Fallbeschreibung:

Sie werden zu einer Sectioentbindung in der 37. Schwangerschaftswoche gerufen. Nach unkompliziertem Schwangerschaftsverlauf fiel in der 32. Schwangerschaftswoche eine schwangerschaftsinduzierte arterielle Hypertonie auf. Bei verzögertem intrauterinem Wachstum und Cardiotocogramm mit variablen Dezerelationen wird eine Notfallsectio durchgeführt.

Frage 1:

Nachdem Sie das Neugeborene getrocknet, im Mund und in den Nasenöffnungen abgesaugt haben, zeigt es auch bei korrekter Positionierung des Kopfes und kurzer weiterer Stimulation nur eine unregelmässige Spontanatmung und eine Herzfrequenz von 100/Min. Welche Massnahme ergreifen Sie als nächstes?


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Frage 2:

Im Alter von einer Minute zeigt das kleine Kind eine unregelmässige Schnappatmung, eine Herzfrequenz von 90/Min, eine leichte Flexionshaltung der Extremitäten, ein leichtes Grimassieren beim Absaugen des Mundes und der Nase, sowie eine generalisierte schwere Zyanose. Welchen 1-Minuten Apgar Score geben Sie dieser Patientin?


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Frage 3:

Nach erfolgreicher Reanimation entwickelt das Kind im Alter von 15 Minuten ein Atemnotsyndrom. Nennen Sie vier klinische Zeichen eines Atemnotsyndroms beim Neugeborenen.


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Frage 4:

Erwähnen Sie drei Ursachen für das neonatale Atemnotsyndrom bei diesem Neugeborenen.

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Frage 5:

Das neonatale Atemnotsyndrom des Kindes remittiert ohne jegliche zusätzliche Therapie (ausser O2 bis zu einer Konzentration von 34%) innert 20 Stunden. Welches war (a posteriori) die Ursache dieses Atemnotsyndroms?


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Kommentar:

Die geschilderte Situation eines Frühgeborenen mit Adaptationsschwierigkeiten und anschliessendem Atemnotsyndrom entstammt der neonatologischen Alltagsroutine. Bei einer Geburt noch knapp im Frühgeburtsbereich, nach mindestens vier Wochen dauernder SS-Hypertonie und verzögertem interauterinem Wachstum ist mit einem Neugeborenen mit Untergewicht für Gestationsalter aber wahrscheinlich reifen Lungen zu rechnen. Aufgrund des pathologischen CTG könnte die neonatale Adaptation durch eine bereits intrauterin bestehende Hypoxie infolge Placentainsuffizienz gestört sein. Auch eine allfällige Medikation der Mutter, z. B. mit intravenösem Magnesium-Sulfat könnte sich nachteilig auf das Kind auswirken.

Da das Neugeborene nach dem Abtrockenen, das gleichzeitig den Wärmeverlust vermindert und ein guter Atemstimulus ist, und Absaugen der Nase nicht genügend zu atmen beginnt, ist eine Beatmung mit Beutel und Maske angezeigt. Diese häufige Massnahme ist sowohl einfach wie auch meist sehr befriedigend, da der Grossteil aller Termingeborenen und grösseren Frühgeborenen mit Adaptationsproblemen nach wenigen Beutelstössen normokard und rosig wird und meist auch nach kurzer Zeit mit einer suffizienten Spontanatmung beginnt. Bei der Durchführung der Maskenbeatmung ist darauf zu achten, dass der Kopf parallel zum Körper in leichter Deflexionslage positioniert, der Unterkiefer angehoben und die Maske dicht schliessend gehalten wird. Falls die Atemwege durch Mekonium oder Blut verlegt sind, ist vorheriges sorgfältiges Absaugen erforderlich, dagegen soll nicht viel Zeit mit dem Absaugen klarer Flüssigkeit verloren werden. Bei korrekter Durchführung zeigt sich ein Anheben des Thorax bei der Insufflation oder bei schlecht dehnbarer Lunge mindestens eine Anhebung im Jugulum. Zur Vermeidung exzessiver Beatmungsdrucke sollte ein Beutel mit Überdruckventil verwendet werden. Dieses muss aber bei Bedarf auch veschlossen werden können, da in seltenen Fällen hohe Beatmungsdrucke notwendig sind. Klassischerweise wird zur Reanimation mit Masken-Beatmung 100% Sauerstoff verwendet. Diese Tradition wurde aber in den letzten Jahren durch verschiedene Studien in Frage gestellt, die einerseits gezeigt haben, dass eine Reanimation mit Raumluft ebenso effektiv ist, und andererseits Hinweise gaben, dass der laborchemisch und zum Teil auch klinisch fassbare oxydative Stress für das Neugeborene bei der Reanimation mit reinem Sauerstoff grösser ist. Bisher hat sich allerdings noch keine Neonatologie-Gesellschaft für eine Empfehlung der Reanimation mit Raumluft entschlossen. Vielerorts wird aber initial nur noch 50 bis 80% FiO2 verwendet und eine rasche Reduktion bei Rosigwerden des Kindes empfohlen.

