Veranlagungen für Tumorkrankheiten im Kindesalter

Vom Krankenbett ins molekulargenetische Labor und zurück

Prof. Dr med. Hansjakob Müller

EINLEITUNG

Weniger als 5% aller Tumorkrankheiten im Kindes- und Jugendlichenalter dürften auf durchschlagskräftige Veranlagungen zurückzuführen sein. Zu diesen gehören die Trisomie 21 (0.8%*), das Li-Fraumeni-Syndrom (0.7%*), die Neurofibromatose Typ 1 (NF1) (0.5%*) und die tuberöse Sklerose (0.1%*) (Abb.1). Weitere, wie diejenigen für das Retinoblastom oder für den Wilms-Tumor, spielen zahlenmässig zwar eine bescheidene Rolle, geniessen aber wegen ihrer Bedeutung für die onkologische Grundlagenforschung viel Aufmerksamkeit. Liegen solche Dispositionen in einer Familie vor, so kommen der genetischen Beratung und den genetischen Untersuchungen eine beachtliche praktische Bedeutung zu. Bei der Entstehung von Neubildungen in allen Organen können hereditäre Faktoren in wechselndem Ausmass mit im Spiele sein. Sie sollten in epidemiologischen Studien mitberücksichtigt werden. Aus der bei der Erforschung von Krebsveranlagungen gemachten Erkenntnissen dürften sich zunehmend neue Möglichkeiten der Prävention und der Therapie von Tumorkrankheiten ableiten lassen.

* = Richtzahlen

KOMMENTARE ZU DEN OBGENANNTEN HÄUFIGEN VERANLAGUNGEN:

Trisomie 21 : In der grossen Studie von Narod et al. (1991) hatten 1.7% aller Kinder mit ALL und 5.3% derjenigen mit AML auch ein Down-Syndrom. Die Trisomie 21 disponiert somit zu akuten Leukämien. Die ALL bei Down-Syndrom entspricht weitgehend der sporadischen, während die AML früher auftritt und häufiger den Subtypen M6 (erythroid) und M7 (megakaryozytär) zugehört. Die Leukämien sprechen in der Regel gut auf die Standardtherapien an. Der Zusammenhang zwischen der numerischen Chromosomenaberration und der Leukämogenese ist weitgehend unklar.

Li-Fraumeni-Syndrom (LFS) : Das LFS kann nur aufgrund des familiären Auftretens von verschiedenen Neoplasien nach den Gesetzmässigkeiten des autosomal-dominanten Erbganges klinisch diagnostiziert werden (Abb. 2), da andere, nicht-neoplastische Symptome fehlen. Bei den Neubildungen handelt es sich um Mammakarzinome, Weichteil- und Osteosarkome, ALL und auch AML sowie Hirntumoren und typischerweise Nebennierenrindenkarzinome. Gelegentlich kommen noch weitere Neoplasien in den betroffenen Familien vor. Bei mehr als zwei Dritteln der Familien mit dem typischen Tumorspektrum können umschriebene Keimbahnmutationen des TP53 Gens nachgewiesen werden. Der Anteil der Patienten mit den obgenannten, sporadisch aufgetretenen Neoplasien und mit Spontanmutationen des TP53-Gens ist noch schlecht bekannt, obwohl das Wissen um diese Veranlagung für die Betreuung der Patienten (Risiko von weiteren Neoplasien) und für die Therapie (Sensivitität gegenüber zytotoxischen Medikamenten) bedeutungsvoll wäre.

