Quiz 6

 

Fallbeschreibung:

Damira ist ein 11-jähriges Mädchen aus Kosovo, das erst seit 2 ½ Monaten in der Schweiz lebt. Sie weist eine (ätiologisch ungeklärte) partielle Epilepsie auf und wird seit 2 Jahren mit Phenytoin behandelt. Vor 3 Wochen hat sie eine Streptokokkenangina durchgemacht, die mit einem Penicillinantibiotikum behandelt wurde. Sie weist nun hochrote, äusserst schmerzhafte Knoten mit subkutaner, plattenartiger Verdickung am Unterschenkel beidseits (Streckseite) auf. Die übrige Körperuntersuchung ist unauffällig. Sie diagnostizieren ein Erythema nodosum. Ein junger, eher unerfahrener Kollege macht bei diesem Kind eine grosszügige Laborabklärung, die Folgendes ergibt:

Blut:

Hämoglobin 136 g/L (Norm: 125-165), Leukozyten 6.5 x 109/L (Norm: 4.5-10.0), Thrombozyten 290 x 109/L (Norm: 200-400), Senkung 25/h (Norm: <10), Natrium 144 mmol/L (Norm: 131-149), Kalium 4.0 mmol/L (Norm: 3.5-5.0), Chlorid 100 mmol/L (Norm: 97-105), Calcium total 2.88 mmol/L (Norm: 2.20-2.60), Glucose 4.8 mmol/L, Protein total 80.2 g/L (Norm: 70.0-77.0), ALAT 25 U/L (Norm: <50), ASAT 65 U/L (Norm: <50), Antistreptolysin 900 U/ml (Norm: <200).

Urin:

Eiweiss -, Glucose -, Ketone -, Spezifisches Gewicht 1004, Leukozyten 9 /Gesichtsfeld (Norm: bis 5), keine Erythrozyten (Norm: bis 5), Kultur steril.


Frage 1:

Welche vier möglichen Ursachen eines Erythema nodosum kommen bei dieser Patientin aufgrund der zur Verfügung stehenden Daten (= Anamnese + Status + Hilfsuntersuchungen) in Frage?


Ihre Antwort :

       

Frage 2:

In welchem Hautgewebe ist die Läsion "Erythema nodosum" lokalisiert?


Ihre Antwort :

       

 


Kommentar des Spezialisten


Das Erythema nodosum, auch Erythema contusiforme genannt, ist eine klinisch typische entzündliche Hauterkrankung mit kutan-subkutan gelegenen, schmerzhaften, erythematösen Knoten der Unterschenkel. Gelegentlich sind sogenannte Satellitenläsionen an anderen Lokalisationen zu beobachten. Histopathologisch lassen sich entzündliche Veränderungen in den unteren Dermisschichten und in Fettgewebesepten (septale Pannikulitis) nachweisen. Gelegentlich findet sich ebenfalls eine sekundäre granulomatöse Reaktion.

Das klinische Bild ist derart charakteristisch, dass eine Verwechslung praktisch unmöglich und eine Biopsie nicht indiziert ist. Die Ätiologie des Erythema nodosum ist vor allem von geographischen Faktoren abhängig. Bei uns wird das Erythema nodosum in Zusammenhang mit Infektionserkrankungen beobachtet: Tuberkulose, Infektionen durch Streptokokken der Gruppe A und neuerdings die intestinale Yersiniose. Nicht selten kommt das Erythema nodosum jedoch auch im Zusammenhang mit "banalen" akuten Erkrankungen der oberen oder unteren Luftwege vor. Wichtig sind auch die Assoziation von Erythema nodosum mit chronischen Darmentzündungen, speziell Morbus Crohn und mit der Sarkoidose. Erwähnenswert und vor allem beim erwachsenen Patienten wichtig, ist auch das Auftreten eines Erythema nodosum im Zusammenhang mit Medikamenten: das Antiepileptikum Phenytoin, Sulfonamide und hormonelle Kontrazeptiva. Die Abklärung beim Auftreten eines Erythema nodosum ist von den klinischen Umständen abhängig und in gewissen Fällen nicht nötig (z.B.: Kinder mit einem vorbestehenden Morbus Crohn).

