Geschichte der jüngsten Veränderungen
in der Struktur der SGP
Das Redaktionskomitee der Spezialnummer der Paediatrica hat die letzten zwei,
sowie den aktuell amtierenden Präsidenten darum gebeten, die verschiedenen Ereignisse
ihrer Amtsperiode darzulegen. Welche Faktoren haben dazu geführt, dass die SGP
ihre Strukturen hinterfragt und in der Folge ihre Funktionsweise tiefgreifend
verändert hat?
Aus Traditionen in den Aufbruch
Von traditionellen zu neuen Aufgaben
Seit den 90er-Jahren haben sich die Aufgaben des Vorstandes der SGP laufend
verändert. Früher waren die wissenschaftlichen Aktivitäten und die Fortbildung
das Kerngeschäft der Gesellschaft. Entsprechend stark war das akademische Element
im Vorstand vertreten. Die Einführung des neuen Krankenversicherungsgesetzes
(KVG) im Jahre 1996 hat in der Gesellschaft einen regelrechten "Schock" ausgelöst.
Rasch galt es,
- die Position des Pädiaters unter den Grundversorgern zu definieren
- ein strukturiertes Weiterbildungsprogramm zu etablieren
- ein Facharzt-Examen für Kinder- und Jugendmedizin auf die Beine zu stellen
- ein obligatorisches Fortbildungsprogramm vorzuschlagen
- sich mit der neu entstehenden Tarifstruktur auseinanderzusetzen und sich
für die korrekte Entschädigung der kinderärztlichen Tätigkeiten stark zu machen
(GRAT / TarMed)
- die Anerkennung der klassischen präventivmedizinischen Leistungen der Pädiater
im KVG zu verankern (Vorsorgeuntersuchungen, Impfungen, etc.)
All diese Aufgaben führten nicht nur zu einer massiven Zunahme der Arbeitsbelastung
und Verantwortung des Vorstandes, sondern setzten diesen auch gewaltig unter
Druck. Rasch mussten Kommissionen und Arbeitsgruppen formiert werden, um sich
dieser Probleme anzunehmen.
Die SGP und das Forum für Praxispädiatrie
Gleichzeitig wurden die SGP und ihr Vorstand von einer Gruppe vorwiegend aus
der Deutschschweiz stammender Praxispädiater grundsätzlich in Frage gestellt.
Von ihnen wurde die von universitären Kaderleuten "dominierte" SGP als ungeeignet
erklärt, um die praxisrelevanten Anliegen adäquat zu vertreten. Sie stellten
sowohl das Weiterbildungs- als auch das vorgeschlagene Fortbildungsprogramm
in Frage – sie würden zu sehr den Bedürfnissen der Klinik und nicht denjenigen
der Praxis entsprechen. Im September 1995 wurde das Forum für Praxispädiatrie
(FPP) formell gegründet und damit der SGP eine komplementäre und auch konkurrierende
Struktur entgegengestellt. In der Tat organisierte das FPP rasch seine eigenen
Fortbildungskurse und publizierte eine eigene Zeitschrift. Diese Situation erzeugte
bedauerliche Spannungen innerhalb der pädiatrischen Gemeinschaft.
Gemeinsame Aktionen in den Jahren 1995-1997: Die SGP und einige Mitglieder
des FPP fanden sich zu einer engen Zusammenarbeit, um die standespolitischen
Interessen gegenüber der FMH und den verschiedenen Kommissionen, die das neue
KVG und die Tarifstrukturen umsetzen mussten, effizient zu vertreten.
Das Forum für Praxispädiatrie hat die SGP unzweifelhaft dazu gebracht, ihre
Organisation zu verändern und der Vertretung der Praxispädiater und ihrer speziellen
Anliegen das nötige Gewicht zu verleihen. So wurde an der Generalversammlung
der SGP 1997 in Genf denn auch eine gemeinsame Motion SGP/FPP verabschiedet.
Einer "groupe de réflexion" unter Leitung des neuen Präsidenten Gregor Schubiger
wurde der Auftrag erteilt, einen Vorschlag für neue Strukturen und entsprechende
Statuten der Gesellschaft zu erarbeiten.
L. Paunier, Genève
Der Weg zu neuen Statuten - ein Paradigmawechsel
Von der Statik zur Dynamik
An der GV 97 in Genf wurde der Wille bekundet, der immer
wieder angedrohten "Dichotomie" der Schweizer Pädiatrie ein Ende zu setzen.
