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Fragen an die
Spezialistin ... über die Verwendung von Quecksilbersalzen in Impfstoffen
"Vor ein paar Monaten hat die Zeitschrift "PULStip, das Schweizer
Gesundheitsmagazin" (Nr. 4, April 1999) Eltern vor Schwermetallen
gewarnt, die sich in Impfstoffen für Säuglinge befinden. Der Journalist
zitiert Dr. Klein, Allgemeinpraktiker aus Bern, der bestätigt, dass
Quecksilber (Thiomersal) in Impfstoffen wegen seiner neurotoxischen,
nierentoxischen und allergieauslösenden Wirkung nicht toleriert werden
sollte. Im Artikel wird der Schluss gezogen, dass Eltern ihre Kinder erst ab
dem zweiten Lebensjahr impfen und auf die Verwendung von quecksilberfreien
Impfstoffen bestehen sollten. Gibt es wissenschaftliche Grundlagen
bezüglich Thiomersal, die diese Empfehlungen unterstützen? Gibt es in der
Schweiz Impfstoffe ohne diesen Zusatzstoff? Welche Antworten soll man Eltern
geben, die durch diese Empfehlungen verunsichert sind?"
(R. Tabin, Sierre)
Sind Quecksilbersalze in unseren Impfstoffen enthalten?
Ja. Mehrere
Impfstoffe enthalten Thiomersal, ein Salz bestehend aus Quecksilberethyl und
Thiosalizilat, das eine antiinfektiöse und konservierende Wirkung hat. Bei
Thiomersal, Thimerosal-Merthiolat, Quecksilbernatriumethyl-Thiosalizilat
oder Natriumtimerfonat handelt es sich um die gleiche Substanz, die oft zur
Erhaltung der Sterilität von Medikamenten verwendet wird (Augen- und
Nasentropfen, Kontaktlinsenflüssigkeit, Immunoglobuline). Thiomersal wird
seit Beginn der Impfstoffentwicklung eingesetzt, um das Risiko von
bakteriellen Infektionen und Pilzerkrankungen zu reduzieren. Es wird also
bereits seit rund 50 Jahren verwendet, ohne dass es jemals Hinweise auf
toxische Reaktionen gegeben hat.
Thiomersal hat
verschiedene Funktionen. Es kann einem Impfstoff in der ersten
Entwicklungsphase beigegeben werden, um das Risiko einer Kontamination
(Diphtherie, Tetanus...) zu verhindern, einen bakteriellen Herd (Pertussis)
zu inaktivieren oder wenn eine Sterilisation schwierig ist (Grippe).
Ausserdem kann Thiomersal auch in der letzten Produktionsphase als
Konservierungsmittel zugefügt werden, um das Infektionsrisiko von
Multidosen zu reduzieren. Thiomersal ist heute in allen Grippe-Impfstoffen,
in allen monovalenten Hepatitis-B-Impfstoffen, die in der Schweiz
erhältlich sind (jedoch nicht in den Kombinationsimpfstoffen) und in den
Impfstoffen gegen Tetanus, Diphtherie oder Diphtherie-Tetanus enthalten.
Thiomersal wird hingegen nicht in Lebendimpfstoffen verwendet
(Masern-Mumps-Röteln, B.C.G etc.). Zahlreiche neue Säuglings-Impfstoffe
sind bereits thiomersalfrei: dazu gehören die Kombinationsimpfstoffe der
Infanrix-DTPa-Serie (+/- HIB, IPV, HepB) und alle Haemophilus
influenzae-Impfstoffe. Im Gegensatz dazu enthalten die
Ganzzell-Pertussis-Impfstoffe in der Schweiz immer noch Thiomersal
(ProHIBit-DTP® und Tetramune®).
