Ein 16 Monate altes Mädchen lebt seit Geburt zusammen mit Ihrer Familie auf
einem Bauernhof. Seit zwei Tagen hat sie viele (bis 10-mal täglich) Durchfälle,
die initial wässerig waren und jetzt stark blutig sind. Die Stuhlentleerung
geht immer mit Schreien einher.
Status:
Temperatur rektal 38.9° C, Gewicht 10.0 kg, Blutdruck 95/55 mm Hg, Puls 172/Min,
halonierte Augen, trockene Schleimhäute, fehlende Tränen, eher kalte und schlecht
rekapillarisierte Peripherie, unauffällige Hautelastizität (= Hautturgor). Das
Abdomen ist weich mit vielen im Charakter unauffälligen Geräuschen.
Kommentar des Spezialisten
Antwort 1:
Die Beantwortung der ersten Frage bezüglich Rehydratation ist sicher die anspruchsvollste
Aufgabe in diesem Quiz. Mit einer oralen oder parenteralen Flüssigkeitstherapie
müssen das normale Volumen und die physiologische Zusammensetzung der Körperflüssigkeiten
auf sichere und effiziente Weise wiederhergestellt respektive erhalten werden.
Bei Kindern und insbesondere Säuglingen kommt es im Rahmen von Gastroenteritiden
im Gegensatz zu Erwachsenen sehr rasch zu bedrohlichen Flüssigkeitsdefiziten.
Dies hat seine physiologischen Ursachen in einer unterschiedlichen Wasserverteilung
(grösserer Anteil der extrazellulären Flüssigkeit (EZF)), in einem wesentlich
höheren Flüssigkeitsumsatz (bei Säuglingen täglich 15-20% des Gesamtkörperwassers
resp. 50% der EZF; bei Erwachsenen nur 5% des Gesamtkörperwassers resp. 1/7
der EZF/Tag) und in einem etwa dreimal höheren Flüssigkeitsbedarf. Letzterer
wird durch die Körperoberfläche, welche beim Säugling bezogen auf das Körpergewicht
ebenfalls etwa dreimal grösser ist, als bei Erwachsenen, und den dadurch entsprechend
erhöhten Kalorienbedarf bestimmt.
Die Flüssigkeitstherapie muss diesen physiologischen Gegebenheiten unbedingt
Rechnung tragen und kann deshalb im Kindesalter nicht nach ‚Kochbuch‘ erfolgen,
sondern muss im Einzelfall sorgfältig berechnet respektive abgeschätzt werden.
Grundsätzlich müssen drei verschiedene Komponenten des Flüssigkeitsbedarfes
berücksichtigt werden:
1. der Erhaltungsbedarf
2. das bestehende Defizit
3. der Ersatz fortgesetzter Verluste
1. Erhaltungsbedarf
Wie bereits angetönt, hängt der Flüssigkeitsbedarf vom Kalorienverbrauch ab,
wobei nach Finberg pro 100 kcal etwa 100 (-150) ml Wasser (35 ml für den insensiblen
und 65 ml für den Verlust im Urin) sowie je 2-4 mmol Na und K benötigt werden.
Der Kalorienbedarf kann nach dem vereinfachten Schema von Holliday und Segar
abgeschätzt werden:
Körpergewicht in kg
Kalorienbedarf pro Tag
bis 10 kg
100 kcal/kg
11-20 kg
1‘000 kcal + 50 kcal/kg für jedes kg KG > 10 kg
über 20 kg
1'500 kcal + 20 kcal/kg für jedes kg KG > 20 kg
Der Erhaltungsbedarf kann u.a. durch Fieber (12% pro °C), erhöhte Aktivität
oder Hyperventilation (Asthma, diabetische Ketoazidose) erhöht, oder umgekehrt
bei Hypothermie, Koma (Inaktivität) oder Beatmung mit befeuchteter Atemluft
reduziert sein.
2. Defizit
Das Defizit lässt sich aufgrund des Gewichtsverlustes resp. der Klinik abschätzen.
