SPORTMEDIZIN BEI KINDERN UND JUGENDLICHEN

WICHTIGE ASPEKTE FÜR DIE KINDERÄRZTLICHE BERATUNG

Dr. Jost Schnyder, FMH Pédiatrie, Fellow of the American College of Sports Medicine. Médecin responsable du CME/SSJ.Consultant à l'Hôpital des Enfants
Hôpital Universitaire,Genève.

 

Einleitung

Sport spielt in der modernen Gesellschaft bei jung und alt eine wichtige Rolle. Er ist aus dem Leben unserer jungen Patienten nicht wegzudenken, und beeinflusst den Alltag in Schule und Familie. Die Häufung von kardiovaskulären Krankheiten bei Erwachsenen einserseits und frühzeitig auftretende Schäden am Bewegungsapparat durch Überbelastung im Jugendsport andererseits verpflichten uns, diesbezüglich den Kindern unsere besondere Aufmerksamkeit zu schenken.

Man glaubt heute, dass unsere Kinder und Jugendlichen mehr Möglichkeiten hätten, um fit zu sein, als noch vor einigen Jahren: Organisierter Sport ist weitverbreitet und wird in allen möglichen Formen angeboten. Dabei wird jedoch oft vergessen, dass viele Sportarten hochspezialisierte Bewegungsabläufe umfassen, die nur gewisse Muskelgruppen oder Gelenke beanspruchen und den Rest des Körpers vernachlässigen. Natürliche Bewegung wie Treppensteigen, zu Fuss zur Schule oder zum Sportplatz gehen, Tragen des Sportsacks (Eishockey), fehlt immer mehr. Auch in der Schule spielen Turnunterricht und Sport nur eine Nebenrolle.

Wieviele Kantone verwirklichen die gesetzlich festgelegten drei Stunden Schulsport pro Woche? Sollte dieses Schulturnen nicht einen Ausgleich schaffen zur geistigen Anstrengung, dem Kind erlauben sich auch physisch zu entfalten ? 

Diese Art von körperlicher Betätigung soll auch dazu beitragen, die Grundlagen der motorischen Bewegungsabläufe sowie die notwendige physische Kondition für die Ausübung spezifischer Sportarten zu erwerben.

Wenn bereits die Bedingungen fehlen, um eine gesunde körperliche Basis zu schaffen, wie wollen wir dann mit der medizinischen Betreuung unserer Kinder und Jugendlichen Erfolg haben? Wir alle wissen, dass unsere Nationalmannschaften in praktisch allen Sportarten über eine gutorganisierte medizinische Betreuung verfügen. 

Wie steht es aber in der Schweiz bei der Betreuung der Juniorenbewegungen? 

Wie die meisten Trainer und Betreuer sind auch die Ärzte freiwillige Mitarbeiter. Alle arbeiten selbstlos und mit viel Begeisterung, aber leider oft ohne über die notwendigen Grundkenntnisse im Kinder- und Jugendsport zu verfügen.
Jugend und Sport bemüht sich, auf Trainerebene diese Lücke für Kinder 

im Alter von 6 bis 12 Jahren zu füllen. Unseren Medizinstudenten und Assistenten während ihrer jahrelangen Aus- oder Weiterbildung hingegen, wird nichts derartiges angeboten.  Hat sich dann ein kleiner Sportler verletzt, bleibt nur der folgende Rat:Wenn sich ein Profi verletzt, wird er immer einem Spezialisten der Sportmedizin zugewiesen, wenn nun mir etwas passiert, was geschieht dann ? Nun dann gehst Du eben zu Deinem Kinderarzt. 

Eigentlich müssen wir in der Lage sein, die folgenden Fragen von Kindern, Eltern und Trainern zu beantworten : Ist dieser oder jener Sport für mich geeignet, entspricht er meinen geistigen und körperlichen Fähigkeiten? Bin ich noch zu jung oder schon zu alt, um diese Sportart zu betreiben? Kann ich andere Sportarten daneben ausüben, z.B. Fussball und Skifahren, Kunsturnen und Tennis? Ist Schwimmen als Ergänzungssport geeignet für mich als Kunstturnerin oder Fussballerin? Ist Wettkampfsport in meinem Alter und während meines Wachstums gefährlich? Diese und ähnliche Fragen sind ein wichtiger Bestandteil einer sportmedizinischen Beratung. 

