Fragen und Antworten zur Facharztprüfung Pädiatrie FMH


Bereits zum vierten Mal wurden in diesem Herbst die Prüfungen zum Erlangen des Facharzttitels für Kinder- und Jugendmedizin FMH durchgeführt.

Herr Prof. M.G. Bianchetti, Vorsitzender der Prüfungskommission, hat sich freundlicherweise bereit erklärt  diesbezüglich einige Fragen für Paediatrica zu beantworten.

Frage: Prof. Bianchetti, welches sind Ihre persönlichen Erfahrungen und Eindrücke nach vier Jahren?
Antwort: Es handelt sich um eine sehr interessante, jedoch aufwendige Aufgabe. Interessant insbesondere da die Ueberprüfung der Weiterbildungsqualität nicht nur das Wissen (savoir), sondern auch das Können (savoir faire) beurteilen soll. Die Ueberprüfung des Wissens ist im allgemeinen unproblematisch (zum Beispiel mittels "multiple choice questions"), diejenige des Könnens jedoch viel schwieriger. Zu diesem Zweck musste ich während der letzten vier Jahre selbst neue Kenntnisse erwerben.

 

Frage: Wie gross ist dieser Aufwand?
Antwort: Der zeitliche Aufwand ist enorm. Sicherlich mehr als 100 Stunden jährlich müssen vorwiegend ausserhalb der regulären Arbeitszeit bewältigt werden. Dazu kommt eine Vielzahl von Telefonaten während des Alltages.

 

Frage: Besteht die Möglichkeit anlässlich einer schriftlichen Prüfung auch Können und nicht ausschliesslich Wissen zu überprüfen?
Antwort: Leider wird anlässlich der schriftlichen Prüfung vorwiegend das Wissen überprüft; das Könnens muss vor allem im Rahmen der praktischen Prüfung beurteilt werden. Die bekannten "multiple choice questions" überprüfen vorwiegend das passive Wiedererkennen korrekter Antworten. Um dies zu vermeiden haben wir die Form der sogenannten Kurzantwortfragen gewählt, womit die Kandidaten zumindest das aktive Wissen unter Beweis stellen müssen. Diese Kurzantwortfragen sind den Lesern von Paediatrica wohl bekannt (Rubrik FMH-Quiz). Ein weiterer Vorteil dieses Fragetypes liegt darin, dass nicht nur die von den Examinatoren definierten korrekten Antworten existieren. Das heisst, sinngemäss richtige Antworten und Ueberlegungen werden auch als richtige Antwort bewertet.

 

Frage: Wie beurteilen Sie die Durchführung der praktischen Prüfung?
Antwort: Ich bin sehr erfreut über den grossen qualitativen und quantitativen Einsatz der Examinatoren. Dies sind Kinderärzte mit eigener Praxis, Spitalärzte und Vertreter der Fakultäten. Diesen Examinatoren ist es zunehmend gelungen, anlässlich dieser Prüfung wirklich das Können der Kandidaten zu überprüfen. Ich möchte hier als Beispiel folgende konkrete Prüfungssituation vorstellen: Einem Kandidaten wurde ein Kind mit einer lange bekannten, chronischen Thrombozytopenie (ITP) und die dazugehörigen Akten (inklusive Diagnose) vorgestellt. Der Kandidat musste anschliessend zeigen, dass er in der Lage ist eine problemorientierte Zwischenanamnese und körperliche Untersuchung zu erheben. Weiterhin wurde der Kandidat beauftragt, die Familie über die Diagnose und deren praktischen Konsequenzen zu informieren. Das Wissen (Pathogenese und Grundlagen der Behandlung) war nicht Bestandteil konkreter Fragen, sondern wurde nur indirekt mittels des vom Kandidaten gewählten Gesprächinhaltes mit der Familie überprüft.

 

Frage: Sind die Kandidaten mit dem Ablauf der praktischen Prüfungen zufrieden?
Antwort: Die Examinatoren haben den Auftrag, diese Aspekte im Anschluss an die Prüfung mit den Kandidaten zu besprechen. Das Echo ist praktisch uneingeschränkt positiv. Dagegen besteht Unzufriedenheit betreffend der zeitlichen Abläufe vom Zeitpunkt der Anmeldung bis zur Bekanntmachung von Datum und Ort der Prüfung. Die ist ein reelles Problem, dem durch organisatorische Massnahmen begegnet werden muss.

 

Frage: Welches sind die am häufigsten von den Kandidaten angegebenen Schwierigkeiten im Zusammenhang mit der praktischen Prüfung?
Antwort: Die Weiterbildung zum Kinderarzt findet bislang praktisch ausschliesslich im Spital statt. Entsprechend zeigen die Kandidaten bisweilen Schwierigkeiten mit den typischen Situationen der ambulanten Praxispädiatrie. Die Prüfungskommission ist sich dieser Problematik bewusst und die Kriterien zum Bestehen der Prüfung wurden bislang entsprechend angepasst. Langfristig ist jedoch meines Erachtens eine bessere Weiterbildung in Bezug auf die spätere Praxistätigkeit anzustreben. Persönlich bin ich der Meinung, dass der Inhalt des interessanten Manuals "Prävention in der Pädiatrie" (Forum Praxispädiatrie und Schweizerische Gesellschaft für Pädiatrie) bereits heute die Minimalanforderung (betreffend Aspekte der Prävention) zum Bestehen der praktischen Prüfung darstellen muss.

