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Dieser Artikel ist im BAG-Bulletin Nr. 39 vom 25. September
2000 erschienen.
Die Ernährungssituation von Schulkindern und das Thema Ernährung im Schulunterricht
in der Schweiz
Früher waren Familie und Familientisch der Ort, an dem Ernährungserziehung hauptsächlich
praktiziert wurde, heute aber verschiebt sich diese Aufgabe immer mehr in den
öffentlichen Bereich und damit auch in die Schulen. Ein vom Bundesrat 1994 entgegengenommenes
Postulat (94.3533) verlangt in allen Schulstufen mehr Information und Aufklärung
über ein gesundes Ernährungsverhalten. Das heutige Essverhalten mit den beiden
extremen Folgen Übergewicht einerseits, Untergewicht andererseits - hat
auch bei Kindern und Jugendlichen bedenkliche Ausmasse angenommen. Dies ruft
dringend nach Massnahmen. Deshalb hat das Generalsekretariat der Schweizerischen
Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren (EDK) dem Vorschlag der EEK und
des Bundesamtes für Gesundheit (BAG) zugestimmt, eine Untersuchung über die
heutige Ernährungssituation von Schulkindern und das Thema Ernährung im Schulunterricht
durchzuführen und Verbesserungsmassnahmen zu formulieren. Der Bericht der Arbeitsgruppe
Schule und Ernährung liegt nun vor; hier eine Zusammenfassung mit den wichtigsten
Ergebnissen.
Übergewicht, Untergewicht, Unterversorgung mit Nährstoffen
Der Bericht stellt die Ernährungssituation von Schulkindern in den letzten
10 bis 15 Jahren anhand von 15, zum Teil ausführlich publizierten Studien und
Ernährungserhebungen dar. Neben dem bereits erwähnten Übergewicht (in speziellen
Gruppen bis zu 30% der Schülerinnen und Schüler) werden in allen Altersstufen
aber auch Unterversorgung mit einzelnen Nährstoffen festgestellt, zum Beispiel
für Vitamin B6, Eisen und Calcium. In der Adoleszenz ist die Energiezufuhr
bei den jugendlichen Frauen oft zu gering. Ein Frühstück wird zunehmend spärlicher
oder gar nicht eingenommen, dafür spielt eine kalorienreiche Spätmahlzeit eine
immer wichtigere Rolle. Manche Studien zeigen, dass durch geeignete Interventionen
das Essverhalten und damit die Ernährung der Kinder nachhaltig verbessert werden
kann.
Ernährung im Schulunterricht: die Situation in den Kantonen
Das Thema Ernährung im Schulunterricht wurde anhand eines Fragebogens und mindestens
einem Interview mit den Verantwortlichen der Gesundheitsförderung der 26 kantonalen
Erziehungsdepartemente erfasst. Zwar ist das Thema Ernährung auf der Sekundarstufe
I in allen 26 Kantonen im Lehrplan noch enthalten, die angekündigten Reformen
und Sparmassnahmen werden jedoch zeigen, in welcher Form sich der Hauswirtschaftsunterricht
in dieser Schulstufe halten kann oder überhaupt gestrichen wird. In 22
Kantonen ist das Thema Ernährung im Lehrplan der Primarschulstufe vorhanden,
etwas seltener im Kindergartenbereich und in der Sekundarschulstufe II. Die
Umsetzung des Lehrplanstoffes lässt viel Freiheit zu, bereitet aber mancherorts
im Bereich Umwelt und Gesundheit Probleme, da die Lehrkräfte in diesem Bereich
zunehmend neue Themen übernehmen müssen, für die sie oftmals zuwenig vorbereitet
sind. Es stellt sich deshalb die Frage, inwieweit externe Fachkräfte hier einspringen
sollen oder müssen.
In vielen Kantonen bestehen spezielle Programme zum Thema Ernährung, die z.T.
nur regional angewendet werden. Vier Programme oder Projekte sind herausragend
und werden zusammen mit einem ausländischen Projekt im Detail beschrieben: der
Pausenkiosk in der Innerschweiz, das Projekt Energiemanagement in der Ostschweiz,
"je t'invite - viens découvrir les aliments" sowie das Alimentarium
in der Westschweiz und das Programm "Ernährungserziehung bei Kindern"
in Baden-Württemberg. Vereinzelte Aktionen wie Pausenapfel, Pausenmilch oder
ein Milchtag werden in manchen Schulgemeinden angeboten. In einzelnen Kantonen
ist geplant, eines der genannten Projekte einzuführen oder auch andere Aktionen
wie "Gsunder Znüni" oder "fourchette verte" durchzuführen.
Andere Projekte haben das Ziel, Essstörungen früher zu erkennen und die Betroffenen
einer Behandlung zuzuführen. Gemeinsame Schulmahlzeiten werden sporadisch in
den verschiedenen Schulstufen inklusive Kindergarten durchgeführt, gelegentlich
auch mit Einbezug der Eltern. In den höheren Schulstufen können sich Schülerinnen
und Schüler mancherorts in der Mensa der Schule verpflegen.
