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Vorgehen im Falle von Verletzungen an Nadeln
an öffentlichen Orten
erschienen in BAG Bulletin 2001:17/01;338-339
Nach wie vor werden gebrauchte Spritzen und Nadeln von Drogenabhängigen
mitunter am Ort des Drogenkonsums zurückgelassen oder auf öffentlichem
Grund weggeworfen. Führen solche Spritzen zu akzidentellen Nadelstichverletzungen
von Kindern, löst dies im Allgemeinen bei den Eltern und den konsultierten
ÄrztInnen grosse Besorgnis und Emotionen aus, insbesondere wegen Ängsten
hinsichtlich einer HIV-Infektion.
Heute können wir Folgendes feststellen:
Die Häufigkeit solcher Nadelstichverletzungen hat in den letzten 15 Jahren
nicht wesentlich zugenommen:
| A |
Es wird viel unternommen, um öffentliche Plätze von wegge-worfenen
Spritzen freizuhalten; |
| B |
Die Programme zum Austausch gebrauchter gegen neue Spritzen haben Früchte
getragen; |
| C |
Die Erziehung der Kinder ist wirksam; |
| D |
Die Zahl der DrogenkonsumentInnen bleibt relativ stabil. |
Es darf auch festgestellt werden, dass derartige akzidentelle Verletzungen mit
Fixernadeln weltweit bis zum heutigen Tag zu keiner einzigen dokumentierten
(publizierten) Ansteckung mit dem HI-Virus geführt haben. Im Vergleich
zur Gefahr einer Ansteckung mit HIV ist das Risiko einer Übertragung von
Hepatitis B und C mindestens zehnmal höher einzustufen, wobei allerdings
auch für solche Fälle in der Literatur keine gesicherten Daten zu
finden sind. Die verfügbaren und hochwirksamen Massnahmen zur Vermeidung
einer Ansteckung mit dem Hepatitis-B-Virus sollten jedoch bei einem derartigen
Ereignis immer durchgeführt werden.
Neue Entwicklungen im Bereiche der verfügbaren Therapien gegen das HI-Virus
sind der Anlass für eine Präzisierung der Richtlinien zum Vorgehen
bei akzidentellen Nadelstichverletzungen an öffentlichen Orten und auf
Spielplätzen (siehe auch "Vorläufige Empfehlungen
zur HIV-Postexpositionsprophylaxe ausserhalb des Medizinalbereichs", Bulletin
des Bundesamtes für Gesundheit).
Die nachfolgenden Empfehlungen gelten nicht nur für Kinder, sondern auch
Jugendliche und Erwachsene, die Opfer derartiger akziden-
teller Nadelstichverletzungen weden.
Vorgehen
- Erheben einer möglichst präzisen Anamnese in Bezug auf das Unfallereignis,
den genauen Ort, den Zustand der Spritze, die Zeit und allfällige Zeugen.
- Das Sicherstellen der Spritze, die zum Unfall führte, ist im Allgemeinen
nicht notwendig. Es ist nicht sinnvoll, sichergestelltes Material mittels
direkter Nachweismethoden (PCR, p24-Antigentest) auf HIV zu untersuchen. Auch
serologische Untersuchungen am sichergestellten Material sind (auch wenn bei
genügend Untersuchungsmaterial in der Spritze manchmal möglich)
nicht sinnvoll.
- Initiale Blutentnahme (im unmittelbaren Anschluss an den Unfall):
Abnahme eines Nullserums (um im Falle eines positiven Befundes bei den nachfolgenden
Verlaufsuntersuchungen nachträglich eine Ausgangs-Serologie für
HIV, Hepatitis B (HBs-Antigen, -Antikörper, HBc-Antikörper), und
Hepatitis C durchführen zu können). Bei Hepatitis-B-geimpften Kindern
Bestimmung des HBs-Antikörpertiters.
Falls aus speziellen Gründen eine HIV-Postexpositionsprophylaxe (siehe
unten) in Betracht gezogen wird: ganzes Blutbild, Kreatinin, ASAT, ALAT, alkalische
Phosphatase, Amylase.
Prävention der Hepatitis B
Falls das Kind (noch) nicht geimpft ist:
aktive Impfung zum Zeitpunkt 0, nach einem und nach sechs Monaten (z.B. Engerix-B
[junior])® 0,5 ml i.m. [evtl. kombiniert mit Hepatitis- A-Impfung]) (in
Anbetracht des in dieser Situation auch für die Hepatitis B sehr geringen
Übertragungsrisikos und der in vielen Studien belegten Schutzwirkung einer
umgehend eingeleiteten aktiven Immunisierung als Transmissionsprophylaxe kann
bei derartigen Unfällen auf eine passive Immunisierung verzichtet werden).
