|
|
|
|
Konjugierter Impfstoff gegen Pneumokokken :Eigenschaften, Grenzen und offene Fragen
Claire-Anne Siegrist et B. Vaudaux
|
|
Klinisches Bild |
Schutzwirkung gegen geimpfte Serotypen |
Schutzwirkung gegen alle Serotypen |
p
|
||||||||||||||||
|
Invasive Infektionen* |
97.4 % (82.7 – 99.9) |
89.1 % (73.7 – 95.8) |
<0.001 | ||||||||||||||||
|
Pneumonien :
|
|
|
|
||||||||||||||||
|
Otites moyennes aiguës :
|
|
|
|
*Sepsis, Meningitis
NV : Angaben nicht verfügbar
Dieselbe Studie (6) hat den Impfschutz gegen Pneumonien ohne Bakteriämie (= negativer Erregernachweis, klinische Kriterien) untersucht. Die Impfung verhinderte 11% der klinisch diagnostizierten Pneumonien, 13% der Pneumonien, die ein Röntgenbild notwendig machten, 33% der Pneumonien mit einem pathologischen Röntgenbild und 73% der Pneumonien, die eine segmentäre oder lobäre Konsolidation zeigten. Diese signifikanten Zahlen zeigen, dass die Rolle der Pneumokokken bei den Pneumonien/Bronchopneumonien in der ambulanten Pädiatrie erheblich unterschätzt wird und dokumentieren auch die potentiell wichtige Wirkung der Impfung auf diese Krankheitsbilder.
Zwei Studien haben den Schutz vor akuter Otitis media (AOM) untersucht. In der amerikanischen Studie (6) wurde kein Erregernachweis durchgeführt. Die angegebenen Impfschutzraten basieren auf folgenden Annahmen : Wenn 50% der Otitiden bakteriell sind, davon 20-40% von Pneumokokken verursacht, von denen wiederum 85% der Serotypen im Impfstoff Pn7V enthalten sind, müsste der Impfschutz bezogen auf die Gesamtheit der Otitiden zwischen 8,5 und 20% liegen. Die amerikanische Studie hat eine Schutzwirkung an der unteren Grenze dieser theoretischen Schätzung gezeigt : 7% (4,1 – 9,7) aller AOM sind durch den Impfstoff Pn7V verhindert worden. Die Schutzwirkung ist mit 9,3% bei den rezidivierenden Otitiden (>3 AOM pro 6 Monate oder >4 AOM pro Jahr) und mit 20% bei den Kindern mit notwendiger Paukendrainage deutlich höher (Tabelle 1). Sehr ähnliche Ergebnisse zeigt eine finnische Studie. Bei jeder klinischen AOM wurde ein Erregernachweis mittels Parazentese durchgeführt: 6% (Vertrauensgrenze –4,1 bis +16%) der AOM konnten durch die Pn7V-Impfung verhindert werden, was statistisch nicht signifikant ist. Hingegen wurden 57% (44-67%) der AOM verhindert, die auf Impfserotypen zurückgeführt werden konnten. Die nicht-geimpften Serotypen wurden etwas häufiger bei den Pn7V-geimpften AOM-Patienten gefunden (11/100 verglichen mit 8/100), was eine vermehrte Kolonisation des Nasen-Rachenraumes widerspiegelt. Die gesamte Auswirkung der Impfung auf die Pneumokokken-AOM bleibt aber selbst für einen „nur" heptavalenten Impfstoff positiv, da doch 34% (21-45%) aller Pneumokokken-AOM verhindert werden können.
Der Unterschied zwischen diesen Resultaten – hervorragend bezüglich Prävention der invasiven Pneumokokken-Erkrankungen und bescheidener bei der Prävention der AOM (Tabelle 1) – unterstreicht die wichtige Rolle der Viren und der lokalen Immunität der Schleimhäute in der Pathogenese der AOM und bestätigt ihre Bedeutung hinsichtlich weiterer Fortschritte in der Prävention. Erinnern wir uns zum Vergleich, dass ein neuer nasaler attenuierter Lebendimpfstoff gegen Grippe 98% der AOM, die mit einer Grippe assoziiert sind, und 30% aller AOM bei Kindern (15 Monate bis 5 Jahre) verhindert (7). Die Prävention der AOM hängt also unabdingbar von der Prävention der viralen Infektionen ab!