Physiologische Besonderheiten

Der Kinderarzt beschäftigt sich per definitionem mit Wachstum und Entwicklung, das heisst mit Menschen, die sich in einer Phase des Wandels von Körper und Geist befinden. Sind diese Jungen Sportler, so muss dieser Dynamik bei der Beratung umso mehr Rechnung getragen werden. Der Organismus des sporttreibenden Kindes befindet sich nicht nur in stetiger Entwicklung durch das Wachstum, sondern muss zudem Leistung erbringen. 

Dies soll uns wie ein roter Faden bei der Betreuung dieser Patienten führen. 

Kontrollen und Präventivmassnahmen sind deshalb von grosser Bedeutung. 

Die "Exercise Medicine" hat durch gezielte Forschungsarbeit in der pädiatrischen Leistungsphysiologie grosse Fortschritte gemacht. In den letzten Jahren häufen sich in der Literatur Erfahrungsberichte und neue Erkenntnisse über die Entwicklung der Leistungsfähigkeit bei Kindern und Adoleszenten. Beispielsweise wissen wir jetzt, dass sich die aerobe Kapazität (gemessen pro kg Körpergewicht) nicht wesentlich von den Werten der Erwachsenen unterscheidet (Bar-Or O.(1)). Zudem konnten Hebestreit et al. (2) mittels des Wingatetests (3) nachweisen, dass sich Kinder nach einer maximalen anaeroben Leistung von kurzer Dauer besser und schneller erholen als Erwachsene, obwohl ihre anaerobe Kapazität geringer ist. 

Zahlreiche Parameter illustrieren die Adaptation des jugendlichen Organismus an sportliche Leistungen. Die kardiovaskulären, die respiratorischen und die metabolischen Möglichkeiten werden jedoch beim Kind selten ausgeschöpft. Das beste Beispiel, um den Unterschied zwischen Kindern und Erwachsenen sichtbar zu machen, liefert uns der Bewegungsapparat. Es ist beeindruckend zu sehen, wie ein Kind bei einer Bergwanderung wie eine Gemse aufwärts und abwärts rennt, scheinbar ohne zu ermüden. Wir müssen uns aber bewusst sein, dass ein Kind pro Schritt eines Erwachsenen zwei bis drei Schritte macht. Die Hebelwirkung beim Kind ist ebenfalls ungünstiger und - abgesehen von der geringeren Muskelkraft - ist somit seine mechanische Effizienz geringer. Bar-Or O.(1) illustriert diesen Unterschied anhand des folgenden Schemas. 

Diese geringere mechanische Leistungsfähigkeit soll uns daran erinnern, vorsichtig zu sein, wenn es um die Belastungsdosierung bei Sportarten wie Leichtathletik, Fussball, Eishockey, oder Tennis geht.

Bewegungsapparat

Die Unreife des Bewegungsapparates ist ein anderer wesentlicher Faktor. Wie aus dem Schema des Kniegelenkes von Lyle Micheli (4) hervorgeht, finden wir hier drei gefährdete Zonen. 

Die Wachstumsfugen und die Apophysen, die sich während des Wachstums zu verschiedenen Zeiten schliessen, sind Überlastungen speziell ausgesetzt. Bei einem akuten Trauma weisen sie aber auch besondere Pathologien auf. Auch Läsionen des noch weichen Gelenksknorpels sind ein typisches Beispiel für Doppelbelastung durch Wachstum und Leistung :

Solange der Gelenkknorpel sich noch im Reifungsprozess befindet, widersteht er starken und repetitiven Belastungen weniger gut. Durch seine Weichheit ist auch die Gleitfähigkeit herabgesetzt. Wenn man diese Aspekte berücksichtigt, kommt Michelis Frage (4) " How much too soon? " - auf Deutsch: Wieviel Sport wie wie früh? voll zur Geltung. Das Problem wird zudem kompliziert durch das auch im Sport wohlbekannte Faktum der "earlymaturer" und "latematurer".

