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Das Schütteltrauma – eine wenig bekannte Form der Kindsmisshandlung
Ulrich Lips, Leitender Arzt
Medizinische Klinik, Leiter Kinderschutzgruppe und Opferberatungsstelle,
Universitäts-Kinderklinik, Steinwiesstrasse 75, 8032 Zürich
Der Freispruch des britischen Au-pair-Mädchens, in dessen Obhut vor einigen
Jahren der Sohn eines amerikanischen Anwaltsehepaars starb, erregte in den
Medien grosses Aufsehen. In der deutschsprachigen Berichterstattung wurde
kaum erwähnt, dass der 8Monatige an den Folgen eines Schütteltraumas
starb. Der Freispruch wird in den USA sowohl in juristischen als auch
medizinischen Fachkreisen immer noch heftig diskutiert; neben
Verfahrensmängeln dürfte er zustande gekommen sein, weil Existenz und
Gefährlichkeit des Schütteltraumas selbst in den USA, wo darüber schon
seit längerem berichtet wird, auch in Fachkreisen noch zu wenig bekannt
sind [1].
In der Schweiz überblickt allein die Staatsanwaltschaft des Kantons
Zürich etwa zehn Fälle in den letzten fünf Jahren, im Kinderspital
Zürich wurden in diesem Zeitraum 3 Kinder mit schwerem Schütteltrauma
betreut. Die Dunkelziffer des Krankheitsbildes dürfte hoch sein, da es bei
uns noch zu wenig bekannt ist. Ziel dieses Artikels ist es, medizinische
Fachkreise für diese spezielle Art der körperlichen Kindsmisshandlung zu
sensibilisieren.
| Die 5 Formen von Kindsmisshandlung |
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- körperliche Misshandlung
- sexuelle Ausbeutung
- psychische Misshandlung
- Vernachlässigung
- Münchhausen Stellvertreter-Syndrom
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Geschichte und Terminologie
Das Schütteln eines Menschen als Ausdruck von Ärger und Aggression ist
ein leicht nachzuvollziehender Impuls; er hat sogar in die schweizerdeutsche
Umgangssprache Eingang gefunden. Als Ursache einer schwerwiegenden
Pathologie bei Säuglingen wurde das Schütteltrauma im Jahre 1971 von
Guthkelch [2] erstmals beschrieben. Sein englischer
Begriff whiplash, also Peitschenschnur oder –hieb, beschreibt bereits
treffend den pathophysiologischen Mechanismus. Erst nachdem Caffey im Jahre
1972 weitere Fälle beschrieben hatte [3], wurde das
Krankheitsbild zur Kenntnis genommen.
Oft im gleichen Atemzug genannt wird das "shaken impact
syndrome", bei dem der Kopf des Säuglings beim Schütteln zusätzlich
auf ein hartes Objekt aufschlägt. Ein deutscher Begriff für diese
Sonderform des Schütteltraumas existiert nicht.
Biomechanik
Entscheidend für das Zustandekommen eines Schütteltraumas ist, dass der
Geschüttelte seinen Kopf durch eigene Muskelkraft nicht genügend
stabilisieren kann. Das ist physiologischerweise bei Säuglingen und
Kleinkindern der Fall, bei denen der Kopf ungefähr 15% des Körpergewichtes
ausmacht und durch die wenig ausgebildete Nackenmuskulatur nicht gehalten
werden kann. Schütteltraumata sind aber selten auch bei Erwachsenen
beschrieben, die aus speziellen Gründen ihren Kopf nicht kontrollieren
können, z.B. weil sie einer Übermacht ausgesetzt sind.
Säuglinge und Kleinkinder werden um den Thorax oder an den Oberarmen
gehalten und in sagittaler Richtung geschüttelt (Abb. 1).
