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Osteopathie, Immunostimulation und Homöopathie:
von der Hoffnung zur Evidenz
Dr. med. Joachim Fischer
Klinischer Epidemiologie
Horten-Zentrum für praxisorientierte Forschung und Wissenstransfer
Universitätsspital Zürich
Postfach Nord
8091 Zürich
Der nachstehende Beitrag ist eine schriftliche Zusammenfassung des in englischer
Sprache auf der Jahrestagung der Schweizerischen Gesellschaft für Pädiatrie
2000 gehaltenen Vortrags
Eltern, die ihr Kind beim Pädiater vorstellen, suchen Rat, Hilfe oder Bestätigung.
Diese simple Tatsache gilt für jede Impfberatung, für jede Vorsorgeuntersuchung
aber auch für Konsultationen wegen akuter oder chronischer Ohrenschmerzen, wegen
Ausfluss aus dem Ohr oder anderen Zeichen, die darauf hinweisen, dass etwas
nicht stimmt. Eltern bringen ihre eigenen Vorstellungen mit, welche Massnahme
sie als angemessene Hilfe oder Rat beurteilen. Wo sie Hilfe und Rat suchen ist
ihre freie Entscheidung. Theoretisch können sie verschiedenste medizinische
Leistungen erhalten. Zum einen Leistungen der konventionellen Medizin, die an
der Universität gelehrt und praktiziert wird, und deren Grundlage die naturwissenschaftlich
ausgerichtete biomedizinische Forschung ist. Zum anderen auch unkonventionelle
Methoden, sei es beispielsweise Homöopathie, Osteopathie, Phytotherapie, Akupunktur,
Ayurveda, oder Chinesische Medizin. Nicht wenige Ärzte bieten von beidem etwas
an. Die Frage ist, was nützt und was ist wirksam?
Die Perspektiven
Ein Urteil darüber, was nützt und was wirksam ist,
hängt nicht zuletzt vom Massstab des Beurteilers ab. Für das Kind oder die Eltern
mögen andere Kriterien wichtig sein, als für den Kinderarzt. Eine andere, vielleicht
nüchternere Beurteilung trifft der klinische Epidemiologe. Letzterer versucht
den im Durchschnitt zu erwartenden Effekt zu beschreiben. Kind, Eltern und Kinderarzt
sind an dem einzelnen Fall und seinem guten Ausgang interessiert. Wiederum andere
Kriterien für Erfolg gelten aus der Sicht der Anbieter von konkurrierenden Leistungen
(z. B. Hersteller von allopathischen oder unkonventionellen Heilmitteln) oder
aus der Perspektive der Versicherer, welche für die Leistungen aufkommen müssen.
Das Kind hat im Fall einer Otitis Schmerzen, es weint und die Eltern suchen
bei einem "health care provider"Hilfe (siehe Abbildung 1).
Alle Anbieter von Hilfe können sich problemlos darauf einigen als Erfolg zu
werten, wenn das Kind nach der therapeutischen Massnahme keine Schmerzen mehr
hat, sich erholt und möglichst keinen Rückfall oder Folgeerkrankungen erleidet.
Da jedoch nahezu alle Infekte der oberen Luftwege und Otitiden schlussendlich
ausheilen, muss der kritische klinische Epidemiologe um die Beantwortung folgender
Fragen bitten, unabhängig davon, ob der Heilkundige nun Antibiotika oder Globuli
verschreibt: Gibt es gut durchgeführte Studien, die jenseits vernünftiger Zweifel
die Wirksamkeit der Behandlungsmethode belegen 1, 2.
Dazu gehören bei der Otitis media:
- Verbesserung der Symptomatik gegenüber Spontanverlauf
- Minimierung der Nebenwirkungen
- Keine Langzeitfolgen
- Keine Verzögerung einer effektiven Behandlung
- Keine Nebenwirkungen nicht effektiver Massnahmen
Hilft die Massnahme den Eltern, ihr krankes Kind besser
zu begleiten?
