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Betrifft: Akute Otitis media
Zum Artikel: „Akute Otitis media: Vorschlag für ein
neues Management“
(Paediatrica Vol. 11 Nr. 2; 6-9.2000)
Zusammenfassend enthält dieser Artikel Richtlinien,
die den primären Einsatz von Antibiotika in der Behandlung der Otitiden
ausschliesst, ausgenommen Spezialfälle.
Ich möchte wissen, ob dieser Artikel und die darin
enthaltenen Empfehlungen offizielle Therapierichtlinien der Schweizerischen
Gesellschaft für Pädiatrie darstellen und im Besonderen, ob der primäre
Einsatz von Antibiotika dementsprechend als Kunstfehler betrachtet werden muss.
In einer Umgebung, in der Allgemeinpraktiker öfters,
ja eigentlich von vornherein, die Otitiden mit Antibiotika behandeln, erwarte
ich vielfältige Probleme und Streitfälle mit Patienten, die gemäss diesen
neuen Richtlinien behandelt werden. Wenn sie nämlich nicht zur Kontrolle nach
24 oder 48 Stunden erscheinen und dann mit einer Otitis-Komplikation nach
einigen Tagen zu einem diensthabenden Allgemeinpraktiker kommen, werden sie
keinerlei Schwierigkeiten haben, zu beweisen, dass ihnen in einer vorgängigen
Konsultation eine antibiotische Therapie verweigert worden war. Im Gegenzug wird
es für den Pädiater sehr schwierig sein, zu beweisen, dass eine Kontrolle nach
24 bis 48 Stunden vorgesehen gewesen war. Es ist keineswegs sicher, dass ein
Gericht die neuen Richtlinien als verbindlich anerkennen wird, da national und
international Otitiden immer noch primär mit Antibiotika behandelt werden.
Schliesslich erachte ich es als verwegen oder
zumindest sehr mutig, solche Empfehlungen für Kinder unter 2 Jahren
auszusprechen, nachdem die Autoren selber bestätigen, dass keine einzige Studie
für diese Altersgruppe besteht.
Ich möchte gerne eine offizielle Antwort der
Schweizerischen Gesellschaft für Pädiatrie erhalten sowie eine juristische
Stellungnahme zu diesen Fragen.
Mit freundlichen Grüssen
Dr. med. R. Spitz
Facharzt FMH Kinder- und Jugendmedizin
Rue du Temple 5
1510 Moudon
Übersetzung: U. Lips, Zürich
Der im oben stehenden Brief erwähnte Artikel sowie der Artikel: „Zunehmende
Antibiotikaresistenz bei Pneumokokken. Konsequenzen für die empirische
antibiotische Therapie der akuten Otitis media“ von Kathrin Mühlemann und C.
Aebi (PAEDIATRICA 2000, 4, S. 39 - 42)
stellen nicht die offizielle Meinung der Schweizerischen Gesellschaft für
Pädiatrie bezüglich des Vorgehens bei akuter Ottitis media im Kindesalter dar.
Diese Artikel widerspiegeln die Meinung ihrer Autoren und basieren auf
soliden wissenschaftlichen Grundlagen. Analoge Vorschläge finden auch in
anderen Ländern grosse Verbreitung (siehe unten).
Wir haben die Autoren gebeten, eine
Antwort auf den Brief von Dr. Spitz zu verfassen und publizieren diese hier. Wir
laden unsere Leserinnen und Leser zur Teilnahme an der Diskussion ein und
schlagen ihnen vor, dies im neuen pädiatrischen Diskussionsforum der
Schweizerischen Gesellschaft für Pädiatrie per e-mail zu tun (ssp-sgp@egroups.com) oder an die Redaktion
zu schreiben.
Antwort auf den Brief von Dr. R. Spitz
Der Leserbrief von Dr. R. Spitz signalisiert das Engagement der
Praxispädiater und die Sensibilisierung zur aktuellen Behandlung der akuten
Otitis media, worüber wir erfreut sind und wofür wir uns bedanken möchten.
Unsere Beiträge und Vorschläge entstanden aufgrund wissenschaftlicher Analysen
und Erkenntnisse kontrollierter klinischer Studien und sind nicht mit der SGP
abgesprochen. Wir sind jedoch auf Feedback, das uns die Durchführbarkeit
unserer Vorschläge in der Praxis aufzeigt, angewiesen und können davon nur
profitieren.
Die akute Otitis media gehört zu den vom Kinderarzt am häufigsten
gestellten Diagnosen, zeigt eine Spontanheilungsrate von über 70% und ist der
häufigste Grund für eine ambulant verschriebene Antibiotikatherapie [1,2]. In den letzten Jahren hat der Anteil von Bakterien, die
gegenüber Antibiotika resistent sind, unter anderem durch deren breite
Anwendung weltweit und auch in der Schweiz besorgniserregend zugenommen [3,4]. Aus diesem Anlass wurde in der PAEDIATRICA erstens ein
Vorschlag zur Behandlung der Otitis mit dem Ziel, diejenigen Patienten mit
akuter Otitis media zu identifizieren und mit Antibiotika zu behandeln, welche
von einer solchen profitieren [5] wie auch zweitens die von
der aktuellen Resistenzlage abgeleiteten Konsequenzen für eine empirische
antibiotische Therapie bei der Otitis media [6] vorgestellt
und diskutiert.
Beide Beiträge verfolgen das Ziel, bei guter Patientenbetreuung mit einer
korrekten Diagnose und gezielten Therapie der akuten Otitis media den klinischen
Therapieerfolg zu optimieren, unnötige Antibiotikaverschreibungen und
Resistenzentwicklungen zu verhindern.