Will ein Kind seinen Sport seriös betreiben, so ist es wesentlich, zuerst seinen Reifegrad zu bestimmen. Auch die Abklärung des familiären und hereditären Hintergrundes und damit des Wachstums der Eltern und Geschwister, einer Früh- oder Spätpubertät bei Eltern und Geschwistern, der ethnischen Herkunft und der sozialen Verhältnisse sind wichtig. Eine gute Anamnese gibt oft nützliche Hinweise bei osteoartikulären, aber auch bei kardiovaskulären, respiratorischen oder metabolischen Problemen. Es ist nicht notwendig, den Einfluss der gewählten Sportart auf die körperliche Entwicklung breit zu diskutieren. Es ist aber unumgänglich, Eltern, Trainer und Kinder gezielt auf mögliche Probleme hinzuweisen, die in ihrem Sport durch das Wachstum entstehen können. Für ein kleines "verspätetes" Mädchen grosser Eltern besteht beispielsweise ein grösseres Risiko, wegen Belastungsschäden seine turnerische Karriere abbrechen zu müssen, wenn es plötzlich schnell wächst, als ein "zeitgerecht " entwickeltes Mädchen kleiner Eltern: Eine Studie des Centre de Médecine d’Exercice du Service de Santé de la Jeunesse in Genf (5) hat eine signifikante Korrelation zwischen Wachstumsrückstand und Überlastungsschäden dokumentiert.

Ob dieser klaren Risikofaktoren der "latematurer" darf man die "earlymaturer" nicht vergessen. Wegen ihres frühen raschen Wachstums werden Sie oft überschätzt und im Sport mit älteren Kindern zusammen eingesetzt, obwohl sie abgesehen von der Körpergrösse meist in ihrer körperlichen und geistigen Entwicklung noch nicht soweit sind. Da das Knochenwachstum bekannterweise dem Muskelwachstum voraus ist, beobachtet man bei diesen Kindern vermehrt Verletzungen an den Sehnenansatzstellen (Becken, Femur, Patella, Tibia, Humerus) oder an den Wachstumsfugen vor allem der peripheren Gelenke (Sprunggelenk, Knie, Handgelenk, Ellbogen). Auf Grund des schnellen Wachstums in der Vorpubertät und während der Pubertät, haben diese jungen Sportler auch mehr Mühe, sich mit ihrem veränderten Körper, den neuen Proportionen und den neuen Hebelverhältnissen zurechtzufinden. Man muss den Kindern nun Zeit lassen, um sich an diese Situation zu gewöhnen und muss akzeptieren, dass in den Wettkämpfen vorübergehend wohl weniger gute Resultate erzielt werden. Auf Grund dieser Tatsachen ist eine regelmässige, sorgfältige Überwachung der heranwachsenden Sportler eine dringende Notwendigkeit, um das Verletzungsrisiko zu senken. Die Frage " HOW MUCH TOO SOON " ist damit mehr als berechtigt, und man kann die Feststellung anschliessen, dass wir leider oft aus dem was "ZUVIEL" war, lernen was GUT gewesen wäre .

Neurologische und psychische Entwicklung.

Konzentration und Koordination müssen möglichst früh entwickelt und gefördert werden. Als Kinderärzte kennen wir diese Problematik sehr gut: "Minimal Cerebral Palsy bzw. dysfunction" führt oft zu grossen Schwierigkeiten in Schule und Sport. Wie oft wird ein Kind als tolpatschig abgestempelt, weil es nicht in der Lage ist, einen Ball zu fangen oder am Seil hochzuklettern ! Klären wir in diesen Fällen ab, ob es sich nicht um eine leichte CP handelt ? Wie lange kann sich ein 6-7 jähriges Kind bei einer geistigen Tätigkeit konzentrieren ? 

