Masern-, Mumps-, Röteln-Durchimpfung bei Schulkindern in der Schweiz 1991-1998

erschienen in BAG-Bull. 2001(4), 65-67


Die vorliegenden Ergebnisse zur Durchimpfung bei Schulkindern in den Jahren 1991-1998 zeigen, dass die in der Schweiz erreichten MMR-Impfraten nicht ausreichen, um die Viruszirkulation zu unterbrechen. In der ersten Hälfte der 90er Jahre ist die Durchimpfung mit durchschnittlich 87% bei Schulbeginn und 83% am Schulende im wesentlichen konstant geblieben. Über die zweite Hälfte der 90er Jahre lässt sich aufgrund der spärlichen Daten keine Aussage mehr machen. Die ungenügende Durchimpfung hat zur Folge, dass in der Schweiz weiterhin Masern- und Mumpsepidemien auftreten und Frauen im gebärfähigen Alter an Röteln erkranken. Durch die rege Reisetätigkeit der SchweizerInnen besteht zudem das Risiko, diese Krankheiten zu exportieren und dadurch die in vielen Ländern durch grosse Anstrengungen im Impfbereich erreichten Erfolge bezüglich der Masernelimination zu kompromittieren.  


Einleitung

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat 1974 zur Bekämpfung von Infektions- krankheiten das weltweite Impfprogramm "Expanded Programme on Immunization" (EPI) ins Leben gerufen [1] und 1977 mit der Ausrottung der Pocken einen ersten grossen Erfolg erzielt. Das nächste wichtige Ziel ist die Eradikation der Poliomyelitis. Ein weiterer möglicher Kandidat für eine Eradikation bilden die Masern. In der WHO-Region Europa, wie auch in anderen Regionen, ist es das Ziel, die Masern bis 2007 zu eliminieren (lokale Unterbrechung der Erregerzirkulation). Bis 2010 ist die Zertifizierung der Masernelimination vorgesehen [2]. Die Ziele des schweizerischen Impfprogrammes werden in Abhängigkeit von der epidemiologischen Situation und in Abstimmung mit den Zielen der WHO fixiert. Die Impfung gegen Masern, Mumps und Röteln (MMR) ist in der Schweiz seit 1969 verfügbar. Die Rötelnimpfung für Mädchen wurde 1973 in den Routineimpfplan aufgenommen, die Masernimpfung 1976, die Mumpsimpfung 1981 und die kombinierte MMR-Impfung 1985. Seit 1996 wird die Verabreichung einer zweiten MMR-Dosis im Alter von 4-7 Jahren empfohlen. Die Durchimpfung in der Schweiz lag vor 1987 bei schätzungsweise 50% für Masern, für Röteln und Mumps war sie tiefer [3]. Um diese unbefriedigende Situation zu verbessern, wurde 1987 vom BAG und den Kantonen die MMR-Impfkampagne lanciert. Gleichzeitig wurden die Kantone auch auf die Notwendigkeit einer regelmässigen Erfassung der Durchimpfung aufmerksam gemacht. Eine erste Analyse dieser Erhebungen in den Jahren 1987-90 wurde 1991 im BAG-Bulletin publiziert [4]. Bei Schulanfang waren durchschnittlich 85% der Kinder gegen Masern, Mumps und Röteln geimpft; bei Schulende waren es durchschnittlich 80%. Im vorliegendem Artikel werden die Ergebnisse der Erhebungen in den Jahren 1991 bis 1998 dargestellt.

Für die Erfassung der MMR- Impfungen in den Schulen wurde den Schulärzten in den einzelnen Kantonen ein spezifisches Erhebungsformular zur Verfügung gestellt, mit dem Angaben über die durchgeführten Impfungen (MMR- oder Rötelnimpfung bei bereits MM-Geimpften) und über die Gründe für eine Nichtimpfung (bereits früher geimpft, Krankheit, Eltern gegen eine Impfung, andere Gründe) erfasst wurden.


Ergebnisse

Die Beteiligung der Kantone hat im Verlauf der Erhebungsperiode (1991-98) deutlich abgenommen; bei Schulanfang von elf in den ersten Jahren auf zwei Kantone 1998, bei Schulende von zehn auf zwei Kantone. In Tabelle 1 sind die Ergebnisse für die sechs- bis siebenjährigen Schüler zusammengestellt. Erfasst wurden in den einzelnen Jahren zwischen 3'700 und 20'500 Kinder, was 5 bis 26% aller Schulanfänger in der Schweiz entspricht. Von diesen waren durchschnittlich zwischen 85 und 89% bei Schulbeginn gegen Masern, Mumps und Röteln geimpft. Der Anteil der in der Schule Geimpften hat in den Jahren 1991 bis 1998 von 32 auf 24% abgenommen, entsprechend der Zunahme der bereits früher Geimpften. Bei 8-10% der Schulanfänger waren die Eltern mit einer Impfung nicht einverstanden und 2-5% der Schüler wurden aus anderen Gründen nicht geimpft, wobei die spezifischen Gründe in allen Fällen nicht bekannt sind. In 0,3 bis 3% wurden Krankheiten als Grund für die Nichtimpfung angegeben. Bei Schulende (Tabelle 2) waren 81 bis 92% der Schüler gegen MMR geimpft. Der Anteil der früher Geimpften ist geringer als bei Schulbeginn, nahm jedoch im Verlauf der Jahre 1991 bis 1998 kontinuierlich zu.