Die Gesetzgebung
verlangt, dass Thiomersal, wie alle anderen Bestandteile von Impfstoffen, in
der Packungsbeilage erwähnt wird. Die Beigabe von Thiomersal wird also
nicht verheimlicht, weshalb es auch nicht schwierig ist, eine Liste der
Impfstoffe "mit oder ohne" Thiomersal aufgrund der
Medikamentenregistration zu erstellen. Die Erstellung einer solchen Liste
ist jedoch uninteressant, denn bis heute konnte Thiomersal nie mit einer
toxischen Reaktion in Verbindung gebracht werden. Es konnten lediglich
seltene lokale Hypersensibilitätsreaktionen (siehe unten) beobachtet
werden.
Welche potentielle Toxizität haben Quecksilbersalze?
In der Literatur
ist keine Toxizität von Quecksilberethyl (Thiomersal) belegt. Im Gegensatz
dazu ist die Toxizität von Quecksilbermethyl, das eine ähnliche Struktur
wie Quecksilberethyl aufweist und als Folge von industriellen
Verschmutzungen in unserer Umwelt vorkommt, bestens bekannt und
erwiesenermassen dosisabhängig.
Das Risiko von
Thiomersal in kleinen Dosen, wie sie in Impfstoffen enthalten sind,
beschränkt sich auf allergische Reaktionen (siehe unten). Bei hohen Dosen
kann es zu einer nierentoxischen (bei akuter hoher Belastung) oder
neurologischen Störungen (bei chronischer Belastung) kommen, insbesondere
während der zerebralen Entwicklung des Fötus. Industrielle
Umweltverschmutzungen, wovon das berühmteste Beispiel die Verschmutzung der
Bucht von Minamata in Japan war, haben gezeigt, welchen toxischen Einfluss
Quecksilbermethyl haben kann: Säuglinge, deren Mütter während der
Schwangerschaft hohen Dosen von Quecksilbermethyl ausgesetzt waren, wiesen
ernsthafte neurologische Probleme auf, die ihre Entwicklung
beeinträchtigten. Um die Risiken einer Quecksilberverschmutzung zu
reduzieren, haben internationale (WHO) und nationale
Gesundheitsorganisationen die Festlegung von Grenzwerten für
Quecksilbermethyl gefordert, die nicht überschritten werden dürfen. Diese
Normen sind jedoch von Behörde zu Behörde verschieden festgelegt worden.
So hat die WHO die maximale Dosis für eine dauerhafte orale Exposition
(durch die Nahrung) bei 200ug/Woche (oder 3.3ug/kg/Woche) festgesetzt [1].
Dieser Wert wird von einigen amerikanischen Normen unterschritten, ohne dass
es dafür einen spezifischen Grund gäbe.
Welche Risiken haben Impfstoffe, die Thiomersal enthalten?
Impfstoffe
enthalten einen minimalen Anteil an Thiomersal, der zwischen 0.003% und
0.01% liegt, dh. also ein Maximum von 25-50ug/Impfdosis. Bei diesen Dosen
kann ein toxisches Risiko a priori ausgeschlossen werden. Allerdings ist
bekannt, dass sich eine Quecksilber-Kontaktallergie (verzögerte
Hypersensibilitätsreaktion) entwickeln kann. Darunter versteht man einen
Hautausschlag an der Injektionsstelle, der 48-72 Std. nach der Impfung
("verzögerte" Überempfindlichkeit) ausbricht und einige Tage -
in seltenen Fällen einige Wochen - anhält. Eine Quecksilberallergie kann
mittels Kutantest diagnostiziert werden, allerdings ist die Korrelation
zwischen einem positiven Kutantest (häufig) und dem Risiko einer
verzögerten Hypersensibilitätsreaktion (selten) schlecht [1,
2].
Allergische
Sensibilitäten auf Thiomersal sind klinisch unbedeutend. Dafür gibt es
wahrscheinlich einen einfachen Grund: zu einer Kontaktallergie kommt es,
wenn Quecksilbersalze die Haut berühren, jedoch nicht, wenn sie wie bei
Impfstoffen intramuskulär verabreicht werden. Allergische Reaktionen auf
Thiomersal scheinen bei Kindern mit einer atopischen Dermatitis häufiger
aufzutreten. Bei diesen Kindern beschränkt sich eine Hautreaktion in
manchen Fällen nicht nur auf die Einstichstelle [3-5].