Um die Bedingungen in der pädiatrischen Praxis zu reproduzieren, wurde der Pn7V-Impfstoff immer gleichzeitig mit den Impfungen gegen Diphtherie-Tetanus-Pertussis-HIB und Polio verabreicht, wobei die meisten Studien einen zellulären Pertussis-Impfstoff (Tetramune®) verwendeten. Allen Kindern wurde zusätzlich ein neuer Impfstoff verabreicht (Pn7V oder konjugierter Impfstoff gegen Meningokokken Typ C).
Die Analyse der systemischen Reaktionen in der Untergruppe der Kinder, die mit DTPa-IPV-HIB (häufiger gebraucht in der Schweiz) und Pn7V geimpft wurden, zeigt eine gewisse Häufung der Impfreaktionen gegenüber der Gruppe mit DTPa-IPV-HIB alleine. Die Häufigkeit von Fieber über 38°C beispielsweise wurde angegeben mit 15,1%, 23,9%, 19,1% und 21% bei den Kindern zwischen der ersten und der vierten Dosis (6). Hingegen wurde Fieber über 39°C nach diesen 4 Impfungen nur in 0,9%, 2,5%, 1,7% und 1,3% beschrieben. Die Lokalreaktionen waren an der Einstichstelle des Pn7V-Impfstoffes ebenfalls stärker als auf der Gegenseite : Rötung 10-14%, Schwellung 10-12% und Schmerzen 15-24%. Diese Ergebnisse lassen eine vermehrte Reaktion im Vergleich zur alleinigen Verabreichung von DTPa-IPV-HIB vermuten. Diese Schlussfolgerung, die bisher nur indirekt gemacht werden kann (keine Kontrollgruppe ohne zusätzlichen konjugierten Impfstoff) wird momentan durch andere klinische Studien (insbesondere in Deutschland) untersucht.
Die Komplexität der Entwicklung und Herstellung eines Impfstoffes, der 7 verschiedene PS enthält, die alle individuell an ein Trägerprotein gebunden werden müssen, impliziert hohe Produktionskosten. Dies zieht einen hohen Verkaufspreis nach sich, der bei der aktuellen Monopolstellung kaum unter Druck gerät. Andere Produzenten entwickeln momentan Impfstoffe mit einer höheren Anzahl von Serotypen (9-12), benötigen aber noch mehrere Jahre für die notwendigen klinischen Studien. Eine Kosten-Nutzen-Analyse aus den USA (8) zeigt, dass die generelle Impfung der Säuglinge mehr als 12'000 Fälle von Meningitis und Bakteriämie, 53'000 Pneumonien, 1 Million AOM und 116 Todesfälle pro Jahr verhindern könnte. Ohne Berücksichtigung der Impfkosten wären dies Einsparungen von $342 Millionen an direkten medizinischen Kosten und von $415 Millionen an sozialen Folgekosten (Abwesenheit der Eltern etc.). Eine ausgegelichene Rechnung (weder Gewinn noch Zusatzkosten) würde dementsprechend Impfkosten von $18 (nur medizinische Kosten) bzw. $ 46 (inkl. Folgekosten) implizieren. Zum derzeitigen Verkaufspreis ($58 pro Dosis) würde die Impfung der Säuglinge unter 6 Monaten (ohne Nachimpfung der grösseren Kinder) die amerikanische Gesellschaft jährlich $80'000 pro gerettetes Lebensjahr kosten ($280'000 pro Meningitis, $150'000 pro Bakteriämie, $3'200 pro Pneumonie und $160 pro AOM). Diese Kosten entstehen, falls dem Staat, der ca. 60% der Impfungen gewährleistet, vom Produzenten kein Rabatt zugestanden wird.