Vergleicht man die einzelnen Kantone miteinander (Tabelle 3 und 4) so liegt der Anteil der Geimpften in den verschiedenen Kantonen in den einzelnen Jahren zwischen 70 und 95% bei Schulanfang und zwischen 59 und 98% bei Schulende. Zum Kanton Genf ist zu bemerken dass unter der Angabe "nicht geimpft/anderes" relativ häufig aufgeführt wurde, dass die Impfung beim Hausarzt vorgesehen ist. Inwieweit diese zu einem späteren Zeitpunkt auch durchgeführt wurde, ist nicht bekannt.

In der ersten Hälfte der 90er Jahre ist die Durchimpfung in den meisten Kantonen etwa gleich geblieben. Im Vergleich zur Periode 1987-90 zeigt sich vor allem bei Kantonen mit einer anfänglich niedrigen Durchimpfung eine Zunahme. Wegen Krankheit nicht geimpft wird in allen Kantonen nur selten als Grund angegeben (0 bis 4%). Bei 1-14% der Kinder wurde die Impfung von den Eltern abgelehnt, 1-14% der Kinder wurden wegen anderen Gründen nicht geimpft. Bei Schulanfang waren in den Jahren 1987-1990 durchschnittlich 85% gegen Masern, Mumps und Röteln geimpft; in der Periode 1991-1994 waren es 87%. Bei Schulende waren durchschnittlich 77% (1987-90) und 83% (1991-94) geimpft.


Kommentar

Eine kontinuierliche Erfassung der Durchimpfung ist neben der Krankheitssurveillance und der Überwachung der Nebenwirkungen der Impfungen ein wesentlicher Parameter zur Evaluation der Wirksamkeit und Sicherheit eines Impfprogrammes. Zuverlässige Angaben über die Durchimpfung ermöglichen eine Abschätzung, in wie weit die gesteckten Ziele erreicht werden können, und ob zusätzliche Massnahmen vorgesehen werden müssen.

In der ersten Hälfte der 90er Jahre ist die MMR-Durchimpfung in der Schweiz mit durchschnittlich 87% bei Schulbeginn und 83% am Schulende im wesentlichen konstant geblieben. Die Durchimpfung liegt damit nur geringfügig über derjenigen der Kleinkinder in der Schweiz (1991: 80%, 1998: 79%) [5]. Zu Beginn der 90er Jahre kann gegenüber dem Ende der 80er Jahre eine leichte Zunahme festgestellt werden. Über die zweite Hälfte der 90er Jahre lässt sich aufgrund der spärlichen Daten keine Aussage mehr machen. Es ist aber kaum anzunehmen, dass sich die Durchimpfung wesentlich erhöht hat. Aufgrund der insgesamt begrenzten Teilnahme können an Hand der vorliegenden Ergebnisse nur mit Vorbehalt Aussagen für die ganze Schweiz gemacht werden. Dies desto mehr, als sich in den einzelnen Kantonen deutliche Unterschiede zeigen: 70-95% bei Schulbeginn, 59-98% am Schulende.

Mit Sicherheit reichen die in der Schweiz festgestellten MMR-Impfraten nicht aus, um die Viruszirkulation zu unterbrechen. Gemäss den Modellrechnungen von Anderson und May [6] müssten dazu in allen Kantonen eine "herd immunity" von 92-95% bezüglich Masern, respektive 90-92% bezüglich Mumps erreicht werden. Die für eine Elimination notwendige Immunität ist bei Röteln etwas geringer (85-87%); bei der aktuellen Durchimpfung sind aber weiterhin kongenitale Rötelnerkrankungen zu erwarten. Um die kongenitalen Embryopathien vollständig verhindern zu können, müssen möglichst alle Mädchen und Knaben im Kleinkindesalter und ein zweites Mal bei Schulbeginn geimpft werden.

