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Die Entwicklung der Spitalpädiatrie: Vergangenheit,
Gegenwart und Zukunft

Vergangenheit - Gegenwart - Zukunft
Hundert Jahre Schweizerische Gesellschaft für Pädiatrie, eine runde Zahl, die
zum Nachdenken über unser Fach anregt: was ist erreicht worden und wonach sollen
wir streben? Ich werde mich im Folgenden so viel als möglich auf die Spitalpädiatrie
beschränken. Das ist nicht so einfach, da sowohl die Entwicklung der Pädiatrie
als auch die Veränderungen im Status des Kindes in der Gesellschaft zur Verschiebung
der Grenzen zwischen Praxis- und Spitalpädiatrie geführt haben und die Organisation
unserer Arbeit wie auch die Weiterbildung der Aerzte anzupassen ist.
Die Anfänge einer für Kinder spezialisierten Medizin im 19. Jahrhundert waren
nicht ganz schmerzlos: das Loslösen der Pädiatrie aus der Erwachsenenmedizin
stiess auf viele Widerstände und die Notwendigkeit, Kinder in kindergerechter
Umgebung zu betreuen, wurde lange nicht anerkannt. Zahlreiche Kinderspitäler
sind ausserhalb der Universitätsspitäler entstanden; viel später – zum Teil
unter politischem Druck – haben die Fakultäten sich entschlossen, Lehrstühle
für Pädiatrie zu schaffen. In Genf zum Beispiel wurde erst 1908, 32 Jahre nach
der Gründung der medizinischen Fakultät, der erste Professor für Pädiatrie ernannt,
und zwar weil die Zulassung der Studenten zum eidgenössischen Staatsexamen nur
erteilt wurde, wenn die Studenten Unterricht in Pädiatrie hatten. Bis dahin
wurde die Pädiatrie von Aerzten ausserhalb des Kantonsspitals gelehrt. Trotz
diesem schwierigen Start sind die Qualität und Quantität der Leistungen, die
wir der wissenschaftlichen Kreativität der in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts
tätigen Schweizer Pädiater verdanken, weltweit anerkannt worden und haben dazu
beigetragen, dass die Schweiz als eine der Wiegen der modernen Pädiatrie galt.
Davon zeugt die Zahl der Krankheiten und Syndrome, die den Namen von Schweizer
Pädiatern tragen. Die Kindersterblichkeit war hoch, vor allem infolge von Infektionskrankheiten,
und die Diagnose und Therapie der Erkrankungen des Kindes waren höchste Prioritäten.
Das, was wir heute als eine Priorität betrachten, nämlich die Entwicklungsphysiologie,
hat sich damals praktisch auf die Definition der einfachen Wachstumsparameter
beschränkt. Ein Beispiel zeigt dies deutlich: die ersten Daten über die visuelle
Kompetenz des neugeborenen Kindes stammen aus der Mitte des 20. Jahrhunderts.
Erst in der zweiten Hälfte haben die Kenntnisse in diesem Bereich zugenommen,
und damit auch die altersspezifische Betreuung der Kinder. Die Entwicklung der
Neonatologie, die Definition der Mechanismen, die der Pubertät zugrunde liegen,
zeugen davon. Die Kinderchirurgie hat sich als selbständiges Fach entwickelt,
und die zahlreichen Spezialisierungen der Inneren Medizin sind analog etwas
später auch in der Pädiatrie entstanden, aber mit Schwergewicht auf den spezifischen
Problemen der Kinder und Jugendlichen.
Die Verbesserung der sozio-ökonomischen Verhältnisse zusammen mit den Fortschritten
der Medizin haben zu einer Verschiebung der Schwerpunkte in den Spitälern geführt.
Das Spektrum der Infektionskrankheiten hat sich verändert: was wir gestern in
den Spitälern behandelten, wird heute von unseren Kollegen in der Praxis betreut.
Die Prävention durch die Impfung ist nur ein Beispiel. Im Vordergrund stehen
Missbildungen und kongenitale Krankheiten, chronische Krankheiten, die Frühgeburtlichkeit
und alles, was das Leben eines Kindes akut bedroht; die Atemwegserkrankungen
und Allergien haben massiv zugenommen. Der Schutz der Kinder gegen Kindsmisshandlungen
und sexuellen Missbrauch ist logischerweise fast überall den Kinderspitälern
anvertraut worden, obschon andere Instanzen sich ebenfalls darum kümmern.