Die Lancierung der "groupe de réflexion" hat Bewegung in die eher gemächliche,
auf den Erhalt des Bestehenden ausgerichtete Fachgesellschaft gebracht.
Von der Pyramide zu den Säulen
Die Weiterführung einer generellen, hierarchischen Führungsstruktur nach dem
"Pyramidenprinzip" wurde schon bald verworfen. Zu heterogen sind die Interessen
von Klinik und Praxis, um sie mit einem eher trägen System effizient lösen zu
können. Es war deshalb das übergeordnete Ziel der Strukturreform, Eigenverantwortung
und Entscheidungskompetenz dorthin zu delegieren, wo die Probleme anfallen und
auch gelöst werden müssen.
Deshalb wurde eine Organisation mit verschiedenen "Säulen" oder Sektionen angestrebt.
Umstrittener Diskussionspunkt war die Gestaltung des übergeordneten "Daches",
das schlussendlich unseren gemeinsamen Facharzttitel "Kinder- und Jugendmedizin"
gegenüber der FMH verwalten muss. Unklar war zudem, welche Organisationsform
den Interessenvertretungen der Praxispädiater der diversen Regionen gerecht
werden kann. Das Forum für Praxispädiatrie mit seinem Elan und seiner effizienten
Arbeitsweise wäre dafür eine ideale Plattform gewesen. Für Aussenstehende muss
es unverständlich erscheinen, warum die Kompromissbereitschaft letztendlich
nicht gereicht hat, um eine einheitliche Organisation aller Praxispädiater zu
erreichen. Was viele Emotionen geschürt und Energie gebunden hat, sei kurz als
Meilensteine zusammengefasst:
Von zwei turbulenten Jahren der Reform
| Juni 1997: |
Auftrag an eine "groupe de réflexion" zur Strukturreform |
| März 1998: |
ausserordentliche Generalversammlung:
- Einführung der Urabstimmung mit schriftlicher Stimmabgabe
- Grundsatzentscheid für eine Struktur mit zwei Säulen
|
| August 1998: |
Urabstimmung zu den Statuten des Gesamtvereins
Stimmbeteiligung: 60%; 80% Zustimmung zu Statuten
mit:
- einheitlicher Gesellschaft als Titelverwalterin
- Bildung von Sektionen mit eigenen Vorständen
- kleinem Zentralvorstand und
- Beibehaltung der Generalversammlung aller Mitglieder
|
| Juni 1999: |
Gründung der Sektionen "Praxis" und "Klinik" |
Von Aktionen für das Kind zu solchen für den Kinderarzt
Der Leistungsausweis der SGP der letzten Jahre zeigt einen
nötigen, aber eher bedauerlichen Paradigmawechsel im Auftrag an die Fachgesellschaft:
Die Revision des Vorsorgemanuals, die Etablierung des Gesundheitsheftes und
diverse Unfallverhütungskampagnen waren direkte Aktionen für das Kind. Zunehmend
beschäftigen uns aber standespolitische und gewerkschaftliche Aufgaben: Titelfragen,
Prüfungen und Kontrollen unserer eigenen Kompetenz und Qualität, Interpretationen
des KVG, Zuständigkeit für Verordnungen, Tarife, Vernehmlassung zu Gesetzen,
etc.. Diese Entwicklung verlangt dauerndes und proaktives Agieren, was eine
Gesellschaft mit Milizionären, die sich in Nacht- und Wochenendarbeit aufopfern,
permanent überfordert. Wir Pädiaterinnen und Pädiater müssen uns nicht nur für
gute ärztliche Arbeit, sondern auch für uns tragbare Rahmenbedingungen einsetzen.
Standespolitisches Engagement kann nicht den Vorständen der SGP überlassen werden
sondern muss sich auf eine aktive Basis abstützten!
G. Schubiger, Luzern
Umsetzung neuer Strukturen – Chancen eines Neustarts
Vom Strukturmodell in die Alltagspraxis
Im Sommer 1999, bis zum traditionell weitergeführten Jahreskongress
der SGP, waren also alle statutarischen Anpassungen erfolgt. Mit der Wahl der
drei neuen Vorstände, je einem für die Sektionen Praxis und Klinik sowie einem
neuen Zentralvorstand, begann Tag 1 der Umsetzung. Es wäre Augenwischerei, würde
man verhehlen, dass auf allen Ebenen nicht nur Begeisterung herrschte, sondern
dass ein gehörig Mass an Skepsis die "neue SGP" begleitete. Immerhin: nach einer
langen Zeit mit oft äusserst schmerzhaften Geburtswehen bestand die Bereitschaft,
den neuen Vogel einmal fliegen zu lassen.