Dabei schlägt der Kopf nach vorne und hinten und wird jeweils in der
Extremposition abrupt gebremst. Die Kräfte, die bei diesem Bewegungsablauf
auf das Gehirn einwirken, sind komplex: Der schädigende Mechanismus sind
die rotatorischen Kräfte, die einerseits Gewebeschichten innerhalb des
Gehirns gegeneinander verschieben und anderseits zum Abriss von
Brückenvenen zwischen Schädelkalotte und Gehirn führen. Ersteres
verursacht intracerebrale Blutungen, der Abriss der Brückenvenen führt zu
den für das Krankheitsbild typischen Subduralhämatomen. Die
Rotationskräfte bewirken ebenfalls die typischen Retinablutungen, die eine
entscheidende Bedeutung für die Diagnose Schütteltrauma haben [4,5,6].
Abbildung 1: Entstehungsmechanismus
des Schütteltraumas


In den Extrempositionen erfährt das Gehirn zudem eine abrupte
Dezeleration mit nachfolgender Akzeleration. Ein natürliches Tiermodell
für diese Art der Krafteinwirkung ist der Specht, der seinen Kopf bei den
heftigen Schnabelschlägen durch Muskelkraft immobilisiert, so dass - ganz
ohne rotatorische Komponente - reine Akzelerations- und Dezelerationskräfte
wirksam werden; diese sind für das Gehirn offenbar unschädlich. Auch ein
pädiatrisches Fallbeispiel illustriert dies: Ein 4 jähriges Mädchen
stürzt aus dem siebten Stock und fällt absolut flach auf den Rücken, der
Grasboden ist durch langen Regen aufgeweicht; der Sturz verursacht zwar
Frakturen aber keinerlei Hirnschädigung [7,8].
Beim Schütteltrauma kommt es fast nie zu Läsionen der Halswirbelsäule
und des Rückenmarks, wohl wegen der in diesem Alter noch grossen
Elastizität dieser Strukturen.
Aus Tiermodellen und aus Geständnissen von überführten TäterInnen von
Schütteltraumata ist bekannt, dass nur mit erheblicher Kraft ausgeführte
Schüttelbewegungen zur Schädigung des Gehirns führen; es genügen
offenbar einige wenige Auslenkungen des Kopfes in die Extrempositionen [8].
Das sanfte Schütteln eines Kindes zu dessen Beruhigung hinterlässt keine
Schäden.
Symptome
Leitsymptome des durch ein Schütteltrauma geschädigten Säuglings sind
cerebrale Krampfanfälle, eingeschränktes Bewusstsein, vorgewölbte
Fontanelle und pathologisches Atemmuster, meist in Form von Apnoen. In
Retina und ev. Glaskörper sind in aller Regel Blutungen nachweisbar.
Zusätzlich können Hämatome als Griffspuren an den Oberarmen oder am
Thorax sichtbar sein, selten sind darunter liegend Frakturen nachweisbar.
Pathophysiologie
Die erwähnten cerebralen Symptome sind einerseits die Folge der durch
die Scherkräfte verursachten intraparenchymatösen Blutungen (shearing
injuries) [9]; anderseits bewirken die Subduralhämatome
einen Masseneffekt, was durch Erhöhung des intrakranialen Druckes
zusätzlich zu hypoxisch-ischämischen Hirnschädigungen führt [10].
Ursache der Retina- und Glaskörperblutungen sind ebenfalls die durch die
Rotation bedingten Scherkräfte. Diese wirken fast ausschliesslich beim
Schütteltrauma. Andere heftige Krafteinwirkungen auf den Schädel und das
Gehirn wie Verkehrsunfälle und intrakraniale Druckerhöhungen bei lange
dauernder kardiopulmonaler Reanimation führen praktisch nie zu
Retinablutungen und wenn, dann nur am caudalen Pol des Bulbus, während die
Retinablutungen nach Schütteltrauma bis vor den Äquator des Bulbus
nachweisbar sind [11,12,13].