Abbildung 1
Vorbedingungen der Intervention: Eltern suchen Hilfe und Rat, wenn sie befürchten,
der Spontanverlauf führe nicht zur baldigen Linderung der Symptome und zur Genesung

Beispiele für Folgen epidemiologischer Untersuchungen
Dass solche Fragen unbedingt beantwortet werden müssen, mögen zwei Beispiele
zeigen: Bis etwa 1990 riet eine Mehrzahl von Kinderärzten Eltern, Neugeborene
und Säuglinge auf dem Bauch schlafen zu lassen. Die durchaus logische Überlegung
war, in Rückenlage könnten Säuglinge regurgitierte Nahrung leichter aspirieren
als in Bauchlage. Daher verringere die Bauchlage das Risiko, an plötzlichem
Kindstod zu sterben. Epidemiologische Studien unter anderem aus Nordrhein-Westfalen
in Deutschland wiesen darauf hin, dass genau dieser Ratschlag für manche Säuglinge
tödliche Folgen hatte. 1994 wurde daraufhin in den USA eine landesweite "back
to sleep" Kampagne durchgeführt. Binnen vier Jahren nahm die Rate an Babies,
die regelmässig auf dem Bauch schlafen von 44% auf 17% ab, die Rate an plötzlichem
Kindstod sank im gleichen Zeitraum um 38%. Interessant war, dass der Ratschlag
des behandelnden Kinderarztes den grössten Einfluss auf die Wahl der Schlafposition
hatte (Odds ratio 3.3, maximale odds ratio bei gleichlautender Information aus
verschiedenen Quellen 6.0) 3, 4.
Ein zweites Beispiel: In einer randomisierten placebo-kontrollierten Studie
zur Behandlung der akuten Otitis media bei Kindern, welche in 53 niederländischen
Allgemeinpraxen durchgeführt wurde, fand sich unter Placebo eine Spontanheilungsrate
von 80% innerhalb von 48 Stunden (Kriterium: Abklingen der Schmerzen und des
Fiebers). 7 Kinder mussten behandelt werden, ehe gegenüber der Spontanheilung
bei einem Kind zusätzlich eine Schmerzfreiheit erzielt wurde. Es handelte sich
bei der getesteten Massnahme nicht um Interventionen aus dem unkonventionellen
Bereich wie etwa hochpotenziertes Oscillococcinum, homöopathisch zubereitete
Pflanzenextrakte, Echinacea-Präparationen oder ein Immunstimulantien. Die getestete
Substanz war das Antibiotikum Amoxicillin 5. Ein
Review der Cochrane Collaboration, der alle sorgfältig durchgeführten Studien
zur Wirksamkeit von Antibiotika bei akuter Otitis media zusammenfasste errechnet
einen noch geringeren Vorteil: Kein Unterschied während der ersten 24 Stunden
der Behandlung, dann je 17 antibiotikaexponierte Kinder eines, das nach 2 bis
7 Tagen eine klinische Verbesserung gegenüber Placebo erfuhr. Es gibt somit
keine ausreichende Evidenz, die eine sofortige Verschreibung von Antibiotika
bei allen Fällen von akuter Otitis media gegenüber einer zunächst abwartenden
Haltung mit supportiven Massnahmen unterstützt. Nach diesen Daten sollte die
Erstverschreibung auf wenige klare Indikationen beschränkt bleiben 6.
Dennoch beträgt die Verschreibunsrate in den Niederlanden bei akuter Otitis
noch immer 38%, in den USA bis 98% 6.
Wenn aber Antibiotika in den meisten Fällen von akuter Otitis media nicht
eindeutig indiziert sind, was kann, darf oder soll der praktizierende Kinderarzt
als Alternative anbieten?
Der Wunsch nach Alternativen
In der Schweiz wandten im Jahr 1993 rund 40% der Bevölkerung eine oder mehrere
unkonventionelle Heilmethoden an 7. Die Daten
unterscheiden sich kaum von anderen Ländern der industrialisierten westlichen
Welt: In den USA verzeichneten Epidemiologen einen steten Anstieg des Gebrauchs
unkonventioneller Heilmethoden. 1991 wandten 34% der Bevölkerung wenigstens
eine alternative Methode an 8, 1997 schon 46%
9. Die selbst aufgebrachten Aufwendungen für alternative
Heilmethoden beliefen sich auf 27 Milliarden US$ pro Jahr, oder pro Kopf der
Bevölkerung auf ungefähr 100 US$. Sie übersteigen damit die privaten Ausgaben
für Konsultationen bei praktischen Ärzten .
