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Kinderophthalmologie Teil 1Früherfassung von Visus-Störungen
Ursula Flüeler
Augenärztin FMH Asylstr. 81 8032 Zürich (La version française de cet article suivra) EinführungUngefähr 5% der Kinder leiden an einer Entwicklungsstörung der Sehschärfe (Amblyopie), die durch eine Augenerkrankung oder einen Brechungsfehler verursacht wird. Ungefähr die Hälfte der betroffenen Kinder werden nach dem 4. Lebensjahr erfasst. Die Erfassung ist jedoch bereits beim Säugling und Kleinkind wichtig. Je früher die Amblyopie erfasst wird, umso effektiver ist die Behandlung und umso schneller wird die geistige und motorische Entwicklung des Kindes voranschreiten. Da es für die Erfassung der Amblyopie keinen einzelnen Screening-Test mit guter Sensitivität und Spezifität gibt, wird für die Maximierung der Sensitivität und Spezifität eine Testbatterie empfohlen unter besonderer Berücksichtigung von Zielgruppen.
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| Amblyopie | Zeitpunkt | Zielgruppen | Behandlungsziel | Testbatterie |
| Deprivation | Nach der Geburt bis zum 3.Lebensmonat | FG-Retinopathie-Risiko
(GG unter 1500gperinatale Hypoxie) Intrauterine Infektion (CMV,Rubella,Herpes, Lues,Toxoplasmose) Ptosis Lidhämangiom Congenitales Glaucom Retinoblastom Congenitale Cataract Hornhauttrübung |
Erhaltung des Auges Maximale Sehschärfe | Anamnese Inspektion Durchleuchtung |
| Schielen | Mit 9-12 Monaten | Familie
mit Schielen GG unter 1500g Trisomie 21 Dysmorphie-Syndrome |
Maximale Sehschärfe Tiefenwahrnehmung | Anamnese (Lang-Stereotest) Okklusionstest Durchleuchtung Hornhautreflexe |
| Refraktion | Mit 3 Jahren |
Familie
mit starkem |
Maximale Sehschärfe | Anamnese Lang-Stereotest Bestimmung der Sehschärfe Hornhautreflexe |
Weitere Zielgruppen:
Stoffwechselerkrankungen: Galactosämie, Pseudo- und Hypoparathyreoidismus, Homocystinurie, Mucopolysaccharidose, Mannosidose, Refsum-Krankheit und andere.
Syndrome: Turner, Smith-Lemli-Opitz, Stickler, Sotos, Cockayne, Rubinstein-Taybi, Schwartz-Jampel.
Craniofaciale Dysostosen: Crouzon- und Apert-Syndrom.
Haut- und Bindegewebserkrankungen: Ectodermale Dysplasie, Marfan Syndrom, Rheumatoide Arthritis.
Prüfung der Sehschärfe
Die Sehschärfe ist bei einem Brechungsfehler, beim einseitigen Schielen und auch bei anderen Augenerkrankungen vermindert.
Die Prüfung der Sehschärfe sollte spielerisch erfolgen um das Vertrauen des Kindes zu gewinnen, zuerst mit beiden Augen offen, dann mit dem Okklusions-Test mit einem Augenpflaster. Bei empfindlichen Kindern kann das "Seeräuberspiel mit dem Augenpflaster" zu hause durchgeführt werden. Die Eltern beobachten nur so eine einseitige Sehschwäche, während sie in der Erfassung eines Schielens relativ zuverlässig sind.
Mit dem Okklusions-Test wird im non-verbalen Alter die Sehschärfe anhand der Abwehr gegen die Okklusion und das monokulare visuelle Interesse des Kindes an einem Fixationsobjekt geprüft. Das amblyope Auge lässt das Kind ohne Abwehr abdecken,nicht jedoch das gesunde Auge. Mit dem amblyopen Auge ist die Fixation des Fixationsobjektes unstet und die Folgebewegungen sind ungezielt. Mit dem gesunden Auge sind die Folgebewegungen und die Fixation präzis und geziehlt. Die Grösse des Fixationsobjekts muss dem Alter des Kindes angepasst sein. Je jünger das Kind umso grösser soll das Fixationsobjekt sein (Abb.2).