Falls das Kind bereits geimpft ist:
- HBs-Antikörper >10 IU/l: keine Massnahmen
- HBs-Antikörper <10 IU/l: aktive Impfung (Rappel)
Tetanus-Impfung
Rappel in Abhängigkeit der bereits durchgeführten Impfungen (DiTe
Impfung für Kinder [Adult falls >8-jährig]):
- bei vollständigem Impfschutz,letzte Impfung vor <5 Jahren, keine
Injection de rappel
- bei vollständigem Impfschutz,letzte Impfung vor >5 Jahren, 0,5 ml
i.m.
- bei unvollständigem Impfschutz: bisher 1 Impfung: 0,5 ml i.m. sofort
und nach 4 Wochen; bisher 2 Impfungen: 0,5 ml i.m. sofort.
Prävention der hiv-infektion
Eine Postexpositions-Prophylaxe (PEP) wird generell NICHT empfohlen.
In Ausnahmefällen :
- Frisches Blut in der Spritze und tiefe Verletzung (i.m.) und/oder
- Benützer der Spritze bekanntermassen HIV-infiziert
- ZDV (Retrovir®) 2x180 mg/m2/Tag
und Lamivudin (3TC®) 2x4 mg/kg/Tag
und Nelfinavir (Viracept®) 3x30 mg/kg/Tag während 2-4 Wochen
(bei Erwachsenen können ZDV und Lamivudin als Combivir® 2x1 Tabl/Tag
+ Nelfinavir 3x750 mg/Tag verabreicht werden)
Im Falle einer Postexpositionsprophylaxe: Kontrolle des Blutbildes, der Leber-
und Nierenparameter und der Amylase nach zwei Wochen.
In allen Fällen
Serologische Abschlusskontrolle nach 6 Monaten: HIV, HBV (HBs- und HBc-Antikörper),
HCV. HIV evtl. bereits nach 3 Monaten (wenn die Eltern/Betroffenen sehr beunruhigt
sind).
Pädiatrische AIDS-Gruppe Schweiz (PAGS) und Subkommission Klinik (SKK)
der Eidgenössischen Kommission für AIDS-Fragen (EKAF)
Referenzen
- Subkommission Klinik (SKK) der Eidgenössischen Kommission für
AIDS-Fragen (EKAF): "Vorläufige Empfehlungen zur HIV-Postexpositionsprophylaxe
ausserhalb des Medizinalbereichs", Bulletin des Bundesamtes für
Gesundheit, S. 4-6, 22.12.1997.
- Centers for Disease Control and Prevention (CDC): Immunization of health-care
workers: Recommendations of the Advisory Committee on Immunization Practices
(ACIP) and the Hospital Infection Control Committee (HICPAC). MMWR 46 (RR-18):
22-23, 1997.
- American Academy of Pediatrics: Red Book 2000 - Report of the Committee
on Infectious Diseases. 25th Edition.
- Pädiatrische AIDS-Gruppe Schweiz (PAGS): Dr. Ch. Aebi, Bern, Dr. W.
Bär, Chur, Dr. U. Bühlmann, Zürich, Dr. J.J. Cheseaux, Lausanne,
Dr. M.P. Gianinazzi, Lugano, Prof. H. Gnehm, Aarau, Dr. U. Hunziker, Winterthur,
PD Dr. Ch. Kind, St. Gallen, Biel, Dr. J. Klingler, Dr. H.F. Kuchler, Sion,
Prof. D. Nadal, Zürich, Prof. Ch. Rudin, Basel, Prof. G. Schubiger, Luzern,
Prof. C. A. Siegrist, Genf, Dr. F. Steiner, Zürich, Dr. B. Vaudaux, Lausanne,
PD Dr. C. A. Wyler Lazarevitch, Genf.
- Subkommission Klinik (SKK) der Eidgenössischen Kommission für
AIDS-Fragen (EKAF), Mitglieder und Experten: Prof. M. Battegay, Basel, Dr.
E. Bernasconi, Lugano (Vorsitz), Dr. H. Binz, Solothurn, Prof. J. Schüpbach,
Zürich, Dr M. Flepp, Zürich, Dr. Hj. Furrer, Bern, Prof B. Hirschel,
Genf, Dr. J. Jost, Zürich, Prof R. Lüthy, Zürich, Prof. Ch.
Rudin, Basel, PD Dr. A. Telenti, Lausanne, Dr. J.J.Thorens (BAG), PD Dr. P.
Vernazza, St. Gallen.
- Pädiatrische AIDS-Gruppe Schweiz (PAGS) und Subkommission Klinik (SKK)
der Eidgenössischen Kommission
für AIDS-Fragen (EKAF)
- Bundesamt für Gesundheit
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