Bei diesem Kind war die Reanimation durch Maskenbeatmung in der ersten Lebensminute offenbar noch nicht erfolgreich, da es im Alter von einer Minute immer noch bradykard und völlig zyanotisch war. Der Apgar-Score gibt diese Situation kurz zusammengefasst in einer Zahl wieder, die mit ihrem 1-, 5- und 10-Minuten-Wert den Ablauf einer neonatalen Adaptation bzw. Reanimation kurz und sehr effektiv zusammenfasst. Der von der amerikanischen Anästhesistin, Virginia Apgar anfangs der 50er Jahre eingeführte Score hat sich weltweit durchgesetzt. Es mag für Anhänger der Gleichstellung der Geschlechter ein Trost sein, dass, wenn schon weibliche Eponyme in der Medizin ausserordentlich selten sind, wenigstens eines der meist verwendeten für eine Frau steht. Während die in den ersten Jahrzehnten seiner Verwendung gehegten Erwartungen, dass der Apgar-Score als wichtiger prognostischer Faktor für die spätere neurologische Entwicklung des Neugeborenen gewertet werden könnte, sich als stark übertrieben erwiesen haben, leistet der Score nach wie vor sehr gute Dienste für das, wofür er ursprünglich eingeführt wurde, nämlich für die knappe Charakterisierung des klinischen Zustandes in den ersten zehn Lebensminuten.

Verschiedene Gründe könnten dafür verantwortlich sein, dass das Kind auf die Maskenbeatmung etwas verzögert angesprochen hat. Eine Möglichkeit ist eine insuffiziente Maskenbeatmung bei schlecht positioniertem Kopf, Zurückfallen der Zunge, verlegten Atemwegen oder zu zaghaftem Beatmungsdruck. Eine andere Ursache könnte eine verzögerte Kreislaufumstellung mit hoch bleibendem pulmonalem Widerstand sein. Eine länger dauernde gestörte intrauterine Sauerstoffversorgung kann dies über die Entwicklung einer Polyglobulie mit Hyperviskosität oder auch durch direkte Wirkung auf die Pulmonalarterien begünstigen. Falls ein Neugeborenes trotz Beatmung mit Beutel- und Maske nicht normokard und rosig wird, muss es endotracheal intubiert und über den Tubus beatmet werden.

Dies war bei diesem Kind offensichtlich nicht notwendig, da es im Alter von 15 Minuten suffizient spontan geatmet hat, allerdings mit Zeichen des Atemnotsyndroms. Die klinische Definition des Atemnotsyndroms wurde von der damaligen schweizerischen Neonatalogie-Gruppe (heute Schweizerische Gesellschaft für Neonatologie) vor über 20 Jahren eingeführt und hat sich seither als knappe Charakterisierung eines neonatalen Zustandsbildes sehr bewährt. Die pathophysiologische Erklärung für die fünf Zeichen des Atemnotsyndroms erleichtert ihr Verständnis und damit ihre Memorierung. Tachypnoe, exspiratorisches Stöhnen und Naselflügeln können als aktive Kompensationsmechanismen bei verminderter Lungen-Compliance und erhöhter Kollapstendenz der Alveolen gewertet werden. Der aktive partielle Glottis-Schluss beim exspiratorischen Stöhnen ermöglicht es, den Druck in den Alveolen möglichst lang über dem Aussendruck zu halten, um damit einem Alveolen-Kollaps vorzubeugen. Auch die Tachypnoe kann durch starke Abkürzung der Exspiration der Verhinderung des Alveolen-Kollapses dienen, führt daneben aber natürlich auch zu einer generellen Erhöhung des Ventilationsvolumens. Nicht selten beobachtet man bei Neugeborenen mit Surfactant-Mangel ein Abwechseln der beiden Strategien, sodass das Kind über einige Zeit mit nicht allzu hoher Atemfrequenz kräftig stöhnt, um dann intermittierend auf eine ausgeprägte Tachypnoe ohne Stöhnen überzuwechseln. Das Nasenflügeln ist eine aktive Verringerung des Einatmungswiderstandes der Nase durch Ausstellen der Nasenflügel. Erwachsene können diese Technik offenbar nicht mehr so gut selbst einsetzen, sodass dafür für Ausdauersportler spezielle Nasenpflaster entwickelt wurden. Einziehungen sind der sichtbare Ausdruck der verminderten Lungendehnbarkeit. Der durch die kräftige Zwerchfellkontraktion erzeugte pleurale Unterdruck zieht die weichen Anteile des Thorax bei der Inspiration nach innen. Der Grad der Einziehungen erlaubt die beste klinische Abschätzung des Schweregrads eines Atemnotsyndroms. Die Zyanose ist schliesslich Ausdruck der aus der Lungenpathologie resultierenden Gasaustauschstörung.