Neurofibromatose 1 (NF1) : Die autosomal-dominant vererbte NF1 hat vielgestaltige klinische Auswirkungen. Ihre Hauptzeichen sind Neurofibrome, multiple gutartige Tumoren der Nervenscheide. Bei 4 - 5% der Patienten treten zudem Opticus-Gliome, andere Gliome, Phäochromozytome, myeloische Neoplasien und bösartige Neubildungen der Nervenscheide auf. Die Inzidenz der Optikus-Gliome dürfte grösser sein; sie werden nicht diagnostiziert, da sie häufig asymptomatisch bleiben. Das verantwortliche Gen für das Neurofibromin auf dem Chromosom 17 ist entschlüsselt; eine Gendiagnostik ist damit möglich. Da Patienten mit einer Deletion des gesamten Gens nicht nur wegen des frühen Auftretens multipler Neurofibrome, sondern auch wegen Dysmorphien und schwerer Entwicklungsstörung auffallen, wird vermutet, dass bei ihnen noch weitere Gene mitbetroffen sind. Gegen die Hälfte aller NF1-Patienten haben keine ebenfalls erkrankten Angehörigen. Die NF1 dürfte bei ihnen auf Neumutationen zurückzuführen sein, wie sie sich weit häufiger während der Spermatogenese als während der Oogenese ereignen. Die NF2 ist ein von der NF1 genetisch unabhängiges Krankheitsbild. Sein Kardinalsymptom sind bilaterale vestibuläre Schwannome. Zudem sind Meningeome und weitere Hirntumoren häufig. Trübungen der Linse werden beim Hauptanteil der Patienten gefunden und können als wertvolles Zeichen bei der Frühdiagnostik der NF2 dienen. Neumutationen des NF2-Gens sind ebenfalls häufig.

Tuberöse Sklerose (TSC) : Bei der ebenfalls autosomal-dominant vererbten TSC treten gutartige Hamartome in zahlreichen Organen auf. Die sogenannten Tubera (knotenförmige Gliawucherungen) und die subependymalen Tumoren (Riesenzell-Astrozytome oder Gangliogliome) führen zu epileptischen Anfällen, geistiger Retardierung und Entwicklungsstörungen. Dazu kommen Angiofibrome im Gesicht, unguale Fibrome, kardiale Rhabdomyome und Angiomyolipome der Nieren. Die Mutationen zweier Gene führen zu diesem Krankheitsbild: TSC1 auf dem Chromosom 9q34 und TSC2 auf dem Chromosom 16p13. Bei 60% der Patienten liegt eine Neumutation dieser Gene vor.

Retinoblastom (RB) :Das RB ist der Prototyp einer Neoplasie, die auf dem Boden einer autosomal-dominant vererbten Veranlagung entstehen kann. Es geht aus dem embryonalen Epithel der Retina, aus den Retinoblasten, hervor. Sein familiäres sowie sporadisches Auftreten hat Alfred Knudson 1971 mit der zwei "hit"-Theorie erklärt (siehe Abb. 3). Bei der hereditären Form wird der erste Hit vererbt, respektive liegt ab Zeugung vor, während bei der sporadischen beide sich während der Entwicklung der künftigen Retinazellen ereignen müssen. Dank des RB wurden die Tumorsuppressorgene entdeckt. Das RB-1-Gen hat auf beiden Chromosomen Nr. 13 in einer einzelnen Zelle funktionell auszufallen (man spricht von "loss of heterozygosity"), damit der Tumor entsteht, d.h. seine Auslösung nicht supprimiert wird. Mittlerweile sind im RB1-Gen auch einige Mutationen bekannt geworden, die nicht zu einer schweren Beeinträchtigung der Funktion des RB1-Gens führen. Während die klassische hereditäre Form durch frühes Auftreten, multiple Foci und bei erfolgreich behandelten Patienten durch das Auftreten weiterer Neoplasien wie Osteosarkomen, Weichteilsarkomen, Melanomen oder Lipomen charakterisiert ist, tritt bei denjenigen mit einem semi-funktionellen RB-Protein keine Neoplasie oder nur ein unifocales RB auf.

