Behandlungen mit anti-IgE-Antikörpern in der Pädiatrie


Bedeutung allergischer Erkrankungen

Allergische Erkrankungen stellen in unserem Land ein Gesundheitsproblem von wachsender Bedeutung dar. Eltern und Gesundheitsfachleute nehmen auch zunehmend war, dass durch eine gute ärztliche Betreuung atopische Erkrankungen früh erkannt und die Morbidität reduziert werden kann. Die PädiaterInnen stehen bei der Frühdiagnose wie auch bei der Behandlung allergischer Krankheiten an vorderster Front.

Trotz bedeutender Fortschritte in der Therapie allergischer Erkrankungen bleiben noch zahlreiche Probleme ungelöst. Der Einsatz topischer Steroide und, neuerdings, von Leukotrienrezeptorantagonisten haben die Therapie der chronischen und entzündlichen Phase des Asthmas verbessert. Die Behandlung  eines Kindes, das unter Asthma leidet, ist aber für Eltern und Kind weiterhin sehr aufwendig, was zu Problemen mit der Compliance führen kann. Zudem kann durch die aktuell zur Verfügung stehenden Medikamente das Fortschreiten der atopischen Erkrankungen oft nur ungenügend kontrolliert werden. Für verschiedene allergische Erkrankungen (chronische idiopathische Urticaria, Nahrungsmittelallergien) stehen auch keine geeigneten Medikamente zur Verfügung. Die Einführung jedes neuen Medikamentes ist deshalb von grossem Interesse.


Wirkungsmechanismus der anti-IgE-Antikörper

Der Einsatz von anti-IgE Antikörpern zur Behandlung von Allergien wurde bereits vor über 10 Jahren evaluiert. Der ideale Antikörper sollte zirkulierendes IgE neutralisieren und verhindern, dass es an seine Rezeptoren auf der Oberfläche von Basophilen und Mastzellen (FceRI) bindet; er darf dabei aber nicht selbst zur Degranulation dieser Zellen führen. Günstig ist, wenn der therapeutisch zugeführte anti-IgE Antikörper die Produktion von IgE durch B-Zellen verhindert; andererseits darf er nicht immunogen wirken. Eine grosse Zahl von anti-IgE Antikörpern wurde im Hinblick auf diese Kriterien getestet; der schliesslich ausgewählte Antikörper wurde dann noch "humanisiert", d.h. die Mauskomponenten des Antikörpers (der ja ursprünglich von Mäusen gebildet wurde) wurden weitgehend durch menschliche Bestandteile ersetzt (1).


Klinische Studien

Verschiedene klinische Studien haben die Wirksamkeit des rekombinanten humanen anti-IgE-Antikörpers E25 (rhuMAb E25, Xolair) in der Behandlung allergischer Erkrankungen untersucht, in der Mehrzahl der Fälle bei Patienten mit allergischem Asthma. Die ersten Arbeiten fanden vor allem eine Besserung der Frühphase des Asthmas, hingegen eine wenig ausgeprägte Wirkung auf die Entzündung (2). Die bis anhin bedeutendste Studie untersuchte Adoleszente und Erwachsene mit mässig schwerem bis schwerem Asthma, welche unter Therapie mit inhalativen und/oder oralen Steroiden standen (3). Der anti-IgE-Antikörper wurde in dieser Studie in zwei verschiedenen Dosen i.v. verabreicht. Die markantesten Effekte waren eine Reduktion des Gesamt-IgE-Serumspiegels um 95%, eine Verbesserung des klinischen Scores (von 4.1±0.1 auf 2.8±0.1 nach 12 Wochen Behandlung mit verum und von 4.0±0.1 auf 3.1±0.1 bei der Placebo-Gruppe), sowie eine statistisch signifikante Reduktion der von den Patienten oral eingenommenen Steroiddosen. Hingegen konnte kein signifikanter Effekt auf die inhalativen Steroiddosen beobachtet werden. Bei den mit der höheren Antikörper-Dosis behandelten Patienten konnte eine Verbesserung des peak flows beobachet werden, hingegen änderte sich die FEV1 nicht.

Episoden von Urticaria traten bei 8 von 85 Patienten auf, die mit  der niedrigeren Dosis behandelt wurden, bei 6 von 90 der mit der höheren Dosis und bei 3 von 88 der mit Placebo behandelten Patienten. Die Autoren heben die statistisch signifikante Verbesserung der Symptome und der Lebensqualität in der verum-Gruppe hervor.