Diese Hautreaktionen können verstärkt werden, wenn die gleiche
Injektionsnadel für das Aufziehen des Impfstoffes sowie für die Impfung
selbst verwendet wird (durch die Präsenz von Thiomersal an der Aussenseite
der Nadel kommt es zu einer kutanen Exposition). Eine Empfindlichkeit auf
Thiomersal ist keine Kontraindikation für eine Impfung oder deren
Weiterführung, sogar wenn kein thiomersalfreier Impfstoff als Alternative
erhältlich ist oder das Kind an einer atopischen Dermatitis leidet [6].
Kutantests sind also in Bezug auf die Impfung überflüssig, da sich dadurch
eine Impfreaktion nicht vorhersagen lässt (falsch positiv).
Stimmt es, dass die amerikanischen Behörden die Verwendung von
thiomersalhaltigen Impfstoffen verbieten?
Nein, abgesehen
von einem geringen Allergierisiko ist eine Toxizität von thiomersalhaltigen
Impfstoffen wissenschaftlich nicht belegt. Die amerikanischen Behörden, die
für die Sicherheit von Impfstoffen zuständig sind, haben lediglich anhand
eines mathematischen Modells errechnet, dass die Quecksilberethylwerte die
für Quecksilbermethyl festgelegten amerikanischen Grenzwerte (diese
entsprechen nicht den WHO-Grenzwerten und betreffen die orale Anwendung)
theoretisch durch die Verwendung von mehreren pädiatrischen Impfstoffen
während der ersten sechs Lebensmonate vorübergehend überschreiten
könnten [7]. Die heutigen Studien erlauben jedoch keinen
direkten Vergleich von Quecksilberethyl und -methyl. Eine Extrapolation der
pharmakokinetischen Daten einer täglichen oralen Aufnahme und einer
wiederholten intramuskulären Verabreichung in Intervallen von 4-8 Wochen
ist daher nicht möglich. Die Signifikanz einer möglichen Überschreitung
gewisser Normen ist deshalb nicht gegeben.
Eine einzige
Studie, die als Abstrakt publiziert wurde, hat die Werte von Thiomersal im
Blut 49-72 Std. nach Verabreichung der Hepatitis-B-Impfung bei der Geburt
gemessen [8]. 5 Säuglinge wiesen einen Durchschnittswert
von 2.24 ug/l auf. Bei 15 Frühgeburten, die sofort bei der Geburt bei einem
Durchschnittsgewicht von 748g (und nicht wie vorgeschrieben bei einem
Mindestgewicht von 2000g) geimpft wurden, lag der Durchschnittswert bei 7.36
ug/l (p=0.003). Im Vergleich dazu, weisen Patienten, die über längere Zeit
einer erhöhten Dosis ausgesetzt waren, Quecksilberwerte von > 30-40 ug/L
auf. Bei Patienten mit neurologischen Störungen liegen die Werte bei >
100 ug/L [9]. Die Daten zahlreicher klinischer Studien,
die im Zusammenhang mit der Entwicklung von Impfstoffen allgemein und
insbesondere von Hepatitis-B-Impfstoffen, die oft bei der Geburt verabreicht
werden, gesammelt wurden, weisen in keiner Weise auf eine neurologische und
nephrologische Toxizität von Thiomersal hin. Das einzige Risiko von
thiomersalhaltigen Impfstoffen beschränkt sich also auf eine lokale
allergische Reaktion.