Wie lange ein 8-10 jähriges ? Diese trainieren bereits oft mehr als 12-15 Stunden pro Woche in der Turnhalle, auf dem Tennisplatz, oder auf dem Eisfeld. Eine australische Studie (6) hat gezeigt, dass Konzentration und Koordination tatsächlich in diesem Alter am besten entwickelt werden können, aber lässt man den Kindern auch die nötige Zeit dazu ? Bringen die Trainer und die Verbandssverantwortlichen sowie die Eltern, die dafür notwendige Geduld auf ? Ein häufiger Wechsel des Programmes, der Übungen, ihrer Dauer und Intensität sind unabdingbar, will man Konzentration und Koordination optimal fördern und zudem der Erholung genügend Zeit und Raum lassen.

Die psychische Reife spielt natürlich ebenfalls eine wichtige Rolle. Zudem müssen wir uns vergewissern, ob das Kind seinen Sport mit Freude ausübt. Nach Bizzini (7) ist die Motivation in diesem Alter eher äusserer Natur. Es ist selten, dass ein Kind unter 12 Jahren seinen Sport bewusst wählt. Eltern, Trainer, Brüder oder Schwestern, Freunde, Lehrer, andere Sportler oder gar Champions haben seine Wahl beeinflusst. Ein anderer, wichtiger Aspekt, den es zu berücksichtigen gilt, ist die emotionale Reaktion des Kindes während des Trainings oder Wettkampfes. Zuviel Stress kann die Ursache für häufige Verletzungen sein. Eine Besprechung allein mit dem Kind kann dann aufschlussreiche Informationen liefern. (Schlaf, Essensgewohnheiten, genügend Zeit für Schulaufgaben, Zeit für Freunde). Beobachten Sie, ob das Kind Gelegenheit hat sich in einer natürlichen, kindgerechten Umgegbung zu entfalten und fördern Sie die Möglichkeit, dass möglichst lange andere Sportarten parallel betrieben werden können.

Die Kinder- und Jugend-Sportmedizin hält heute eine Spezialisierung vor dem Alter von 12 Jahren nicht für wünschenswert. Gewisse Sportarten müssen aber früher intensiv trainiert werden. Sie sind komplex und vielseitig und verlangen alle ein hohes technisches Niveau. Dies bedeutet, dass motorische Schemata früh erlernt werden müssen, was jedoch nicht ausschliesst, dass auch diese Programme abwechslungsreich und spielerisch unter Einbezug anderer Sportarten gestaltet werden können. Ein solches Vorgehen hat viele Vorteile (8). Die Kinder machen locker und entspannt sportliche Übungen, die auch für ihren Hauptsport nützlich sein können. Zudem lernen sie auch andere Sportarten kennen und eine definitive Wahl wird ihnen somit leichter fallen, besonders wenn sie beispielsweise von gesundheitlichen Gründen mitbestimmt wird. Besonders in einem Alter, in dem Jugendliche aus verschiedenen Gründen besonders aktiv sein sollen, wird auch das Risiko eines " Burn Out " wesentlich verringert. 

Probleme der Traumatolgie beim jungen Sportler.

