Pädiatrie hat Zukunft


Vor 10 Jahren bin ich mit drei Kolleginnen in die Praxis gegangen.

Meine Erkenntnis: Mit der Praxistätigkeit habe ich einen neuen Beruf ergriffen, auf den ich in vielen Gebieten schlecht vorbereitet war.

Die Schwerpunkte in der Praxis liegen auf ganz anderen Gebieten, sowie zum Beispiel Prophylaxe, Entwicklungsprobleme, Infektionskrankheiten, und Krankheiten der Luftwege im weitesten Sinne. Trotzdem, die Zeit an der Klinik möchte ich nicht missen: Ich habe gelernt Entscheidungen zu treffen, wie schwerkranke Kinder aussehen, und welchen Weg Eltern gehen müssen, die ein schwer oder chronisch krankes Kind haben.

Aus dem, was ich den letzten 10 Jahren meiner Praxistätigkeit und während der Weiterbildungs-/Oberarztzeit erlebt habe, leiten sich die folgenden Thesen ab:

An den Kliniken braucht es neue Arbeitszeitmodelle für Aerztinnen und Aerzte. Wie sollen wir später mit Lebensproblemen unserer Patienten umgehen, wenn wir selbst unsere Angehörigen nur zwischen Tag und Traum sehen?

Kliniken müssen endlich vom Glauben Abstand neben, dass Allrounder und gute WissenschaftlerInnen in Personalunion zu verwirklichen sind.

Wir brauchen an den Kliniken auch Generalisten, die uns als AnsprechpartnerInnen für nicht eindeutig zuortbare Probleme zur Verfügung stehen und die in der Lehre tätig sind. Vermehrt sollte für praktizierende KinderärztInnen die Möglichkeit bestehen, als KonsiliarärztInnen weiter an einer Klinik zu arbeiten. Das würde zu einem fruchtbaren Gedankenaustausch beitragen.



Vor der Eröffnung einer Praxis muss während der letzten 1-2 Jahre an der Klinik die Möglichkeit bestehen, das Wissen und Können im Hinblick auf die Praxistätigkeit zu erweitern. Das Forum für Praxispädiatrie, die Schweiz. Vereinigung für Ultraschall in der pädiatrischen Praxis und die SGP bieten entsprechende Aus- und Fortbildungskurse an.

Für die optimale Betreuung kranker Kinder und Jugendlicher braucht es einen intensiven Informationsaustausch zwischen Klinik und Praxis. Dies beginnt mit einem guten Zuweisungsschreiben (nicht nur ein Rezept-formular mit den Personalien...) und endet mit einem prägnanten und bald eintreffenden Austrittsbericht. Leuchtendes Beispiel für eine gute Zusammenarbeit ist die Infovac-Informationsstelle.

Infektiologie ist und bleibt auch in Zukunft ein zentrales Fach für die Arbeit in der pädiatrischen Praxis. Die Infektiologie ist nicht nur ein medizinisches Fach sondern sie reicht - wie schon eh und je - in gesellschaftliche Probleme hinein (AIDS, BSE, gentechnologisch veränderte Bakterien in der modernen Kriegführung,...). Zentral für unsere Arbeit in der Praxis sind rasche und präzise Diagnosemöglichkeiten vorallem viraler, aber auch bakterieller Erkrankungen. So werden wir - und diese Tendenz zeichnet sich in einigen Praxen bereits ab - in Zukunft Antibiotika deutlich seltener und gezielter einsetzen. Dazu gehört auch das permanente Hinterfragen jetziger und zukünftiger Therapieempfehlungen.

„Lifestyle“- assoziierte Probleme (Ernährung, Bewegungsmangel, Medienmissbrauch und Umweltprobleme) werden uns in Zukunft vermehrt beschäftigen.



Genforschung ist in der Zukunft ein wichtiges Arbeitsgebiet, aber sie muss unter Beachtung eines breiten Konsensus in der Bevölkerung und in der Wissenschaft, öffentlich kontrolliert und ethisch hinterfragt stattfinden.

Gelder für die Genforschung sind Investitionen in die Zukunft, deren Nutzen für die Gesamtbevölkerung in Bezug auf eine breite Anwendung und die Gesundheitsökonomie noch offen sind. Entsprechend müssen die finanziellen Aufwendungen in einem Verhältnis zu den bisherigen Forschungsgebieten sein, da auf diesen Gebieten sonst wichtige Fortschritte ausbleiben werden.

Gemeinschaftspraxen sind das Arbeitsmodell der Zukunft: sie ermöglichen gegenseitige Qualitätskontrolle, Kontinuität in der Betreuung, Kampf der Vereinsamung und Freiraum für andere Tätigkeiten von der Familie bis zur Politik.



Standespolitisch muss sich die Schweiz. Gesellschaft für Pädiatrie vermehrt für die Mehrheit ihrer Mitglieder einsetzen. Währenddem die an den Kliniken arbeitenden ÄrztInnen eine gesicherte wirtschaftliche Basis haben, nehmen die Kolleginnen und Kollegen, die in die Praxis gehen eine, zumindest anfänglich, empfindliche Einkommenseinbusse in Kauf. Wir sind nicht länger gewillt, als unmündige Kinder der Erwachsenenmediziner betrachtet zu werden. Geheimratspolitik wie bei der Diskussion um die Zukunft der Alpinen Kinderklinik in Davos muss durch transparente Diskussionen ersetzt werden. Es darf nicht mehr vorkommen, dass Standesvertreter die Interessen der praktizierenden Aerztinnen und Aerzte nur zögerlich oder gar nicht wahrnehmen (Fortbildung, Subtitel, Tarmed, HMO/Managed Care).

Kinderärztinnen und Kinderärzte, die sich nur ihrer Praxis widmen, sollten der Vergangenheit angehören. Es braucht ihre Kenntnisse und ihr Engagement im Schulbereich, bei der Integration ausländischer Kinder, in Sportvereinen, in der Jugendarbeit und in der Politik.



Kinderheilkunde ist ein faszinierendes Fachgebiet und wird es auch in Zukunft bleiben. Ziel müsste es sein, möglichst vielen Kindern den Zugang zu einer Kinderärztin/Kinderarzt oder zu einem in den pädiatrischen Grundproblemen gut ausgebildeten Arzt zu ermöglichen. Dies bedingt eine entsprechende Aus- und Weiterbildung, sowie Lobbyarbeit in Standesorganisationen und bei Versicherungsträgern.


A. Amacher, Basel


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