Fallbeschreibung:

Erica ist ein 7-monatiges, gesundes Mädchen, das bis anhin, abgesehen von einer Frucht-Beikost, gestillt wurde. Beim Wechsel auf ein adaptiertes Kuhmilchpräparat treten zunehmend Wesensveränderung (mudrig, weinen), Schlafumkehr und Tremor auf, was zur Hospitalisation führt.

Frage 1:

Ein intelligenter Medizinstudent erwähnt differentialdiagnostisch das mögliche Vorliegen einer hereditären Fruktoseintoleranz. Welche 2 Argumente sprechen bei Enrica gegen das Vorliegen einer hereditären Fruktoseintoleranz?


Ihre Antwort :

       

Frage 2:

Welche Gruppen von vererbten Stoffwechselkrankheiten kommen bei Erica in Frage. Erwähnen Sie deren 2.


Ihre Antwort :

       

Frage 3:

Bei Erica ergibt die notfallmässige Abklärung folgende Resultate:

  • Blut: Hämoglobin 106 g/L, Leukozyten 5.9 x 10 9/L, Thrombozyten 213 x 10 9/L, Natrium 140 mmol/L, Kalium 4.2 mmol/L, Chlorid 101 mmol/L, Glucose 4.1 mmol/L, Kreatinin 45 µmol/L, Harnstoff 3.4 mmol/L, Ammoniak 95 µmol/L (Norm: bis 50), pH 7.38, pCO2 34.5 mm Hg, Bicarbonat 24.7 mmol/L.
  • Urin: Eiweiss negativ, Ketone negativ, Glucose negativ, Sediment ohne Zellen, Kultur steril.

Welches ist nun Ihre Vermutungsdiagnose?


Ihre Antwort :

       

Frage 4:

Wie viel beträgt die Proteinzufuhr mit Muttermilch in Gramm pro kg Körpergewicht täglich bei einem 7-monatigen Säugling?


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Kommentar:

Antwort 1

Die Symptome einer angeborenen Fruktoseintoleranz (AFI) machen sich 15-90' nach Einnahme von fruktose-, saccharose- (= Tafelzucker) oder sorbitolhaltigen Nahrungsmitteln bemerkbar, in Form von gastro-intestinalem Missbehagen und Erbrechen, Bauchschmerzen, Blässe, Zittern, Lethargie, bis zu Krämpfen. Solange das Kind ausschliesslich gestillt wird oder eine saccharosefreie Säuglingsnahrung erhält, ist es absolut symptomfrei (die in der Schweiz verkauften Anfangsmilchen enthalten keine Saccharose, hingegen enthalten mehrere Folgemilchen Fruktose oder Saccharose). Die Symptome treten beim Säugling beim Einführen der Beikost mit fruktosehaltigen Nahrungsmitteln wie Früchte, gewisse Gemüse, Honig sowie Tafelzucker enthaltenden Nahrungsmittel auf. Die Mehrzahl der von einer AFI betroffenen Kinder entwickeln sehr rasch eine spontane Abneigung gegen Fruktose. Die Krankheit macht sich deshalb bei Kindern bemerkbar, deren Eltern diese Abneigung nicht respektieren. Wenn die Intoxikation chronisch wird, beobachtet man einen Knick der Gewichts- und Wachstumskurve, Zeichen einer Lebertoxizität: Hepatomegalie, Ikterus, Gerinnungsstörung, Oedeme, Aszites, und eine proximale Tubulopathie. In der Literatur sind mehrere iatrogene Todesfälle infolge Sorbitol-Infusion bei Patienten mit einer AFI beschrieben worden, weshalb die Verabreichung von Sorbitol weitgehend verlassen wurde. Bei Verdacht auf AFI muss unmittelbar eine strikte fruktosefreie Kost eingeführt werden, was die Symptome innert weniger Tage zum Verschwinden bringt, mit Ausnahme einer geringen Hepatomegalie. Die endgültige Diagnose beruht auf dem Nachweis der Mutationen im Gen der Fruktose-1P Aldolase oder durch enzymatische Untersuchung einer Leberbiopsie. Die Ausschluss-Ernährung muss lebenslang fortgeführt werden. Im "Fall Erica" ist eine AFI unwahrscheinlich, da sie keinerlei Symptome zeigte, obwohl sie schon vor dem Abstillen regelmässig Früchte genoss; Reizbarkeit und Schlafstörungen stehen bei AFI nicht im Vordergrund, man beobachtet eher Brechreiz, Erbrechen und Ernährungsstörungen. In den biochemischen Notfalluntersuchungen würde man bei einer akuten Fruktoseintoxikation eine Hypoglykämie, eine Azidose und reduzierende Substanzen im Urin erwarten, bei einer chronischen Intoxikation könnte man Proteinurie, Glukosurie, Anämie und/oder Thrombozytopenie beobachten.

