Fallbeschreibung:

Ein neugeborener Knabe fällt am 3. Lebenstag auf durch Tachypnoe (Af 80/min), kühle Peripherie, gräuliches Hautkolorit, Erbrechen sowie schlaffen Muskeltonus. Sie werden von den Geburtshelfern zur Beurteilung beigezogen und erhalten folgende zusätzliche Informationen: Problemlose Schwangerschaft, Spontangeburt in der 35 6/7 SSW, Blasensprung 23 h vor Geburt, Apgar 8/9/9, NS-pH 7.23/7.28, unauffälliges Neugeborenes in den ersten 24 Stunden.

Frage 1:

Wie lautet Ihre Differentialdiagnose und welche Diagnostik und Sofortmassnahmen sind indiziert?


Ihre Antwort :

       

Frage 2:

Wie erweitern Sie Ihre Differentialdiagnose, wenn oben genannte Symptome am 8. Lebenstag auftreten?


Ihre Antwort :

       

Frage 3:

Angenommen, bei oben genanntem Fall wäre bekannt, dass die Mutter Streptokokken Gruppe B -Trägerin ist.

  1. Wie sähe das korrekte postpartale Management aus?
  2. Welche Faktoren erhöhen das Risiko für eine neonatale Streptokokken-Sepsis?


Ihre Antwort :

       

Kommentar:

Ad Frage 1:
Oben genannter Säugling präsentiert sich mit Symptomen, welche auf einen (Prä-) Schock hinweisen. Schnelle Diagnostik und Therapie sind wichtig, um eine Dekompensation zu verhindern.
Perinatal erworbene Infektionen manifestieren sich typischerweise am 2.-3. Lebenstag. Es werden unterschiedliche Infektionswege diskutiert. Die transplazentare Übertragung ist v.a. bei viralen Infektionen, Treponema pallidum und Listerien bekannt. Eine Infektübertragung kann bei vaginaler Geburt auch durch den kolonisierten unteren Genitaltrakt stattfinden. Die kindliche Sepsisrate bei Amnioninfektsyndrom beträgt ca. 1-4%.
Die Antibiotika-Kombination wird so gewählt, dass die häufigsten Erreger der "early onset"-Infektionen abgedeckt sind:
- Streptokokken der Gruppe B
- E. coli
- Listeria monocytogenes
- Haemophilus influenzae
- Enterobacter
- Klebsiella pneumoniae

Vor einer antibiotischen Therapie sollen Blutkulturen abgenommen werden, um gemäss Resultat gezielt weiterbehandeln und die Therapiedauer festlegen zu können (bei pos. Blutkulturen min. 10 Tage). Ca. 10% der Neugeborenen mit positiven Blutkulturen haben auch eine Meningitis, eine Lumbalpunktion gehört zur weiteren Abklärung.

Verschiedene Ductus Botalli-abhängige kongenitale Herzvitien können sich klinisch nach Verschluss desselben mit Herzinsuffizienz und kardiogenem Schock manifestieren. Das klinische Bild ähnelt demjenigen der Sepsis im (Prä-)Schock mit schlechter Mikrozirkulation, respiratorischer Symptomatik und Azidose. Linksherzobstruktionen (beispielsweise kritische Aortenisthmusstenose, schwere Aortenklappenstenose oder das hypoplastische Linksherz) gehören zu den Vitien, welche oft in den ersten Lebenstagen zur Dekompensation führen. Palpation der Inguinalpulse und Blutdruckmessung an allen Extremitäten können diagnostisch weiterhelfen. Die definitive Diagnose muss mittels Echokardiographie gestellt werden.

Diese Kinder profitieren von der Prostaglandin-Therapie zum Offenhalten oder Wiedereröffnen des Ductus Botalli.

Metabolische Erkrankungen können sich ebenfalls mit einer Schocksymptomatik präsentieren; beispielsweise die primäre Lactat-Azidose, aber auch die Ahorn-Sirup-Krankheit, Organazidämien etc. Blutgasanalysen inklusive Messung des Lactats und des Anionen-Gaps können bereits richtungsweisend sein, die spezifische Diagnostik bleibt Stoffwechselzentren vorbehalten.
Verschiedene Stoffwechselstörungen werden erst zu einem späteren Zeitpunkt klinisch manifest. So z.B. die Galactosämie nach Belastung mit Milch, die Hereditäre Fructose-Intoleranz nach Belastung mit Saccharose-haltigen Formula-Milchen.

ad Frage 2:
Eine neonatale Herpes simplex-Infektion fällt klinisch meist am Ende der ersten Lebenswoche auf, ein kleinerer Prozentsatz schon früher. Die Übertragung erfolgt vertikal, ein Übertragungsrisiko besteht auch bei fehlenden mütterlichen Symptomen. 30% der neonatalen Infektionen werden durch HSV-1 verursacht. Die Hälfte der erkrankten Neugeborenen sind Frühgeborene.
Man unterscheidet die disseminierte Form (Multiorganbefall, mit oder ohne ZNS-Beteiligung), die Encephalitis (mit oder ohne Haut/Schleimhautbefall) sowie lokalisierte Formen. Kinder mit disseminierter Infektion haben die schlechteste Prognose.
Die Diagnose kann bei vorhandenen Hautläsionen durch direkten Virusnachweis, bei fehlenden Bläschen mittels Lumbalpunktion (Virus-PCR) gestellt werden. Bei entsprechendem Verdacht wird eine empirische Therapie mittels Acyclovir (20 mg/kg/Dosis 8-stündlich) empfohlen. Die übliche Behandlungsdauer beträgt 14 Tage, bei ZNS-Beteiligung oder disseminierter Form 21 Tage. Nach durchgemachter Herpes-Encephalitis besteht ein bedeutendes Risiko für eine spätere neurologische Beeinträchtigung.
Im Vergleich zur peripartalen Infektion sind Kinder mit kongenitalen Herpes-simplex-Infektionen typischerweise mikrocephal, wachstumsretardiert, zeigen intrakranielle Verkalkungen und neonatale Krampfanfälle.
Weltweit bestehen Hinweise für eine Zunahme neonataler Herpesinfektionen. Deshalb werden alle Neuerkrankungen via Swiss Paediatric Surveillance Unit (SPSU) erfasst. (www.bag.admin.ch/infekt/melde/spsu/d)

ad Frage 3:
Die diesbezüglichen Empfehlungen der Schweizerischen Gesellschaft für Neonatologie können unter www.neonet.ch oder ou www.swiss-paediatrics.org/guidelines nachgelesen werden. (Betreuung der Neugeborenen von Müttern, die mit Streptokokken der Gruppe B kolonisiert sind, C. Kind, St. Gallen).

Das Grundrisiko für ein termingeborenes Kind einer GBS-kolonisierten Mutter, an einer GBS-Sepsis zu erkranken beträgt 6/1000 (ohne antibiotische Prophylaxe).

Bei einem Geburtsgewicht von < 2000g erhöht sich das Risiko auf 150/1000

Eine korrekte antibiotische Prophylaxe bei der Mutter senkt das Risiko auf 0.2/1000


Karin Daetwyler, Luzern


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Dernière mise à jour du site: 25.06.2008