PÄDIATRISCHE AIDS-GRUPPE SCHWEIZ (PAGS)
Mitglieder der Kommission
Ch.Rudin, Präsident; C.Aebi, Bern; W.Bär, Chur; U.Bühlmann,
Zürich; J.-J.Cheseaux, Lausanne; Maria-Pia Gianinazzi, Lugano; Hp.Gnehm,
Aarau; Jeanette Greiner, St. Gallen; U.Hunziker, Winterthur; C.Kind, St. Gallen;
J.Klingler, Biel; H.Kuchler, Sion; D.Nadal, Zürich; Claire-Anne Siegrist,
Genève; G.Schubiger, Luzern; Felicitas Steiner, Zürich, B.Vaudaux,
Lausanne; Claire-Anne Wyler, Genève
Sitzungen
Da die zweite reguläre Sitzung der Berichtsperiode erst Ende April 2001
stattfinden wird, kann diesmal nur von einem regulären Treffen, welches
am 22.11.2000 in Bern stattgefunden hat, berichtet werden.
Prävention der vertikalen Uebertragung - Therapie der mütterlichen
HIV-Infektion während der Schwangerschaft
In der Schweiz werden heute über 80% der schwangeren HIV-infizierten Frauen
während der Schwangerschaft mit antiretroviralen Substanzen behandelt.
Im Gegensatz zu früheren Jahren, in denen mit einer antiretroviralen Monotherapie
mit Retrovir gemäss PACTG-076-Protokoll v.a. die Vermeidung einer Virusübertragung
auf das Kind angestrebt worden ist, erhalten heute die meisten Frauen eine kombinierte
antiretrovirale Therapie, die auch eine optimale Therapie der Frau während
der Schwangerschaft gewährleistet. Ausserdem werden über 70% der Kinder
mittels elektiver Kaiserschnittentbindung (d.h. vor Wehenbeginn und Blasensprung)
zur Welt gebracht. Die Transmissionsrate liegt dank dieser Massnahmen in der
Schweiz heute unter 2% und unter kombinierter antiretroviraler Therapie sind
in den letzten Jahren nur noch zwei Kinder angesteckt worden, bei denen bekannte
Risiken die Virusübertragung begünstigt haben (Viruslast der Mutter,
vaginale Geburt, Frühgeburtlichkeit).
Noch immer ist die Frage nach der Sicherheit einer intrauterinen Exposition
gegenüber den verschiedenen Kombinationen von antiretroviralen Substanzen
während der Schwangerschaft für das Kind weitgehend offen. Wie bereits
berichtet, haben wir in der Schweiz bei derart exponierten Kindern je eine extrahepatische
biliäre Atresie, ein kongenitales Glaukom und eine Hirnblutung am Termin
beobachtet. In Frankreich hat Stephane Blanche inzwischen 8 gesicherte (3 nach
ZDV, 5 nach ZDV+3TC) und 10 wahrscheinliche mitochondriale Dysfunktionen bei
exponierten Kindern identifiziert. Erfreulicherweise wurden zwar bisher in keiner
anderen Studie ähnliche Beobachtungen gemacht, allerdings gibt es auch
in der Schweiz einige exponierte Kinder mit neurologischen Problemen, und die
Daten von St. Blanche sind sehr fundiert. Wir haben uns in der Schweiz inzwischen
dazu entschlossen, alle exponierten Kinder während mindestens 5 Jahren nachzukontrollieren mit besonderem Augenmerk auch auf die neurologische Entwicklung.
Es ist auch vorgesehen, in naher Zukunft den bereits geborenen Kindern mit neurologischen
Symptomen speziell nachzugehen.
Schliesslich konnte in der Schweiz ein weiteres Problem der kombinierten antiretroviralen
Therapie während der Schwangerschaft identifiziert werden. Offensichtlich
führen derartige Therapien zu einer erhöhten Frühgeburtlichkeit
und die Schweizer Beobachtung wurde inzwischen auch in der European Collaborative
Study bestätigt und gemeinsam publiziert (AIDS 14:2913-20 (2000)). Als
Folge dieser Nebenwirkung' antiretroviraler Therapien während der
Schwangerschaft hat in den letzten drei Jahren die Zahl der Notfall-Kaiserschnitte
in der Schweizer Studie zugenommen.
Antiretrovirale Therapie bei Kindern
In der Schweiz wurde sehr früh, nämlich bereits im Januar 1997, die
hoch-aktive antiretrovirale Therapie (HAART) im Rahmen eines PAGS-Protokolls
für infizierte, symptomatische Kinder eingeführt. Die im Rahmen dieser
prospektiven (compassionate use) Therapiestudie erhobenen Befunde wurden von
D. Nadal und Felicitas Steiner in Zürich gesammelt. Im Verlaufe des letzten
Jahres haben D. Nadal und Felicitas Steiner die Langzeitdaten und insbesondere
die Wachstumsdaten von 44 Kindern nach 72 Wochen präsentiert. Danach zeigen
v.a. Kleinkinder im Alter < 3 Jahren ein deutliches Aufholwachstum nach Therapiebeginn.
