Der allergische Marsch: eine Herausforderung für den Pädiater

Aktuelles zu Frühdiagnostik, Prävention und Frühtherapie allergischer Erkrankungen


Allergische Erkrankungen zeichnen sich dadurch aus, dass sie sich in verschiedenen Altersabschnitten des Kindes unter verschiedenen Erscheinungsformen zeigen: im Säuglingsalter als atopische Dermatitis, im Kleinkindes- und Schulalter als allergisches Asthma, und schliesslich als allergische Rhinokonjunktivitis. Dieser typische zeitliche Ablauf ist unter dem Namen Allergiekarriere oder allergischer Marsch, in der englischsprachigen Literatur als "allergic march" oder "atopic march" bekannt.

Der Pädiater betreut das Kind über den gesamten Zeitraum der Kindheit; diese "longitudinale" Betrachtungsweise erlaubt ihm, allergiegefährdete  und allergiekranke Kinder und ihre Familien kompetent zu betreuen, vorausgesetzt, er verfügt über die notwendigen allergiespezifischen Kenntnisse.

Durch frühes Erkennen der Entwicklung der Krankheit können geeignete präventive Massnahmen und Therapien frühzeitig in die Wege geleitet werden. Ebenfalls wichtig ist, die Kinder und deren Familien vor unwirksamen und unnötigen, aber oftmals sehr aufwendigen Massnahmen zu schützen.

Im Folgenden wird der Stand des Wissens zusammengefasst: welche prädiktiven Faktoren stehen für die Frühdiagnostik zur Verfügung,  welche präventiven / frühtherapeutischen Massnahmen sind möglich?


Allergiekarriere: prädiktive Faktoren

Ideal wäre, die atopische Konstitution bereits vor Ausbruch erster allergischer Erkrankungen oder gar vor ersten Sensibilisierungen diagnostizieren zu können.  Dies ist aber zur Zeit nicht zufriedenstellend möglich.

Rund ein Drittel der Kinder, bei denen beide Elternteile an allergischen Erkrankungen leiden, werden im Alter von 2 Jahren selbst allergische Erkrankungen haben; nur rund 5 % aller Kinder kommen aber aus solchen bezüglich Atopie stark belasteten Familien. Die grosse Mehrheit stammt aus bezüglich Atopie völlig unbelasteten Familien und kann somit auch nicht aufgrund der Familienanamnese als Risikokinder erkannt werden (Bergmann et al., 1997). Auch Spiegel von Nabelschnurblut-IgE und Total-IgE haben sich in diesem Zusammenhang als wenig hilfreich erwiesen.

Folgende Faktoren weisen auf ein erhöhtes Risiko hin, Sensibilisierungen und/oder allergische Erkrankungen im Kindesalter jenseits des Säuglingsalters zu entwickeln:

Frühe Sensibilisierung gegen häufige Allergene:

Es konnte gezeigt werden, dass der Nachweis von IgE-Antikörpern gegen Hühnereiweiss im Alter von 12 Monaten ein Prädiktor ist für die allergische Sensibilisierung gegen Aeroallergene im Alter von 3 Jahren (Nickel et al., 1997). Ähnliches wurde für die Sensibilisierung gegen Milben gezeigt (Sasai et al., 1996). Ganz wichtig ist hier, dass in diesem Zusammenhang der Nachweis von IgE z.B. gegen Hühnereiweiss nur als Frühindikator für eine atopische Konstitution genutzt wird; wie immer in der Allergologie bedeutet der Nachweis von IgE-Antikörpern keineswegs, dass diese klinisch relevant sein müssen. Eine Diät im Kindesalter bedarf auf alle Fälle zunächst einer sorgfältigen allergologischen Abklärung und sollte dann nur von einer in Ernährungsberatung geschulten Person zusammengestellt werden.

Frühes Auftreten einer atopischen Erkrankung:

Die Kinder, die als Säugling an atopischer Dermatitis litten, haben ein deutlich erhöhtes Risiko, im Alter von 5 Jahren an Asthma zu erkranken (Bergmann et al., 1998).

Langdauernde Sensibilisierungen gegen Nahrungsmittel:

Bei der Mehrzahl der Kinder verschwindet eine in den ersten beiden Lebensjahren aufgetretene Sensibilisierung gegen Lebensmittelallergene relativ rasch wieder. Die Kinder, bei denen die Sensibilisierung lange anhält, sind besonders gefährdet, später allergische Erkrankungen der Atemwege zu entwickeln (Kulig et al., 1998).

Zusammenfassend können wir also sagen, dass diejenigen Kinder ein hohes Risiko haben, nach dem Säuglingsalter allergische Erkrankungen zu entwickeln, die bereits als Säuglinge ihre atopische Konstitution offenbart haben. Wir haben heute aber keinen Test in der Hand, der uns erlauben würde, Risikokinder vor Ausbruch der ersten labor- oder klinischen Zeichen einer Atopie zuverlässig zu erkennen.


