder Sprache,
und sie werden gleichzeitig ausgeführt. Die Gebärden werden dann im Raum angeordnet,
in einer festgelegten Reihenfolge, um so ganze Sätze zu bilden. Die umfassenden
Prinzipien der gesprochenen Sprache wie Subjekt, Objekt, Handlung, Zahl und
Fall, werden in der GS angewandt, aber in ihrer eigenen Reihenfolge. Bei manchen
Gebärden (Trinken, Schlafen) ist der Bezug zur Handlung oder zu den entsprechenden
Objekten klar (ikonischer Aspekt), bei anderen Gebärden jedoch, ist der Bezug
nicht leicht nachvollziehbar oder willkürlich gewählt (z.B. ist das Zeichen
für Psychologie in der amerikanischen Gebärdensprache der griechische Buchstabe
psi). Die GS, ebenso wie die gesprochene Sprache, ist das Ausdrucksmittel der
Umgangssprache als auch des abstrakten Nachdenkens, des Humors, der Poesie und
der gesamten Kultur.
2) Lautsprachbegleitende Gebärden (Langue orale signée, signed english)2
:
hier handelt es sich nicht um eine Sprache sondern um ein Kommunikationssystem,
welches sich der Zeichen der Gebärdensprache bedient aber die Reihenfolge und
Grammatikregeln der jeweiligen gesprochenen Sprache befolgt. Dieses gemischte
System wird oft zwischen Gehörlosen und Hörenden und im Unterrichten der gesprochenen
Sprache von gehörlosen Kindern angewandt, um die Kommunikation "bildlich" zu
gestalten.
3) Dactylologie:
Manuelles Alphabet, das ein Buchstabieren der Wörter der gesprochenen Sprache
erlaubt. Diese Methode ist aber offensichtlich sehr langsam.
4) Cued speech oder Komplete Gesprochene
Sprache (KGS)2 :
ein Hilfesystem beim Lippenablesen bei dem man mittels Händen und Fingern Zeichen
gibt, die mit den Wörtern zusammenhängen, und welche es dem Hörbehinderten
erleichtern, gewisse Laute der Sprache (Phoneme) zu identifizieren. Jedes Phonem,
das Quelle von Verwirrung darstellt (p-b zum Beispiel) wird durch ein bestimmtes
Zeichen auf der Wange, dem Mund, dem Kinn oder dem Hals begleitet. Die Laute
werden immer noch auf den Lippen gelesen und können nicht ausschliesslich durch
die Gebärde erkannt werden. Das Lippenablesen und die KGS setzen gute Sprachkenntnisse
voraus, um die Lautabfolge eines Wortes voraussehen zu können und, um unvollständige
visuelle Angaben ergänzen zu können.
Es existieren noch mehrere andere Methoden der Gebärde, die dem Erlernen der
oralen und geschriebenen Sprache dienen. (z.B. Gebärden-Methode nach Borel-Maisonny).
5) Totale Kommunikation :
hierbei handelt es sich eher um eine Philosophie der Kommunikation als um eine
festgelegte pädagogische Methode. Diese Methode setzt den Willen voraus, alle
vorhandenen Kommunikationsmittel zu nützen, damit sich ein gehörloses Kind,
oder ein Kind mit kommunikativen Schwierigkeiten, verständlich machen kann oder
verstehen kann. Dabei wird der spontane Ausdruck, die freie Wahl des bevorzugten
Kommunikationsmittels in einer bestimmten Situation favorisiert, um eine gemeinsame
Sprache aus der gesprochenen und der visuellen zu kreieren. Die Gebärdensprache
für ein gehörloses Kind und die Benützung eines Bildbandes für ein motorisch
behindertes Kind wären Beispiele für diese Methode.
Erfolgt das Lernen der GS gleichzeitig oder in der Folge des Erlernens der
gesprochenen Sprache, so kann man von Zweisprachigkeit sprechen: der
Betreffende kann dann die GS mit ihren grammatikalischen Regeln mit anderen
Gehörlosen verwenden und die gesprochene Sprache mit den Hörenden. (Sich in
einer GS ausdrücken zu können ist also nicht Zweisprachigkeit). Die hörenden
Kinder eines gehörlosen Elternteils sowie eines hörenden Elternteils, die frühzeitig
mit der GS und der gesprochenen Sprache konfrontiert werden, stellen ein ideales
Modell dieser Zweisprachigkeit dar, auf die wir später noch zu sprechen kommen
.
Beiträge aus der wissenschaftlichen Forschung über die GS
Die Forschung über die GS hat seinen Anfang bereits vor 30 Jahren gefunden,
ist aber unter den Aerzten nicht gut bekannt. Die Forschung befasst sich nicht
nur mit den pädagogischen, soziologischen und linguistischen Aspekten der GS,
sondern auch deren Organisation im Gehirn und deren frühen Entwicklung beim
gehörlosen Kind.