Die entsprechende Publikation wurde kürzlich bei AIDS eigereicht.
Leider hat Felicitas Steiner im Berichtsjahr ihre Tätigkeit im Rahmen
dieses Projektes beendet. Ich möchte die Gelegenheit dazu benützen,
ihr im Namen der PAGS für ihre wertvolle und effiziente Arbeit und die
angenehme Zusammenarbeit recht herzlich zu danken.
Die kombinierten antiretroviralen Therapien haben den Gesundheitszustand unserer
HIV-infizierten Patienten deutlich verbessert. Dennoch beobachten wir inzwischen
alle in einzelnen Fällen auch ein Therapieversagen. In solchen Fällen
ist es bei Kindern besonders schwierig, eine sinnvolle und sichere Therapieumstellung
durchzuführen. Für manche der in der Erwachsenentherapie bereits gut
eingeführte Substanzen existieren in der Pädiatrie kaum Erfahrungen.
Die Zusammenarbeit im Rahmen der PAGS ist bei derartigen Therapie-Entscheidungen
natürlich besonders wertvoll.
Schweizer Mutter+Kind HIV Kohortenstudie (MoCHiV)
Im Berichtsjahr konnte die neue Mutter-Kind Datenbank weiterentwickelt werden.
So wurden die Daten der Kinder, die in Zürich gesammelt worden sind, ebenfalls
in die Datenbank überführt. Aktuell umfasst die Datenbank Angaben
zu 1'047 Schwangerschaften mit 966 Lebengeburten und rund 450 vollständig dokumentierte Mutter-Kind-Paaren. Im Rahmen des MoCHiV-Projektes konnten auch
einige Zusatzprotokolle aufgenommen und finanziert werden (Pharmakokinetik antiretroviraler
Substanzen im Nabelschnurblut (C. Marzolini), Komplikationen der elektiven Sektio-Entbindung
(I. Hösli), SIDS bei mütterlichem Drogenkonsum (T. Rohrer) und natural
history bei nicht therapierten infizierten Kindern (internationales Projekt)).
Als Koordinatorin hat I. Hug mit viel Engagement an den Verbesserungen unserer
Datenbank gearbeitet. Auch ihr gebührt dafür grosse Anerkennung und
Dank.
Im Rahmen der bereits im Vorjahr erwähnten Meta-Analyse (NEJM 1999;340:977-87)
konnte der Einfluss der Dauer des Blasensprungs auf die Virusübertragung
von der Mutter auf das Kind besser charakterisiert werden. Diese Daten sind
kürzlich publiziert worden (AIDS 15:357-68 (2001)).
Am 23. Februar dieses Jahres hat in Basel ein Symposium zu geburtshilflichen
und pädiatrischen Aspekten der HIV - Infektion stattgefunden. Dieses von
sämtlichen Firmen, die antiretrovirale Substanzen herstellen, mitfinanzierte
Meeting konnte 150 TeilnehmerInnen aus der Schweiz und dem benachbarten Ausland
nach Basel locken. Die hervorragenden Referate von M.-L. Newell aus London,
G. Scott aus Miami, St. Blanche aus Paris und D. Nadal aus Zürich vermochten
einen einzigartigen Ueberblick über Erreichtes und ungelöste Fragen
zu vermitteln. Eine CD-rom, welche die von den Referenten präsentierten
Diapositive und eine von Claire-Anne Wyler aus Genf verfasste Zusammenfassung
enthält, wird von der GlaxoSmithKline im Monat April d. J. an interessierte
Kreise verteilt werden.
Schliesslich hat die PAGS in Zusammenarbeit mit der Subkommission Klinik der
eidgenössischen Kommission für AIDS-Fragen eine neue Richtlinie zum
Umgang mit akzidentellen Nadelstichverletzungen auf dem Spielplatz erarbeitet.
Dieses Papier ist auch in der Paediatrica veröffentlicht.
Nach wie vor ist die pädiatrische AIDS-Gruppe Schweiz ein nachahmenswertes
Beispiel für eine kollegiale und konkurrenzfreie gesamtschweizerische Zusammen-arbeit,
von der alle Beteiligten aber im Besonderen die Patienten sehr profitieren.
Ich möchte als Präsident der PAGS und von MoCHiV deshalb die Gelegenheit
dazu benützen, allen Beteiligten einmal mehr recht herzlich für ihren
wertvollen Beitrag zum fortgesetzten Erfolg dieser fruchtbaren Zusammenarbeit
zu danken.
Ch. Rudin, Basel
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