Wilms-Tumor (WT) : Das zwei "hit"-Konzept wurde früh auch schon auf den WT (Nephroblastom) übertragen, obwohl nur gegen 1% aller Kinder mit WT ein weiteres ebenfalls betroffenes Familienmitglied haben. Der WT tritt zudem als typisches Symptom verschiedener Syndrome auf. Das Wiedemann-Beckwith-Syndrom (WBS) ist durch eine Makroglossie, Exomphalos, Gigantismus und Visceromegalie charakterisiert. Neben Hepatoblastomen, Rhabdomyosarkomen, Nebennierenrindentumoren entwickeln sich auch Wilms-Tumoren. Bei einem Teil der Patienten findet man eine Duplikation des Chromosomensegmentes 11p15.5 väterlicher Herkunft oder eine balanzierte strukturelle Aberration des mütterlichen Chromosoms, in die diese Region involviert ist. Bei den meisten Patienten liegt eine uniparentale Disomie vor. In ihrem Chromosomensatz lassen sich statt je einem Chromosom Nr. 11 mütterlicher und väterlicher, zwei Chromosomen Nr. 11 väterlicher Herkunft nachweisen. Dies deutet darauf hin, dass das/die in diesem Segment lokalisierte(n) Gen(e) einer genomischen Prägung unterliegen. Der WT ist ferner ein typisches Zeichen des WAGR-Syndroms. Dort tritt der Wilms-Tumor gemeinsam mit Aniridie, Fehlbildungen des Urogenitalsystems sowie Störungen der geistigen und körperlichen Entwicklung auf. Bei einem Teil der betroffenen Kinder findet man eine Deletion des Segmentes 11p13, was bereits darauf hindeutet, dass mehrere Gene zum WT disponieren können. Man spricht von (genetischer) Heterogenität. Das beim WAGR betroffene WT1-Gen ist beim WBS nicht mutiert. Umschriebene Mutationen des WT1-Gens führen jedoch zum Denys-Drash-Syndrom, bei dem Malignome der Niere mit einer abnormen Geschlechtsentwicklung und mit einer progressiven Glomerulonephritis assoziiert sind.


KARZINOGENESE UND ENTWICKLUNG :

Die meisten soliden Tumoren, aber auch mehrere der im Kindesalter auftretenden Leukämien haben ein histologisches Aussehen, das demjenigen von embryonalen und fetalen Geweben gleicht. Sie werden daher als embryonale Tumoren bezeichnet. Wie es schon bei den obigen Ausführungen über den Wilms-Tumor zum Ausdruck kam, besteht eine enge genetische Beziehung zwischen Karzinogenese und Entwicklung. Dies lässt sich am Beispiel weiterer Krankheitsbilder und Syndrome illustrieren. Neben dem Wiedemann-Beckwith-Syndrom (WBS) disponieren noch das Simpson-Golabi-Behmel-Syndrom (SGBS) und das Perlman-Syndrom (PS) zu embryonalen Tumoren. Sie sind ebenfalls durch Ueberwachstum charakterisiert. Das SGBS hat viele Gemeinsamkeiten mit dem WBS. Das mutierte Gen ist jedoch auf dem X-Chromosom lokalisiert. SGBS-Kinder weisen als typische klinische Zeichen neben einer Entwicklungsverzögerung Gesichts-, Herz- und Skelettdysplasien/-missbildungen auf. Für das autosomal-rezessiv vererbte PS sind eine hohe perinatale Mortalität und mentale Retardierung, aber auch Nierenanomalien und der WT typisch.