Allerdings ist es
immer schwierig, ein nicht vorhandenes Phänomen zu belegen. Bis heute gibt
es noch keine Studien, die die Unschädlichkeit von thiomersalhaltigen
Impfstoffen beweisen. Aufgrund der in den vergangenen Jahren realisierten
Fortschritte der Impfstoffhersteller, die es uns heute erlauben,
Thiomersal-Alternativen in Betracht zu ziehen, haben die amerikanischen
Gesundheitsbehörden beschlossen, das Sicherheitsniveau für Impstoffe zu
erhöhen. Die Amerikanische Pädiatrische Gesellschaft und das
Gesundheitsministerium haben deshalb empfohlen, die Impfung von Neugeborenen
einzuschränken. So sollen nur noch Neugeborene bei der Geburt gegen
Hepatitis B geimpft werden, sofern bei der Mutter eine Hepatitis-B-Infektion
(HBsAg+) vorliegt. Andere Säuglinge sollen erst später gegen diese
Infektionskrankheit geimpft werden. Früher wurde die Hepatitis-B-Impfung in
den USA oft schon für alle Säuglinge in der neonatalen Lebensphase
empfohlen. Gleichzeitig forderten die Behörden die Hersteller auf, alles
daran zu setzen, um möglichst bald auf die Verwendung von Thiomersal
verzichten zu können. Hierbei handelt es sich um eine zusätzliche
Vorsichtsmassnahme, mit der die Sicherheit von Impfstoffen weiter erhöht
werden soll und nicht um ein Alarmsignal, das auf eine Gefahr hinweist!
Wie verhält sich Europa in der Thiomersaldiskussion?
In Europa und in
der Schweiz arbeiten nationale und internationale Gesundheitsbehörden in
der Thiomersal-Frage bereits seit einigen Jahren mit den
Impfstoffherstellern zusammen. Es besteht ein klarer Konsens, die Verwendung
von Thiomersal für alle Arzneimittel inklusive Impfstoffe zu reduzieren
oder ganz darauf zu verzichten. Dies soll jedoch erreicht werden, ohne
Risiken einzugehen, denn es besteht keinerlei Dringlichkeit! Diesbezüglich
ist die WHO Empfehlung sehr klar [1].
Der Verzicht auf
eine Substanz, deren Wirksamkeit und Sicherheit sich während mehr als 40
Jahren bewährt haben, hat zahlreiche Implikationen. So muss man sicher
stellen, dass Alternativen genau so wirksam sind, was man nur mit Hilfe von
wissenschaftlichen Studien belegen kann. Man muss Herstellungsverfahren
verändern, um "neue Produkte" produzieren zu können, die
wiederum geprüft werden müssen (Studien, Evaluation und Registrierung
durch die Gesundheitsbehörden). Dies ist natürlich mit Kosten sowie mit
möglichen Konsequenzen für ein ganzes Impfprogramm (Prioritäten,
Lagervorräte etc.) verbunden. Eine solche Neuentwicklung braucht Zeit, denn
wer möchte schon Impfstoffe verwenden, die zwar innert kürzester Zeit
registriert, jedoch unzureichend evaluiert wurden?
Wie sollten sich PädiaterInnen bezüglich Thiomersal verhalten ?
Bei der
Diskussion um Thiomersal handelt es sich nicht um einen neuen Skandal. Wir
können und sollen unsere Patienten also weiter impfen, um das theoretische
Risiko nicht durch ein reelles Risiko zu ersetzen, nämlich die Zunahme von
Infektionskrankheiten, die wir mit der Imfpung verhindern können. Um jedoch
impfen zu können, müssen wir in der Lage sein, Fragen klar zu
beantworten.Dazu gehört der Hinweis, dass die Grundimmunisierung
(Diphtherie-Tetanus-Pertussis-HIB-Polio) von Säuglingen in der Schweiz
schon heute Thiomersalfrei durchgeführt werden kann. Erst ab dem zweiten
Lebensjahr zu impfen hat keinen Sinn und kann sogar gefärlich sein.
Claire-Anne Siegrist, MD, PD
Centre O.M.S. de Vaccinologie et d'Immunologie Néonatale
Université de Genève
C.M.U., 1 rue Michel-Servet
1211 Genève 4
Tel (4122) 702 57 78
Fax (4122) 702 57 46
E-mail : Claire-Anne.Siegrist@medecine.unige.ch
Besten Dank für die Deutsche Uebersetzung an Frau Susanna Steimer Miller,
HepInfo
Bibliografie
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