Diese hohen Kosten bedeuten für die Beurteilung der Impf-Indikation und die Frage der minimal notwendigen Anzahl an Impfungen ein Problem, nicht nur für Entwicklungsländer mit begrenzten finanziellen Mitteln, sondern auch für die Mehrheit der Industrieländer.
Aufgrund der vorliegenden Studienresultate hat die amerikanische FDA (Food an Drug Administration) den Impfstoff Prevenar® registriert und die Impfung für alle Kinder unter 5 Jahren – mit einem altersabhängigen Nachimpfschema – empfohlen. Die hohen Kosten haben aber dazu geführt, dass die amerikanischen Gesundheitsbehörden (ACIP) die allgemeine Impfempfehlung auf Säuglinge und Kleinkinder unter 2 Jahren beschränkt und die Impfung für Kinder zwischen 2 und 5 Jahren auf spezielle Risikopatienten für Pneumokokken-Infektionen (Sichelzellanämie, HIV, chronische Herz-/Lungenkrankheit) limitert hat. Die Behörden haben beschlossen, dass die Impfung ebenfalls für Kinder von 2-5 Jahren in Betracht gezogen werden kann, falls sie eine Krippe besuchen oder im Vorjahr häufige bzw. schwerwiegende Verläufe von AOM zeigten.
Die Pn7V-Impfung Prevenar® ist bisher in keinem anderen europäischen Land ausser der Schweiz registriert. Ein zentrales Registrierverfahren ist momentan für die Gesamtheit der EU-Länder im Gange.
Die Schweizerische Impfkommission hat einige grundlegende Daten gefordert, die für die Formulierung einer klaren Impfempfehlung für Prevenar® notwendig sind (Tabelle 2).
Die Mehrheit dieser Daten ist leider noch nicht verfügbar. Eine Empfehlung kann deshalb momentan leider weder für die generelle Impfung der Säuglinge, noch für die selektive Impfung von Risikopatienten gegeben werden, da die Zahl der verfügbaren Studien noch sehr begrenzt ist. Diese Grundlagen werden aber gegenwärtig zusammengetragen und sollten in den kommenden Monaten verfügbar sein. Sie werden in die Überlegungen der Schweizerischen Impfkommission einfliessen und den Pädiatern nach und nach, insbesondere über die Paediatrica, mitgeteilt. Der nachfolgende Artikel (Paediatrica Vol 11, No 5) enthält die ersten Antworten auf die wesentliche Frage der epidemiologischen Auswirkungen einer generellen Prevenar®-Impfung in der Schweiz.
Tabelle 2 : Grundlagen zur Formulierung einer
Impfempfehlung für einen heptavalenten Pneumokokken-Impfstoff in der
Schweiz
|
Der Impfstoff Prevenar®, der in der Schweiz registriert wurde, kann ab Markteinführung im September 2000 gebraucht werden, vorläufig aber noch ohne Vergütung durch die Krankenkassen. Die hohen Kosten des Impfstoffes werden seine Verwendung stark einschränken.
Die Risikogruppen, für die eine Anti-Pneumokokken-Impfung zur Zeit empfohlen wird, müssen unbedingt weiterhin mit dem 23-valenten PS-Impfstoff behandelt werden, solange der relative Vorteil eines besseren Schutzes mit 7 Serotypen gegenüber 23 Serotypen nicht etabliert ist. Es ist möglich, dass diese Kinder von einer Erstimpfung mit dem konjugierten Impfstoff, gefolgt von einer Impfung mit dem 23-valenten Impfstoff nach einem Monat, profitieren würden. Diese Hypothese ist aber noch zu beweisen.
Nehmen wir zur Kenntnis, dass der Prozentsatz der Infektionen, die durch die 7 Serotypen des Impfstoffes Pn7V verursacht werden, mit zunehmendem Alter stark zurückgeht. Der Impfstoff Pn7V wird dementsprechend nie der empfohlene Impfstoff für die grossen Kinder, die Jugendlichen, die Erwachsenen und die alten Risikopatienten sein.
Übersetzung : U.Lässer, Baden
|