Die ungenügende Durchimpfung hat zur Folge, dass in der Schweiz auch weiterhin Masernepidemien (wie beispielsweise 1997 mit über 6‘000 Erkrankten) auftreten werden. Die Beispiele Finnland [7] und Kuba [8] zeigen, dass es möglich ist, Masern zu eliminieren. In einer Zeitspanne von 12 Jahren konnten in Finnland durch konsequente Impfungen mit zwei Dosen die drei Krankheiten praktisch eliminiert werden [6]. Durch die rege Reisetätigkeit der SchweizerInnen werden zudem Masernviren in andere Länder, insbesondere auch Drittweltländer exportiert, wodurch deren Impfprogramme gefährdet werden. Masern stellen weltweit immer noch eine wichtige Todesursache dar, ca. eine Million Kinder sterben jährlich daran. Die meisten Länder unternehmen grosse Anstrengungen, um diese Krankheit möglichst einzudämmen oder ganz zu eliminieren. So konnte in ganz Nord- und Südamerika ein Rückgang der Erkrankungen um über 90% erreicht werden [9,10].

Eine regelmässige Erfassung der Durchimpfung für alle Impfungen und in allen Kantonen ist Voraussetzung, damit die WHO-Ziele im Rahmen von "Gesundheit 21" auch in der Schweiz erreicht werden können [2]. Seit 1999 läuft in der Schweiz in Zusammenarbeit mit dem Institut für Sozial- und Präventivmedizin Zürich ein Projekt mit dem Ziel, eine regelmässige Erfassung der Durchimpfung (alle zwei Jahre) bei Kleinkindern und Schulkindern in allen Kantonen Tatsache werden zu lassen.

Bundesamt für Gesundheitswesen, Bern
Abteilung Epidemiologie und Infektionskrankheiten
Sektion Impfprogramme


Literatur

  1. WHO/UNICEF. The expanded Programme on Immunization (EPI). In: State of the world's vaccines and immunization. WHO/UNICEF; Geneva 1996, p. 3.
  2. WHO. Santé 21- La santé pour tous au 21ème siècle. Série européenne de la Santé pour tous au 21ème siècle, No 6. WHO, Genève, 1999.
  3. Office fédéral de la santé publique. Perspectives dans le domaine de la vaccination. Bull OFSP 1995; n° 29: 4-5.
  4. Office fédéral de la santé publique. Vaccination des écoliers contre la rougeole, les oreillons et la rubéole en Suisse, 1987-1990. Bull OFSP 1991; n° 19: 278-83.
  5. Office fédéral de la santé publique. Enquête représentative sur la couverture vaccinale en Suisse 1998. Bull OFSP 1999; n° 20: 356-60.
  6. Anderson RM, May RM. Immunisation and herd immunity. Lancet 1990; 335: 641-5.
  7. Peltola H, Heinonen OP, Valle M. et al. The elimination of indigenous measles, mumps and rubella from Finland by a 12 year, two-dose vaccination program. N Engl J Med 1994; 331: 1397-402.
  8. Galindo MA, Santin M, Resik S. et al. Eradication of measles in Cuba. Rev Panam Salud Publica 1998; 4:171-7.
  9. Centers for Disease Control and Prevention (CDC). Measles-United States, 1999. MMWR 2000; 49: 557-60.
  10. Centers for Disease Control and Prevention (CDC). Progress toward interrupting indigenous measles transmission-Region of the Americas, January 1999-September 2000. MMWR 2000; 49: 986-90.

Tabelle 1

MMR-Durchimpfung bei Schulbeginn, 1991-1998.

 

  Geimpfte in % Nicht geimpft in %

Jahr

(Anzahl Kantone)

Erfasste Schüler

Total

[1+2+3]

MMR

[1]

Röteln*

[2]

Früher geimpft

[3]

Krankheit Eltern dagegen anderes

1991
(9) a)

20'527 85,6 31,5 13,6 40,5 1,3 7,8 5,3

1992
(11) b)

16'244 84,7 30,6 16,7 37,4 1,5 9,0 4,8

1993
(9) c)

12'191 88,6 19,5 9,5 59,6 1,1 7,8 2,4

1994
(7) d)

10'949 87,8 18,6 2,7 66,5 1,1 6,5 4,5

1995
(4) e)

7'159 85,4 19,6 0,9 64,9 2,6 9,5 2,3

1996
(4) f)

6'246 89,0 15,9 0,7 72,4 1,8 7,5 1,6

1997
(3) g)

4'415 89,4 18,0 0,7 70,7 0,3 8,1 2,1

1998
(2) h)

3'711 87,9 23,6 0,7 63,6 0,3 9,4 2,2

* Rötelnimpfung bei früher gegen Masern und Mumps geimpften Schülern und Schülerinnen

a)   AG, AI, BS, LU, NW, OW, SH, VS (1990/91), ZG
b)   AG, AI, AR, BS, FR, LU, NW, OW, SH, VS (1991/92), ZG
c)   AI, AR, BS, FR, LU, OW, SH, VS (1992/93), ZG
d)   BS, FR, LU, OW, SH, VS (1993/94), ZG
e)   BS, FR, SH, VS (1994/95)
f)    BS, FR, SH, VS (1995/96)
g)   FR, SH, VS (1996/97)
h)   FR, VS (1997/98)

Tabelle 2

MMR-Durchimpfung am Schulende, 1991-1998.