Die Bestätigung, dass sich die Aufteilung der Arbeiten in
die Sektionen lohnt, kam rasch. An je einem praktischen Beispiel kann gezeigt
werden, dass sich Probleme von "Praktikern" und "Klinikern" deutlich unterscheiden
können. In der 2. Hälfte 1999 steigerten sich die Diskussionen um die neue Tarifstruktur
TarMed zu einem weiteren Höhepunkt. Erstmals wurden die Grundlagen öffentlich
gemacht, welche Berechnungen für die eigentliche Praxisarbeit zuliessen. Kein
Zweifel, dass dieses Thema sofort in der Praxissektion aufgegriffen und diskutiert
werden musste. Rasch wurden pädiatriespezifische Unterlagen auf der SGP-homepage
zur Verfügung gestellt. Gleichzeitig focht der Vorstand der Sektion Klinik einen
intensiven Kampf für die Anerkennung der pädiatrischen Spezialdisziplinen als
neue Facharzttitel.
Parallele Bearbeitung von unterschiedlichen Interessensschwerpunkten,
jedoch abgestützt durch eine gemeinsame Fachgesellschaft, das soll auch in Zukunft
die Attraktivität des neuen SGP-Modells sein. Toleranz dem "anderen" Partner
gegenüber ist dabei eine Grundvoraussetzung.
Vom alten zum neuen Dach
In den Diskussionen um die neue Struktur hat die Grösse und Stärke des gemeinsamen
Daches eine zentrale Rolle gespielt. Die Basis für den Zentralvorstand bildet
die Erkenntnis, dass es bei all den unterschiedlichen Interessenlagen von Praxen
und Spitälern unsere zentrale und unteilbare Aufgabe als PädiaterInnen ist,
uns für Kinder und Jugendliche gemeinsam einzusetzen.
Wie zuvor erwähnt: die Delegation spezifischer Aufgaben in die Sektionen hat
sich bewährt. Der neue Zentralvorstand muss sich nicht mehr mit allen Detailgeschäften
selber beschäftigen. Um so mehr kann er sich seiner Pflicht annehmen, die Fachgesellschaft
gegen aussen zu vertreten und die Koordination bei Themen, die Praxis und Klinik
gleichermassen betreffen, zu garantieren.
"Gegen aussen" meint nicht nur die Aufgabe, in Medien und Politik bei den uns
betreffenden Themen zu intervenieren. In zunehmendem Mass sind wir auch innerhalb
unserer Dachorganisation, der FMH, gefordert. Erneut kann der Umbau der Tarifstruktur
als Beispiel herangezogen werden: das Sicherstellen einer adäquaten Position
der PädiaterInnen erfolgt nicht partikular, sondern im Rahmen eines gemeinsamen
Auftritts einer starken Fachgesellschaft. Oft können Lösungen nur noch innerhalb
von Koalitionen erreicht werden, und auch dafür braucht es die Repräsentation
einer geschlossenen Berufsgruppe.
Von der Amateur- zur Profiliga
Illusionen, dass die Aufteilung der Arbeit auf mehr Schultern dazu führen würde,
dass Standespolitik für die aktiv Beteiligten zu weniger Belastung führen würden,
hatten nicht lange Bestand. Der Workload in den Sektionen, aber auch derjenige
im Zentralvorstand, rufen nach einer stärkeren und professionelleren Unterstützung.
Es ist deshalb kaum erstaunlich, dass bereits nach 2 Jahren in der neuen Struktur
über konkrete Vorschläge zu einer professionellen Geschäftsstelle entschieden
werden muss.
Doch auch in diesem Punkt wird sich zeigen, dass sich der Umbau der SGP gelohnt
hat. Die Säulen haben ihre Bedürfnisse für eine Geschäftsstelle formuliert,
und entsprechend konnte die Suche nach Partnern gestaltet werden. So wird es
auch in diesem weiteren Schritt der Professionalisierung unserer Arbeit nicht
wieder zu einer Zentralisierung kommen, sondern zu einem Fortsetzen einer zielgerichteten
Arbeit, die der breiten Palette von Anforderungen der heutigen Pädiatrie gerecht
wird.
U. Bühlmann, Zürich
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