Ein Verlust von 1% des Körpergewichtes entspricht einem Verlust von 10 ml Flüssigkeit/kg
Körpergewicht. Klinisch kann zwischen leichter, mittelschwerer und schwerer
Dehydratation unterschieden werden
Klinik
Dehydratation
mild
mittelschwer
schwer
Verlust in % des KG
< 5 %
5-10 %
> 10 %
Allgemeinzustand
wach, durstig
unruhig, schwach
somnolent
Pulse
normal
tachykard
tachykard, klein
Turgor
normal bis leicht vermindert
vermindert
stehende Hautfalte
Schleimhäute
feucht
trocken
sehr trocken
Augen
normal
haloniert
deutlich eingesunken
Tränen
normal
reduziert
fehlend
Fontanelle
normal
leicht eingesunken
stark eingesunken
Urinmenge
normal
Oligurie
Oligurie/Anurie
3. fortlaufendes Defizit
Im Verlauf müssen die zusätzlichen Verluste gemessen oder weiter abgeschätzt
und berücksichtigt werden. Dabei muss selbstverständlich die Elektrolytzusammensetzung
der Verluste berücksichtigt werden.
Flüssigkeitstherapie
Aufgrund der initialen Beurteilung nach den genannten Kriterien wird man sich
für eine enterale oder parenterale Flüssigkeitstherapie entscheiden. Im allgemeinen
wird man sich bei älteren Kindern und unstillbarem Erbrechen oder sehr voluminösen
Stühlen oder bei schwerer (> 10% des KG) Dehydratation, Präschock oder ZNS-Symptomatik
für eine parentererale Therapie entscheiden.
Initial muss bei der vorliegenden schweren Dehydratation der Kreislauf wieder-hergestellt
werden. Dies erfolgt mit Boli von 10 ml/kg KG einer isotonen Flüssigkeit (i.a.
Ringerlaktat oder 0,9% NaCl) über jeweils 5-10‘ verabreicht. Danach ist es sinnvoll,
entweder mit Ringerlaktat/5% Glukose oder Glukose 5%/0,45% NaCl weiterzufahren.
Mit Ringerlaktat ist Vorsicht insbesondere dann geboten, wenn eine Anurie besteht
(Kalium!). In diesen Fällen ist es – wenn gleichzeitig auch eine ausgeprägter
Acidose besteht – auch sinnvoller, mit Bicarbonat als mit Laktat zu puffern
(z.B. mit ½ Glukose 5%, ¼ NaCl 0,9% und ¼ Bicarbonat 1,3%). Im allgemeinen sind
bei mittelschwerer bis schwerer Dehydratation 40 ml/kg KG in den ersten drei
Stunden (= 4 Tropfen/kg KG/min) adäquat.
Danach richtet sich die Zusammensetzung der Rehydratationslösung danach, ob
eine normotone, hypertone oder hypotone Dehydratation vorliegt. Sobald das Kind
Urin gelöst hat, sollte die Infusionslösung auch wieder Kalium enthalten. Normalerweise
werden 50% des errechneten Bedarfs innerhalb der ersten 8 Stunden, der Rest
innerhalb von weiteren 16 Stunden ersetzt.
Entscheidet man sich bei leichter Dehydratation für eine orale Rehydratation,
sollte der Zusammensetzung der dafür verwendeten Lösung gleichermassen Rechnung
getragen werden. Wichtig ist, dass die Lösung Zucker (notwendig für den Elektrolyttransport
im Darm) und ausreichend Natrium enthält und zudem isoton ist. Aufgrund der
Empfehlungen der ESPGAN (European Society of Pediatric Gastroenterology and
Nutrition) wird eine Osmolarität von 200-250 mosm/l, sowie ein Gehalt von 74-111
mmol/l Glukose, 60 mmol/l Na, 20 mmol/l K, und 30 mmol/l Base gefordert. Die
im Handel erhältlichen Produkte Oralpädon, Normolytoral und GES60 (nur in Deutschland
erhältlich) entsprechen in ihrer Zusammensetzung diesen Empfehlungen.
Tabelle :
Glukose
(mmol/l)
Na
(mmol/l)
K
(mmol/l)
Base
(mmol/l)
Osmolarität
(mosm/kg)
ESPGAN
74-111
60
20
30
200-250
neues Oralpädon
100
60
20
30
240
Normolytoral
110
60
20
30
270
GES 60
110
60
20
30
270
GES 45
109
49
25
50
298
Elotrans
111
90
20
30
311
Hühnersuppe
0
250
8
0
450
Coca-Cola
730
2
0
13
750
Apfelsaft
690
3
28
0
730
Tee
0
0
0
0
5
N.B.