Dazu kommt, dass sich der Status des Kindes in der Familie und in der Gesellschaft
eindrücklich verändert hat und damit unsere Beziehung zum Patienten und seiner
Familie: weg vom Kind, das als "Objekt" von der Familie betreut und
quasi verwaltet wurde zum Kind, das wir in Einbeziehung seiner wachsenden Urteilsfähigkeit
als direkten Ansprechpartner betrachten. Wir sind mit einer massiven Beschleunigung
des somatischen Reifungsprozesses von Kindern und Adoleszenten konfrontiert.
In seinem Buch "Kinderjahre" (eine hoch empfehlenswerte Lektüre für
jeden Pädiater!) macht uns Remo Largo darauf aufmerksam, dass in den letzten
140 Jahren das durchschnittliche Alter der Menarche von 17 auf 13 Jahre gesunken
ist und dass junge Männer in hundert Jahren um durchschnittlich 12 cm grösser
geworden sind. Gleichzeitig ist die Ausbildungszeit unserer Kinder und Jugendlichen
stark angestiegen und somit auch ihre Abhängigkeit von den Eltern. Die Beziehungen
zwischen den Generationen haben sich dadurch tiefgreifend verändert. Was gibt
es Gemeinsames zwischen dem Tessiner Kind Gottardo Cavalli aus Intragna, der
1915 im Alter von 8 Jahren in Norditalien als Kaminfeger seinen ersten Kamin
reinigte, und einem achtjährigen Schulkind von heute? ("Kind sein in der
Schweiz", hrsg. von Paul Hugger)
Weshalb weise ich mit Nachdruck auf diese Entwicklung hin? Die meisten unserer
Kinderspitäler sind in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts geplant oder gebaut
worden und haben mit der Entwicklung der Pädiatrie nicht Schritt halten können.
Nur wenige Gebäude in der Schweiz ermöglichen ohne Probleme die Omnipräsenz
der Familien, den Uebergang von Hospitalisation zur ambulanten Betreuung und
die Installation von zeitgemässen medizinisch-technischen Einrichtungen.
Wie können wir diesen Realitäten für die Zukunft Rechnung tragen in bezug auf
die Entwicklung der Pädiatrie, die Ausbildung von Aerzten und Pflegepersonal
und unsere Spitäler? Ein Blick auf die heutige Situation ist sicher nützlich.
Der Graben zwischen Praxispädiatern und Spitalpädiatern, der in den letzten
15 Jahren immer tiefer geworden ist, hat sicher die gemeinsame Planung der Zukunft
beeinträchtigt. Aber vielleicht hat es fast bis zur Spaltung kommen müssen,
damit wir die Rolle der einen und der anderen neu definieren können. In der
neuen Struktur unserer Gesellschaft gibt es zwei Säulen: die Praxispädiatrie
und die Spitalpädiatrie. Der deutsche Begriff "Praxispädiatrie" (französisch:
pédiatrie ambulatoire") entspricht eher der Wirklichkeit, da ein Grossteil
der Aktivitäten der Spitäler heute ambulant ist. Man denke an die spezialisierten
und multidisziplinären Sprechstunden, die ambulante Chirurgie und hochspezialisierte
diagnostische Leistungen. Anderseits sind viele Praxispädiater auch im Spital
tätig, sei es als Spezialist in einem als Schwerpunkt anerkannten Bereich, sei
es als Allgemein-Pädiater. Das scheint logisch, da die Konzentration der Patienten
im Spital, wo Spezialisten und kinderspezifische medizinisch-technische Einrichtungen
verfügbar sind, Sinn macht in bezug auf die Weiterbildung und Forschung sowie
auch auf ökonomische Aspekte. Im Vergleich zu anderen Staaten verfügt die Schweiz
über ein eher dichtes und geographisch gut verteiltes Netz von Kinderspitälern,
hingegen sind die Spitäler eher klein. In gewissen Spezialitäten ist die kritische
Masse der Patienten klein, sogar manchmal ungenügend. Dieses Problem wird heute
weitgehend diskutiert und an gewissen Orten sind auch Bestrebungen im Gange,
die Patienten an einem Ort zu zentralisieren. Aber – das sei hier gesagt – "Megazentren"
dienen oft mehr dem Arzt als dem Patienten. Es liegt ans uns, aus der Not eine
Tugend zu machen. Die relativ grosse Dichte unserer Spitäler erlaubt uns, die
Patienten in der Nähe des Wohnortes und damit der Familie zu versorgen, ein
