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PÄDIATRISCHE AIDS-GRUPPE SCHWEIZ (PAGS)
Mitglieder der Kommission
PD Dr. Ch. Rudin, Präsident; Dr. C. Aebi, Bern; Dr. W. Bär,
Chur; Dr. U. Bühlmann, Zürich; Dr. J.-J. Cheseaux, Lausanne; Fr. Dr.
M.P. Gianinazzi, Lugano; Prof. H.-P. Gnehm, Aarau; Fr. Dr. J. Greiner, St. Gallen;
Dr. U. Hunziker, Winterthur; PD Dr. C. Kind, St. Gallen; Dr. J. Klingler, Biel;
Dr. H.F. Kuchler, Sion; Prof. D. Nadal, Zürich; Fr. Prof. C.A. Siegrist,
Genève; Prof. G. Schubiger, Luzern; Fr. Dr. F. Steiner, Zürich,
Dr. B. Vaudaux, Lausanne; Fr. Dr. C.A. Wyler Lazarevitch, Genève
Sitzungen
Wiederum fanden zwei reguläre Sitzungen statt, und zwar am 1. September
1999 und am 29. März 2000.
Prävention der vertikalen Uebertragung - Therapie der mütterlichen
HIV-Infektion während der Schwangerschaft
Aufgrund der in der Schweiz im Rahmen der PAGS und der Schweizer Mutter+Kind
HIV Kohortenstudie (MoCHiV) erhobenen Daten ist von den inzwischen über
100 Kindern, bei deren Mütter während der Schwangerschaft mit einer
antiretroviralen Transmissionsprophylaxe gemäss PACTG-076 Protokoll begonnen
worden ist, und die mittels primärem Kaiserschnitt entbunden worden sind,
kein Einziges mehr infiziert worden. Damit bestätigt sich die von C. Kind
erstbeschriebene additive Schutzwirkung von antiretroviraler Transmissionsprophylaxe
und primärer Kaiserschnittentbindung (AIDS 1998;12:205-10) in der Schweiz
auch weiterhin sehr eindrücklich. Wie eine internationale Meta-Analyse
anhand von über 15'000 Mutter-Kind-Paaren aus 15 prospektiven Kohorten,
zu der auch die Schweiz 352 Mutter-Kind-Paare beitragen konnte, bestätigte,
kann mit diesen Massnahmen die vertikale Transmissionsrate auf das Niveau von
ca. 2% gesenkt werden (NEJM 1999;340:977-87). Ebenfalls im Rahmen dieser Metaanalyse
konnte inzwischen auch der Einfluss der Geburtsdauer weiter analysiert werden.
Innerhalb der ersten 24 Stunden nach Blasensprung nimmt demnach das Risiko einer
vertikalen Virustransmission pro Stunde linear um 2% des Ausgangswerten zu. Bei Frauen mit AIDS
gemäss CDC-Definition (klinische Symptome und/oder CD4-Zellzahl < 200/mm3)
ist sogar eine Zunahme des Ansteckungs-Risikos von 8% auf 31% innerhalb von
24 Stunden ermittelt worden. Diese Daten werden demnächst publiziert werden.
Erfreulicherweise steht nun erstmals auch für die Entwicklungsländer
ein realistisches Instrument zur vertikalen Transmissionsprophylaxe zur Verfügung.
Im Rahmen einer als HIVNET-012 bezeichneten Studie konnte nämlich in Uganda
gezeigt werden, dass sich die vertikale Transmissionsrate im Vergleich zu einer
Kontrollgruppe, die unter der Geburt lediglich AZT erhielt, mit je einer einzelnen
Dosis Nevirapine, bei Geburtsbeginn an die Mutter und postpartal an das Kind
verabreicht, ebenfalls um fast 50% reduzieren lässt (Lancet 1999;354:795-802).
Ein ergänzender Arm dieser Studie (ACTG-316) ist in verschiedenen Industrieländern,
u.a. auch in der Schweiz, noch im Gange.