Grundlage dazu bilden die im folgenden dargestellten Erkenntnisse, welche
auch in den Niederlanden, England und den USA zu ähnlichen Vorschlägen und
Empfehlungen geführt haben [1,7,8]:
- In randomisierten plazebo-kontrollierten Studien und Metaanalysen
zeigt die akute Otitis media eine Spontanheilungsrate von 70-85%. Somit können
nur 15-30% aller Kinder von einer unverzüglich begonnenen Therapie eine
Besserung erwarten [2,9-11]. Besonders in einer
niederländischen Studie [12] wurden allerdings wenig
spezifische Diagnosekriterien verwendet, wodurch der antibiotische Effekt
unterschätzt werden könnte. Gleichermassen ist ohne kontrollierte
Diagnosekriterien auch in Metaanalysen die Qualität der Diagnosestellung der
akuten Otitis media letztlich nicht überprüfbar.
- Die Antibiotikatherapie beim Tubenmittelohrkatarrh hat keinen Effekt und ist
nicht indiziert. Die Diagnose der akuten Otitis media erfolgt klinisch. Die
Differentialdiagnose zu viralen Infekten der oberen Luftwege mit Otitis ist
initial oft nicht möglich [2].
- Bei fehlender Spontanbesserung ist eine Therapie notwendig, welche zur
Eradikation des Erregers aus dem Mittelohr führt [11].
- Pneumokokken sind die häufigsten Erreger der akuten Otitis media. Gerade
wegen zunehmender Antibiotikaresistenz gegen Pneumokokken bleibt Amoxicillin
Therapie der Wahl [3,4].
Das hiervon abgeleitete vorgeschlagene Management ist darauf ausgerichtet,
alle Kinder antibiotisch zu behandeln, bei welchen keine Spontanheilung eintritt
und Komplikationen zu verhindern. Mit dem primär analgetischen und erst
sekundär antibiotischen Therapieansatz (nach 24-48 h) können Patienten mit
nicht behandlungsbedürftiger Otitis und solche, bei denen die initiale
Verdachtsdiagnose nicht richtig war, ausgeschieden werden. Voraussetzung für
dieses Prinzip ist, dass die Eltern informiert und einverstanden sind sowie eine
Nachkontrolle organisiert werden kann. Dieses Vorgehen ist idealerweise
beim betreuenden Kinderarzt realisierbar, der Patient und Eltern kennt. Sind
diese Voraussetzungen nicht gegeben oder bestehen Risikofaktoren für einen
schweren oder komplizierten Verlauf, ist die bereits initiale
Antibiotikatherapie die richtige Entscheidung. Bei Kindern jünger als 2 Jahre
ist wegen der oft schwierigeren Diagnose, schweren Verlaufs und aufgrund der
vorhandenen Daten [12] bei unsicherer Diagnose eine
kurzfristige Nachkontrolle (24h) und im Zweifelsfall die sofortige
Antibiotikabehandlung indiziert.
Der Entscheid zur antibiotischen Therapie soll eine Behandlung einschliessen,
welche zuverlässig die Eradikation des Erregers aus dem Mittelohr erreicht und
so zum klinischen Erfolg führt und die Selektion resistenter Erreger
verhindert. Da Pneumokokken die häufigsten Erreger der akuten Otitis media sind
und insbesondere verantwortlich sind für die nicht spontanabheilenden Fälle,
ist Amoxicillin 50mg/kg in 2-3 täglichen Dosen Therapie der Wahl [3]. Bei fehlendem Ansprechen auf Amoxicillin ist in der Annahme
einer fehlenden Eradikation der Erreger aus dem Mittelohr eine Dosiserhöhung
des b-Laktam-Antibiotikums und eine b-Laktamase
stabile Therapie die rationale Antwort. Die erste Massnahme erfolgt zur
Überwindung der Pneumokokkenresistenz und die letztere zur Behandlung von b-Laktamase produzierenden Haemophilus influenzae
und Moraxella catarrhalis. Eine Behandlung mit Amoxicillin-Clavulanat
(80-90mg/kg) oder alternativ Ceftriaxon (50mg/kg iv oder im) wird beiden
Anforderungen gerecht.
Die Überlegungen zu diesen Beiträgen basieren auf wissenschaftlichen
Daten, fundierten klinischen Studien und folgen der Maxime, unseren Patienten
den optimalen Therapieerfolg zu gewährleisten. Unnötige
Antibiotikaverschreibungen und die Verhinderung von Resistenzentwicklungen
mögen uns helfen, diese Ziele auch in Zukunft zu erreichen. Im eigenen Bereich
versuchen wir, diese Überlegungen und Vorschläge umzusetzen und weiter zu
evaluieren. Wie weit diese in der Praxis durchführbar sind, können und wollen
wir nur der Erfahrung und der Verantwortung der Kinderärzte und
Allgemeinpraktiker überlassen. In jedem Fall sind wir gespannt und dankbar für
jedes Feedback und hoffen, dass wir die angeregte Diskussion dieses in der
pädiatrischen Praxis alltäglichen und wichtigen Themas weiterführen können.
Chr. Berger1, Chr. Aebi 2, Kerstin Michel 3
1 Zürich
2 Bern
3 Winterthur
Korrespondenz : Dr. C. Berger
Abteilung Infektiologie
Universitäts-Kinderklinik
Steinwiesstr. 75
8032 Zürich
e-mail: Christoph.Berger@kispi.unizh.ch
oder über ssp-sgp@egroups.com
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