Die häufigsten Ursachen für ein Atemnotsyndrom bei Frühgeborenen sind die transiente Tachypnoe des Neugeborenen (Synonyme "wet lung", Atemnotsyndrom bei verzögerter Flüssigkeitsresorption) und die Krankheit der hyalinen Membranen (IRDS, Surfactant-Mangel). Letztere Ursache ist bei diesem Kind auf Grund des Gestationsalters und der intrauterinen Wachstumsretardierung wenig wahrscheinlich, obwohl die Geburt durch Kaiserschnitt ohne vorhergehende Wehen oder Blasensprung einen Risikofaktor darstellt. Hyaline Membranen können übrigens durchaus noch in der 37. SSW wie auch bei Termingeborenen vorkommen. Die Häufigkeit eines Atemnotsyndroms sowohl bei hyalinen Membranen wie bei "wet lung" nimmt mit jeder Woche länger dauernder SS auch zwischen 37 und 40 Wochen noch deutlich ab. Für ältere Frühgeborene und Termingeborene ist unabhängig vom Gestationsalter das Risiko für ein Atemnotsyndrom nach elektivem Kaiserschnitt sehr viel höher als nach vaginaler Geburt. Nach sekundärer Sectio liegt es dazwischen. Ein Pneumothorax kann bei den ersten Atemzügen spontan auftreten, jedoch auch durch eine Maskenbeatmung mit exzessivem Druck begünstigt werden. Die Aspiration von Mekonium oder Blut kann zu schweren Atemnotsyndromen führen, dagegen gibt es keine Belege dafür, dass das Inhalieren von klarem Fruchtwasser das Auftreten eines Atemnotsyndroms begünstigt. Ein pulmonaler Infekt als Folge der Inhalation von Keimen aus dem Fruchtwasser oder aus den Geburtswegen ist eine ausserordentlich gefährliche Ursache für ein Atemnotsyndrom, da das klinische Bild initial nicht von einem Atemnotsyndrom anderer Genese unterschieden werden kann und ohne antibiotische Behandlung rasch zum Tode führt. Bei diesem Kind ist diese Ursache allerdings ausserordentlich unwahrscheinlich, da es durch Kaiserschnitt ohne vorherige Wehen oder Blasensprung geboren wurde.

Die Flüssigkeitsproduktion in den fetalen Lungen wird in der Zeit kurz vor der Geburt reduziert und schliesslich von einer Flüssigkeitsresorption abgelöst. Die Wehentätigkeit wirkt sich auf diesen Vorgang begünstigend aus. Ein kleiner Teil der Lungenflüssigkeit wird während des Geburtsvorgangs durch die Atemwege ausgepresst, der Rest muss schliesslich im Rahmen der postnatalen Lungenentfaltung resorbiert werden. Alle Störungen dieser komplexen und erst teilweise erforschten Vorgänge können zu einer verzögerten Flüssigkeitsresorption und damit zu einer transitorischen Tachypnoe führen. Meist ist der Sauerstoffbedarf bei dieser Form des Atemnotsyndroms gering und seine Dauer weniger als 24 Stunden. Schwerere und länger dauernde Verläufe können jedoch vorkommen, insbesondere nach einer perinatalen Hypoxie.

Christian Kind, St. Gallen

Korrespondenzadresse :
Prof. Dr. med. Christian Kind
Chefarzt
Ostschweizer Kinderspital
Pädiatrische Klinik
St. Gallen
E-Mail : christian.kind@gd-kispi.sg.ch

Literatur:

  • Wolkoff L.I., Davis J.M.: Delivery room resuscitation of the newborn. Clin Perinatol 1999; 26:641-658
  • Morrison J.J., Rennie J.M., Milton P.J.: Neonatal respiratory morbidity and mode of delivery at term: influence of timing of elective caesarean section. Brit J Obstet Gynaecol 1995; 102: 101-106

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Dernière mise à jour du site: 25.06.2008