Das 1-2 Monate alte Kind ist erst an sehr grossen Fixationsobjekten interessiert, am meisten am menschlichen Gesicht (Tab. 2).
Tabelle 2 : Teste zur Bestimmung der Sehschärfe
| Alter | Test |
| 1-2 Monate |
Reagiert das Kind auf eine intensive Lichtquelle mit dem Blinkreflex. Alter Wendet sich das Kind zu einer sanften Lichtquelle (Fenster, das durch Drehung des Kindes in den Händen des Untersuchers um 180 einmal rechts und einmal links vom Kind ist) Fixiert das Kind das Gesicht des Untersuchers in einer Distanz von 50 cm und folgt es dem Gesicht mit seinen Augen, wenn das Gesicht sich zur Seite bewegt. Lächelt das Kind zurück |
| 12 Monate | Pflasterokklusion
jedes Auges: Beurteilung und Vergleich der monokularen Fixation und des Verfolgens der kontrastreichen Fingerpuppe |
| 3 Jahre | Buchstaben
Matching Test: Sonkson-Test, E-Haken, (Stycar-Test) |
Mit dem Reihen-Optotypen-Test nach Sonkson wird die Sehschärfe vom normal entwickelten 3 jährigen Kind in einem non-verbalen Matching-Verfahren von Buchstaben angegeben (Abb.1). Der gefragte Buchstabe wird mit der Fingerzeigeantwort dem Buchstaben auf der eigenen Karte zugeordnet. Der Test besteht aus einer Nahvisus- und einer Fernvisustafel. Die Nahvisustafel ist für das ablenkbare Kind einfacher, da es sich auf die Nähe besser konzentriert. Eine leichtere nicht amblyogene Kurzsichtigkeit wird jedoch damit nicht erfasst. Die Testung des Fernvisus ist deshalb später obligat. Der aus aneinander gereihten Buchstaben bestehende Sonkson-Test ist deutlich sensitiver für die Erfassung der Amblyopie als der aus Einzelbuchstaben bestehende Stycar-Test, da Amblyope typischerweise Trennschwierigkeiten haben, und deshalb die mittleren Buchstaben der Reihe weniger gut erkennen als einen einzelnen gleich grossen Buchstaben. Die Prüfung mit E-Haken in Reihen ist zeitaufwendiger, da sich die Kinder dabei oft langweilen. Die Sehschärfenbestimmung mit Reihenoptotypen entspricht den Sehschärfennormen des Erwachsenen. Das 4 jährige Kind mit einer Sehschärfe von 50% im Reihenoptotypentest ist also noch im Normbereich, (siehe Entwicklung der Sehschärfe). Therapiebedürftig ist beim Sonkson-Test eine Sehschärfendifferenz der beiden Augen von 1 Tafelvisusstufe.
Abbildung 2 : Je jünger das Kind umso grösser muss das Fixationsobjekt sein. Kontrastreiche Fingerpuppe im Alter von 1 Jahr (oben), Lang-Cubus im Alter von 3 Jahren (unten). (back)

Prüfung der Morphologie, der Stellung und der Brechwerte der Augen mit dem binokularen Durchleuchtungstest (Brückner-Test)
Die binokulare Durchleuchtung erfasst grossflächige Narben und Tumoren der Netzhaut (Retinoblastom), Trübungen der Hornhaut und der Linse (Cataract), ein Schielen und grössere Brechwertdifferenzen der beiden Augen.