Ein grössere Zahl scheinbar unabhängiger Fehlbildungssyndrome wie die Holoprosenzephalie (häufige Fehlbildung des Gesichtes und des frontalen Bereichs des Gesichtes mit unterschiedlicher Ausprägung), Greig's Zephalopolysyndactylie sowie das Pallister-Hall- und das Rubinstein-Taybi-Syndrom (RTS) können mit familiären (Gorlin-Syndrom) und sporadischen Krebskrankheiten (Basalzellkarzinom der Haut, Medulloblastom, Rhabdomyosarkom) in Verbindung gebracht werden. Bei allen ist der sogenannte Hedgehoge-Signaltransduktionsweg beeinträchtigt, durch den Informationen von der Zelloberfläche zum Zellkern vermittelt werden. Er spielt eine wichtige Rolle bei der Entwicklung verschiedenster Organe, so des Hirns, der Knochen, der Haut, der Gonaden oder der Lungen. Im Hinblick auf Fehlbildungen und Veranlagungen für Tumorkrankheiten sind die sogenannten "Hamartome" von Interesse. Es handelt sich dabei um Gewebeanomalien, die zugleich an Fehl- und an Neubildungen erinnern. Hamartome können wie bei der familiären juvenilen Polyposis vorzugsweise in einem Organ vorkommen oder wie bei der tuberösen Sklerose 1 und 2 eine Multisystem-Krankheit darstellen.

Während bei den seltenen Syndromen die molekularen Mechanismen, die zu Fehl- und Neubildung führen, nun schrittweise aufgeklärt werden, weiss man über die entsprechenden Zusammenhänge im Hinblick auf das gehäufte Vorkommen von urogenitalen Fehlbildungen bei familiären Hodenkarzinomen oder demjenigen von breit gestreuten Fehlbildungen bei Kindern mit ZNS-Tumoren noch wenig. Dysplasien scheinen auch bei Geschwistern von Kindern mit bestimmten Tumorkrankheiten häufiger vorzukommen.

Kindliche Tumorerkrankungen bei Krebsveranlagungen, die sich meist später im Leben manifestieren :

Die familiäre adenomatöse Polyposis (FAP) manifestiert sich ab dem 10. Lebensjahr, in der Regel aber erst im Adoleszentenalter. In vereinzelten FAP-Familien wurden jedoch Kinder mit Hepatoblastomen festgestellt. Das Hepatoblastomrisiko ist für Nachkommen eines FAP-Patienten generell sehr gering, d.h. unter 1%. Auch Desmoidtumoren wurden schon im Kindesalter festgestellt. In der Adoleszenz können Personen mit einer "mismatch"-Reparaturdefizienz, die zu HNPCC (="hereditary non-polyposis colorectal cancer") disponiert, bereits Kolorektalkarzinome entwickeln. Selten erkranken auch Kinder aus Familien mit dem multiplen endokrinen Neoplasie-Syndrom 2 (MEN2), das auf Mutationen des RET-Onkogens zurückzuführen ist, an einem Schilddrüsenkarzinom. Wenn die Familienanamnese Hinweise auf Früherkrankungen ergibt, ist diesem Umstand bei der Betreuung von gesunden Angehörigen Rechnung zu tragen.

Zum weiten Spektrum der Krebsveranlagungen :