1) Studien über gehörlose cerebralgeschädigte Erwachsene
In einem bemerkenswerten Buch mit dem Titel "Was die Hände über das Gehirn
aussagen" haben Poizner, Klima und Bellugi3 im Detail die
Verschlechterung der GS bei erwachsenen gehörlosen Patienten (angeboren oder
durch frühzeitig), die eine Verletzung der Blutgefässe in der rechten oder linken
Gehirnhälfte erlitten haben, studiert. Grundsätzlich haben sie folgendes festgestellt:
Im Gegensatz zur Intuition, die der rechten Gehirnhälfte eine vorrangige Rolle
beim Verarbeiten eines visuell-räumlichen Codes geben würde, ist die linke
Gehirnhälfte bei der GS dominant. Eine Verletzung links hat somit eine Verminderung
des Ausdruckes und einen Agrammatismus der GS zur Folge, wenn die frontale
Zone des Broca -Zentrums betroffen ist, was durchaus dem klassischen Modell
des Sprachverlustes entspricht. Ist eher die hintere Gehirnregion beeinträchtigt,
so werden die Gebärden zwar zahlreich zum Ausdruck gebracht, sind aber ungenau
und schwerer verständlich, was wiederum zur receptiven Aphasie des Hörenden
passt. Wenn die Verletzung die rechte Gehirnhälfte beeinträchtigt, ist die Leistungsfähigkeit
der GS bemerkenswert erhalten, obwohl die Patienten enorme Schwierigkeiten bei
der räumlichen Wahrnehmung und Nutzung im Gebiet der Orientierung, der Zeichnung
und der Konstruktion aufweisen, genau wie Hörende mit der gleichen Verletzung.
Interessant ist, dass die offensichtliche Vernachlässigung des Raumes links
verschwindet, sobald die Patienten selber Gebärden geben. Dies zeigt, dass ihr
Gehirn den Raum ganz anders behandelt, wenn es darum geht, grammatikalische
oder visuell-räumliche Verbindungen auszudrücken.
Die linke menschliche Gehirnhälfte weist also eine angeborene Prädisposition
zur Sprachaufnahme auf, die trotz des fehlenden Hörvermögens die GS wie eine
gesprochene Sprache behandelt. Und dies auch wenn die Zugangskanäle und Ausdrucksmöglichkeiten
dieser Sprache ganz anders sind. Die zusätzliche Spezialisierung der rechten
Gehirnhälfte zur Verarbeitung von nicht-sprachlichen, visuell-linguistischen
Informationen bleibt unverändert.
2) Studien zur funktionellen Bildgebung ( PET)5
Die Beobachtungen bei gehörlosen cerebralgeschädigten Patienten wurden anschliessend
durch die Erfahrungen in der funktionellen Bildgebung bestätigt, indem man
gesunde Gehörlose und Hörende, die mit der GS gar nicht vertraut oder zweisprachig
waren (Hörende, die seit ihrer frühesten Kindheit mit der GS konfrontiert worden
waren) untersuchte. Gesamtheitlich betrachtet, aktivieren alle Beobachteten
ihre Sprachzonen in der linken Gehirnhälfte, wenn sie ihre erste Sprache - gesprochen
oder gebärdet - anwenden. 4,5 Gehörlose zweisprachige Patienten,
welche die GS anwenden, aktivieren zusätzlich gewisse Bereiche der rechten Gehirnhälfte
und der hinteren Sehareale, - Bereiche, welche während der Anwendung der gesprochenen
Sprache nicht aktiviert werden. Sie zeigen an, dass die sprachliche Information
über getrennte Zugänge, auditiv oder visuell, in den Sprachbereich gelangen
können.
3) Studien zur Aneignung der GS während der Entwicklung
Die Studien zur Aneignung der GS als erste Sprache während der Entwicklung6
gehen auch dahin, dass das neurale Substrat, das für die Sprache bestimmt ist,
sein volles Potential unabhängig von der Art des hereinkommenden Zeichens realisieren
kann: Tatsächlich hat man festgestellt, dass das Erlernen der GS durch gehörlose
Kinder von gehörlosen Eltern im gleichen Rhythmus und den gleichen Stufen folgend
stattfindet, wie das Erlernen der gesprochenen Sprache: einfaches manuelles
Plappern, erste Gebärden, Zusammensetzen von zwei Zeichen und ganzen Sätzen.