In der Schweiz wurde im Rahmen eines vom Nationalfonds geförderten Projekts
von der Helvetia-Versicherung folgendes Experiment durchgeführt: 6.594 Versicherten
wurde die Erstattung aller Aufwendungen für unkonventionelle Heilmethoden kostenlos
offeriert, eine zweite Gruppe von 4'681 Versicherten hatte die Wahl, gegen eine
zusätzliche Gebühr unkonventionelle Heilmethoden versichern zu lassen und als
Kontrollgruppe galten die übrigen 547'785 Versicherten. Die Untersuchung zeigte
einen Anstieg der Erstattungen für unkonventionelle Heilmethoden in der ersten
Gruppe um 6.6%, keinen Unterschied in den Gesamtbehandlungskosten und keinen
Unterschied in der subjektiven Einschätzung der Lebensqualität und der eigenen
Gesundheit. Nur ein ganz kleiner Anteil der Versicherten wandte unkonventionelle
Heilmethoden als Alternative zur Schulmedizin an. Die überwiegende Mehrzahl
gebrauchte die unkonventionellen Methoden zusätzlich, als Ergänzung zur Schulmedizin
7.
Was sind die Attribute, die alternativen Heilmethoden zugeschrieben werden
und diesen Boom erklären? Nach einer amerikanischen Untersuchung sind es vor
allem folgende Versprechungen 10:
- Ein naturgemässer Approach, eine Steigerung der Vitalität, eine gewisse
Synthese von spirituellem Hintergrund und "wissenschaftlichem" Vorgehen.
- Die aktive Teilnahme der Patienten an der Behandlung und am Entscheidungsprozess
("participatory experience")
- Das Gefühl der eigenverantwortlichen Handlung ("patient empowerment")
- Unterstützung im bedrohten Gefühl der Selbstkohärenz.
Sind dies nicht auch die wünschenswerten Eigenschaften oder "Nebeneffekte"
einer ganzheitlichen hausärztlichen Betreuung? Eine andere Untersuchung zeigte,
dass Vertreter unkonventioneller Heilmethoden wesentlich seltener wegen Kunstfehlern
verklagt werden, als vergleichbare Fälle behandelnde Ärzte, die konventionelle
Medizin praktizieren 11. Die Autoren dieser Studie
fragen, ob der Befund nicht Hinweis auf einen klaren Vertrauensbias zugunsten
unkonventioneller Methoden sei.
Der schwierige Nachweis der Wirksamkeit
Was auch immer die Gründe für den Wunsch nach alternativmedizinischer Angeboten
ist - letztlich müssen aus der Sicht des klinischen Epidemiologen auch unkonventionellen
Methoden gegen die Messlatte der Wirksamkeit geprüft werden. Abbildung
2 veranschaulicht, wie schwierig dies bei Erkrankungen mit einer hohen Rate
an Spontanheilung ist, wie etwa der akuten Otitis media. Bereits die Teilnahme
an einer Studie induziert aus verschiedensten Gründen oft eine Veränderung gegenüber
dem spontan zu beobachteten Verlauf. Die Summe all dieser, nicht auf die zu
testende Massnahme zurückzuführenden Effekte wird üblicherweise als Placebo-Effekt
bezeichnet. Daneben gibt es aber noch andere, mit keiner Statistik aufzuspürende
systematische Verzerrungen der Ergebnisse. Solche systematischen Verzerrungen
werden in der Forschungsmethodologie "bias" genannt. Meist führt "bias" dazu,
den Effekt zu überschätzen. Typische Ursachen für derartigen "bias" sind eine
Selektion bestimmter Patienten für eine Studie, bei denen man eine besonders
gute Wirksamkeit der Methode annimmt; die Wahl einer nicht geeigneten "Placebo"
- Methode; fehlende zufällige Zuteilung zur Behandlungs- oder Placebogruppe
oder gar der Vergleich zu einer historischen Kontrolle. Zudem ist es wahrscheinlicher,
dass ein positives Ergebnis einer kleinen Studie zur Publikation angenommen
wird, als ein negatives oder neutrales Ergebnis. Letztere Studien werden häufig
gar nicht erst zur Veröffentlichung eingereicht. Ein Arzt, der sich aus den
publizierten Studien ein evidenzbasiertes Gesamtbild erarbeiten möchte, wird
dadurch leicht fehlgeleitet, fälschlich eine Wirksamkeit anzunehmen (Abbildung
3).
Abbildung 2
Schema Krankheitsverlauf einer akuten Otitis. Nur aus dem Vergleich zu einer
geeigneten Placebokontrolle sind Rückschlüsse über eine Wirksamkeit möglich.
Aus dem Vergleich zum Spontanverlauf wird die Wirksamkeit oft überschätzt.