30 mval Base
= 30 mmol NaBic
= 10 mmol Zitrat
Hier sehen Sie die Zusammensetzung der wichtigsten ‘Lösungen’. Das Ges45 enthält
zu wenig Natrium, zuviel Puffer und ist hyperosmolar – deshalb im Gegensatz
zur in Deutschland erhältlichen GES 60 Lösung nicht für eine Rehydratation per
os geeignet.
Antwort 2:
Die Fallbeschreibung ist in der Tat sehr suggestiv für einen der in Antwort
2 aufgelisteten bakteriellen Erreger. Dies gilt insbesondere für Salmonellen,
Campylobacter und enterohämorrhagische E. coli (EHEC). Bei all diesen Infektionen
handelt es sich um Zoonosen, die natürlich auf dem Bauernhof sehr leicht erworben
werden können. So stellt bei C. jejuni der Darmtrakt vieler Haus- und Wildtiere
das wichtigste Reservoir für Infektionen beim Menschen dar. Der Erreger wird
oft im Stuhl von Hühnern gefunden und wird durch kontaminierte Nahrungsmittel,
ungenügend gekochtes Geflügelfleisch, oder nicht pasteurisierte Milch übertragen.
Auch bei den nichttyphösen Salmonellen stellen Tiere das wichtigste Reservoir
und die Hauptquelle menschlicher Infektionen dar. Besonders zu erwähnen sind
hier Geflügelprodukte, insbesondere Eier. Hauptquelle der enterohämorrhagischen
E. coli stellen Rinder dar.
Zusätzlich spricht die Schwere der Erkrankung, das Fieber und die Abdominalkrämpfe
für eine inflammatorische bakterielle Diarrhoe mit Beteiligung des Kolons.
Ein Stuhlausstrich als einfache und kostengünstige Untersuchung kann – wenn
auch nicht ganz zuverlässig – einen weiteren Hinweis auf eine bakterielle Aetiologie
liefern. Wichtig ist aber v.a. ein früher kultureller Nachweis des verantwortlichen
Erregers, wobei das Labor unbedingt darüber informiert werden sollte (spezielle
Kulturanforderungen), welche Erreger vermutet werden. Auch Blutkulturen sollten
selbstverständlich abgenommen werden.
Antwort 3:
Die Invagination gilt als häufigste Ursache einer intestinalen Obstruktion
im Alter zwischen 3 Monaten und 6 Jahren. Sie kann als Komplikation einer Gastroenteritis
auftreten, wobei insbesondere eine Assoziation mit Adenovirusinfektionen beschrieben
worden ist. Wahrscheinlicher ist im vorliegenden Fall ein hämolytisch-urämisches
Syndrom, welches als Komplikation sowohl einer Shigellen- als auch einer Infektion
im enterohämorrhagischen E. coli auftreten kann. Die Krankheit wird durch sogenannte
Shiga- oder shigaähnliche Toxine verursacht, welche durch die Darmwand in den
Kreislauf gelangen und eine Schädigung der Endothelzellen verursachen, indem
sie an einen Glycolipid-Rezeptor Gb3 (Galactotriosylceramid), der u.a. an der
Oberfläche von menschlichen glomerulären Endothelzellen in grossen Mengen exprimiert
wird, binden. Shigatoxin wird durch Shigella dysenteriae Typ I gebildet (im
Bakterien-Genom codiert), shiga-ähnliche Toxine meistens durch EHEC (im Genom
von Bakteriophagen codiert), aber mitunter auch durch andere Bakterien (z.B.
Pneumokokken, Salmonellen oder Campylobacter). Man geht davon aus, dass etwa
10-20% der Patienten mit Infektion durch entsprechende toxin-bildende Bakterien
in der Folge an einem HUS erkranken. Die Diagnose wird durch Nachweis einer
mikroangiopathischen hämolytischen Anämie (Sphärozyten im Blutausstrich), Thrombozytopenie
und eines akuten Nierenversagens erhärtet. Eine frühzeitige Diagnose ist vor
allem wegen der im Rahmen der Rehydrierung und akuten Niereninsuffizienz drohenden
Ueberwässerung wichtig.