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Pollenallergien: neue oder ungewöhnliche
Aspekte
Prof. Guy Duteau, Toulouse
(Übersetzung : Catharina Hürlimann Nicollier, Sitten)
Der original-Artikel ist in der Zeitung "Médecine et Enfance" 2000, 231-234
erschienen.
Pollenallergien stellen für den Arzt kein Geheimnis mehr dar. Ebenfalls könnte
man denken, sie seien für jedermann ein offenes Buch. In der Tat erscheinen
jeden Frühling zahlreiche Artikel in den Medien; morgen wird zum Beispiel eine
viel beachtete Fernsehsendung über die "explosionsartige Ausbreitung der
Allergien" ausgestrahlt. Als gäbe es nichts mehr über den Heuschnupfen
zu lernen. Ist das auch so? Hier einige Beweise des Gegenteils: In der Allergologie
gibt es immer etwas zu lernen.
Asthma, Gewitter und Pollen
Im Studium (hören übrigens die zukünftigen Ärzte etwas über Pollinosen?) lernen
wir, dass die klassischen Symptome der Pollenallergien (Rhinitis und Konjunktivitis)
ihr Maximum bei schönem, windigem Wetter erreichen. Dagegen nimmt die Symptomatik
ab oder verschwindet ganz, sobald der Regen die Pollen auf den Boden klebt.
Trotzdem erwähnen mehrere Artikel die gleichen eigenartigen Vorkommnisse: Notfallstationen
registrierten eine starke Zunahme der Hospitalisationen wegen Asthma einige
Stunden nach heftigen Gewittern. Zwischen 1983 und 1994 ereigneten sich solche
Gewitter in mehreren grossen, völlig verschiedenen Städten wie Birmingham (1983),
Melbourne (1985), London (1994)... Ein heftiges Gewitter brach am 24. Juni 1994
um 18 Uhr über London aus und hielt einige Stunden an: mehr als fünfzig Blitze
wurden gezählt [1,2]. In wenigen Stunden fiel die Temperatur
von 26,5 °C auf 18,7 °C. Die Niederschlagsmenge betrug 46 mm innert zwei Stunden
und die Luftfeuchtigkeit stieg sprunghaft von 50 auf 87% an. In den darauf folgenden
Stunden wurde eine grosse Anzahl Aufnahmen wegen Asthma registriert: 606 Patienten,
zehnmal mehr als erwartet! Andere Epidemien des sogenannten "gewitterassoziierten
Asthmas" (vom Englischen "thunderstorm associated asthma") wurden in Birmingham
1983 [3,4] und in Melbourne 1987 und 1989 [5]
beschrieben. Jedes Mal war die Zahl der Hospitalisationen wegen akuten Asthmaanfalls
fünf bis zehnmal höher als bei normalen klimatischen Verhältnissen [1-5].
Was sind die Ursachen dieser Phänomene? Nur die Pollen mit kleinem Durchmesser
(< 10 mm) gelangen bis in die unteren Luftwege. Wie man weiss, variiert die
Pollengrösse von 5 mm (sehr leichte Pollen) bis 200 mm (schwere Pollen), die
Mehrzahl misst jedoch 20 - 60 mm. Eine solche Grösse erlaubt ihnen nicht, allzu
weit zu kommen: sie werden in den oberen Luftwegen und ihren zahlreichen Verzweigungen
abgefangen. Das erklärt die klare Dominanz der Augen- und Nasensymptome gegenüber
Asthma im Laufe der Pollenallergie. Obwohl noch nicht alles bekannt ist, könnte
eine mögliche Erklärung für die Asthmakrisen durch Pollen nach Gewittern relativ
einfach sein. Diese Krisen könnten das Resultat des Zusammentreffens mehrerer
Faktoren sein, die unabhängig von der Luftverschmutzung oder der Schimmelpilzkonzentration
in der Atemluft sind. Schimmelpilze sind übrigens als Auslöser schwerer, zum
Teil tödlicher Asthmakrisen bekannt [6,7]. Auf ein Gewitter
folgt nicht immer eine Zunahme der Hospitalisationen wegen Asthma: Zuerst muss
die Pollenkonzentration in den Tagen vor dem Gewitter hoch [8]
und anschliessend der Wind stark genug sein, um die vom Regen aufgeweichte Hülle
der Pollenkörner zu zerfetzen. Der Aufprall der Körner auf harten Oberflächen
(Asphalt, Mauern) befreit feine, hoch allergisierende Partikel. Dies sind stärkehaltige
Körnchen [5,9], welche durch Eindringen in die unteren Luftwege
schwere Asthmakrisen auslösen. Diese Hypothese wird durch die Feststellung unterstützt,
dass die während Gewittern beobachteten Asthmakrisen vor allem bei Patienten
mit Gräsersensibilisierung, insbesondere mit Allergen Lol p1 (Lollium perenne
oder Lolch) auftreten [8,10]. Die Rolle des jähen Temperatursturzes
(beinahe 10 °C 1984 in London) wird auch in Erwägung gezogen [11].