 

Frage: Wie steht es mit der schriftlichen Prüfung?
Antwort: Die Kommission gibt sich grosse Mühe geeignete Fälle auszuwählen und die Fallbeschreibungen sowie Fragen möglichst klar zu formulieren. Zu diesem Zweck wird die schriftliche Prüfung durch verschiedene Mitglieder der Kommission revidiert. Weiterhin wird jeweils mit einigen praktizierenden Kinderärzten ein "Probelauf" der Prüfung durchgeführt. Dennoch stelle ich aufgrund von Kritiken seitens der Kandidaten fest, dass die Formulierung der Fragen nicht in allen Fällen eindeutig ist.

 

Frage: Welche Resultate werden anlässlich der schriftlichen Prüfungen erreicht?
Antwort: Sehr gute. Eindeutig mehr als 90 Prozent der Kandidaten bestehen jährlich die Prüfung. Falsche Antworten haben mehr mit ungenügendem Studium der Fragestellung als mit Wissenslücken zu tun. Darum die Empfehlung vor jeder Prüfung, sich genügend Zeit und Mühe zur genauen Analyse der Fragestellungen zu geben.

 

Frage: Nennen Sie dazu bitte ein konkretes Beispiel
Antwort: Eine Frage lautete: "Erwähnen Sie drei typische Gruppen von anamnestischen Angaben, die zu Diabetes mellitus passen (Wichtig: 1. Berücksichtigen Sie bitte die bei Diabetes mellitus häufig positive Familienanamnese nicht; 2. Berücksichtigen Sie ebenfalls die Statusbefunde nicht)". Die Fragestellung verlangte eindeutig "Gruppen anamnestischer Angaben". Die Kommission wünschte entsprechend Antworten wie 1. im Zusammenhang mit der osmotischen Diurese (also Polyurie, Polydipsie und Nykturie bis Bettnässen) 2. im Zusammenhang mit der "Stoffwechsellage” (also Gewichtsverlust), 3. im Zusammenhang mit der metabolischen Azidose (also schnelle und tiefe Atmung) oder 4. im Zusammenhang mit der Pathologie der Hirnzellen (also Störungen des Bewusstseins). Leider haben einige Kandidaten die meines Erachtens einfache und klare Frage eher minimalistisch beantwortet, zum Beispiel mit 1. Polyurie, 2. Durst, 3. Nykturie und Bettnässen. Dies ist meines Erachtens eindeutig zu wenig, da jede Polyurie obligat mit Durst und Nykturie (oder Bettnässen) einhergeht.

 

Frage: Welche Literatur empfehlen Sie zur Prüfungsvorbereitung?
Antwort: Diese Frage lässt sich nicht mit einem einzigen Zitat beantworten. Pediatrics in Review (PREP) enthält jedoch kurze, prägnante und praxisrelevante Artikel mit Fragen und ist entsprechend zu empfehlen. Demzufolge war die Mehrzahl der Fälle der diesjährigen schriftlichen Prüfung aufgrund der Inhalte der genannten Zeitschrift richtig zu beantworten.

 

Frage: Einige Kandidaten haben wehement auf die frühere Empfehlung der Kommission reagiert, ein grosses englisches "textbook" wie zum Beispiel Nelson oder Rudolf, zur Prüfungsvorbereitung anzuwenden.
Antwort: Es ist zugegebenermassen kaum möglich, ein derartiges Standardwerk zur unmittelbaren Prüfungsvorbereitung durchzuarbeiten. Vielmehr sollte jedoch während der ganzen fünfjährigen Weiterbildungszeit ein derartiges Buch jeweils patientenbezogen konsultiert werden.

 

Frage: Zum Thema Datenschutz: Ist es möglich, dass ein Klinikdirektor in Erfahrung bringen kann, welche Resultate seine Mitarbeiter erreicht haben?
Antwort: Dies ist nur möglich, indem er seine Mitarbeiter diesbezüglich befragt und vorausgesetzt diese geben eine Antwort. Seitens der Prüfungskommission und der Experten dagegen herrscht eine strikte Schweigepflicht gegenüber Drittpersonen. An dieser Entscheidung wird auch in Zukunft festgehalten, wenngleich andere Fachgesellschaften dies anders handhaben.

 

Frage: Ist die Durchführung derart aufwendiger Prüfungen sinnvoll?
Antwort: In der Zeit der Qualitätskontrollen erübrigt sich diese Frage. Persönlich bin ich der Meinung, dass die Einführung der Prüfung zu einer besseren Qualität der Weiterbildung innerhalb der Spitäler geführt hat. Ein zunehmendes Engagement betreffend die Weiterbildung kann sowohl bei den zukünftigen Kandidaten als auch bei den Weiterbildnern festgestellt werden. Dies soll langfristig die Qualität der pädiatrischen Versorgung in der Schweiz weiter verbessern.

 

Frage: Welches ungelöste Problem muss vordringlich angegangen werden?
Antwort: Im Zusammenhang mit dem enormen zeitlichen Aufwand ist es bislang nicht gelungen, die Prüfungen definitiv von der FMH anerkennen zu lassen. Dies ist für die Kandidaten eine gute Nachricht, indem auch die Prüfung 2000 noch nicht sanktionierend war.

 

Herr Prof. Bianchetti ich danke Ihnen für die Beantwortung dieser Fragen.


R. v. Vigier, Bern


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Dernière mise à jour du site: 25.06.2008