Die Sozialpädiatrie auf dem Wege der Utopie


Der Begriff "Sozialpädiatrie" wurde 1962 in einem internationalen Pädiatrie-Kongress in Lissabon erstmals genauer als "… Betrachtung der Umgebung…" definiert (1). Die Arbeitsgruppe der SGP "Zukunft der Pädiatrie"  forderte 1984, dass die KinderäztIn "sowohl in der Praxis wie in der Oeffentlichkeit die Interessen des gefährdeten Kindes wahrnimmt und vertritt". An der Arena des Kongresses der SGP in Locarno im Jahre 1999 kam die Frage aus dem Plenum: "Soll die KinderärtzIn zu 50% SozialmedizinerIn sein ?". Die Antwort von Paul Bouvier aus Genf war klar und erhielt auch einen weiten Konsens : "Die KinderärztIn ist und muss zu 100% eine SozialmedizinerIn sein". Die Sozialpädiatrie hat also einen langen Weg hinter sich und führt heute immer mehr zu wissenschaftlichen Publikationen und Programmen von Kongressen. Die echten Bedürfnisse des Kindes sind heute gut erforscht und bekannt. Aber wieso sind die Säcke des Kittels einer KinderärztIn heute immer noch meist mit Stethoskop, Otoskop, Spatel und Lampe überfüllt ? Wo sind die empfohlenen sozialpädiatrischen Arbeitsintrumente, die einem gefährdeten Kind in seiner Familie und seiner Umgebung helfen könnten und es aus der riskanten sozialen Isolation herausnehmen  könnten ?

Der Schweizer Unternehmerverband und die Schweizer Wirtschaft besinnen sich auf eine familienfreundliche Politik : mehr Kinderkrippen täten not (2). Wir KinderärtzInnen sind dagegen immer noch beim Überlegen. Überlegen ist wichtig. Hoch mit den Überlegungen, die seit 1962 weitergehen. Vielleicht braucht es noch mehr Überlegungen. Unser langes Nachdenken hat  aber doch etwas gebracht : die Utopie der Sozialpädiatrie.

Die postmoderne Gesellschaft scheint die  Sozialpädiatrie noch ganz zu entmutigen : vor kurzem erschien die Antwort der Wissenschaft auf die Frage "Was macht die Menschen glücklich?" und diese lautete : "Liebe, Geld und ja keine Kinder" (3). Das postmoderne Kind wird also zum totalen Risiko und die KinderäztIn zur ohnmächtigen     ZuschauerIn. Aber bitte, kein Verzicht :  die Sozialpädiatrie soll als Utopie weiterleben und bald Früchte tragen. Beginnen soll man mit einer guten Laune und mehr Zeit vor einem Risiko-Kind , dann kommen neue Überlegungen nach gezielten Fortbildungen (hoffentlich bald auch guten Weiterbildungen!), dann wird man viele gute Adressen im Sack haben (interdisziplinäre Betreuung) und schliesslich ein effizientes persönliches Kochbuch für Kinder , welche nicht schlafen, nicht folgen, Schulprobleme haben oder aggressiv sind. Aber das alles soll immer nur eine kraftvolle Utopie bleiben, sonst herrscht  bald die totale Frustration (vor allem am Abend vor dem Fernseher bei der Tagesschau). Utopie ist kein Traum (der zu viele Emotionen enthält) und auch kein Wahnsinn (der gefährlich ist). Utopie ist ein positives Gefühl, welches uns die Kraft gibt, mit kleinen Schritten unserem Ziel näher zu kommen. Welchem Ziel? Es gibt nur ein Ziel: die bessere Lebensqualität (und nicht nur die Gesundheit im engeren Sinne) der Kinder, die die Eltern uns anvertrauen. Der nächste Satz gehört Lennart Köhler aus Göteborg (4) :

- If we insist on equating child public health with paediatrics, we will always remain on the periphery of medicine, when we could instead be at the centre of the child health. -

Das Zentrum der globalen Gesundheit des Kindes liegt in seiner Familie und in seiner sozialen Umgebung, wie auch täglich in den Zeitungen zu lesen ist . Deshalb habe ich auch in der Tagespresse einige Referenzen gesucht.

Die Utopie der Sozialpädiatrie ist eine grosse kreative Kraft, die uns helfen kann, kulturelle Therapien zu erfinden und vor allem menschliche Beziehungen mit unseren leider meist unangenehmen "armen" ( im weiterem Sinne des Wortes ) Patienten zu pflegen. Die Utopie hilft uns schliesslich, unsere Identität als KinderärtzIn nicht in der Humangenetik zu suchen, sondern im schönsten Gebiet unseres Berufes, das heisst in der Sozialpädiatrie.    


Literatur :

  1. V.Pezzoli : Considerazioni sulla pediatria sociale. Tribuna medica OMCT,nov.2000
  2. P.Hasler : Familien sind ein Armutsrisiko. Tages-Anzeiger, 16.12.2000
  3. B.Frey, A.Stutzer : Relativ reich,total glücklich. Facts, 18.1.2001
  4. L.Köhler : Child public health. European Journal of Public Health, September 1998

R. Pancaldi, Ascon


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Dernière mise à jour du site: 25.06.2008