kurzer Spitalaufenthalt kombiniert mit anschliessender ambulanter Betreuung
ist so besser realisierbar. Die Dichte der Zentren, wo Notfälle adäquat betreut
werden können, sowie die Existenz kindgerechter medizintechnischer Einrichtungen
für die Kinder der Region sind sicher von Vorteil. Wir müssen immer wieder betonen,
dass solche Einrichtungen für die Kinder fast nur in den Spitälern existieren
und nicht wie in der Erwachsenenmedizin auch in der Privatpraxis, und sehr wenig
in Privatspitälern: der Zugang zu endoskopischen Untersuchungen ist nur ein
Beispiel. Zurzeit sind die meisten unserer Spezialisten in grossen Zentren im
Ausland ausgebildet worden, wo nicht nur die Anzahl der Patienten, sondern auch
die der Lehrer sehr hoch ist. Wenn wir weiterhin das Niveau beibehalten oder
verbessern wollen, muss das so bleiben. In gewissen Bereichen kann man mit multidisziplinären
Teams in Bezug auf Morbidität und Mortalität Resultate erzielen, die mit denen
von grösseren Zentren identisch sind. Das ist zum Beispiel der Fall für die
Lebertransplantationen, wo die Resultate identisch sind mit denjenigen grösserer
Zentren dank einer engen Zusammenarbeit zwischen Kinder- und Erwachsenenchirurgie
und pädiatrischen Spezialisten, die alle in grossen ausländischen Zentren ausgebildet
wurden. Aehnliche, ebenso gute Resultate können auch anders erreicht werden,
wie unsere Hämato-Onkologen zeigen. Sie sind fast alle in internationalen Gruppen
integriert, in denen die therapeutischen Protokolle rigoros appliziert werden,
verbunden mit einer jährlichen Kontrolle der teilnehmenden Gruppen. Die Vorteile
sind gut dokumentiert was die Prognose der krebsartigen Erkrankungen betrifft,
sie sind auch deutlich was die Weiterbildung und Forschung anbelangt. Die Mitglieder
solcher Organisationen haben nämlich unter bestimmten Bedingungen Zugang zu
Datenbanken, die weit mehr Patienten einschliessen, als ein einziges grosses
Zentrum.
Weiter können uns auch die technischen Fortschritte der modernen Kommunikationsmittel
beim Vernetzen unserer Spitäler helfen, nicht nur für die Ausbildung, sondern
auch für den Austausch von Spezialistenwissen. Es gibt bereits konkrete Beispiele,
wie dasjenige der Kinderkardiologie zwischen St.Gallen und dem Tessin. Leider
gibt es immer noch viele technische Schwierigkeiten zu überwinden, aber sicher
ist, dass solche Einrichtungen in alle neuen Spitalbauten integriert werden
sollten.
Zum Abschluss dieses "Lobliedes" der Dezentralisierung kann man noch
erwähnen, dass unsere Spitalstrukturen wenig "kompartimentalisiert"
sind. Im Vergleich zu Spitälern für Erwachsene, wo Hospitalisierung und Ambulanz
häufig getrennt sind, sind sie in den Kinderspitälern vereint. Diese Tatsache
hat sicher den Uebergang von hospitalisierter zu ambulanter Betreuung erleichtert
sowie auch die Entwicklung von multidisziplinären Aktivitäten. Es war einfacher,
da die Aerzte so weiterhin den Patienten von Anfang bis zum Schluss betreuen
konnten ohne administrative und hierarchische Hürden überwinden zu müssen. Trotz
einer eindrücklichen Zunahme der Komplexität der Fälle haben wir die durchschnittliche
Hospitalisationsdauer der Patienten signifikant vermindern können: heute wird
sehr häufig ambulant verpflegt und operiert.
Wenn wir unser eher dichtes Netz von Kinderspitälern bewahren, die Spezialisten
weiterhin auf die Spitäler konzentrieren und gleichzeitig die Weiterbildung
der zukünftigen Allgemein-Pädiater verbessern wollen, müssen wir die Weiterbildung
anpassen. Das hat Konsequenzen für die Organisation der Arbeit in den Spitälern.
Die Rolle des Pädiaters in der Praxis als Weiterbildner für den zukünftigen
Pädiater und Allgemeinpraktiker muss besser definiert werden. Obschon die Möglichkeit
existiert, einen Teil der Weiterbildung in der Praxis zu absolvieren, ist die
Umsetzung schwierig und nur wenige junge Aerzte entscheiden sich für diese Möglichkeit.
