Shirim, 13 jährig, lebt seit er vor 9 Monaten in die Schweiz gekommen ist mit seinen Eltern, Geschwistern und Grosseltern in
einer 4-Zimmer-Wohnung (Ursprung: Algerien). Bei der Grossmutter wurde kürzlich eine offene Tuberkulose diagnostiziert und die
Therapie eingeleitet. In der routinemässig durchgeführten Abklärung weist Shirim einen negativen Mantoux-Test auf.
Kommentar des Spezialisten
Der Tuberkulintest (Mantoux; 5 U PPD) bleibt unabdingbar in der Diagnostik der Tuberkulose. Der Test erlaubt jedoch keine
Unterscheidung zwischen einer kürzlich erworbenen oder früher durchgemachten Infektion. Ebenso kann damit eine Infektion nach
erfolgter Impfung (BCG) - vor allem nach Impfung im Kleinkindesalter - nicht abgegrenzt werden.
Klassische Ursachen einer falsch negativen Mantoux-Probe sind: Mangelernährung, Immundefekte (angeboren oder erworben) sowie
interkurrente Infektionen. Schwere Verlaufsformen sowie erst kürzlich erworbene Tuberkulose gehören ebenfalls zu den Ursachen.
Am häufigsten scheint jedoch eine falsche Technik (sub-kutane Injektion) für ein falsch negatives Resultat verantwortlich (1).
Der Nachweis von Tuberkulosebakterien ist im Kindesalter noch seltener als bei Erwachsenen. Die Angaben sind uneinheitlich,
dennoch scheint sich bei etwa 20 % der symptomatischen Kinder eine positive direkte Untersuchung (Magensaft oder Sputum) zu
finden und nur rund 50 % der Kulturen seien positiv (1). Die Untersuchung von Magensaft (3 aufeinanderfolgende
Proben) ergibt jedoch im Kindesalter bessere Resultate verglichen mit der broncho-alveolären Lavage (2).
Das klassische Behandlungsschema der Tuberkulose im Kindesalter besteht aus der Assoziation von Isoniazid, Rifampizin und
Pyrazinamid während der ersten zwei Monate, gefolgt von einer Zweiertherapie (Isoniazid und Rifampizin) während weiterer vier
Monate. Bei vermuteter Resistenz oder fehlendem kulturellem Nachweis der Mykobakterien, kann während der ersten zwei Monate der
Behandlung zusätzlich Ethambutol oder Streptomycin verabreicht werden. Wegen der möglichen okulären Toxizität und der
Schwierigkeiten das Sehvermögen beim kleinen Kind zu untersuchen, wird die Anwendung von Ethambutol im Kleinkindesalter
kontrovers diskutiert. Das Auftreten von Nebenwirkungen im Kindesalter ist jedoch extrem selten (4). In den USA
sind seit 1997 multiresistente Stämme von Mykobakterien aufgetreten. Eine Tuberkulose im Kindesalter findet sich bei uns zumeist
bei Kindern migrierter Familien. Deshalb scheint es empfehlenswert, initial eine Vierertherapie anzuwenden. Soweit möglich sollen
die Leberwerte zumindest während des ersten Behandlungsmonates überwacht werden (Hepatotoxizität von Isoniazid und Pyrazinamid;
im Kindesalter jedoch selten (< 5%)).
Vor dem Zeitalter der medikamentösen Behandlung wurden die Patienten während Monaten in Sanatorien isoliert. Derzeit ist die
notwendige Dauer der Isolation nur wenig belegt. Bei initial positiver mikroskopischer Untersuchung ist das Kind als kontagiös zu
betrachten. Eine Isolation bis zur Negativierung (Mikroskopie) ist angezeigt (6), wobei die Gewinnung von
Magensaft zur neuerlichen Untersuchung oft schwierig ist. Richtlinien für das Vorgehen bei erwachsenen Patienten wurden unlängst
veröffentlicht (6). Eine Isolation kann unter folgenden Bedingungen aufgehoben werden:
Adäquat dosierte Behandlung während mindestens zwei Wochen mit klinischer Besserung
Sistieren des Hustens und zweimlig negative Sputummikroskopie (im Kindesalter oftmals nicht anwendbares Kriterium)
Keine anamnestischen, klinischen, epidemiologischen oder bakteriologischen Hinweise auf resistente Tuberkulosestämme
Gewährleistete (kontrollierte) Weiterbehandlung
Gemäss einer 1997 veröffentlichten Arbeit sollen Kinder während der ersten 14 Tage einer adäquat dosierten Therapie als
infektiös betrachtet werden. Dieses Kriterium scheint im Kindesalter (fehlende Fähigkeit zur Expektoration) am besten anwendbar.
Constance Barazzone, Genève
(Übersetzung : R. V. Vigier, Bern)
Literatur
Scheinmann P, Refabert L, Delacourt C, Le Bourgeois M, Paupe J, de Blic J: Pediatric tuberculosis. Eur Respir Mon 1997, 4:
144-147.
Somu N, Swaminathan S, Paramasivan CN, Vijayasekaran D, Chandrabhooshanam A, Vijayan V, Prabhakar R: Value of bronchoalveolar
lavage and gastric lavage in the diagnosis of pulmonary tuberculosis in children. Tubercle and Lung Disease 1995, 76: 295-299.
Stowe CD, Jacobs RF: Treatment of tuberculosis infection and disease in children. Pediatr Drugs 1999, 4: 299-312.
Graham SM, daley HM, Banerjee A, Salaniponi FM, Harries AD: Ethambutol in tuberculosis:time to reconsider? Arch Dis Child
1998, 79: 274-278.
Center for disease control and prevention CDC: Tuberculosis morbidity-United States, 1997. Morbidity and Mortality Weekly
report 1998, 47: 253-257.
Furrer H, Zellweger JP: Wie lange sollen Patienten mit offener Lungentuberkulose isoliert werden? Swiss-NOSO 1998, 5: 1-3.