Die Mechanismen, die zur Entstehung bösartiger Neubildungen, zu deren Wachstum, zur Fähigkeit der Invasion in andere Gewebestrukturen und/oder zur Metastasierung führen, sind ausgesprochen vielgestaltig. So überrascht es kaum, dass verschiedenartigste Veranlagungen den Karzinogeneseprozess auslösen oder begünstigen können. Ab der Zeugung vorliegende, also angeborene Genmutationen können alle wichtigen Systeme einer Zelle beeinträchtigen, d.h. die Zellzyklus-Kontrolle, die Vermittlung von Signalen von der Zelloberfläche zum Zellkern und vica versa oder die Sicherstellung der Stabilität von Chromosomen und DNA. Die Fanconi-Anämie, die Ataxia telangiectasia und das Bloom-Syndrom sind durch eine chromosomale Instabilität und ein gehäuftes Auftreten umschriebener Neoplasien charakterisiert (Tab. 1). Dispositionen, derentwegen die Fähigkeit zur Reparatur von spontan entstandenen und induzierten DNA-Schäden beeinträchtigt ist, haben eine indirekte Wirkung auf den Karzinogenese-Prozess. Sie begünstigen die Entstehung von Mutationen weiterer Gene in somatischen Zellen, die die Zellproliferation und -differenzierung steuern. Genetisch bedingte Beeinträchtigungen des Immunabwehrsystems schwächen nicht nur die Abwehrfähigkeit gegenüber mikrobiologischen Krebserregern, wie sie gerade als Ursache von Leukämien vermutet werden, sondern auch von bereits entarteten Zellen. Aufnahme, Aktivierung, Entgiftung und Ausscheidung karzinogener Umweltfaktoren werden durch zahlreiche Enzyme katalysiert. Der Karzinogen-Metabolismus steht damit unter genetischem Einfluss. Entsprechende Veranlagungen nicht nur des ungeborenen Kindes, sondern auch der mitbetroffenen Mutter könnten zu einer pränatalen Krebsauslösung führen. Zur Entartung neigen ferner während der Entwicklung versprengte Zellen, respektive solche in dysplastischen Geweben, wie sie bei verschiedenen Erbkrankheiten vorkommen. Beim Klinefelter-Syndrom führen gelegentlich ins Mediastinum verirrte Keimzellen zu Teratomen. Bei der Tyrosinämie Typ 1 entstehen postzirrhotische Hepatome. Endokrine Störungen können die Krebsentwicklung vor allem nach der Pubertät begünstigen. Bei den Trägern von mehr als 600 der bis zum Jahr 1995 bekannten 7'000 menschlichen Gene wurden, falls mutiert, Neubildungen als regelmässiges Symptom oder häufige Komplikation festgestellt (Mulvihill, 1996).

Erfassung und genetische Beratung von Krebsveranlagungen: medizinische, präventive und ethische Perspektivenr :

Die Zielsetzung des Erfassens von Kindern mit Veranlagungen für Tumorkrankheiten ist, sie davor zu schützen oder Neubildungen mindestens noch in einem Zeitpunkt zu diagnostizieren, in dem sie erfolgreich behandelt werden können. Zahlreiche Beispiele wie das Retinoblastom zeigen, dass durch rechtzeitig getroffene medizinische Massnahmen grosse Fortschritte im Hinblick auf Lebenserwartung und -qualität erzielt werden können. In der Regel ist die frühzeitige Entfernung einer Neoplasie die Methode der Wahl. Neue Präventions- und Therapieverfahren, inkl. die Chemoprävention, zeichnen sich ab.

Eine sorgfältig erhobene Familienanamnese ist ein häufig vernachlässigtes und auch unterschätzes Mittel zur Erfassung von Veranlagungen für Tumorkrankheiten. Da man sich kurzfristig nicht an alle Verwandten mit und ohne Neoplasien erinnern kann, lohnt es sich, die Eltern aufzufordern, quasi als Hausaufgabe einen Familienstammbaum zu erstellen, aus dem die gesunden und die tumorkranken Angehörigen hervorgehen. Die Daten, die von jeder Person, mindestens von den Verwandten I. und II. Grades gesammelt werden sollten, gibt Tabelle 2 wieder. Unsere eigene Erfahrung zeigt, dass gerade Eltern von krebskranken Kinder ausgesprochen verlässliche medizinische Familiendaten zusammentragen.