Zudem zeigen Studien von zweisprachigen, hörenden Kindern ,deren ein Elternteil
sprechend und der andere gebärdend ist, und die seit ihrer Geburt beiden Sprachen
ausgesetzt sind, dass die ersten Wörter und die ersten Gebärden sozusagen gleichzeitig,
innerhalb weniger Stunden voneinander, auftreten.6
Somit ist eine Konkurrenz zwischen den beiden Sprachen in dieser Modellsituation
gänzlich auszuschliessen.
Wie bei den gesprochenen Sprachen, gibt es bei der GS eine kritische Phase
der Aneignung, die sich von der frühesten Kindheit bis hin zur Pubertät zieht,
mit einem besonders begünstigten "Fenster" zwischen der Geburt und 5-6 Jahren.2
Während dieser Phase gebrauchen die Kinder eine andere Aneignungsstrategie als
Erwachsene, indem sie eine Art von Diskrimination und automatisierter Selektion
anwenden ohne dabei die Grundelemente der gesprochenen Sprache oder der Gebärdensprache
zu kennen. Dies ermöglicht ihnen eine schnelle Beherrschung auch wenn die reproduzierte
Sprache des Erwachensen nicht perfekt ist.
Die Mehrheit der gehörlosen Kinder stammen von hörenden Eltern ab und werden
somit erst zwischen dem 3 .bis 7. Lebensjahr mit der GS konfrontiert, nämlich
dann, wenn sie zum ersten Mal einen speziellen Kindergarten besuchen.2
Die Beherrschung der GS wird also etwas weniger gut sein, als die derjenigen
Kinder, die seit ihrer Geburt damit aufwachsen, doch sie werden die GS immer
noch viel schneller lernen als Personen, die die GS erst als Erwachsene gelernt
haben.
4) Konkurrenz zwischen oralistischer Schulung und GS bei Kindern mit Cochleaimplantaten?
Cochleaimplantate werden mehr und mehr bei Kindern mit schwerer angeborener
oder durch frühkindlicher (prälingual) hervorgerufener Schwerhörigkeit empfohlen.
Bei den Fällen, die vor ihrem 5. Lebensjahr operiert werden, kann im allgemeinen
ein Erkennen von Lauten und Wörtern erzielt werden und die Verständlichkeit
der Aussprache verbessert sich.7 Das wirkliche Verstehen
der Sprache und deren Anwendung in einer effizienten verbalen Kommunikation
ist eine ganz andere Frage, die viel weniger studiert wurde. Das Verständnis
bleibt meistens limitiert, mit einer von Kind zu Kind unterschiedlichen Qualität,
und benötigt Jahre von Uebung. Regelmässiges auditives Ueben ist wichtig und
bei den meisten vorgeschlagenen Postimplantat - Rehabilitationsprogrammen wird
nachdrücklich auf die Notwendigkeit einer ausschliesslich oralen Schulung bestanden.
In einer kürzlichen transversalen Studie der Sprache einer Gruppe von 43 Kindern
im Alter von 8 bis 9 Jahren, die im Alter von 4 bis 6 Jahren ein Cochleaimplantat
benützten, wurden die Ergebnisse derjenigen Kinder, die eine ausschliesslich
oralistische (n=20) Umschulung erhalten hatten, mit den Ergebnissen von Kindern,
die eine sogenannte totale Kommunikation (n=23) erhielten, verglichen. Die Verfasser
fanden bessere Resultate bei der auditiven Diskrimination und bei der Verständlichkeit
in den Fällen, wo ausschliesslich die oralistische Schulung angewandt wurde.
Wobei sie jedoch anführen, dass die erste Gruppe zweimal so viele auditiv-verbale
Therapiestunden bekamen wie die zweite Gruppe, was alleine schon eine Erklärung
für diesen Unterschied wäre! Zudem ist diese Studie weder pros-
pektiv noch longitudinal und wir wissen nicht, wie die Kinder vor und nach
den Implantaten in gesprochener oder gebärdender Sprache kommunizierten. Wir
wissen ebenso wenig, ob die Kinder, die während der Studie eine gemischte Methode
anwandten, dies taten, weil das Resultat des Implantates nicht zufriedenstellend
war. Diese Informationen beweisen in keiner Weise, dass der Oralismus der einzig
mögliche Weg ist, sondern sie zeigen vielmehr an, dass eine gewisse Konkurrenz
zwischen der gesprochenen Sprache und der GS im Bereich der zur Ausbildung gewidmeten
Zeit für die jeweilige Methode existieren kann. Diese Informationen implizieren,
dass ein strukturiertes Programm und regelmässiges auditives Ueben notwendig
sind, damit das Kind in den vom Implantat ausgehenden sensorischen Signalen
einen Sinn erkennen kann und sollte dies nicht der Fall sein, es die visuo-gestuellen
Gebärden vorzieht, die natürlicherweise informativer und wirtschaftlicher für
das Kind sind. Die Schweden haben die Komplexität dieses Problems gut verstanden
und sind zur Uebereinstimmung gekommen, dass ein Kind nur dann ein Implantat
erhalten sollte, wenn es und seine Familie eine effiziente Kommunikation in
der GS beherrschen.9 Die Schweden haben ebenso eine Studie
begonnen, um den psychosozialen Werdegang von gehörlosen Kindern mit prälingualen
Implantaten, die eine Umschulung sowohl auditiv als auch mit der GS genossen,
zu untersuchen. Erste Resultate lassen erkennen, dass diese Kinder ähnliche
Kapazitäten zur Laut- und Wörteraufnahme in einem Kontext aufweisen, wie Kinder,
die in anderen Ländern beobachtet wurden, verfügen aber, dank der Beherrschung
der GS, über einen zusätzlichen effizienten linguistischen Code.