Es würde zu weit führen, eine ausführliche Liste aller möglichen, alterstypischen Verletzungen zu erstellen. Einige Punkte sind aber besonders hervorzuheben. Für den behandelnden Orthopäden bleibt eine Verletzung dieselbe, ob sein jugendlicher Patient Sportler ist oder nicht, sie braucht die gleiche Zeit um auszuheilen. Man darf aber nicht vergessen, dass Sport für diese jungen Athleten oft alles bedeutet, besonders aber mehr als die Schule. So fühlen sie sich oft verloren und vergessen, wenn sie nicht mehr ins Training gehen können. Ein nuanciertes, psychologisch feinfühliges Vorgehen ist in dieser Situation daher wesentlich. Eine Fraktur eines Knöchels oder eines Handgelenkes muss nicht die Ruhigstellung des ganzen Körpers bedeuten. In der Regel sind zahllose Übungen möglich, welche nicht nur erlauben eine gewisse Form zu erhalten, sondern auch den Kontakt mit den Kolleginnen und Kollegen zu pflegen. Die Sportmedizin verfügt heute über technische Hilfsmittel, die oft eine schnellere Rückkehr zum Training ermöglichen. Die rasche Mobilisation nach einer Knöchelverstauchung ist ein typisches Beispiel dafür. Auch wenn man die Medizin für Spitzensportler oft mit der Formel 1 vergleicht, so muss man doch feststellen, dass die Erkenntnisse aus der " Exercise Medicine ", Sportmedizin und Sportphysiologie, zum Fortschritt der Medizin im Allgemeinen sehr viel beigetragen haben.  Weshalb aber braucht es denn Sportmedizin auch für den Nachwuchs ? Eine Studie des CME, SSJ, Genf 1991-1997,(10) hat gezeigt, dass mehr als die Hälfte der Kinder im Falle einer Verletzung ihre sportliche Tätigkeit nicht unterbrechen wollten. Sie befürchten oft und leider zu recht, abseits zu stehen und links liegen gelassen zu werden. Zudem werden in zahlreichen Sportarten im Jugendalter Selektionen für kantonale oder sogar nationale Kader getroffen (11), die Programme sind sehr gedrängt und die Wettkämpfe folgen sich Schlag auf Schlag. Oft bleibt da nicht genügend Zeit, um Verletzungen korrekt auszukurieren. Ohne fachlich korrekte Intervention führt dies nicht selten zu einem Teufelskreis, der von Verletzung zu Verletzung geht und den betroffenen Körperteil immer schwächer werden lässt.

Ein anderer Schwerpunkt der Pathologien des Bewegungsapparates im Kindes- und Jugendalter betrifft die Dysbalancen zwischen zwei oder mehrerer Muskelgruppen. Das Wachstum spielt auch hier eine wesentliche Rolle. Da die Muskeln langsamer wachsen als das Skelett, verlieren die heranwachsenden Adoleszenten an Beweglichkeit, was für Dehnungen, Zerrungen und Insertionstendinopathien prädisponiert. Je nach Sportart werden zudem gewisse Muskelgruppen stärker beansprucht, und entwickeln sich stärker als ihre Antagonisten oder die Gegenseite (Fussball, Tennis). Dies kann zu erhöhter Muskel-Spannung, und zu stärkerer Belastung einzelner Gelenke (Patello-Femorales Stresssyndrom), sowie zur Überbelastung von Muskel- und Sehneninsertionen (Avulsionsfrakturen) führen. Was als banale Dysproportion zwischen zwei Muskeln oder Muskelgruppen begonnen hatte, wird nun zur Quelle chronischer Überbelastung (Morbus Osgood-Schlatter, M. Sinding-Larson-Johanson, Sever’s disease). Auch bei den sogenannte Sehnenscheidenentzündungen am Ellbogen, am Handgelenk oder an der Schulter finden wir oft eine zu hohe Belastung der Sehneninsertionen im Bereich der Apohysen oder der Wachstumsfugen. Muskuläre Dysbalancen sind wohl die häufigste Ursache der extrem häufigen Gonalgien im Jugendalter. Die einzige, langanhaltende wirksame Therapie besteht in der Wiederherstellung des Gleichgewichts zwischen den verschiedenen Muskelgruppen unter Berücksichtigung ihres Zusammenspiels als Agonisten und Antagonisten. Der Gelenksmobilität müssen wir dabei besondere Aufmerksamkeit schenken. Zur Diagnostik dieser Zustände braucht es weder kostspielige Apparate noch hochspezialisierte Kenntnisse. Eine gute klinische Untersuchung nach einer genauen Anamnese erlaubt, Abweichungen von der Norm festzustellen und durch einfache Stretchingprogramme zu korrigieren. Muskeldehnung ohne Schmerzen hervorzurufen, ein gezieltes Krafttraining, unterstützt mit ausreichender Flüssigkeitszufuhr und einer Ernährung, die dem Wachstum Rechnung trägt, sowie gegebenenfalls einer Magnesiumkur, sind einfache aber wirksame Mittel. Regelmässige Kontrollen mit wiederholter Messung der Flexibilität sind wichtig zur Motivation und um sich zu vergewissern, dass die gezeigten Empfehlungen auch befolgt werden. Als weitere, äussere, einfache Methode hat das Taping nach Mc Collough (Australien) gute Resultate gezeigt, man darf aber nicht ausser acht lassen, dass 6-8 Wochen konsequenter Therapie notwendig sind. Ein Sportunterbruch oder sogar eine Ruhigstellung verschlimmern die Situation, da sich neben der Muskelverkürzung noch eine Muskelatrophie einschleicht. Stress oder Ermüdungsfrakturen wurden lange nur in der postpubertären Altersklasse beschrieben. In den letzten Jahren wurde jedoch gezeigt, dass Kinder auch vor der Pubertät solche Frakturen erleiden können. Das wohl häufigste Beispiel dafür ist die Stressfraktur des Wirbelbogens von LWK5, die zu einer Spondylolyse und -olisthesis führen kann (12). Anamnese, klinische Untersuchung, Röntgenbilder ap und seitlich sowie Schrägaufnahmen,die den " Scotty dog ", den Hund mit Halsband darstellen, genügen oft, um die Diagnose zu stellen. Eine Scinitigraphie mit SPECT erlaubt dann, eine akute Läsion von einem alten, früher entstandenen oder sogar anlagebedingten Leiden zu unterscheiden. Kunstturnen, rhythmische Sportgymnastik, Eiskunstlaufen und Ballettanz sind wohl die dafür exponiertesten Sportarten. Auch Ermüdungsfrakturen der langen Röhrenknochen sowie des Metatarsus und Metacarpus sind nicht selten, und man sollte sich hüten, ohne genügende Diagnostik von Wachstumsschmerzen, Periostitis oder kurzerhand " Shinsplints " zu sprechen. Wie sinnvoll sind vergleichende Röntgenbilder der kontralateralen Seite ?