Falls wegen familiären Auftretens von Neoplasien oder wegen klinischer Symptome bei einem bereits erkrankten Kind ein Verdacht auf das Vorliegen einer Krebsdisposition aufkommt, lohnt es sich, diesen - so weit bereits möglich - mittels molekulargenetischer Tests zu überprüfen. Man steht dann bei der weiteren medizinischen Betreuung des Patienten und bei Auskünften an seine Angehörigen auf einem solideren Boden. Schwieriger ist die Fage, ob, respektive zu welchem Zeitpunkt, bei einem gesunden Kind nach einer Tumorveranlagung gesucht werden soll. Gemäss der einschlägigen Richtlinien der Schweizerischen Akademie der Medizinischen Wissenschaften (SAMW) über medizinisch-genetische Untersuchungen darf eine molekulargenetische Abklärung erst dann ins Auge gefasst werden, wenn die daraus hervorgehenden Resultate von unmittelbarer Bedeutung für deren eigene Gesundheit oder diejenige von nahen Blutsverwandten sind. Bei Veranlagungen, die sich erst im Erwachsenenalter manifestieren, wie sie zu Dickdarm- oder Mammakarzinomen führen, kann ohne Nachteile zugewartet werden. Es lohnt sich aber, potentielle Risikopersonen erstmals während der Adoleszenz über das Vorliegen einer familiären Disposition ins Vertrauen zu ziehen. Eine unabhängige, mit der Thematik vertraute Medizinalperson ist in der Regel als Kommunikator am besten geeignet. Bei der familiären adenomatösen Polyposis (FAP) wird die jährliche Sigmoidoskopie ab dem 10./11. Altersjahr empfohlen. Eine vorgängige molekulargenetische Analyse des APC-Gens, ist vor allem dann, wenn die Adenome bei anderen Angehörigen früh aufgetreten sind, zweifelsohne zweckmässig.

Genetische Risiken nach Chemo- und Strahlentherapie für die nächste Generation :

Tumorkranke Kinder können zunehmend geheilt werden und erreichen das fortpflanzungsfähige Alter. Sie sorgen sich um die Gesundheit ihrer Nachkommen, da zahlreiche Behandlungsstrategien mutagene Auswirkungen haben und das Erbgut von Keimzellen schädigen können. Bei Nachkommen von 1198 Personen, die im Kindesalter wegen Hirntumoren und anderen Neoplasien mit Chemo- und Strahlentherapie behandelt wurden, liessen sich angeborene Fehlbildungen und Erbkrankheiten nicht häufiger als in der Gesamtbevölkerung finden. Diese Studie untermauert den generellen, schon seit einiger Zeit bestehenden Eindruck, dass eine Krebstherapie für die Nachkommen nicht mit erfassbaren Nachteilen verbunden ist.


SCHLUSSBEMERKUNGEN

Die moderne Genetik gewinnt in der Kinder- und Jugendlichenmedizin zunehmend an praktischer Bedeutung. Ihre Erkenntnisse müssen auch in die Betreuung von krebskranken Kindern und die Beratung ihrer Eltern einfliessen. Zweifelsohne trifft die Kritik zu, dass zur Zeit die Möglichkeiten der molekulargenetischen Diagnostik und der neuen Therapieansätze sich nicht in gleichem Umfang entwickeln. Dem ist entgegenzuhalten, dass mindestens bei der genetischen Beratung früher aufkommende Ungewissheiten mehr und mehr überwunden werden können. Gerade diejenigen wissenschaftlichen Beobachtungen, die bei kindlichen Tumorkrankheiten wie beim Retinoblastom oder beim Burkitt-Lymphom gemacht werden konnten, haben entscheidend zum besseren Verständnis der Krebsentstehung und -entwicklung beigetragen. Nachdem bis heute vor allem autosomal-dominant vererbte Krebsdispositionen entschlüsselt werden konnten, derentwegen bis zu 50% der Blutsverwandten in mehreren Generationen umschriebene Neoplasien entwickeln, gilt es nun, die weniger augenfälligen Krebsveranlagungen zu entdecken und zu erforschen. Dabei geht es vor allem um solche, die bei der Interaktion mit der Umwelt bedeutungsvoll sind. Die dafür verantwortlichen Gene werden meist nach den Gesetzmässigkeiten des autosomal-rezessiven Erbganges vererbt. Daher ist auf Geschwistererkrankungen und Verwandtschaft der Eltern zu achten. Zweifelsohne werden wiederum entscheidende Impulse von der systematischen Abklärung kindlicher Tumorkrankheiten ausgehen. Im Kindesalter sind pathogenetische Mechanismen grundsätzlich leichter abzuklären, da sie noch viel weniger durch im Verlaufe des Lebens erworbene, unabhängige Eigenschaften vernebelt werden. Ein entscheidender Fortschritt lässt sich aber nur durch eine gute Zusammenarbeit zwischen Pädiatern, Onkologen, Epidemiologen, Medizinischen Genetikern und Grundlagenforschern erzielen. Die krebskranke Kinder betreuenden Aerztinnen und Aerzte haben - nicht zuletzt durch eine sorgfältig erhobenen Familienanamnese - diejenigen Konstellationen zu erkennen, die für die Grundlagenforschung bedeutungsvoll sind und auch bei der Beschaffung des von dieser dringend benötigten Untersuchungsgutes (Blut, Tumorgewebe) behilflich zu sein.