5) Die GS in einer aussergewöhnlichen medizinischen Gegebenheit, dem Sprachverlust
durch Epilepsie
Beim Sprachverlust durch Epilepsie (Landau Kleffner Syndrom) verliert ein kleines
Kind Sprachverständnis und -ausdruck durch eine Dysfunktion epileptischen
Ursprungs ,lokalisiert in den Gehörregionen des Gehirns (verbale Agnosie). Das
Kind kann während Monaten oder Jahren stumm und isoliert bleiben, wobei eine
Erholung mit antiepileptischer Therapie möglich aber auch von unterschiedlichem
Erfolg ist. Im Laufe der letzten 15 Jahren hatte ich die Gelegenheit, den Fall
eines Jungen zu verfolgen und studieren, der durch diese Krankheit einem Verständnis-
und ausdruckverlustes der Sprache zwischen 3.5 und 7 Jahren unterlag und dem
man in einer speziellen Schule die GS lehrte.10 Dieses hyperaktive
Kind, das keine Kommunikationsmöglichkeiten hatte, lernte die GS rasch während
der aktiven Phase seiner Krankheit, was ihm eine Schulausbildung ermöglichte.
Er hat so in der Folge die gesprochene Sprache wiedererworben, unterstützt durch
eine regelmässige logopädische Schulung. In dieser Situation fand eine Synergie
und keine Konkurrenz (wie dies die Eltern anfänglich befürchteten) zwischen
der GS und der gesprochenen Sprache statt und die kognitive und psychologische
Entwicklung war ausgezeichnet, wenn man die Frühzeitigkeit und Schwere des anfänglichen
Defizites in Betracht zieht.10
Schlussfolgerung
Die oben beschriebenen Beobachtungen zeigen, dass einem Menschen, dem schon
frühzeitig die Möglichkeit zu hören und eine gesprochene Sprache zu konstruieren
genommen wird, die biologische Anpassungfähigkeit erlaubt, an Hand von Gebärden
schnell und effizient über ein Kommunikations- und Darstellungsmittel zu verfügen.
Man hat festgestellt, dass der Laut nicht die einzig mögliche Grundlage für
die sprachliche Kompetenz und die Spezialisierung der Gehirnhälften darstellt.
Es existiert keine wissenschaftliche Grundlage, die beweisen könnte,
dass die GS mit der gesprochenen Sprache in Konkurrenz steht. Ganz im Gegenteil
gibt es von einem neurophysiologischen Gesichtspunkt aus betrachtet, gute Argumente
dafür, dass die GS die Entwicklung der Gehirnwindungen, die für die Sprache
verantwortlich sind, während der kritischen Phase der Kindheit erlaubt, indem
die fehlenden auditiven Kanäle "umgangen" werden. Vom psychologischen Gesichtspunkt
11 aus betrachtet, stellt das erfolgreiche Erlernen einer
ersten Sprache, mit all ihren affektiven, kognitiven und sozialen Facetten,
einen machtvollen Schalthebel dar zum Erlernen der geschriebenen und gesprochenen
Sprache. Vor allem dann, wenn die letztere durch auditive Unterstützung erfolgt
(Verstärker, Cochleaimplantate). Diese frühzeitige Zweisprachigkeit ist sicherlich
nicht leicht zu erreichen. Die Hindernisse des Erlernens sind jedoch keineswegs
von neurologischer oder kognitiver Natur, sondern rühren von der Schwierigkeit
der Professionellen und der Eltern her, zu akzeptieren, dass die erste Sprache
eines Kindes mit einer schweren und frühzeitigen Schwerhörigkeit/ Gehörlosigkeit
gestuell sein soll.
E. Roulet Perez, Lausanne
(Uebersetzung : Katharina Seidel, Herrliberg und Cornelia Heller,Meilen)
Referenzen :
siehe den französichen Text
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