Alle Massnahmen, die einem gesunden Neugeborenen einen guten Start ins Leben
garantieren können, die Langzeitbetreuung von Kindern und ihrer Familie sollten
zu einem Grossteil in der Praxis erlernt werden können. In den Spitälern müssen
wir Massnahmen ergreifen, um die Zeit, die ein zukünftiger Pädiater in der Intensivmedizin
verbringt, zu vermindern, aber dafür sorgen, dass die perinatale Betreuung des
neugeborenen Kindes und die der Notfälle erlernt werden. Das ist möglich dank
dem vermehrten Einsatz von professionellen Intensivmedizinern. Die Rolle der
pädiatrischen Spezialisten in der Weiterbildung der Allgemeinpädiater muss genau
definiert werden: die Lernziele sind nicht identisch mit denen der zukünftigen
Spezialisten. Zur Zeit wird an diesen Lernzielen gearbeitet. Die Rolle der pädiatrischen
Spezialisten für die Weiterbildung der zukünftigen Allgemeinpädiater ist sehr
wichtig: es sind die Spezialisten, die neue Erkenntnisse in ihrem Gebiet kompetent
in die Weiterbildung zu integrieren wissen. Man muss aber auch betonen, dass
in der Vergangenheit der Spezialist sich in seiner Lehre häufig mehr darauf
konzentriert hat, was ihn selber interessiert als auf das, was für den künftigen
Praktiker wichtig ist. Die Anpassung der Lehrinhalte für Medizinstudenten an
das, was für die zukünftigen Aerzte wichtig ist, ist unumgänglich. Der Prozess
der Studienreform wickelt sich in den verschiedenen Fakultäten mit variabler
Geschwindigkeit ab, aber obschon die pädagogischen Methoden von einer Fakultät
zur andern sehr unterschiedlich sind, sind doch die Prinzipien dieselben. In
Genf zum Beispiel wird der Student sehr früh in eine Praxis integriert (im 2.
Jahr) und wird dabei mit den Methoden, gesundheitliche Probleme der Bevölkerung
generell anzugehen, vertraut. Die Praktiker, auch die Pädiater, sind an diesem
Prozess stark beteiligt. Sie akzeptieren Studenten in der Praxis, lehren Semiologie,
nehmen Teil an der Evaluation der Kenntnisse und Fertigkeiten der Studenten.
Der Reformprozess wird laufend evaluiert und angepasst, um die unvermeidlichen
"Kinderkrankheiten" des Systems auszumerzen, das weitgehend auf dem
Prinzip des "problem based learning" basiert. Es wird nicht mehr ausgehend
von der Spezialität gelehrt, sondern der Student geht vom Gesundheitsproblem
des Kindes aus und vertieft nachher alle Aspekte. Er verbringt Zeit in der Pädiatrie,
der Kinderchirurgie, der Kinderpsychiatrie und der Schulmedizin, aber der Akzent
liegt mehr als früher auf den häufigen Problemen und Notfällen. Da sich das
Programm darauf konzentriert, was ein zukünftiger Arzt (und nicht ein zukünftiger
Pädiater!) wissen muss, wird auch das Weiterbildungsprogramm für Pädiater und
Allgemeinpraktiker angepasst werden müssen. Um es für unsere Kollegen in der
Praxis zusammenzufassen: die Anpassung der Aus- und Weiterbildungprogramme in
den Universitäts-Kinderkliniken findet überall statt, zwar mit unterschiedlicher
Geschwindigkeit, aber sicher in der gewünschten Richtung.
Ein weiteres schwerwiegendes Problem, das wir zu bewältigen haben, ist die
Ausbildung in den Pflegeberufen. Die Pflegerinnenschulen konzentrieren sich
weitgehend auf die Basisausbildung der Krankenschwestern, aber in den Kinderspitälern
sind diagnostische und therapeutische Massnahmen je länger je komplexer. Die
kindspezifischen Aspekte der Pflegerinnenausbildung lasten weitgehend auf den
Kinderkliniken, ohne dass die Zahl von Ausbildnern in den Spitälern zugenommen
hat. Eine neue, wenn möglich gesamtschweizerische Definition der Ausbildungsinhalte
für die in Spitälern tätigen Kinderkrankenschwestern ist somit dringend notwendig.
Abschliessend noch zur Rolle der Kinderspitäler in der Fortbildung. Da unsere
Spitäler alle eher klein sind, ist auch die Zahl der Lehrkräfte relativ gering.
Deshalb ist die regionale Vernetzung der Fortbildungsprogramme mit Hilfe von
Visiokonferenzen umso sinnvoller. In der welschen Schweiz haben die Universitätskliniken
Genf und Lausanne ihr Fortbildungsprogramm vereinigt und übertragen es einer
wachsenden Zahl von peripheren Kliniken. Wir sind noch weit entfernt von technischer
Perfektion der Uebertragung, aber Fortschritte sind bereits zu verzeichnen,
und nach den neuesten Nachrichten interessieren sich auch die Tessiner Kollegen
für das Programm. Dank dem steigenden Interesse wird es auch einfacher werden,
das Projekt zu finanzieren, und es ist zu hoffen, dass die Vorteile einer guten
Video-Kommunikation über diejenigen der Fortbildung hinausgehen: dasselbe Netz
könnte auch für die Weiterbildung von Aerzten und Pflegepersonal gebraucht werden
und auch um die Meinung eines Spezialisten über diesen Weg einzuholen.