Differentialdiagnose
Die erwähnten Symptome Krampfanfälle, Bewusstseinsveränderung sowie
Apnoen sind unspezifisch und können auch durch Unfälle oder internistische
Krankheitsbilder bedingt sein. Dann existiert allerdings eine entsprechende
Anamnese über den Unfallhergang oder es sind zusätzliche Symptome wie z.B.
Fieber bei Sepsis/Meningitis vorhanden. Eine seltene aber wichtige
Differentialdiagnose ist die Glutaracidurie, bei der sowohl subdurale
Hygrome als auch die erwähnten cerebralen Symptome vorhanden sein können.
Diagnostik
Beim Vorhandensein der typischen Symptomentrias bei einem Säugling ohne
entsprechenden Unfallmechanismus oder zusätzliche, auf ein
internmedizinisches Leiden hinweisende Symptome, ist die erste
Differentialdiagnose das Schütteltrauma. Bei der klinischen Untersuchung
fehlen meist weitere pathologische Befunde, insbesondere finden sich keine
Prellmarken am Kopf; gelegentlich können Hämatome im Bereich der Oberarme
oder des Thorax festgestellt werden (Abb. 2). Die
Erhärtung der Diagnose erfolgt einerseits durch die bis in die vorderen
Bulbusabschnitte reichenden uni- oder bilateralen Retinablutungen [14],
die optimal durch die indirekte Fundoskopie erfasst werden und praktisch
pathognomonisch für ein Schütteltrauma sind (Abb. 3).
In der Bildgebung können im Computertomogramm Subduralhämatome (Abb.
4) und hypoxisch-ischämische Hirnläsionen (Abb. 5)
nachgewiesen werden, in der Magnetresonanz zusätzlich die typischen
shearing injuries (Abb. 6).
Abb. 2: Hämatom an
der Oberarm-Innenseite bei 6 Monate altem Säugling mit Schütteltrauma

Abb. 3:
Retinablutungen

Abb. 4 :
T1-gewichtetes MR-Bild: Subduralhämatom frontoparietal links

Abb. 5: Deutliche
cortico-subcorticale Dedifferenzierung parietal rechts mit Hypodensität.
Fronto-parietal rechts inhomogenes hyperdenses Subduralhämatom (2) sowie
Nachweis von Blut im Subarachnoidalraum (1).

Abb. 6:
T2-gradientenecho MR-Bild : Nachweis von mehreren punktförmigen
Signalauslöschungen im rechten Centrum semi-ovale in der tiefen weissen
Substanz im Sinne von petechialen Blutungen (shearing injuries).

Epidemiologie
Typischerweise sind Säuglinge betroffen mit einem Durchschnittsalter von
ungefähr 5 Monaten. Das Verhältnis von Knaben zu Mädchen beträgt 3:2.
Die Täter sind in ¾ der Fälle Männer; die leiblichen Eltern wurden in
50% als Verursacher identifiziert, Partner der Mutter und Babysitter in je
17% (3).
Prognose
Etwa ¼ der Kinder sterben innert Tagen bis Wochen nach dem
Schütteltrauma. Von den überlebenden ¾ tragen gemäss Angaben aus den USA
[15] 75% Langzeitschäden davon, die körperliche
Behinderung (Cerebralparese), Beeinträchtigung des Visus bis zur Blindheit,
Epilepsie und geistige Behinderung respektive eine Kombination dieser
Zustände umfassen können. In anderen Publikationen mit längerer und
feinerer Nachkontrolle ist der Anteil an Behinderungen erheblich grösser,
da sich erst im Laufe der Schulzeit neuropsychologische Beeinträchtigungen
zeigen können [16,17].
Prävention
Prävention muss auf verschiedenen Ebenen erfolgen, um greifen zu
können:
Ein Aspekt ist die Aufklärung über besonders gefährliche
Schädigungsformen, zu denen in erster Linie das Schütteltrauma gehört. Es
ist erstaunlich, dass selbst Fachpersonen die Gefährlichkeit des
Schüttelns von Säuglingen und Kleinkindern nicht bekannt ist, während
Schläge auf den Kopf und Stürze in oft fast übertriebener Weise –
besonders gegenüber älteren Geschwistern! – als deletär dargestellt
werden.
