Fallbeschreibung:

Sie untersuchen als Notfallarzt Antonio, ein 11-jähriges Kind, das normalerweise von einem Kollegen betreut wird (zur Zeit ferienhalber abwesend). Antonio gibt seit 3-4 Monaten eine vermehrte Ermüdbarkeit mit Einschränkung der Leistungen im Turnen und erhöhtem Schlafbedürfnis an. Die klinische Untersuchung ist unauffällig bis auf die pathologische Länge (1.30 m; Perzentile 3 ist 1.34 m) und das pathologische Gewicht (23.6 kg; Perzentile 3 ist 28.3 kg). Des weiteren fallen im Status eine Blässe und eine mässige arterielle Hypertonie (138/91 mm Hg) auf. Das ganzes Blutbild ergibt folgende Befunde: Hämoglobin 70 g/L (Norm: 110-160), Hämatokrit 0.21 (Norm: 0.33-0.48), Erythrozytenzahl 2.4 x 10 12/L, MCV 87 fl (Norm: 78-92), MCH 29 pg (Norm: 27-35), MCHC 333 g/l (Norm: 320-340), Retikulozyten 24 x 10 9/L, RDW* 13.4% (Norm: 11.5-14.5) Leukozyten 8.6 x 109/L (Norm: 3.0-12.5; Verteilung der Leukozyten: stabkernige Neutrophile 4%, segmentkernige Neutrophile 30%, Lymphozyten 55%, Eosinophile 2%, Monozyten 7%, Basophile 2%), Thrombozyten 293 x 10 9/L (Norm: 150-450).

*RDW = Ein anerkannter, moderner Anisozytoseindex (im Fall einer Erhöhung)!

Frage 1:

Eisenmangel ist die häufigste Ursache einer chronischen Anämie im Kindesalter. Erwähnen Sie 3 Argumente aus dem Blutbild, die bei Antonio gegen das Vorliegen einer Eisenmangelanämie sprechen.


Ihre Antwort :

       

Frage 2:

Sie erfahren, dass Antonio's Mutter aus Sizilien stammt. Erwähnen Sie 3 Argumente aus dem Blutbild, die in diesem Fall gegen das Vorliegen einer Thalassämia minor sprechen.


Ihre Antwort :

       

Frage 3:

Eine Leukämie geht häufig mit einer Anämie einher. Erwähnen Sie 3 Argumente aus dem Blutbild dieses Kindes, die eher gegen das Vorliegen einer akuten Leukämie sprechen (der definitive Ausschluss einer Leukämie setzt jedoch eine Knochenmarkspunktion voraus).


Ihre Antwort :

       

Frage 4:

Die transitorische Erythroblastopenie des Kindesalters befällt im allgemeinen Kinder, die jünger als Antonio sind. Erwähnen Sie jedoch 3 Argumente aus dem Blutbild dieses Kindes, die zu einer transitorischen Erythroblastopenie des Kindesalters passen würden.


Ihre Antwort :

       

Frage 5:

Erwähnen Sie eine mögliche Ursache der chronischen Anämie dieses Kindes?


Ihre Antwort :

       

Kommentar:

Frage 1:

Im Falle einer Eisenmangelanämie ist der mittlere korpuskuläre Hämoglobingehalt (MCH) sowie das mittlere korpuskuläre Volumen (MCV) vermindert, die Erythrozytenverteilungsbreite (RDW : Red Cell Distribution Width) hingegen erhöht. Zusätzlich zu den Erythrozytenindizes wird heute die Erythrozytenverteilungsbreite bestimmt. Der RDW basiert auf der Ausmessung des Volumens des einzelnen Erythrozyten und gibt an, welcher Prozentsatz der Erythrozyten vom MCV der untersuchten Probe abweicht (Norm 11.5-14.5%).
Es handelt sich somit um eine Bestimmung der Grössenvariabilität der Erythrozyten. Im Falle einer Eisenmangelanämie kann der RDW erhöht sein, währenddessen sich die anderen Indizes noch im Normbereich befinden.