 

  Geimpfte in % Nicht geimpft in %

Jahr

(Anzahl Kantone)

Erfasste Schüler

Total

[1+2+3]

MMR

[1]

Röteln*

[2]

Früher geimpft

[3]

Krankheit Eltern dagegen anderes

1991
(9) a)

18'765 80,6 48,2 8,4 24,0 1,7 7,9 9,6

1992
(11) b)

15'485 81,7 46,2 9,6 25,9 1,7 8,3 8,3

1993
(9) c)

13'134 83,7 39,6 10,7 33,4 2,3 5,7 8,1

1994
(8) d)

12'282 84,5 26,7 10,5 47,3 1,4 5,7 8,3

1995
(7) e)

10'473 82,1 22,4 3,7 56,0 1,7 6,3 9,8

1996
(4) f)

5'733 91,7 33,2 3,9 54,6 0,2 5,9 2,0

1997
(3) g)

5'218 90,3 32,9 4,0 53,4 0,7 6,9 2,0

1998
(2) h)

3'757 89,3 27,2 2,8 59,3 0,6 7,1 2,9

* Rötelnimpfung bei früher gegen Masern und Mumps geimpften Schülern und Schülerinnen

 a)  AG, BS, GE, LU, NW, OW, SH, VS (1990/91), ZG
 b)  AG, AR, BS, FR, GE, LU, NW, OW, SH, VS (1991/92), ZG
 c)  AR, BS, FR, GE, LU, OW, SH, VS (1992/93), ZG
 d)  BS,FR, GE, LU, OW, SH, VS (1993/94), ZG
 e)  BS, FR, GE, LU, SH, VS (1994/95), ZG
 f)   BS, FR, SH, VS (1995/96)
 g)  FR, SH, VS (1996/97)
 h)  FR, VS (1997/98)

Tabelle 3

MMR-Durchimpfung (%) bei Schulbeginn, 1987-1998.

Alle

AG

AI

AR

BS

FR

LU

NW

OW

SH

VS

ZG

1987

83

87

81

81

61

-

93

85

95

67

85

93

1988

86

86

91

-

74

-

93

-

97

70

83

68

1989

85

82

-

-

81

-

94

87

95

66

85

89

1990

85

83

-

-

81

-

93

83

89

82

84

100

1991

86

83

86

-

79

-

93

88

95

70

86

91

1992

85

79

78

91

77

85

90

83

96

84

86

97

1993

89

-

89

94

80

68

91

-

93

83

92

95

1994

88

-

-

-

81

87

95

-

95

67

93

86

1995

85

-

-

-

84

85

-

-

-

80

88

-

1996

89

-

-

-

83

85

-

-

-

88

93

-

1997

89

-

-

-

-

87

-

-

-

82

92

-

1998

88

-

-

-

-

81

-

-

-

-

90

-

 Total Siebenjährige in der Schweiz 1990: 75'801
 In den einzelnen Jahren erfasste Schüler und Schülerinnen : 3'711 bis 20'527
 - = keine Daten verfügbar

Tabelle 4

MMR-Durchimpfung (%) am Schulende, 1987-1998.

Alle

AG

AR

BS

FR

GE

LU

NW

OW

SH

VS

ZG

1987

75

82

85

49

77

54

96

79

89

86

81

90

1988

75

82

-

58

-

51

97

-

95

79

87

62

1989

78

80

-

68

-

53

97

87

94

83

86

78

1990

78

81

-

67

-

54

97

88

94

86

86

92

1991

81

82

-

72

-

59

98

92

98

82

87

92

1992

82

82

92

79

93

62

96

88

95

71

86

97

1993

84

-

86

79

89

70

96

-

97

85

89

93

1994

85

-

-

77

96

67

96

-

100

85

92

81

1995

82

-

-

79

97

70

98

-

-

83

90

94

1996

92

-

-

87

93

-

-

-

-

91

92

-

1997

90

-

-

-

89

-

-

-

-

86

92

-

1998

89

-

-

-

89

-

-

-

-

-

89

-

Total 15jährige 1990: 74'072
In den einzelnen Jahren erfasste Schüler und Schülerinnen: 3'757 bis 29'181
- = keine Daten verfügbar

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Dernière mise à jour du site: 08.05.2008