Der Test vergleicht den roten Fundusreflex in der Pupillarebene der beiden Augen auf Helligkeit und Farbe unter Parallelität des Beleuchtungs- und Beobachtungsstrahlengangs. Das im Schoss der Mutter sitzende Kind muss also die Lichtquelle orthograd fixieren, was im abgedunkelten Raum in der Regel spontan eintritt. Mit einem Halogenlicht im Handophthalmoskop stellt der Untersucher die Pupillarebene der Augen scharf ein indem er das Ophthalmoskop bei einer Untersuchungsdistanz von 1/2m auf +2 Dioptrien oder bei einer Untersuchungsdistanz von 1m auf +1 Dioptrie stellt und sich dann wenig mit dem Ophthalmoskop nach vorne und nach hinten bewegt. Ist das Testergebnis infolge einer engen Pupille unklar, soll der Test in Mydriasis (mit 1 Tropfen Mydriaticum®) wiederholt werden.
Mit dem binokularen Durchleuchtungstest ist beim Retinoblastom der Fundusreflex heller und gelber als am gesunden oder am weniger betroffenen Auge. Bei einer einseitigen Cataract ist der Fundusreflex des betroffenen Auges dunkelgrau (Abb.3 oben). Bei einer beidseitigen Cataract ist ein Vergleich des Fundusrots mit einer gesunden Versuchsperson aufschlussreich.
Beim Schielen ist das Fundusrot des fixierenden Auges dunkler, weil das pigmentierte Netzhautzentrum des gerade stehenden Auges beobachtet wird, während vom Schielauge die geringer pigmentierte Netzhautperipherie reflektiert wird. Zusätzlich können wir mit dem Test auch die Stellung der Hornhautreflexe beurteilen, wobei die präzisere Methode der Beurteilung des Hornhautreflexbildes im Teil 2 "Schielen" besprochen wird.
Bei einer einseitigen Fehlsichtigkeit ist der Fundusreflex des stärker fehlsichtigen Auges heller, wobei bei einer Weitsichtigkeit helle Halbmonde im oberen Teil der Pupille, bei einer Kurzsichtigkeit helle Halbmonde im unteren Teil der Pupille auftreten (Abb.3 unten). Der Durchleuchtungstest erfasst nur grosse Brechwertdifferenzen von mehr als 3 Dioptrien. Kleinere und weniger stark amblyogene Brechwertdifferenzen werden im Alter von 3 Jahren mit der Sehschärfenbestimmung mit den Reihenoptotypen erfasst.
Abbildung 3 :
Oben : Binokulare Durchleuchtung (Brückner-Test). Asymmetrisches
Fundusrot infolge einer rechtsseitigen Cataract.
Unten : Binokulare Durchleuchtung (Brückner-Test). Asymmetrisches
Fundusrot infolge einer rechtsseitigen Kurzsichtigkeit von 4 Dioptrien, die
den hellen Fundusschatten im unteren Bereich der rechten Pupille verursacht.
Das linke Auge ist normalsichtig. Die Hornhautreflexe sind symmetrisch. (back)

Prüfung der Tiefenwahrnehmung
Die Tiefenwahrnehmung ist bei beim Schielen und auch bei anderen Augenerkrankungen vermindert. Der geniale Lang-Stereotest ist hoch sensitiv für die Erfassung der fehlenden Stereopsis beim Schielen. Nur selten ist er bei einem Mikrostrabismus falsch positiv. Obwohl der Test bereits beim 6 Monate alten Kind positiv sein kann, ist ein negativer Test erst beim 2 Jahre alten Kind abklärungsbedürftig. Wenn das Kind den Stereotest nicht auf Anhieb angibt, können die Bilder auf dem Lang-Cubus (Abb. 2 unten) die Phantasie für die identischen Testfiguren stimulieren. Einseitige Brechungsfehler werden mit dem Lang-Stereotest ungenügend erfasst. Er kann zum Beispiel bei refraktionsbedingten Verminderung der Sehschärfe von 0.1 (10%) positiv sein. Deshalb ist zusätzlich zum Lang-Test immer die Prüfung der Sehschärfe notwendig.
Mit der Anwendung einer Testbatterie in 3 verschiedenen Altersstufen unter besonderer Berücksichtigung von Zielgruppen wird die Amblyopie-Erfassung verbessert. Kinder mit Sehschwächen können so frühzeitig erfasst und der Therapie zugeführt werden.
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