Diese Ereignisse wurden in Frankreich bis jetzt weder untersucht noch beschrieben,
wahrscheinlich weil sie unbekannt sind.
Baumpollenallergien: die Pollenallergie ist nicht mehr ausschliesslich eine
Frühlingserscheinung
Bildlich gesprochen, was aber genau der Realität entspricht,
werden Gräserpollenallergiker "präsensibilisiert" durch Baumpollen und "postsensibilisiert"
durch Pollen der Korbblütler (Beifuss, Ambrosiapflanze [Ragweed], Wegerich)
und Nesselpflanzen (Brennnessel und vor allem Mauerkraut). Deshalb ist die Pollenallergie
zu einer beinahe perennealen Krankheit geworden. Der Pollenflug der Bäume beginnt
ab den ersten Wochen des Jahres, vor allem im Süden [12,13].
Die Birke, der Hauptvertreter der Birkengewächse (Erle, Weissbuche, Hasel),
kommt in Frankreich hauptsächlich im Nordosten, aber auch im Süden (besonders
im Südwesten) vor, wo sie vor allem in Gärten und Parkanlagen als Zierbaum verwendet
wird. Die Baumpollen im Südosten Frankreichs sind sehr allergisierend, besonders
diejenigen der Ölbaum- (Olivenbaum, Esche, Liguster) und der Zypressengewächse
(Zypresse, Thuja), die häufig als Hecken um die Ferienhäuser vorkommen [12].
Die Häufigkeit der Baumpollenallergien hängt direkt von der Dichte und der
Nähe der verursachenden Bäume ab:
- Der Olivenbaum (Olea europea) ist eine der Haupteinnahmequellen des Mittelmeerraums
(Italien, Griechenland, Spanien und Israel). Geller-Berstein et al. [14,15]
haben in Israel gezeigt, dass die Inzidenz der auf Olivenbaumpollen positiven
Hauttests bei Atopikern klar mit der Plantagendichte korreliert: 66% bei grosser
Dichte der Olivenbäume gegen 29% bei geringer Dichte (p<0,003). Die Dichte
ist aber nicht der einzige Faktor der von Geller-Berstein genannten "grünen
Luftverschmutzung" (siehe Kasten).
- Ein typischer Mittelmeerbaum, die Platane, ist eine wichtige Ursache von
Pollenallergien in Spanien (Platanus acerifolia oder hybrida) aber auch in
den USA (Platanus occidentalis) [16]. Platanenpollenallergien
sollen für mehr als 70% der Pollinose-Symptome (Konjunktivitis, Rhinitis und/oder
Asthma) verantwortlich sein.
- Allergien auf exotische Pollen sind für folgende Pflanzen bekannt: Cashew-Nussbaum
(Anacardium occidentale), Kokospalme (Cocos nucifera), Papaya-Baum (Carica
papaya), Palme (Phoenix canariensis) [16-18]. Eine signifikante
Anzahl der Plantagenarbeiter leidet an Rhinokonjunktivitis und Asthma. Allergiker
auf Kokospalmen-, Papaya- und vielleicht auch auf Cashew-Nuss-Pollen sollen
häufiger auf die Früchte dieser Bäume allergisch sein.
