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Vom Wandel der Pädiatrischen Forschung zur Forschung in der Pädiatrie:
Quo vadimus?
Die Schweizerische Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin wird 100 jährig. Ein stolzes Alter. Es sei herzlichst gratuliert.
Vieles ist erreicht worden, aber ebenso vieles sind wir wieder dabei aufzugeben, oder gar zu verlieren. Um Fortschritte zu
erzielen, ist ein Umdenken unumgänglich. Ein aktives Mitdenken und Mitgestalten ist gefordert. Die Aufspaltung in Spital- und
Praxispädiatrie ist ein Zeichen unserer Ratlosigkeit; auch in der Forschung findet sich dieses Spannungsfeld.
Pädiatrische Forschung

Wie Guido Fanconi (1892-1979) seine Anfänge in der Forschung beschrieb, ist für mich noch heute wegweisend. Seine
Habilitationsschrift (1929) trug den Titel "Klinische und serologische Beiträge zum Scharlachproblem”. Sie war das
Resultat der vorbildlichen Verknüpfung von Klinik und Forschung. Ebenso war es ein "klinisches Bild", - ein
fünfjähriger Knabe wurde 1924 mit einer eigenartigen Anämie ins Zürcher Kinderspital eingeliefert – das die Grundlage
für seine forschenden Abklärungen gab, und dann zur Beschreibung der "Fanconi-Anämie” führte. So gäbe es unzählige
Beispiele grosser Kinderärzte, die durch die Klinik und Patienten motiviert Forschung betrieben. Die Verknüpfung der guten
klinischen Kenntnis mit einem fundierten Laborwissen stand verschiedenen, heute bestens etablierten Spezialgebieten wie Metabolik
inklusive Ernährung, Endokrinologie, Hämatologie etc. Pate. Beinahe ist man geneigt, die Pädiatrie als treibende
klinische Grundlage für die medizinisch-biologische Forschung während den ersten 70 - 80 Jahren unserer 100 jährigen Zeit zu
betrachten. So ist die Überschrift: "Pädiatrische Forschung” für diesen Zeitabschnitt sicherlich gerechtfertigt.
Forschung in der Pädiatrie
Derzeit erleben wir innerhalb der Geschichte unserer Gesellschaft die zweite Revolution in der Medizin. Die erste dürfte
wohl die Entdeckung der Sulfonamide und des Penicillins im Jahre 1937 betreffen. Die zweite stellt sicherlich die Genomforschung
im weitesten Sinne und die Entwicklung neuer bildgebender, wie auch chirurgischer Verfahren dar. Ein Paradigmenwechsel scheint
nicht nur möglich, er ist realistisch. Stillschweigend hat der Wechsel von der "Pädiatrischen Forschung" hin zur
"Forschung in der Pädiatrie" stattgefunden. Mit dem Einzug der Grundlagenwissenschaften in jedes einzelne klinische
Fachgebiet sind die Ansprüche an die klinische Forschung gerechtfertigterweise gestiegen. Die frühere, vom Krankenbett
ausgehende klinische Forschung gibt es nur mehr untergeordnet. Eine Aufteilung in grundlagen-, krankheits- und
patientenorientierte klinische Forschung ist notwendig geworden.
Klinische Forschung heute
Die unterschiedlichen, aber voneinander untrennbaren Aspekte der klinischen Forschung sind:
- die grundlagenorientierte Forschung, in deren Mittelpunkt der Erkenntnisgewinn in biologischen Systemen
(Molekularbiologie, Genetik, Biochemie, Immunologie, Physiologie etc) steht, der in der Folge zur Erforschung krankheitsrelevanter
Fragestellungen beiträgt.
- die krankheitsorientierte Forschung, die an Modellsystemen, zum Beispiel im Tierversuch oder in in-vitro
Systemen, mit den Methoden der modernen Biologie einen Einblick in die Pathophysiologie und die genetischen Ursachen von
Krankheiten zu gewinnen versucht.
