Evidence Based Paediatric Medicine: Vom Schlagwort zum Wissenstransfer

Der fortschrittliche Praktiker, so suggerieren die Medien, betreibt „Evidence based Medicine". Er kennt selbstverständlich, so die Titelgeschichte zum neuen Schlagwort der Medizin, alle kürzlich erschienenen sorgfältig durchgeführten Studien, die manche lange vertretene Lehrmeinung umzustossen scheinen.


Wie aber soll der niedergelassene Pädiater einerseits rasch und konsteneffizient arbeiten und gleichzeitig die Ergebnisse neuester klinischer Forschung überblicken?

In den Jahren 1998 und 1999 erschienen allein über 1000 pädiatrische Fachartikel, die Ergebnisse aus randomisierten Studien berichteten. Wer regelmässig New England Journal of Medicine, Lancet, JAMA, British Medical Journal, Annals of Internal Medicine, Blood, Circulation, Neurology, Pediatrics, Journal of Pediatrics, Archives of Dis. Childhood, Pediatric Infectious Diseases, Pediatric Research und European Journal of Pediatrics las, blieb auf dem Laufenden. Wie aber ist dieser Zeitschriftenberg innerhalb der durchschnittlichen Lesezeit für Fachartikel von oft weniger als einer Stunde pro Woche zu bewältigen? Wer über die öffentlich zugängliche Website der US-amerikanischen National Library of Medicine die Datenbank MEDLINE® konsultiert und sich problemorientiert versucht a jour zu halten, findet meist Dutzende von Artikeln zum Thema. Aus den aufgeführten Abstracts ist es nicht immer leicht, die Spreu vom Weizen zu trennen und Studien, die methodische Mängel aufweisen, auszuscheiden. So bleibt als Quelle der Information häufig doch nur die einschlägige Verbandszeitschrift oder die Werbebroschüren der Pharmavertreter.


Das Horten-Zentrum: Ein neues Institut der Universität Zürich für Wissenstransfer und praxisorientierte Forschung

Seit 1. Januar 2000 besteht an der Universität Zürich dank Unterstützung durch die Helmut Horten Stiftung ein neues Institut, dessen Mitarbeiter den Wissenstransfer vereinfachen wollen. Unter Leitung von PD Dr. Johann Steurer sichten mehrere Ärzte, darunter ein ausgebildeter klinischer Epidemiologe und Kinderarzt wöchentlich die wichtigsten Fachzeitschriften nach Artikeln, die praxisrelevante Fragen schlüssig beantworten. Diese Arbeiten werden in kurzer und prägnanter Form zusammengefasst und auf der seit zwei Jahren bestehenden Homepage www.evimed.ch publiziert, seit 1. Februar 2000 auch unter der Rubrik Pädiatrie. Diese Zusammenfassungen sollen dem niedergelassenen Arzt binnen wenigen Minuten eine Antwort zu wesentlichen Behandlungsfragen geben. Der Service ist kostenlos und für jedermann zugänglich. Die durch die Helmut Horten Stiftung geschaffene finanzielle Autonomie garantiert eine von der Industrie oder anderen Partikularinteressen unabhängige Beurteilung der Fachliteratur. Artikel, die auf www.evimed.ch zusammengefasst sind, genügen strengen methodologischen Gütekriterien.


Kostenlose Beratung bei der Durchführung praxisrelevanter Studien

Über den auf www.evimed.ch publizierten journal club hinaus bietet das Horten-Zentrum Ärzten oder kleinen Institutionen ohne eigenen Epidemiologen oder Statistiker kostenlose methodische Beratung beim Durchführen praxisorientierter klinischer Studien. Bei Bedarf werden die Initiatoren solcher Studien bei der Beschaffung von Forschungsmitteln oder bei der Auswertung der Daten unterstützt. Die Initiatoren bleiben verantwortlich für die Durchführung und veröffentlichen schliesslich auch als Erst-Autoren die Daten. Ein Beispiel für solche, aus der Praxis generierten Fragestellungen ist eine Arbeit aus 53 niederländischen Allgemeinpraxen. Mittels randomisierter Doppelblind-Untersuchung testeten die Kollegen die Effizienz von Antibiotika-Verordnungen im Vergleich zu Placebo bei Konsultationen wegen Verdacht auf Mittelohrentzündung. Die Studie wurde im British Medical Journal publiziert und ist auf www.evimed.ch zusammengefasst. Das Horten-Zentrum wird in der Zukunft jedoch nicht nur quantitative Forschung unterstützten, sondern beabsichtigt auch, Hilfe bei der Beantwortung qualitativer Forschungsfragen zu bieten.


Aus- und Weiterbildung in Evidence based Medicine

Der dritte Schwerpunkt des Horten-Zentrums ist die Aus- und Weiterbildung interessierter Medizinstudenten und Ärzte in der Praxis der „Evidence based Medicine". Das bedeutet, sich vier Schritte eines Vorgehens anzueignen, das auf die Dauer hilft, eine für den Patienten bessere, individuelle Medizin zu betreiben: Erstens, ein konkretes Behandlungsproblem in eine Frage umzuformulieren, nach deren Antwort sich in den elektronischen medizinischen Datenbanken (z.B. Medline oder Cochrane Database) suchen lässt. Zweitens, Suchstrategien zu erlernen, die helfen, eine gesuchte Information auch zügig zu finden. Drittens, die gefundenen Arbeiten rasch kritisch bewerten zu können - um viertens, abschätzen zu lernen, ob und wie die gefundene Information für die Behandlung und zum Nutzen der eigenen Patienten anwendbar ist. Praktizierte „Evidence based Medicine" heisst auch, zu lernen, das eigene ärztliche Handeln, sei es bei der Diagnose oder bei der Wahl der Therapie selbstkritisch zu verbessern. Evidence based Medicine bietet dazu die Methodik.


Ein Forum, das Wünsche aus der Praxis berücksichtigt

Erreichbar ist das Hortenzentrum über die auf der Homepage www.evimed.ch angegebenen eMail Adressen, per Telefon unter +41-1-255 3198, Fax: +41-1-255 97 20 oder per Post unter:

Horten-Zentrum
Bolleystrasse 40
Postfach Nord
8091 Zürich

Interessierte Pädiater sind eingeladen, an der Auswahl der Themen für den journal club Pädiatrie auf www.evimed.ch mitzuarbeiten. Wer sein Interesse bis Ende April per eMail, per Fax oder per Brief bekundet, erhält ab Mai etwa alle zwei Wochen eine e-Mail oder eine Fax-Nachricht mit Titeln von Arbeiten, die hinreichenden Qualitätsstandards genügen, die von möglicher Relevanz für die Praxis sind und die von den Mitarbeitern des Horten-Zentrums zur Publikation auf www.evimed.ch als geeignet angesehen werden. Die interessierten Pädiater können wie bei einer Briefwahl diejenigen Themen auswählen, die von besonderem Interesse sind. Die Arbeiten, welche die meisten Stimmen erhalten, werden bevorzugt besprochen.


J .Fischer, Zürich
23.2.00


Dernière mise à jour du site: 08.05.2008