Allergiekarriere:  Interventionsmöglichkeiten

Gerne würden wir verhindern, dass eine allfällige atopische Konstitution des Kindes überhaupt zum Ausbruch kommt. Verschiedene Massnahmen sind für Säuglinge grundsätzlich zu empfehlen, so zum Beispiel Stillen (während mindestens 4 bis 6 Monaten) sowie striktes Rauchverbot in der näheren und weiteren Umgebung des Kindes. Wir müssen aber zugeben, dass wir heute kaum gesicherte Daten haben, um Massnahmen empfehlen zu können, die über solche Empfehlungen, die letztlich jedem Kind zugute kommen, hinausgehen und spezifisch auf die primäre Allergieprävention (Vermeidung der Sensibilisierung) abzielen. Aktuell besser erreichbare Ziele sind die Sekundärprävention (Vermeiden der klinischen Manifestation der Allergie nach erfolgter Sensibilisierung) und die tertiäre Prävention (Vermeiden von Folgeschäden/Chronifizierung, nachdem eine klinisch manifeste Allergie vorliegt).

Ernährung des Säuglings

Eine vieldiskutierte Frage ist, wie das Kind mit erhöhtem Allergierisiko ernährt werden soll. Anspruch kann hier kaum sein, grundsätzlich an der atopischen Konstitution des Kindes etwas zu ändern. Vielmehr geht es darum, das Kind möglichst spät mit möglichst wenigen potenten Allergenen in Kontakt zu bringen, aber trotzdem eine vollwertige Ernährung sicherzustellen. Ein gangbarer Weg ist, Stillen bis 6 Monate zu empfehlen, Beikost erst ab 5 bis 6 Monaten (statt wie sonst nach 4 Monaten) einzuführen, Kuhmilchprodukte nach 9 bis 12, und Eier, Fisch, exotische Früchte und Sellerie erst nach 12 Monaten. Zu den exotischen Früchten zählt in diesem Zusammenhang auch die Kiwi, nicht aber die Banane. Umstritten ist die Frage, ob teilhydrolysierte Säuglingsmilchpräparate ("HA-Milchen”) tatsächlich eine allergieverhütende Wirkung haben. Jedenfalls erfreuen sie sich einer weiten Verbreitung. Möglicherweise klären zur Zeit laufende, breit angelegte prospektive Studien, die die präventive Wirkung von teilhydrolysierten wie auch von vollhydrolysierten Milchen untersuchen, diese Fragen. Die Arbeitsgruppe der pädiatrischen Immunologen und Allergologen in der Schweiz , PIA-CH, ist gegenwärtig dabei, in Zusammenarbeit mit der Ernährungskommission konsensfähige Empfehlungen zu dieser Frage auszuarbeiten.

Der oben aufgeführte Fahrplan für die Einführung von Nahrungsmitteln ist auch bei dem Kind sinnvoll, das bereits an einer atopischen Dermatitis leidet. Bei solchen Kindern können darüber hinausgehende Diäten und weitere Massnahmen notwendig sein. Solche bedürfen aber unbedingt einer vorhergehenden allergologischen Abklärung und einer Ernährungsberatung.

Hausstaubsanierung

Wie bei der Ernährung muss man sich auch bei Bemühungen wie der Hausstaubsanierung vor Augen halten, dass man damit die atopische Konstitution des Kindes als solche nicht verändern wird.

Die Hausstaubmilbe ist aber bei uns ein wichtiger Auslöser von Allergien (und zwar sowohl von respiratorischen Allergien wie auch von atopischer Dermatitis), deshalb ist ihre Bekämpfung ein wichtiger Beitrag zur Reduktion allergischer Erkrankungen. Die Umwelt des Kindes in seinen ersten Lebensjahren ist überwiegend sein Kinderzimmer, hauptsächlich sein Bettchen. Im Sinne der Primärprävention können hier einfache Massnahmen empfohlen werden wie regelmässiges Lüften des Kinderzimmers, Anzahl der Stofftiere im Kinderbett zumindest beschränken, Bettwäsche mit 60° waschen, nicht übermässig heizen. Wenn bereits erste Symptome einer allergischen Erkrankung aufgetreten sind und eine Sensibilisierung gegen Milben nachgewiesen ist. , ist der Einsatz milbendichter Hüllen für Matratze und Bettzeug ("encasing”) eine nachgewiesenermassen effiziente und zu empfehlende Massnahme (Lau and Wahn, 1994).

Infekte und Allergien - Impfen und Allergien

Neueste Arbeiten weisen darauf hin, dass Kinder, die häufiger Infekte durchmachen oder in anderem Zusammenhang vermehrt Mikroben ausgesetzt sind (Bauernkinder), weniger an Allergien leiden. In Diskussionen wird manchmal in einer Art Umkehrschluss hieraus abgeleitet, dass Impfungen, die Infekte verhindern, allergiefördernd sind. Insbesondere die Masernimpfung wird hier immer wieder erwähnt. Dem muss klar widersprochen werden: eine grossangelegte finnische Studie fand bei Personen, die nicht geimpft waren und eine Maserninfektion durchgemacht haben, mehr atopische Erkrankungen als bei den geimpften Personen (Paunio et al., 2000). Es gibt also auch aus dieser Sicht keinerlei Grund gegen Impfungen.