In vielen Lehrbüchern wird noch eine therapeutische Bettruhe empfohlen. Dies ist meines Erachtens ein Relikt, das wahrscheinlich den Verlauf der Erkrankung eher ungünstig beeinflusst. Bei einigen Kindern erübrigt sich eine Behandlung. Das Erythema nodosum ist jedoch recht häufig sehr schmerzhaft. In solchen Fällen verordne ich Paracetamol. Bei fehlendem Ansprechen auf Paracetamol verordne ich ein klassisches nicht-stereoidales Antirheumatikum (im Allgemeinen Naproxen). In der dermatologischen Spezialliteratur wird ebenfalls eine Behandlung mit Dapson, Kalium-Jodid oder Thalidomid empfohlen. Mit den letztgenannten Medikamenten habe ich jedoch keine praktische Erfahrung bei Kindern mit Erythema nodosum. Selbstverständlich ist bei Kindern mit Erythema nodosum und einer zu Grunde liegenden Erkrankung auch die Kausalbehandlung von Bedeutung.

Zuletzt ein kurzes Memento für die jungen Ärzte. Das Erythema nodosum gehört in die Gruppe der sterilen Pannikulitiden. Im Kindesalter sind zwei weitere sterile Pannikulitiden relativ häufig: die Adiponecrosis cutanea neonatorum und die Frostbeulen (Perniosis).

Die Beantwortung der ersten Prüfungsfrage betreffend Erythema nodosum („Welche vier möglichen Ursachen eines Erythema nodosum kommen bei dieser Patientin aufgrund der zur Verfügung stehenden Daten [= Anamnese + Status + Hilfsuntersuchungen] in Frage?„) erfordert das aufmerksame Studium der Fallbeschreibung und der Fragestellung und nicht nur eine Differentialdiagnoseliste. Bei vorliegender Patientin werden vier anerkannte Ursachen eines Erythema nodosum beschrieben: 1. Tuberkulose (Kind aus Endemiegebiet), 2. Streptokokkeninfektion (Angina mit Erregernachweis), 3. Medikation mir Phenytoin (bekannte Epilepsie) und 4. Sarkoidose (Hyperkalzämie und Urinstatus mit steriler Leukozyturie). Die zweite Frage betreffend Lokalisation der Läsion wurde bereits oben diskutiert. Es handelt sich um eine subkutane Entzündung.


Literatur

  • Fox MD, Schwartz RA. Erythema nodosum. Am Fam Physician 46: 818-822, 1992.
  • Goodfield M. Cold-induced skin disorders. Practitioner 233: 1618-1620, 1989.
  • Hassink RI, Pasquinelli-Egli CE, Jacomella V, Laux-End R, Bianchetti MG. Conditions currently associated with erythema nodosum in Swiss children. Eur J Pediatr 156: 851-853, 1997.
  • Labbé L, Perel Y, Maleville J, Taïeb A. Erythema nodosum in children: a study of 27 patients. Pediatr Dermatol 13: 447-450, 1996.
  • Labeille B. Panniculites de l'enfant. Ann Pédiatr 39: 419-425, 1992.
  • Mana J, Gomez-Vaquero C, Montero A, Salazar A, Marcoval J, Valverde J, Manresa F, Pujol R. Löfgren's syndrome revisited: a study of 186 patients. Am J Med 107: 240-245, 1999.
  • Shetty AK; Gedalia A. Sarcoidosis in children. Curr Probl Pediatr 30: 149-176, 2000.

Mario G. Bianchetti
Medizinische Universitäts-Kinderklinik
Inselspital
3010 Bern


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