Das Thema Ernährung ist kein eigenes Schulfach, wird aber interdisziplinär
in verschiedenen Schulstufen unterrichtet. Die Art und Weise liegt in der Kompetenz
der Lehrkräfte. Die zur Verfügung stehenden Lehrmittel sind recht zahlreich,
zum Teil sehr ansprechend und attraktiv, unterliegen aber oftmals keiner qualitativen
fachlichen Beurteilung. Dies gilt auch für spezielle Unterlagen wie CD-ROMs
oder Videos. Am verbreitetsten sind zurzeit die Lehrbücher "Tiptopf",
"Peperoni" und "Haushalten mit Pfiff". Einzelne Kantone
haben im Rahmen der Überarbeitung der Lehrpläne auch neue oder erweiterte Unterlagen
in Bearbeitung. Den Lehrpersonen stehen in den meisten Kantonen interne Berater
zum Thema Ernährung zur Verfügung, auch wenn diese primär keine Ernährungsfachleute
sind. In wenigen Kantonen sind zusätzlich externe oder halbexterne Fachstellen
engagiert.
Nötig sind Verbesserung des Unterrichts und Weiterbildung für Lehrkräfte
Alle Befragten sind sich einig, dass der Unterricht bezüglich Ernährung verbessert
werden kann und muss, zum Beispiel durch Bildung von Schwerpunktprogrammen in
der Grundausbildung, durch fachübergreifende praktische Aktivitäten, durch grössere
Sensibilisierung der Lehrkräfte, Werkstattunterricht und Einbezug externer Fachpersonen.
Als besondere Bedürfnisse werden von den interviewten kantonalen Kontaktpersonen
formuliert: eine feste Aufnahme des Themas Ernährung in den Lehrplan, Beginn
des Ernährungsunterrichts bereits im Kindergarten, Erarbeiten von Kursdokumenten,
praktisch orientierte Aktionen, Ausbau des Hauswirtschaftsunterrichts (statt
Kürzung) und vermehrte Zusammenarbeit mit Ernährungsberaterinnen. Bezüglich
der Lehrmittel werden vor allem gute fachliche Unterlagen mit einfach dargestellten
Beispielen, CD-ROMs, eine Internetseite "Kind und Ernährung" und
eine zentrale Informations- und Koordinationsinstitution genannt.
In der Aus- und Fortbildung der Lehrkräfte sollte das Thema Ernährung intensiver
und in verbesserter Weise gelehrt werden. In den Schulhäusern und Kindergärten
sollten kindergerechte Kücheneinrichtungen zur Verfügung stehen und auf der
Sekundarschulstufe Schulrestaurants mit qualitativ dem heutigen Ernährungswissen
angepassten Mahlzeiten eingerichtet werden. Gesamtschweizerisch wären regelmässige
Erhebungen über das Ernährungsverhalten der Schüler, zum Beispiel im Rahmen
der schulärztlichen Untersuchungen, vorzusehen.
Schlussfolgerungen
Aus den Resultaten der Untersuchung lassen sich die folgenden zwingenden Schlussfolgerungen
und Massnahmen ableiten:
- Das Thema Ernährung gehört in den Lehrplan aller Schulstufen, vom Kindergarten
bis zur Sekundarstufe II, wenn nicht als eigenes Lehrfach, so mindestens
fächerübergreifend in Form von Projekten mit Einbezug anderer Fachbereiche.
In der Aus- und Weiterbildung der verschiedenen Lehrkräfte, inklusive Hauswirtschaftslehrerinnen,
sollte das Thema Ernährung einen höheren Stellenwert haben.
- Es bestehen grosse kantonale Unterschiede, sowohl bezüglich Lehrplänen als
auch in der Umsetzung des Themas. Eine Koordination und Kooperation der Kantone
sollte durch ein überregionales Dokumentations-, Koordinations- und Informationszentrum
gefördert werden. Dies würde auch den Austausch erfolgreicher Projekte oder
Lehrmittel erlauben.
- Um die Ernährungserziehung der Kinder auch in der Familie wirksam werden
zu lassen, sind Kontakte zum Elternhaus und Öffentlichkeitsarbeit bezüglich
Ernährungsverhalten und Ernährungserziehung notwendig. Die Schule sollte in
dieser Richtung aktiver werden. Besonderes Augenmerk ist dabei der Ernährung
in speziellen sozialen und ethnischen Gruppen zu widmen.
- Regelmässige epidemiologische Erhebungen über das Ernährungsverhalten und
die Ernährungssituation der Kinder sollten z.B. im Rahmen der schulärztlichen
Untersuchungen als Qualitätskontrolle der verschiedenen Interventionen durchgeführt
werden. Dazu könnte ein spezielles Ernährungsteam innerhalb der Fachgruppe
Gesundheitsförderung die notwendige Unterstützung leisten.
- Die Mahlzeitenzusammenstellung in den Schulkantinen sollte als Vorbild einer
gesunden Ernährung dienen und ebenfalls dazu beitragen, das Ernährungsverhalten
der Schüler positiv zu beeinflussen.
Die neue Gewichtung der Gesundheitsförderung mit Bezug auf "Ernährung"
in Schulen sollte durch entsprechende finanzielle Mittel gefördert werden.
Bundesamt für Gesundheit
Fachstelle Ernährung
Hinweis:
Der 70seitige Bericht, erhältlich in Deutsch und Französisch, kann mit Postkarte
unter folgender Adresse bestellt werden :
BAG, Fachstelle Ernährung, 3003 Bern
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