Antworten 2-4

Der Uebergang von Muttermilch zu einer künstlichen Säuglingsernährung stellt eine wichtige diätetische Aenderung dar. Die Muttermilch enthält 1.1 g Proteine pro 100 ml, während die meisten künstlich hergestellten Säuglingspräparate zwischen 1.9 und 2.6 g Proteine/100 ml enthalten, handle es sich nun um Kuhmilch- oder um Sojapräparate. Für ein 7-monatiges, 7 kg schweres Kind, welches täglich 800 ml Milch trinkt, geht so die Eiweisszufuhr von 1.25 g/kg/d bei Muttermilch (zwischen 1 und 1.3 g/kg/d je nach Appetit des Kindes) auf eine Zufuhr von 2 bis 3 g/kg/d bei künstlicher Milch (je nach Appetit des Kindes und Qualität der Säuglingsmilch) über. Eine metabolische Dekompensation welche beim Abstillen auftritt, weist in erster Linie auf eine die Aminosäuren betreffende Stoffwechselstörung hin.
Man kann sich die Zellmaschinerie des Intermediär-Stoffwechsels wie eine industrielle Montagekette vorstellen, welche die Nahrungsmittel in Energie und Baumateriel für die Zelle zerlegt und umbaut: jede Etappe der Kette wird durch ein oder mehrere Enzyme vollzogen.
Physiologisch gesehen ist die Arbeitskapazität der Enzyme überdimensioniert, und diese sind fähig, eine vemehrte Beanspruchung wie es die künstlicheVerdoppelung der Eiweisszufuhr darstellt, zu bewältigen. Wenn hingegen die Aktivität eines Enzyms der Kette vermindert ist, reichern sich die diesem Enzym vorangehenden Intermediärstoffwechselprodukte an und verursachen so Vergiftungszeichen. Wenn die Enzymaktivität praktisch null ist, manifestiert sich die Krankheit schon in der Neugeborenenperiode. Wenn eine Restaktivität besteht, treten die Symptome erst nach Monaten oder Jahren auf, entweder akut durch Ueberlastung an exogenen (Ernährung) oder endogenen Eiweissen (katabolische Zustände wie verlängertes Fasten, interkurrente Infektionen, chirurgische Eingriffe, postpartale Uterusinvolution) oder chronisch.

Im Aminosäurenstoffwechsel wurden mehrere Dutzend Enzymmängel gefunden. Unter ihnen beginnen 2 grosse Gruppen typischerweise mit den Zeichen einer akuten Toxizität mit vorwiegend neurologischen Symptomen, wie im Fall von Erica beschrieben: die Störungen des Harnstoffzyklus und die organischen Azidämien.
Die Enzyme des Harnstoffzyklus, 6 an der Zahl, dienen dem Abbau des aus dem Leberkatabolismus der Aminosäuren stammenden Ammoniums (NH4+), durch Umformung in Harnstoff, der durch die Nieren ausgeschieden wird.