Kreuzsensibilisierungen zwischen Pollen und Lebensmitteln: Erkenntnisse und
Mechanismen
Das Thema der Kreuzsensibilisierungen zwischen Pollen und Lebensmitteln (Früchten
und /oder Gemüse) hat seit zehn Jahren eine Flut von Veröffentlichungen hervorgerufen
(siehe die ausgezeichnete Übersicht von Pauli [19] und von
Deviller [20]).
Mehrere Mechanismen erklären diese Kreuzallergien. Im einfachsten Fall sind
es eng verwandte Allergene. So verhalten sich beispielsweise die Pollen der
Getreidearten und der Futtergräser kreuzreaktiv: die Pollenallergiker zeigen
positive Haut- und Rastteste für verschiedene Vertreter der Schwingel-Tribus
(Lieschgras, Knäuelgras, Lolch) und der Ährengräser (Weizen, Roggen, Trespe).
Beispiel: Ein positiver Hauttest auf Weizen bei einem Allergiker auf Lieschgraspollen
bedeutet ganz einfach eine Kreuzallergie auf Weizenpollen (und keine Nahrungsmittelallergie
auf Weizen). Anderes Beispiel: Patienten mit Haselpollenallergie können positive
Hauttests auf Haselnüsse aufweisen. Diese Reaktionen werden durch die grosse
Ähnlichkeit der Pollenallergene unter sich oder durch die grosse Ähnlichkeit
der Allergene der Baumpollen und der Früchte erklärt: man spricht von einer
starken Homologie der fraglichen Allergene [20].
Anders ist der Fall der Kreuzallergiesyndrome zwischen Pflanzenpollen und pflanzlichen
Nahrungsmitteln (Früchten und Gemüse). (Siehe die Liste der wichtigsten bekannten
Syndrome im Kasten.) Die Zunahme ihrer Häufigkeit erklärt sich durch die starke
Progression der Früchte- und Gemüseallergien, die zur Zeit beinahe 60% der Nahrungsmittelallergien
insgesamt ausmachen [21]. Die Allergie auf Latex, ein überall
vorkommender Stoff, ist in den letzten fünfzehn Jahren extrem häufig geworden.
Aufgrund des pflanzlichen Ursprungs des Latex (Hevea brasiliensis) sind zahlreiche
unerwartete Allergien auf Früchte wie Bananen, Avocados, Melonen, Kiwi, Esskastanien,
Feigen usw. aufgetreten. Diese Verbindungen von Nahrungs- und Pollenallergien
können durch antigene Gemeinsamkeiten erklärt werden: Profilin, ein Protein
des pflanzlichen Zytoskeletts, kommt in diesen verschiedenen Pflanzen sowie
im Latex vor [22].
Die Rolle mehrerer gemeinsamer Proteine verschiedener Pflanzen wird auch diskutiert:
PR-Protein, Proteine des Lipidtransfers, Stressproteine (die bei Infektionen
oder Parasitosen auftreten), Panallergen von 60 kDa, das in zahlreichen Pflanzen
vorkommt und das Auftreten unerwarteter Allergien bei neu eingeführten Lebensmitteln
erklären könnte [21]. Die Chitinasen der Klasse I sind Allergene
(30-45 kDa), die bei Kreuzreaktionen zwischen Latex und Früchten (Avocados),
nicht aber bei isolierten Allergien auf Latex oder Früchte eine Rolle spielen
[23].
Fazit für den Praktiker
Pollen und Pollenallergien haben noch nicht alle ihre Geheimnisse gelüftet.
Anfangs 2000 hat zum Beispiel ein Kongress ausschliesslich über Zypressengewächse
stattgefunden: dort wurde die Bedeutung der Zypressenpollen im südlichen Europa
gezeigt. Weitere Themen wären Pollenuntersuchungen über die Birke (im Nordosten
Europas), über das Mauerkraut und den Olivenbaum (im Mittelmeerraum) und allgemeiner
über eine ganze Reihe von Veränderungen im Zusammenhang mit der Verstädterung
und mit Bepflanzungen in den Städten. In der Zwischenzeit werden die Pädiater
in den nächsten Wochen und Monaten erneut mit Fällen von Heuschnupfen konfrontiert
sein. Somit wird die vorliegende Übersicht die tägliche Arbeit nicht vergessen
lassen!