Allgemein herrscht Einigkeit, dass HIV-infizierte Mütter – unabhängig
von einer Schwangerschaft – von einer möglichst optimalen antiretroviralen
Therapie (i.a. einer Kombination von zwei Reverse-Transkriptase- mit einem Proteinase-Hemmer)
profitieren können sollten. Aktuell werden denn auch immer mehr Frauen
während einer Schwangerschaft mit kombinierten antiretroviralen Therapien
behandelt. Allerdings zeichnet sich ab, dass dieses Vorgehen bei allen Vorteilen
doch nicht ganz unproblematisch ist. So wurden in Frankreich inzwischen eine
Reihe von Fällen beobachtet, wo intrauterin gegenüber antiretroviralen
Substanzen exponierte Kinder im späteren Verlauf mitochondriale Dysfunktionen
entwickelt haben (Lancet 1999; 354:1084-89). In einem internationalen Effort
soll nun gesamt-europäisch unter Beteiligung der Schweiz nach weiteren
derartigen Fällen gefahndet werden. Ausserdem scheint sich die in der Schweiz
gemachte Beobachtung einer erhöhten Frühgeburtenrate nach intrauteriner
Exposition gegenüber mehreren antiretroviralen Substanzen (AIDS 1998;12:F241-47)
zu bestätigen. Der Unterschied gegenüber den Vergleichskollektiven
von HIV-infizierten schwangeren Frauen ohne antiretrovirale Therapie oder mit
ausschliesslicher AZT-Gabe während der Schwangerschaft ist im Rahmen der
Schweizer Mutter+Kind HIV Kohortenstudie (MoCHiV) mit nunmehr 95
Mutter-Kind-Paaren mit kombinierter ART weiterhin signifikant geblieben. Gemeinsam mit der European
Collaborative Study, die diese Beobachtung inzwischen bestätigt hat, wird
momentan eine Publikation dieser Beobachtung vorbereitet. Drei weitere im Rahmen
von MoCHiV gemachte Beobachtungen lassen sich zwar nicht direkt auf die antiretrovirale
Therapie zurückführen, zeigen aber doch deutlich auf, dass die sorgfältige
Langzeit-Beobachtungen derart exponierter Kinder äusserst wichtig ist. Unter
den 95 bis anhin in MoCHiV erfassten, vollständig dokumentierten und entsprechend
exponierten Kindern wurden je eines mit einer extrahepatischen biliären
Atresie, mit einem kongenitalen Glaukom und einer Hirnblutung am Termin beobachtet.
Die im Rahmen von MoCHiV gemachten Beobachtung sind inzwischen in ein neues
Schema für die Betreuung und Abklärung von Neugeborenen HIV-infizierter
Mütter, welches auch in der Paediatrica publiziert
wird,
eingeflossen (C.A. Wyler Lazarevitch, Genf).
Antiretrovirale Therapie bei Kindern
Seit Januar 1997 werden HIV-infizierte Kinder in der Schweiz in Analogie zu
den Erwachsenen mit ebenso eindrücklichem Erfolg mit kombinierten antiretroviralen
Therapien (sog. HAART (highly active antiretroviral therapy)) behandelt. Von
allem Anfang an erfolgte diese Therapie nach einheitlichen von der PAGS erarbeiteten
Kriterien und die Daten der behandelten Kinder wurden prospektiv in Zürich
von Prof. D. Nadal und Frau Dr. F. Steiner gesammelt. Schon vor zwei Jahren
konnte D. Nadal ein deutlich verbessertes Wachstum der erfolgreich behandelten
Kinder publizieren (AIDS 1998; 3;12(17):2356-7). Aufgrund der Studienresultate,
die in einer weiteren Publikation demnächst veröffentlicht werden
sollen, konnte die PAGS wichtige Hinweise für Therapieverbesserungen gewinnen,
und sie hat ihre Behandlungs-strategien zu Beginn dieses Jahres diesen Erkenntnissen
angepasst.
Schweizer Mutter+Kind HIV Kohortenstudie (MoCHiV)
Der Prozess der Zusammenführung der neonatalen HIV-Studie (C.Kind, St.
Gallen) und der HIV-und-Schwangerschaft-Studie (Ch. Rudin, Basel) konnte im
Verlaufe des letzten Jahres abgeschlossen werden. Neu steht eine moderne Access-Datenbank
zur Verfügung, die derzeit Angaben zu 988 Schwangerschaften und 479 vollständig
dokumentierte Mutter-Kind-Paare enthält. Mit der neuen, von der Schweizerischen
Kohorten-Studie im Rahmen dieses Prozesses übernommenen Struktur und Kultur
verfügt MoCHiV jetzt über eine hervorragende Vernetzung, ausreichende
Mittel und einen optimalen Boden für Forschungsprojekte in nationaler und
internationaler Zusammenarbeit. Im Zentrum des Interesses stehen sicher auch
weiterhin die Kurz- und Langzeitfolgen einer antiretroviralen Therapie während
der Schwangerschaft und in diesem Zusammenhang ist in naher Zukunft sicher auch
die lückenlose Erfassung aller Aborte bei HIV-infizierten schwangeren Frauen
von grosser Bedeutung.
Als Präsident der Pädiatrischen AIDS-Gruppe Schweiz und als Koordinator
der Schweizer Mutter+Kind HIV Kohortenstudie möchte ich die Gelegenheit
wahrnehmen, den Mitgliedern der beiden Gruppen, aber auch all den vielen am Erfolg
unserer Arbeit beteiligten AerztInnen in Klinik und Praxis in der ganzen Schweiz
ganz herzlich für ihren wichtigen Beitrag und die hervorragende Zusammenarbeit
zu danken.
Ch. Rudin, Basel
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