Die Störungen des Harnstoffzyklus können in jedem Alter auftreten, mit 3 bevorzugten Altersgruppen: 1) die Neugeborenenperiode, 2) zwischen 6 und 12 Monaten, begünstigt durch das Abstillen und das Auftreten der ersten interkurrenten Infektionen im Zusammenhang mit dem Abfall der mütterlichen Antikörper und 3) die Pubertät. Das klinische Erscheinungsbild der verschiedenen Krankheiten des Harnstoffzyklus ist sehr ähnlich, mit Ausnahme des Arginasemangels, dessen erstes Zeichen eine spastische Diplegie ist.
Das typische neonatale Erscheinungsbild der übrigen 5 Enzymmängel (N-acetylglutamat-synthase (NAGS), Carbamyl-synthase(CPS1), Ornithin-transcarbamylase (OTC), Arginosuccinat-synthase (ASS) und Arginosuccinat-lyase (ASL)) ist dasjenige eines normalen Termingeborenen, welches innert 24-96 Stunden schlecht trinkt, erbricht, reizbar, lethargisch wird und oft eine Polypnoe aufweist, was meist einen septischen Zustand vermuten lässt. Der neurologische Zustand verschlechtert sich rasch: Störungen des Tonus, Verlust der Reflexe, Apnoen, Krämpfe. Es werden auch Störungen des autonomen Nervensytems beobachtet (vasomotorische Instabilität, Hypothermie). Die Sterblichkeit ist bei der neonatalen Form extrem hoch; die Mehrzahl der Ueberlebenden weist hochgradige neurologische Störungen auf.

Beim älteren Säugling, beim Kind, Jugendlichen oder Erwachsenen sind die Zeichen im allgemeinen weniger akut und vielfältiger, mit 3 Erscheinungsformen: 1) neurologisch, in Form einer chronischen Enzephalopathie: Entwicklungsrückstand, Epilepsie und/oder rekurrent auftretenden Symptome eine akuten Enzephalopathie: Kopfschmerzen, Lethargie, Koma, fokale Ausfälle; 2) gastro-intestinal +/-lebertoxisch: Anorexie (vor allem Widerwillen gegenüber eiweissreichen Nahrungsmitteln) welche zu einem Wachstumsrückstand führt, Bauchschmerzen, akutem oder chronischem Erbrechen, Hepatomegalie und rekurrierende Hepatolyse; 3) psychiatrische, mit Verhaltensänderungen, Halluzinationen.

Die wichtigsten Hinweise auf eine Pathologie des Harnstoffzyklus in den biochemischen Notfalluntersuchungen sind die Hyperammonämie und die respiratorische Alkalose (zentrale Stimulation des Atemzentrums durch das Ammonium). Blutbild und und Blutglukose tragen zur Diagnose nichts bei. Die Bestimmung der Aminosäuren und der Orotsäure im Urin helfen die Enzymstörung, welche dann durch die Enzymbestimmung bestätigt werden kann, genauer zu lokalisieren. Die langfristige Behandlung besteht in einer lebenslangen, kontrollierten, eiweissarmen Diät, einer Ammonium-Entgiftung durch Verabreichung von Natriumbenzoat oder Phenylbutirat sowie Arginin- und Citrullinsubstitution. Die Laborwerte der Fallvorstellung "Erica" zeigen eine relativ bescheidene Hyperammonämie ohne Veränderung der Blutglukose und Fehlen von Ketonkörpern. Im Zusammenhang mit der klinischen Beschreibung eine Störung des Harnstoffzyklus mit verzögertem Auftreten (Störung eines der 5 oben erwähnten Enzyme mit Residualaktivität).