Frage 2:

Die normalen Erythrozytenindizes sowie die mit 70 g/1 schwere Anämie sprechen gegen das vorliegen einer Thalassämia minor. Im Falle einer Thalassämia minor findet man eher Hb- Werte um 90 g/1 verbunden mit einer leichten Polyglobulie (Erythrozytenzahl 5-6xl0 12/l).Verglichen mit einer Eisenmangelanämie ist die Mikrozytose ausgeprägter im Falle einer Thalassämie. Der Mentzer-Index, der diese Charakteristika beurteilt (Quotient von MCV: Erythrozytenzahl) kann bei der Diffentialdiagnose hilfreich sein: Ein Wert >l3 spricht für eine Eisenmangelanämie, ein Wert <13 für eine Thalassämia minor.
Das zusätzliche Vorhandensein von Schiessscheibenzellen unterstützt die Diagnose einer Thalassämia minor, welche durch eine Hämoglobinelektrophorese gesichert werden kann.

Frage 3:

Das Blutbild mit Bestehen einer isolierten Anämie spricht gegen das Vorliegen einer Leukämie. Aleukämische Leukämien, d.h Leukämien mit einem normalen Blutbild sind eher selten. Mehrheitlich finden sich eine aregenerative Anämie, eine pathologische Leukozytenzahl (Leukopenie oder Leukozytose), eine Neutropenie, eine Lymphozytose oder Thrombopenie, sowie die Präsenz von Blasten im peripheren Blutausstrich, welche die Knochenmarkspunktion rechtfertigen.

Frage 4:

Die Normalwerte bezüglich Erythrozytenindizes, Leukozyten und Thrombozyten könnten für eine transitorische Erythrozytenaplasie sprechen.
Bei dieser Erkrankung variiert die Retikulozytenanzahl je nach Krankheitsstadium: eine schwere Retikulozytopenie findet sich in der akuten Phase, eine Retikulozytose während der Genesung. V.a gesunde Kleinkinder im Alter von ca. 2 Jahren (1 Monat bis 8 Jahre) sind von diesem Krankheitsbild betroffen. Eine virale Infektion (Parvovirus B 19 ?) kann der Anämie um einige Wochen vorangehen. Im Falle einer symptomatischen Anämie können Bluttransfusionen notwendig werden. Die Erholung erfolgt gewöhnlich binnen 1-2 Monaten.

Frage 5:

Die klinische Untersuchung von Antonio zeigt ein Wachstumsrückstand sowie eine arterielle Hypertonie. In diesem Zusammenhang und bei ansonsten unauffälliger Anamnese muss in erster Linie an eine Anämie renalen Ursprungs gedacht werden. Eine nephrologische Abklärung und die Bestimmung des Erythropoietins dürften diese Diagnose bestätigen. Eine primäre medulläre Erkrankung mit einer isolierten Anämie ist im diesem Alter eher unwahrscheinlich.


 


Dr H. Kuchler
Service de Pédiatrie
Hôpital Régional
CH-1950 SION

(Uebersetzung : Ursula Wehrli, Lausanne)


Literatur

Borden M, Dekle J, Kohli-Kumar M. Index of suspicion. Case 3. Hereditary spherocytosis. Pediatr Rev 1999;20:273
Cheng TL. Iron deficiency anemia. Pediatr Rev 1998;19:321-32
Rathle H, Hutter J. Index of suspicion. Case 1. Iron deficiency anemia. Pediatr Rev 2000;21:173-175
Sackey K. Hemolytic anemia: Part 1. Pediatr Rev 1999;20:152-158
Sackey K. Hemolytic anemia: Part 2. Pediatr Rev 1999;20:204-208
Segel GB. Anemia. Pediatr Rev 1988;10:77-88
Walters MC, Abelson HT. Interpretation of the complete blood count. Pediatr Clin North Am 1996;43:599-622


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Dernière mise à jour du site: 08.05.2008