Auch bei Patienten mit allergischer Rhinokonjunktivitis wurden bereits erste Studien durchgeführt. Die beobachtete Wirkung war abhängig von der verabreichten Dosis von anti-IgE Antikörper; auch bei der höheren Dosis erreichte die Reduktion der klinischen Symptome aber nicht statistische Signifikanz (4). Eine neuere Studie hat sehr viel höhere Dosen eingesetzt (ungefähr 4mg/kg Körpergewicht, d.h. bis 10 mal mehr als früher angewandt) und konnte damit die nasalen und konjunktivalen Symptome sowie die Einnahme zusätzlicher Medikamente statistisch signifikant reduzieren (5). Auch in dieser Studie korrelierte die Reduktion der Symptome mit dem verbleibendem Spiegel von zirkulierendem IgE. Bei den beiden letzteren Studien wurden nur Erwachsene untersucht.


Praktische Anwendung in der Pädiatrie

Weitere klinische Studien, darunter mindestens eine mit pädiatrischen Patienten, sind gegenwärtig im Gange oder abgeschlossen, aber noch nicht publiziert. Zweifellos stellt die Behandlung mit anti-IgE Antikörpern eine wichtige Erweiterung des therapeutischen Arsenals dar, das uns zur Behandlung allergischer Erkrankungen zur Verfügung steht. Der anti-IgE-Antikörper wird durch den Arzt  subkutan injiziert; die Dosis wird aufgrund des Gesamt-IgE-Serumspiegels und des Körpergewichtes individuell für jeden Patienten berechnet. Die Wirkung des anti-IgE Antikörpers wurde bisher vor allem bei der Behandlung von Asthmapatienten untersucht; der genaue Platz dieses Medikamentes in den Therapieschemata dieser Krankheit muss aber noch definiert werden. Der zu erwartende Preis schränkt eine breite Anwendung des Medikamentes ein. Ein möglicher Anwendungsbereich sind Patienten mit mittelschwerem bis schwerem Asthma mit klar nachgewiesener allergischer Ursache, welche auf die bisherigen Therapien nur unbefriedigend ansprechen. Die zukünftige Rolle der anti-IgE Antikörper in der Behandlung allergischer Rhinokonjunktivitiden ist schwieriger abzuschätzen. Man wartet auch mit Neugier auf die Ergebnisse von Studien, die die Wirkung der Behandlung mit anti-IgE Antikörpern mit der Wirkung anderer Therapien, wie zum Beispiel der Desensibilisierungstherapie (SIT, systemische Immuntherapie), vergleichen, sowie auf Studien, die die Kombination dieser Therapieansätze untersuchen.

Ebenfalls noch offen bleibt, ob eine Behandlung mit anti-IgE-Antikörpern den "allergischen Marsch" aufhalten kann: kann damit verhindert werden, dass Kinder mit atopischer Dermatitis später an allergischem Asthma erkranken? Dieser Aspekt wäre gerade für die Pädiatrie von besonderem Interesse.

 

P. Eigenmann, Genève

R. Lauener, Zürich


Bibliographie

  1. Chang TW The pharmacological basis of anti-IgE therapy. Nat Biotech 2000.
  2. Boulet LP, Chapman KR, Cote J, Kalra S, Bhagat R, Swystun VA et al. Inhibitory effects of an anti-IgE antibody E25 on allergen-induced early asthmatic response. Am J Respir Crit Care Med 1997; 155(6):1835-1840.
  3. Milgrom H, Fick RB, Jr., Su JQ, Reimann JD, Bush RK, Watrous ML et al. Treatment of allergic asthma with monoclonal anti-IgE antibody. rhuMAb- E25 Study Group. N Engl J Med 1999; 341(26):1966-1973.
  4. Casale TB, Bernstein IL, Busse WW, LaForce CF, Tinkelman DG, Stoltz RR et al. Use of an anti-IgE humanized monoclonal antibody in ragweed-induced allergic rhinitis. J Allergy Clin Immunol 1997; 100(1):110-121.
  5. Adelroth E, Rak S, Haahtela T, Aasand G, Rosenhall L, Zetterstrom O et al. Recombinant humanized mAb-E25, an anti-IgE mAb, in birch pollen-induced seasonal allergic rhinitis. J Allergy Clin Immunol 2000; 106(2):253-259.

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Dernière mise à jour du site: 25.06.2008