Viele Aufgaben erwarten uns also: die Reorganisation unserer Spitäler, der
Kampf um zeitgemässe Gebäude, die Anpassung der Ausbildung auf jedem Niveau,
im Hinblick auf eine sicher wünschenswerte Eurokompatibilität, und schliesslich
auch die Integration neuer Erkenntnisse aus der biologisch-medizinischen Forschung
in unser Fach. Ausbildung und Forschung können nicht voneinander getrennt werden.
Wenn wir eine qualitativ hochstehende Forschung wollen, müssen unsere Strukturen
angepasst werden im Hinblick auf die wichtigsten Fortschritte in den Basiswissenschaften.
Sie müssen ermöglichen, neue Erkenntnisse laufend in die Ausbildung einfliessen
zu lassen. Ich denke dabei vor allem an die molekulare Genetik, die Entwicklungsbiologie
und auch an alles, was mit den neuen bildgebenden Verfahren zusammenhängt. Was
die letzteren anbelangt, werden sie uns eines Tages nicht nur erlauben, Strukturen
sehr fein zu definieren, sondern auch Moleküle im Organismus zu verfolgen. Es
sind höchst wahrscheinlich unsere kleinsten Patienten, die am meisten davon
profitieren werden, weil es sich vielfach um nicht invasive Techniken handelt.
Die wissenschaftlichen Fortschritte, vor allem diejenigen in der Genetik, die
durch die Bekanntmachung der Entzifferung des Genoms gut illustriert werden,
werden uns mit neuen ethischen Problemen konfrontieren. Denken wir an die prädiktive
Genetik, an den Einfluss, den die Erkenntnisse über krankheits-modifizierende
Gene auf Screeningmethoden haben werden. Heute wird Bioethik an allen medizinischen
Fakultäten gelehrt: sie muss aber auch ihren Platz am Krankenbett finden. Ethische
Argumentation kann man erlernen, genau wie klinische Argumentation, anhand eines
Falles, mit Hilfe von in diesem Gebiet ausgebildeten Kollegen.
Auch wenn es stimmt, dass die Verbesserung der praktischen Ausbildung unserer
Aerzte absolut notwendig war und ist, dürfen wir es auch nicht versäumen, neues
Wissen fortlaufend in unsere diagnostischen und therapeutischen Massnahmen einfliessen
zu lassen. Das wird sicher viel schneller vor sich gehen, als wir in der Vergangenheit
gesehen haben und muss auch für die Orientierung des künftigen pädiatrischen
Forschers miteinbezogen werden. Den allein arbeitenden klinischen Forscher wird
es nicht mehr geben, die Zusammenarbeit mit grösseren Gruppen aus den Basiswissenschaften
wird unumgänglich, und in der Zukunft werden sich uns Forschungsmöglichkeiten
erschliessen, die je länger je weniger an die klassischen Spezialisierungen
in der Medizin gebunden sein werden.
Das führt uns auf ganz logische Weise zu einem Ausblick in die Zukunft, und
ich möchte schliessen mit ein paar Worten über die Attraktivität unseres Berufes
für die jungen Mediziner. Das Interesse der Medizinstudenten für die Pädiatrie
ist sehr gross, wenn man das an der Zahl der Studenten pro Jahrgang, die Pädiater
werden möchten, misst. Was ist so attraktiv an unserem Fach? Es sei die Kombination
einer Familien-Medizin mit einer gleichzeitig spezialisierten Medizin, höre
ich vielfach. Viele von diesen jungen Aerzten möchten einen Teil der Weiterbildung
im Ausland absolvieren, sei es in einem Entwicklungsland oder einem universitären
Zentrum. Sie möchten ihr berufliches Engagement und ihr Privatleben in ein Gleichgewicht
bringen, das beidem Rechnung trägt, und häufig machen sie mir den Eindruck,
dass finanzielle Aspekte nicht im Vordergrund stehen. Die Zukunft der Pädiatrie
wird auch vom Nachwuchs bestimmt und – neben aller Aufmerksamkeit, die wir unseren
Patienten schulden – ist auch alles was wir für die Förderung der beruflichen
Kompetenz unserer jungen Kollegen unternehmen, eine unserer vornehmsten Aufgaben.
Susanne Suter, Genf
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