Abbildung 3
Publication bias: Würden alle Studien, die zu einer sicher unwirksamen
Massnahme durchgeführt wurden auch publiziert (alle Kreise) wäre das Gesamtergebnis:
kein Effekt. Da vor allem bei kleinen Patientenzahlen eher Studien veröffentlicht
werden, die einen Effekt zeigen (gefüllte Kreise, dunkle Kreise: Studien die
strengen Gütekriterien genügen), ergibt ein systematischer Review Hinweise auf
eine Wirksamkeit.

Was sind die Quellen für eine evidenzbasierte Beurteilung
Klinische Epidemiologen und Vertreter der evidenzbasierten
Medizin propagieren folgende Rangliste der Evidenz. Zuoberst stehen sogenannte
systematische Reviews und Meta-Analysen. Dies sind Arbeiten, die nach zuvor
klar festgelegten Kriterien Studien mit möglichst hoher Aussagekraft systematisch
und mit grossem Aufwand suchen und diese Studien anschliessend nach einem einheitlichen
Verfahren auswerten. Im Idealfall lassen sich besondere mathematische Methoden
(Meta-Analyse) anwenden, die erlauben, aus den zuweilen oft widersprüchlichen
Einzelstudien ein Gesamtergebnis zu errechnen. Weltweit hat sich die Cochrane
Collaboration die Aufgabe gestellt, alle nur erdenklichen Fragen zu therapeutischen
Massnahmen mit dem Werkzeug der systematischen Reviews zu beleuchten. Die Zusammenfassungen
sind für jedermann von der Internetsite www.cochrane.org oder über einen Links auf
der Homepage des Zürcher Horten-Zentrums (www.evimed.ch)
abrufbar. Auf Platz zwei der Rangliste der Evidenz steht die grosse, sauber
durchgeführte randomisierte kontrollierte Studie, gefolgt von gut durchgeführten
Kohortenstudien. Danach folgt das sogenannte quasi-experimentelle Design, d.
h. Studien, bei denen die Patienten nicht zufällig der Behandlung oder dem Placebo
zugeteilt wurden. Auf dem Schlussplatz stehen Fallberichte und Vergleiche zu
historischen Kontrollen. Expertenmeinung, Schulwissen, oder pathophysiologische
Überlegungen gelten in diesem Kontext nicht als Evidenz für eine Wirksamkeit,
sie sind nur dann als Handlungsrichtlinie erlaubt, wenn es keine höherwertige
Evidenz gibt.
Die vorhandene Evidenz zu unkonventionellen Heilmethoden
Was ist, gemessen an dieser Skala die Evidenz für
die Wirksamkeit unkonventioneller Heilmethoden im Kontext der akuten Otitis
media oder, etwas weiter gefasst, der Infekte der oberen Atemwege?
Die Immunostimulation, in der Schweiz als Präparat Ribomunyl® im Handel, beinhaltet
folgende Präparationen: Ribosomen von Klebsiella pneumoniae, S. penumoniae,
S. pyogenes und Haemophilus influenzae sowie Membran-Antigene von
Klebsiella pneumoniae. Im Laborversuch lässt sich eine Stimulation von
natürlichen Killer-Lymphozyten, und eine gesteigerte Phagozytose zeigen, die
Applikation soll zu erhöhten Titern an IgM, IgA und IgG führen. Die Kosten betragen
sich auf Fr. 126 pro sechs Monate Behandlung. Der klinische Effekt der prophylaktischen
Gabe sei eine raschere Erholung und eine reduzierte Rate notwendiger Antibiotikaverschreibungen.
Welche Evidenz unterstützt diese Behauptungen? Alle publizierten Studien wurden
vor 1990 durchgeführt. Zum einen zeigte eine Kohortenstudie an 3008 Patienten
vor Beginn der Behandlung im Durchschnitt 6.3 ± 3.0 HNO-Infekte pro Jahr, während
einer dreimonatigen Behandlung hatten drei Viertel aller Teilnehmer nicht mehr
als einen Infekt pro drei Monate 12. Eine kleine
randomisierte Studie aus dem Jahr 1986 zeigte eine gewisse Wirksamkeit 13.
Nach den Kriterien der evidenzbasierten Medizin reicht die vorhandene Evidenz
nicht aus, den Routinegebrauch zu empfehlen, schliesst aber eine Wirksamkeit
nicht aus.