G. Duteau, Toulouse
Übersetzung :
Katharina Hürlimann Nicollier, Sitten
Adresse :
Prof. Dr. G. Duteau,
Abteilung für Pneumologie und Allergologie,
Kinderspital Toulouse
Literatur
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Grüne Luftverschmutzung: ein Paradox
In der heutigen Zeit, wo die Ökologie eine angewandte Wissenschaft aber auch
Politik ist, hat der Ausdruck "green pollution" etwas Paradoxes, wenn nicht
Provokatives, an sich. Carmi Geller-Bernstein [1,2,4] benutzt
diese Terminologie, um die Bedeutung der Pollenallergien in Israel zu unterstreichen,
wo die Pollen der Olivenbäume einen wichtige Rolle spielen. Die Häufigkeit der
Allergien auf Olivenbaumpollen ist zweimal höher in Gegenden mit vielen als
in solchen mit wenigen Olivenbäumen (66% gegen 29%). Diese Tatsache scheint
logisch zu sein. Erstaunlicher ist eine weit geringere Sensibilisierung auf
diese Pollen bei der israelischen Bevölkerung arabischen Ursprungs (16%), die
bereits seit zahlreichen Generationen diesen Pollen ausgesetzt ist. Zusammen
mit der Gruppe um Lahoz [3] in Madrid konnte Geller-Bernstein
zeigen, dass IgE-Antikörper gegen das Hauptallergen der Olivenbaumpollen (Ole
e 1) hauptsächlich bei Personen mit vorhandenen HLA-Antigenen der Klasse II
DR7-DQ2 nachgewiesen werden.
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Die häufigsten Kreuzallergiesyndrome auf Pollen und pflanzliche Stoffe (Früchte
und Gemüse)
Die Hauptsymptome sind die oralen Syndrome. Isst der Patient weiter vom Nahrungsmittel,
so kommen weitere Symptome vor: Konjunktivitis, Rhinitis, Asthma, Quincke-Oedem,
Nesselsucht. Das Manipulieren von Früchten und Gemüse (Schälen) kann ebenfalls
die Symptome auslösen. Es besteht kein Zusammenhang zwischen der Heftigkeit
der Pollenallergiesymptome und der Schwere der Nahrungsmittelallergie. Die Desensibilisierung
gegen Pollen scheint die Symptome einer Nahrungsmittelallergie nicht zu vermindern.
Meist geht die Pollen- der Nahrungsmittelallergie voraus [1].
- Früchte- und Gemüseallergie und Birkenpollen ("Birke-Apfel-Syndrom"): 50-70%
der Birkenpollenallergiker sind auf Früchte und Gemüse der Familie der Rosengewächse
(Apfel, Kirsche, Pfirsich, Aprikose) und der Birkengewächse (Haselnuss) sensibilisiert.
Identifizierte Syndrome: "Birke-Haselnuss", "Birke-Apfel-Karotte-Kartoffel".
- Allergie auf Sellerie und Korbblütlerpollen: 50% der Korbblütlerallergiker
(Beifuss, Ambrosia) weisen eine Sensibilisierung auf Sellerie auf. Die Symptome
bei Sellerieallergie sind häufig sehr stark. Weitere identifizierte Syndrome:
"Birke-Beifuss-Sellerie", "Gräserpollen-Tomate", "Ambrosia-Melone-Banane",
"Sellerie-Gewürz", "Ambrosia-Kiwi", Gräserpollen-Getreidepollen".
- Kreuzallergien zwischen den verschiedenen Hülsenfrüchten: "Erdnuss-Erbse-Soja",
"Erdnuss-Linse", "Erdnuss-Lupine" [2].
- Latex und pflanzliche Nahrungsmittel: Latex und Früchte (Kiwi, Esskastanie,
Baumnuss, Mandarine, Kirsche Erdbeere, Melone, Traube, Feige) [3].
- Pauli G., Bessot J.C., de Blay F., Dietemann A. : «Associations
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Knäuelgras (Dactylis glomerata)
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Trespe (Bromus asper), ein anderes weit verbreitetes Gras
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drei Pollenkörner der Esskastanie
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Pollen der Mimose
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