Die zweite Gruppe von Enzymdefekten, die den Eiweissstoffwechsel betreffen und Symptome einer akuten Enzephalopathie zeigen, ist jene der organischen Azidämien, deren wichtigste sind: die Methylmalonsäure-Azidämie (MMA, Methylmalonyl-CoA Mutasemangel), die Propionsäure-Azidämie (PA, Propionyl-CoA Carboxylasemangel) und die Isovaleriansäure-Azidämie (IVA, Isovaleryl-CoA Dehydrogenasemangel ); die Symptome dieser 3 Krankheitenn sind durch die toxische Wirkung der Abbaumetaboliten von Leucin (IVA), der Aminosäuren Isoleucin, Valin, Methionin und Threonin (MMA+PA) bedingt. Ihre Toxizität ist teilweise auf die sekundäre Blockierung anderer metabolischer Wege bedingt. Die Ahornsirup-Krankheit (MSUD, Verzweigtketten Decarboxylasemangel, Leucinose) betrifft ein dem Abbau der 3 verzweigten Aminosäuren (Leucin, Isoleucin, Valin) gemeinsames Enzym; das klinische Erscheinungsbild ist den organischen Azidämien ähnlich, jedoch mit verschiedenen biochemischen Merkmalen.

Wichtigste Hinweise in der biochemischen Notfalluntersuchung: Ketoazidose, erhöhter "anion gap", Hyperammonämie, Hypo-, Normo- oder Hyperglykämie, Dehydratationszeichen und Veränderungen des Blutbildes (v.a. Thrombozytopenie und Leukopenie). Beim MSUD findet man weder Azidose noch Ketose, manchmal eine Hypoglykämie; der Urinsuchtest mit Dinitrophenylhydrazin (DNPH) ist stark positiv. Die Diagnose einer MSUD wird bestätigt durch Aminosäurenbestimmung im Blut. Die Diagnose der organischen Azidämien beruht auf der Chromatographie der Urinaminosäuren und dem Acylcarnitinprofil. Die Laboruntersuchungen im Fall "Erica" zeigen keine Ketonkörper, was gegen eine organischen Azidämien spricht. Der normale "anion gap" von 14 mmol/l spricht ebenfalls gegen eine organischen Azidämien .

Wie bei den Störungen des Harnstoffzyklus, gibt es bei den organischen Azidämien: neonatale Formen, intermittierend akute Formen mit verspätetem Beginn sowie chronisch progressive Formen. Die akuten Erscheinungsbilder sind 1.) neurologisch ( wiederholt auftretende lethargische Zustände, Koma, Ataxie, gelegentlich Hemiplegie, eine Enzephalitis oder intracranialer Tumor); 2.) lebertoxisch (Reye-Syndrom mit Koma, Hirnoedem, Hepatomegalie, Leberfunktionsstörung, Hyperammonämie); 3.) schwere hämatologische (Neutropenie, Thromozytopenie, Anämie) und immunologische Erscheinungsbilder (wiederholte Infektionen) zusammen mit einem ketoazidotischen Koma. Die chronischen Erscheinungsbilder sind vor allem Ernährungsschwierigkeiten (anfänglich: Anorexie, ungenügende Gewichtszunahme, Osteoporose; später: ketotisches Erbrechen) und neurologisch (Hypotonie, Muskelschwäche, Entwicklungsrückstand, Krämpfe; diese relativ wenig spezifischen klinischen Symptome stellen jedoch selten die einzigen Hinweise dar). Die langfristige Behandlung beruht auf einer lebenslänglichen, kontrollierten, eiweissarmen Diät mit Aminosäurenanreicherung, Karnitinsubstitution und Darmantibiotika.

 


Dr Ilse Kern
Département de pédiatrie, unité métabolique
Hôpital des Enfants
rue Willy-Donzé 6
1211 Genève 14

(Übersetzung : Cornelia Heller, Meilen)


Literatur

J.Fernandes, J.M.Saudubray, G.van den Berghe : Inborn Metabolic Diseases, 3rd ed. Springer 2000
www.orpha.net (site en français), www.aps-med.de (site en allemand)
www.ncbi.nlm.nih.gov/omim (base de données génétique)


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Dernière mise à jour du site: 25.06.2008