- die patientenorientierte Forschung, die direkt an und mit den Patienten oder Probanden durchgeführt wird.
Hierunter fallen vor allem klinische Studien aller Phasen.
Ins nächste Jahrhundert
Der Entwicklung klinischer Forschung ist Rechnung zu tragen, und es ist dringend, sie auch in Ausbildung, Weiterbildung
und Fortbildung einzubeziehen. Diese hochdifferenzierte Anforderung aber kann nicht mehr allein von uns primär klinisch
ausgebildeten Ärzten erfüllt werden.
Auf der Ebene der grundlagenorientierten Forschung ist eine enge
Zusammenarbeit der Kliniker mit den Naturwissenschaftern nicht nur gefragt, sondern gar gefordert. Deshalb sind nicht nur
Einzelkämpfer, wie interessierte Grundlagenforscher und gute Kliniker gefragt, sondern auch Personen, welche die oft
unüberwindbaren Lücken zwischen Grundlagenforschung und Klinik zu schliessen wissen. Der Schweizerische Nationalfonds zum
Beispiel ist sich dessen bewusst und fördert dieses Zusammenkommen dementsprechend mit erheblichen Mitteln und zum Teil mit
besonderen Programmen innerhalb der Abteilung III. Diese Möglichkeiten führen dann hin zur krankheitsorientierten
Forschung, die zum Ziel hat, die Pathogenese und Behandlung von Krankheiten zu verstehen, jedoch nicht zwangsläufig den
direkten Kontakt zum kranken Menschen benötigt.
Immer wichtiger wird heute die patientenorientierte Forschung, welche den direkten Kontakt zum Patienten erfordert. Mehr
als 2 Millionen wissenschaftliche Manuskripte werden pro Jahr publiziert. Um allein die pädiatrische Literatur zu kennen,
müssten täglich 5 Artikel gründlich studiert werden. Unmöglich! Deshalb ist die "evidence-based-medicine " von so
grosser Bedeutung geworden. Nicht einfach blindes Vertrauen in Grundlagenforschung, Molekularbiologie, mögen sie noch so
wichtig sein, sondern aktives Hinterfragen, kritisches Denken ist absolut dringend. Sind aber unsere heutigen Medizinschulen
dafür gerüstet? Können wir diese Aufträge wahrnehmen? Jedes Glied in der Kette, sei man Allgemeinpädiater, Spezialist oder
klinischer Forscher jeglicher Art, ist gefordert; eine enge Zusammenarbeiten ist anzustreben. Wir brauchen beides, ein fundiertes
klinisches Denken und Grundlagenforschung, sowie motivierte, engagierte Fachpersonen, welche die entstandene Lücke zwischen
Klinik und Grundlageforschung schliessen können. Nur so besteht eine Chance, dass eine umfassende klinische Forschung der
Pädiatrie erhalten bleibt und unser, doch so geschätztes, Fachgebiet überleben kann. Auf den Alltag umgeschrieben würde
dies bedeuten, dass, selbst an einer Universität, rein klinisch Tätige neben Grundlagen- und Klinisch-Forschenden wertgleich
neben- und miteinander arbeiten können sollten. Solche Institutionen würden dann auch zulassen, dass unsere jüngeren Kollegen
entsprechend ausgerüstet ihren Berufsweg, sei es in einer Praxis, im Spital oder an einer Universität erfolgsversprechend
antreten können. Die Auswirkungen wären sicherlich nicht nur für die Forschung, sondern auch für den Praxisalltag positiv.
Eine zwistige Auftrennung der Pädiatrie in Praxis- und Spitalpädiatrie bliebe unnötig.
Die Zukunft ist heute! Kämpfen wir dafür - dann steht die klinische Forschung in der Pädiatrie uns allen offen, und die
Pädiatrie hat wieder gemeinsame Perspektiven.
P. Mullis, Bern
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