Weiterführende Literatur :

Kann beim Autor bezogen werden.


Adresse des Autors :

Hj Müller,
Abt. Medizinische Genetik,
Universitäts-Kinderspital beider Basel (UKBB) ,
4005 Basel
Tf: 061 685 64 33,
Fax: 061 685 60 11
email: Hansjakob.Mueller@unibas.ch


Legende zu den Abbildungen :

Abbildung 1 :
Erkrankungsrisiko und Häufigkeit verschiedener Krebsveranlagungen (Text auf Graphik)



Abbildung 2 : Li-Fraumeni-Syndrom
Typischer Stammbaum einer Familie mit dem Li-Fraumeni-Syndrom :

BK = Brustkrebs
OS = Osteosarkom
HT =Hirntumor
LK = Leukämie
WS = Weichteilsarkom
Zahl = Erkrankungsalter
Pfeil = Indexperson


Abbildung 3 :
Schematische Darstellung des 2 "hit"-Konzeptes von Alfred G. Knudson zur Erklärung der Retinoblastom-Entstehung.

N = normales Gen (Allel).
D = defektes/mutiertes Gen (Allel).


sporadische Form
Die Mutationen der RB-Gene auf dem väterlichen und auf dem mütterlichen Chromosom während der Embryonal- und Fetalentwicklung ist nötig, damit seine Funktion ausfällt.


hereditäre Form

Die Mutation eines RB-Gens liegt ab Zeugung vor. Sie kann vererbt oder während der Gametogenese neu entstanden sein. Nur der "hit" des zweiten RB-Gens ist notwendig, damit ein Retinoblastom entsteht.

 

Tabelle 1 : Chromosomale Instabilitäts-Syndrome und Neoplasien

Syndrom klinische Symptome Neoplasien
Bloom-Syndrom (BS) - Kleinwuchs
- Sonnenempfindlichkeit im Gesicht
- IgA, IgG und IgM niedrig
- AML
- NHL
- gastrointestinale Tumoren
- Hauttumoren
Fanconi-Anämie (FA) - Kleinwuchs
- Panzytopenie
- hypoplastische Daumen
- Pigmentflecken
- geistige Retardierung
- AML
- MDS
- Tumoren desGastro- intestinaltraktes, der Lunge und Leber
Ataxia telangiectasia (AT) - Gangstörungen
- Okulokutane Teleangiectasien (ab 6.Altersjahr)
- niedriges IgE und IgA, gelegentlich auch IgG und IgM
- ALL
- Non-Hodgkin Lymphom
- Morbus-Hodgkin
- gastrointestinale Neoplasien

Tabelle 2 : Familiäre Tumorkrankheiten :

Benötigte personelle Angaben (siehe auch Abb. 2).

Für jede Person im Stammbaum sind folgende Angaben festzuhalten :

- Geburtsdatum (mindestens -jahr)
- Datum der letzten Beobachtung, bzw. Todesjahr.

Im Falle einer Krankheit :

- Diagnose
- Alter bei Ausbruch/Diagnose
- behandelnder Arzt/Ort der Hospitalisation

Anmerkung: Lückenhafte oder weniger verlässliche Informationen sind deutlich zu kennzeichenen.

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Dernière mise à jour du site: 08.05.2008