Frühtherapie:

Zwei Studien haben untersucht, ob durch eine medikamentöse Langzeittherapie bei Kindern mit atopischer Dermatitis das Risiko, an Asthma zu erkranken, reduziert werden kann. In einer 1992 publizierten Studie fand sich ein schützender Effekt von Ketotifen (Likura et al., 1992). In einer neueren Arbeit wurden ein- bis zweijährige Kinder, die an atopischer Dermatitis litten und mindestens einen erstgradig Verwandten mit belasteter Atopieananmnese hatten, während 18 Monaten mit dem Antihistaminikum Cetirizin behandelt (ETAC Study group, 1998). Die Resultate zeigten in der Gruppe als Gesamtes keinen Unterschied in der Inzidenz von Asthma; hingegen trat bei den Kindern, die gegen Hausstaubmilben und/oder Graspollen sensibilisiert waren, Asthma nur ungefähr halb so häufig auf wie in der Placebogruppe. Noch offen ist, wie lange dieser Effekt nach Absetzen der Behandlung anhält. Diese Therapie kann Eltern mit einem Kind vorgeschlagen werden, das an einer schweren Form von atopischer Dermatitis leidet, die erwähnten Sensibilisierungen aufweist und bei dem die Eltern willens sind, eine 18 Monate dauernde Therapie durchzuführen (zum Beispiel weil in der Familie bereits ein Kind die Allergiekarriere durchgemacht hat).

Gegenwärtig laufen Studien, die die Wirkung einer frühzeitigen spezifischen Immuntherapie (SIT, Desensibilisierungstherapie) untersuchen. Dabei geht es vor allem darum, den Etagenwechsel von der allergischen Rhinokonjunktivitis zum allergischen Asthma zu verhindern. Falls sich in den gegenwärtigen Studien der erhoffte Effekt zeigt, wird diese Therapie eher für etwas ältere Kinder geeignet sein. Für die orale Desensibilisierungstherapie konnte bis jetzt kein Wirkungsnachweis errbacht werden; für die sublinguale Immuntherapie laufen aktuell in der Schweiz Studien, deren Ergebnisse noch abgewartet werden müssen.


R. Lauener (Zürich) und Ph. Eigenmann (Genève)

 

Literaturverzeichnis

Bergmann, R. L., Edenharter, G., Bergmann, K. E., Forster, J., Bauer, C. P., Wahn, V., and Wahn, U. (1998). Atopic dermatitis in early infancy predicts allergic airway disease at 5 years. Clin Exp Allergy 28, 965-970.

Bergmann, R. L., Niggemann, B., Bergmann, K. E., and Wahn, U. (1997). Primäre Ernährungsprävention atopischer Erkrankungen. Monatsschr Kinderheilk 145, 533-539.

Etac Study Group (1998). Allergic factors associated with the development of asthma and the influence of cetirizine in a double-blind, randomised, placebo-controlled trial: First results of ETAC. Pediatr Aller Immunol 9, 116-124.

Iikura, Y., Naspitz, C., Mikawa, H., Talaricoficho, S., Baba, M., Sole, D., and Nishima, S. (1992). Prevention of asthma by ketotifen in infants with atopic dermatitis. Ann Alelrgy 68, 233-236.

Kulig, M., Bergmann, R., Tacke, U., U., W., Guggenmoos-Holzmann, I., and Group, M. S. (1998). Long-lasting sensitization to food during the first two years precedes allergic airway disease. Pediatr Allergy Immunol 9, 61-67.

Lau, S., and Wahn, U. (1994). Expositionsprophylaxe bei Respirationsallergien. Therapeutische Umschau 51, 61-66.

Nickel, R., Kulig, M., Forster, J., Bergmann, R., Bauer, C. P., Lau, S., Guggenmoos-Holzmann, I., and Wahn, U. (1997). Sensitization to hen's egg at the age of twelve months is predictive for allergic sensitization to common indoor and outdoor allergens at the age of three years. J Allergy Clin Immunol 99, 613-617.

Paunio, M., Heinonen, O., Virtanen, M., Leinikki, P., Patja, A., and Peltola, H. (2000). Measles history and atopic disease: a population/based cross-sectional study. JAMA 283, 343-346.

Sasai, K., Furukawa, S., Muto, T., Baba, M., Yabuta, K., and Fukuwatari, Y. (1996). Early detection of specific IgE antibody against house dust mite in children at risk of allergic disease. J Pediatr 128, 834-840.

 

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Dernière mise à jour du site: 08.05.2008