Bei einem wachsenden Organismus sind viele anatomische Varianten möglich, Seitendifferenzen können aber auch Ausdruck einer Läsion der Wachstumsfuge oder einer anderen Pathologie sein. Vergleichende Aufnahme der Gegenseite erlauben oft nicht nur, eine genaue Diagnose zu stellen, sondern vor allem auch, Komplikationen und Unsicherheiten vorzubeugen und somit kospieligere spätere Untersuchungen zu vermeiden (CT, RMI).

Last but not least : Es ist wesentlich daran zu denken, dass ein Kind, das Sport treibt, nicht unbedingt an einer Sportverletzung leidet. Auch ein Sportler ist vor einem Tumor, einer Leukämie, einer Ostomyelitis, um nur einige Beispiele zu nennen, nicht gefeit. Damit ist in jedem Fall eine genaue Anamnese, eine gründliche Untersuchung und eine klare Diagnose unabdingbar. Die Behandlung muss zum Ziel haben, die Verletzung vollständig zu heilen, das Vertrauen des Patienten zu wahren und in seinem Interesse zu handeln. 

Schlussfolgerungen.

Es ist wichtig, die jungen Sportler in Bezug auf ihr Alter, ihre biologische und psychische Reife, kurz als Ganzes, zu betrachten. Ihre Bemühungen verdienen unsere Anerkennung und wir müssen versuchen, die mit ihren Zweifeln, Befürchtungen und Nöten zu verstehen. Jeder Sport hat seine Eigenart. Deshalb ist es von Nutzen, dass wir aus unserem Sprechzimmer hinaus auf den Sportplatz gehen, und unsere jungen Patienten bei ihrer Tätigkeit beobachten. Einem ihrer Wettkämpfe beizuwohnen hilft uns nicht nur, ihre Leistung, ihre harte und langwierige Trainingsarbeit, all ihre Verzichte, Enttäuschungen und Erfolge besser zu verstehen, sondern auch, ihnen unser Interesse an ihrem Hobby - wenn auch noch nicht Beruf - zu zeigen.