Weiteres besonders in Deutschland häufig eingesetzte pflanzliche Heilmittel
sind Extrakte aus Echinacea. In der Zellkultur lässt sich eine gesteigerte Phagozytose
beobachten. Klinisch wird eine Immunstimulation postuliert, die eine niedrigere
Erkrankungsrate und einer raschere Erholung bewirkt. Ein Cochrane-Review analysierte
alle bis April 1998 veröffentlichten Arbeiten 14.
Insgesamt fanden sich 16 Studien mit 3396 Patienten, die gewissen methodischen
Anforderungen genügten. Die Ergebnisse waren sehr heterogen und zeigten einen
Vorteil einzelner Echinacea-Präparationen gegenüber Placebo. Zusätzlich erhielten
die Autoren des Reviews Kenntnis von fünf bis zehn Studien, die den Gütekritieren
dieser Analyse genügt hätten. Diese Studien fanden überwiegend keinen Effekt,
wurden jedoch nie publiziert. Daher kommt der Review zu dem Schluss, die gegenwärtige
Evidenz deute auf eine Wirksamkeit, sei jedoch nicht solide genug eine Behandlung
zu empfehlen.
Wie lässt sich die Wirksamkeit der verschiedensten Interventionen vergleichen.
Abbildung 4 veranschaulicht dies für die Behandlung oder
Prophylaxe von Erkältungskrankheiten anhand einer Darstellungsweise, in der
sonst in Meta-Analysen die Ergebnisse einzelner Studien dargestellt werden.
Das Quadrat zeigt die aufgrund der Evidenz vorliegende bestmögliche Schätzung
des Effekts an, der horizontale Strich zeigt den Unsicherheitsbereich dieser
Schätzung. Überschneidet der horizontale Balken die senkrechte Linie, so ist
der beobachtete Effekt nicht sicher von Placebo verschieden. Überschneidet der
horizontale Balken die senkrechte Linie nicht, so darf von einer nachgewiesenen
Wirksamkeit oder Nebenwirkung gegenüber Placebo ausgegangen werden. Der Effekt
der wirksamsten Massnahme, der Verschreibung von Neuramidase-Inhibitoren beträgt
im Durchschnitt einen Tag kürzere subjektive Beschwerden und einen halben Tag
weniger Einschränkung der Aktivität. Ob eine Wirkung in diesem Ausmass die Kosten
rechtfertigt, ist eine Frage, die über die rein evidenzbasierte Beurteilung
hinaus geht. Zusammenfassend lässt sich sagen: die Daten widersprechen nicht
einer möglichen Wirksamkeit unkonventioneller Massnahmen, sie liefern jedoch
auch nicht genügend Evidenz, den routinemässigen Gebrauch zu rechtfertigen.
Abbildung 4
Qualitativer Vergleich verschiedener Massnahmen zur Prophylaxe und Behandlung
von Erkältungskrankheiten. Die horizontalen Balken zeigen das Vertrauensintervall
des Ergebnisschätzwertes verschiedener systematischer Reviews an.

Wege zur Evidenz?
Wie müsste eine Studie aussehen, die eine klinisch relevante Prophylaxe durch
eine unkonventionelle Heil- oder Präventionsmethode nachweist? Zuerst muss festgelegt
werden, was ein klinisch relevanter Effekt ist. Angemessen erscheint folgende
Forderung: Die Massnahme sollte als wirksam angesehen werden, wenn im Durchschnitt
pro Kind und Jahr eine Erkrankungsepisode vermieden wird und die dadurch ersparten
Behandlungs- und Folgekosten den Aufwand für die Massnahme aufwiegen. Die Massnahme
sollte als klinisch nicht wirksam angesehen werden, wenn weniger als eine Krankheitsepisode
pro drei Kinder und Jahr dadurch vermieden wird. Abbildung 5
zeigt ein mögliches Studiendesign zur Evaluation einer solchen Massnahme mittels
einer randomisierten, placebo-kontrollierten Untersuchung. Für eine sichere
Aussage (99% "power" um einen klinisch relevanten Effekt auch tatsächlich zu
entdecken) benötigt man pro Studienarm etwa 200 Kinder, insgesamt belaufen sich
die Kosten für die Untersuchung rasch auf Fr. 400'000 - 600'000. Es ist kaum
zu erwarten, dass der Nationalfonds ohne weiteres Forschungsmittel in derartigem
Umfang bereit stellt um eine einzelne unkonventionelle Behandlungsmassnahme
zu überprüfen. Ebenso ist es unwahrscheinlich, dass ein Produzent oder Anbieter
unkonventioneller Massnahmen eine solche Summe aufbringen wird. Daher ist anzunehmen,
dass auch in zehn oder zwanzig Jahren viele der heutigen Fragen nach der klinischen
Wirksamkeit unkonventioneller Heilmethoden noch unbeantwortet bleiben werden.