Diesen Aufklärungsaspekt fokussiert die Schweizerische Stiftung Kinder
und Gewalt, indem sie ein Faltblatt und ein Lehrvideo produziert hat (siehe
Kästchen).
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Das Faltblatt "Hilfe! mein Baby hört nicht auf zu
schreien."(deutsch, französisch und italienisch erhältlich)
zeigt jungen Eltern Möglichkeiten auf, mit dem Schreien ihres
Säuglings umzugehen; dabei wird auch auf die Gefährlichkeit des
Schüttelns hingewiesen. Das Lehrvideo "Schütteln Sie nie ein
Baby!" (deutsch, französisch und italienisch erhältlich) zielt
in die gleiche Richtung.
Ein ebenfalls von der Stiftung produzierter Fernsehspot konnte
leider bisher kaum ausgestrahlt werden, da weder die öffentliche Hand
noch private Sponsoren sich bereit erklärt haben, die
Ausstrahlungszeit am Fernsehen zu finanzieren.
Interessenten der erwähnten Unterlagen und allfällige Sponsoren
melden sich bei:
Stiftung Kinder und Gewalt
Geschäftsstelle
Frau Silvia Krebs
Eigermatte 46
Postfach 1235
3110 Münsingen
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Wichtiger ist die Prävention auf der emotional-verhaltensmässigen
Ebene: Beim Täter kommen in der Regel Belastungsfaktoren aus verschiedenen
Bereichen zusammen und führen zur Überforderung, die bei mangelnder
Impulskontrolle zur körperlichen Misshandlung führen kann. Hier sollte
denn auch diese Art der Prävention ansetzen, die eine
gesellschaftspolitische Aufgabe grösster Dimension ist und primär in den
Bereich der Erwachsenenbildung gehört. Dabei ginge es darum,
heranwachsenden Jugendlichen und jungen Erwachsenen vor ihrer Elternschaft
Verhaltensalternativen zu aggressiven Reaktionsmustern beim Vorliegen von
Überforderungssituationen zu vermitteln. Diese Art von Prävention ist in
der Schweiz nicht einmal ansatzweise umgesetzt [18].
Die Ausbildung von Fachleuten, Kindsmisshandlung rasch zu diagnostizieren
und professionell damit umzugehen, wird in der Schweiz mit erheblichem
Aufwand betrieben und zeitigt gute Resultate. Auch die im Kinderschutz
unabdingbare interdisziplinäre Vernetzung funktioniert vielerorts schon
gut. Nur wirksame Prävention vermag aber letztlich das grosse Leid der
Opfer und ihrer Angehörigen zu verhindern. Ihr gebührt deshalb erste
Priorität.
CT- und MR-Bilder verdanke ich Dr. J. F. Schneider, Abteilungen
Bilddiagnostik/Radiologie und Magnetresonanz, Universitäts-Kinderklinik
Zürich (Leiter: Proff. U. Willi und E. Martin)
Literatur
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(the Whiplash-Shake Syndrome). Pediatric Neurosurgery 19: 170, 1993
- Guthkelch, A.N.: Infantile Subdural Hematoma and its Relationship to
Whiplash injuries. Br Med J 2: 430, 1971
- Caffey, J.: On the Theory and Practice of Shaking Infants. Am J Dis
child 124: 161, 1972
- Duhaime, A.C., Alario, A.J., Lewander, W.J., Schut, L., Sutton, L.N.,
Seidl, T.S., Nudelmann, S., Budenz, D., Hertle, R., Tsiaras, W.,
Loporchio, S.: Head Injury in Very Young Children: Mechanisms, Injury
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Nonaccidental Head Injury in Infants – The Shaken-Baby Syndrome. The
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