Dies wird uns helfen, die Frage " How much too soon " besser beantworten zu können. Wir müssen lernen, die Antwort für jedes einzelne Kind individuell zu geben. Ein Klima voll Vertrauen zu schaffen ist eine wesentliche Voraussetzung, wenn wir auch bei einer harten Entscheidung Erfolg haben wollen. Wir müssen uns bewusst sein, dass wir von diesen jungen Athleten und Athletinnen auch viel lernen können, und dass wir selber nicht alles wissen. Gegenseitiger Respekt erleichtert dabei schwierige und oft schmerzhafte Entscheidungen. Es ist bestimmt nicht leicht, einem jungen Sportler sagen zu müssen, dass seine kaum begonnene Karriere bereits zu Ende ist oder dass er im gewählten Sport keine Chancen hat. Muss gar ein totaler Sportabbruch ins Auge gefasst werden, so ist es für die ganze spätere Entwicklung notwendig, eine Alternative zum Sport zu finden.

Dies braucht Diplomatie und eine Vorbereitung des Klimas in der Familie und bei den Freunden. Auch in solchen schwierigen Momenten sollte die Frage " Wen muss ich aufsuchen wenn mir was passiert ? " ohne Angst und selbstverständlich so beantwortet werden : " Deinen Pädiater oder Hausarzt. Er kennt Deine Situation am besten und wird seinerseits bestimmt Rat einholen, wenn er sich mit sportspezifischen Problemen überfordert fühlt. "

Wenn wir unsere Patienten und Patientinnen und ihre Familien kennen, werden wir keine Mühe haben, ihnen zu helfen. Wenn wir uns auch in ihrem Sport auskennen und das notwendige Interesse dafür aufbringen, können wir sie umso besser unterstützen. Auf diese Art können wir einen enorm wichtigen, positiven Einfluss auf unsere Jugend ausüben. Ergreifen wir die Chance. 

Litteratur

1. Bar-Or, O. : Pediatric Sports Medicine for the Practitioner, I, 3-8. Springer, New York.
2. Hebestreit, H., Mimura, K. I. and Bar-Or, O. :Recovery of muscle power after high-intensity short-term exercise : comparingboys and men. J Appl. Physiol. 4 (6) 2875-2880, 1993.7
3. Inbar, O., Bar-Or, O. and Skinner, J. : The Wingate and aerobic test. Human Kinetics Champaign, Ill, 1996.
4. Micheli, L. J. : Pediatric and Adolescent Sports Medicine, I, 1-8. Little Brown and Company, Boston, Ma.
5. Schnyder, J., Mahler, P., and Ducommun, M. : Correlation between intensive sports activity, growth delay and injuries in young athletes. Ped. Ex. Science,93. 11, vol. 5, 4, 467.
6. Australian Manual for children with disabilities. Aussie Sports Book, Australian Sports Commission, Canberra, 1990.
7. Bizzini, L. : Le conseil psychologique cognitif auprès de jeunes sportifs. Théorie et pratique de l’insertion. Schweiz. Zeitschrift für Sportmedizin und Sporttraumatologie, 2, 31-38, 1995.
8. Weineck, J. : Biologie du Sport. 307-391. Vigot, Paris, 1998.
9. Piffaretti, M. : Le phénomène du " burnout " chez les jeunes sportifs. Macolin,9, 14-16, 1997.
10. Mahler, P., Bizzini, L., Schnyder, N. et Schnyder, J. : Epidemiology of injuries and their relation to preventive means among adolescents practicing high level sports. Children in Sports. Ed T. J. Ring, 184-189, 1995.
11. European survey of programmes concerning prevention of sports injuries.Arnhem, 1998. Survey report, meeting report.
12. Kälin, A. Le rachis en croissance : Le dos de l’enfant et de l’adolescent et la prévention des lombalgies. Congrès International, Grenoble, 25-26. 3. 1999.
 

Dernière mise à jour du site: 25.06.2008