Welche Möglichkeiten bleiben dem praktizierenden Kinderarzt in der Behandlung
von Infektionen der oberen Atemwege oder der Otitis media?
Abbildung 5
Mögliches Studiendesign zum Nachweis der Wirksamkeit einer prophylaktischen
Massnahme.

Konsequenzen für die tägliche Praxis
Eine durch evidenzbasierte Daten gestützte Konsequenz wäre, bei Kindern mit
unkomplizierter akuter Otitis media auf alles zu verzichten: keine Homöopathie,
keine Immunstimulation, keine Osteopathie, keine Antibiotika. Eine zweite Haltung
ist, einen aktiven Weg zu wählen: Die existierende Unsicherheit und Evidenz
anzuerkennen, mit den Eltern die verschiedenen Optionen zu diskutieren und einen
für beide Seiten gut akzeptablen Weg zu wählen. Prof. D. Eisenberg von der Harvard
School of Medicine aus Boston, der wesentlich zur Erforschung der Epidemiologie
und Anwendung von unkonventionellen Heilmethoden in den USA beitrug, empfiehlt
bei Wunsch nach alternativen Behandlungsmethoden folgendes Vorgehen 15:
- Mit dem Patienten (Eltern) die Erwartungen und Präferenzen besprechen
- Kriterien vereinbaren, die einen Behandlungserfolg zweifelsfrei anzeigen
- Kriterien für eine Versagen der Behandlung vereinbaren
- Einen Zeitrahmen und Meilensteine zur Beurteilung planen
- Ein Symptomtagebuch führen
- Falls die Behandlung durch einen anderen "Experten" in unkonventionellen
Heilmethoden durchgeführt wird, regelmässige Nachkontrollen zur Diagnose möglicher
Nebenwirkungen durchführen
Auf diese Weise wird der behandelnde Kinderarzt für die Eltern zum kundigen
Begleiter durch den Dschungel der vielfältigen unkonventionellen Methoden und
auch der Hoffnungen, die an diese Verfahren geknüpft sind. Bei chronischen Erkrankungen
- dies gilt sicher nicht für die Behandlung der akuten Otitis media - kann der
praktizierende Kinderarzt sogar am Einzelpatient ein wissenschaftliches Vorgehen,
die "n of 1" Studie wählen. Ein solches Vorgehen lässt sich aus einer Studie
zur Obstipation im Kleinkindalter ableiten 16.
Die Autoren, Gastroenterologen einer Universitäts-Kinderklinik hypothetisierten,
die Obstipation bei manchen zur Abklärung überwiesenen Kleinkindern sei Zeichen
einer Kuhmilchintoleranz. Sie legten fest: Obstipation sei eine Stuhlentleerung
seltener nur alle drei bis 15 Tage. Eine Besserung sei Stuhlabgang achtmal oder
öfter innerhalb von zwei Wochen. Die Patienten wurden zwei Wochen mittels Tagebuch
beobachtet. Dann wurde zwei Wochen lang strikt jedes Kuhmilchprodukt vermieden
und statt dessen eine standardisierte Menge Soja-Milch gegeben. Nach einer Periode
freier Ernährung wurde den Kindern zusätzlich zur Nahrung eine standardisierte
Menge Kuhmilch pro Tag gegeben. In zwei Drittel aller überwiesenen Fälle stellte
sich eine derart deutliche Besserung bei Kuhmilch-Abstinenz ein, dass die Untersuchung
nicht nur die Therapie, sondern auch die diagnostische Antwort erbrachte. Ein
weiterer Vorteil dieser Methode des konsequenten Symtpomtagebuchs, des An- und
Absetzens bestimmter Massnahmen ist die Einbindung der Eltern in die individuelle
Suche nach der optimalen Behandlung. Auf diese Weise lässt sich im Einzelfall
finden, was hilft.
Als Kinderärzte sollten wir bei allen Bemühungen um
eine wirksame und hilfreiche Therapie im Einzelfall jedoch nicht vergessen,
was einer der grossen amerikanischen Homöopathen, Eugene B. Nash vor mehr als
einem Jahrhundert schrieb:
There are countless cases in which physicians praised
their miraculous therapy. In truth, however, all they witnessed were cases of
spontaneous healing, not deserving any gratitude.
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