Ein 2 Jahre altes Mädchen ist seit einer Woche hochfebril (bis 39,8°C)
und gibt Schluckbeschwerden an. Eine vor 3 Tagen stattgefundene Konsultation
ergab das Vorliegen einer Angina tonsillaris. Trotz Therapie mit Amoxicillin
persistiert der hochfebrile Zustand. Bei der Untersuchung finden Sie ein Kind
in einem reduzierten Zustand mit geröteten Bindehäuten, Rachen, Zunge
und Lippen. Es besteht eine grosse Lymphadenopathie am Hals rechts und ein makulöses
Exanthem im Bereich des Rumpfes und der Extremitäten.
Kommentar des Spezialisten
Die obengenannten Zeichen und Symptome sind keineswegs spezifisch und erlauben
das Etablieren einer sicheren Diagnose an und für sich nicht. Aus diesem
Grund ist das Erstellen einer Liste der Differentialdiagnosen unerlässlich.
"Kawasaki Syndrom" steht oben auf der Liste, nicht nur weil es die
wahrscheinlichste Diagnose ist, sondern weil eine verpasste Therapie zu schweren
Folgen führen kann. Als häufigste Ursache erworbener Herzerkrankungen
im Kindesalter hat das Kawasaki Syndrom das Rheumatische Fieber verdrängt,
aber eine rechtzeitige Behandlung kann das Risiko einer Herzschädigung
verringern .
Obwohl die diagnostischen Kriterien für das Kawasaki Syndrom klar formuliert
sind (siehe Tabelle), bereitet ihre Anwendung dem Kliniker in der Tat einige
Dilemmas. Wie bestens bekannt, kommen die entsprechenden Zeichen in zahlreichen
anderen Kindererkrankungen vor. Deshalb gehört zu den Kriterien der Ausschluss
von anderen Erkrankungen mit ähnlicher Symptomatik. Es kommt doch noch
vor, dass Patienten mit Fieber unklarer Aetiologie später an einer Koronararterienerkrankung
leiden, obwohl weniger als 4 klinische Zeichen vorhanden waren (sogenanntes
atypisches Kawasaki Syndrom). Es darf deshalb mit der Diagnose eines Kawasaki
Syndroms nicht all zu spärlich umgegangen werden, da eine überflüssige
Immunglobulingabe weniger schadet als ein vermeidbares Koronararterien-Aneurysma.
Mit der Einführung einer Gammaglobulin (IG) Therapie zusätzlich zur
Salicylat-Therapie konnte die Häufigkeit der Koronararterienaneurysmen
von 23 % auf 8 % gesenkt werden 1 . Später
zeigte sich, dass eine einmalige IG-Dosis von 2 g/kg KG der ursprünglichen
Dosis von 4 x 400 mg/kg KG überlegen ist 2.
Die heute noch gültige, hoch dosierte antiphlogistische Salicylsäuretherapie
(80 - 100 mg/kg KG pro Tag) hemmt die Prostacyclinsynthese. Es wird spekuliert,
ob nicht eine niedrig dosierte Antithrombose-Salicylsäuretherapie wirksamer
wäre 3. Die Frage ist in der Literatur noch
nicht geklärt. Bis auf weiteres, bleibt die hoch dosierte Therapie aktuell.
Die Aetiologie des Kawasaki Syndroms ist noch ein Rätsel. Obwohl die klinischen
und epidemiologischen Merkmale an eine infektiöse Erkrankung denken lassen,
ist bisher diese Genese nicht bewiesen worden. Vor allem Chlamydia pneumoniae
schien ein plausibler Kandidat als Erreger, da er mit Myokarditis im Kindesalter
und erhöhtem Risiko eines Herzinfarkts im Erwachsenenalter vergesellschaftet
ist. Im Gegensatz zu früheren Berichten wurden allerdings in einer Studie
aus jüngster Zeit bei Patienten mit Kawasaki Syndrom keine Hinweise auf
eine Infektion mit C. pneumoniae gefunden 4. Die
standhafteste Theorie zur Ursache des Kawasaki Syndroms postuliert die Wirkung
von sogenannten "Superantigenen" (bakterielle oder virale Toxine,
wie z.B. Staphylokokken-Enterotoxin im Toxic Shock Syndrom), welche T-Zellen
direkt zu einer überwältigenden Proliferation und Cytokinproduktion
stimulieren, was den massiven entzündlichen klinischen Zeichen und der
Endothelschädigung zugrunde liegt 5.
Ein kurzes Wort zu den anderen Ursachen auf der Liste : Ich hätte die
Reihenfolge der Differentialdiagnosen lieber anders aufgelistet, als sie hier
von den Experten aufgezeigt wurden. Ich würde oben die häufigsten
oder gefährlichsten Diagnosen platzieren, unten die seltenen oder nicht
behandelbaren auflisten. Deswegen möchte ich das Toxic Shock Syndrom an
die zweite Stelle schieben. Mit dem Toxic Shock Syndrom (Staphylokokken) muss
auch das Toxic Shock-like Syndrom (Streptokokken) erwähnt werden. Obwohl
diese Syndrome nicht all zu häufig vorkommen, ist eine speditive Diagnosestellung
und ein rasches Einsetzen der Therapie für den Verlauf entscheidend, weshalb
die Diagnosen aktiv gesucht werden müssen. Zu beiden Syndromen gehört
eine arterielle Hypotonie - eine sinkende Tendenz der Blutdruckwerte gibt deswegen
Anlass zur weiteren Diagnostik (Blutkultur, Blutgasanalyse, Gerinnung, Leber/Nierenwerte).
Auf unserer Liste fehlt an dritter Stelle meiner Meinung nach "Scharlach".
Es soll aktiv nach einem aktuellen oder anbehandelten Streptokokken-Infekt mittels
Rachen-Antigen-Schnelltest, Rachenabstrich-Kultur und Antistreptolysin-Antikörper
gesucht werden. Die Diagnose ist wichtig, da eine erneute, beziehungsweise fortgesetzte
antibiotische Therapie indiziert wäre. Die Amoxicillin-Allergie wird besser
als Exanthem bei Amoxicillin-Gabe umschrieben, da die Aetiologie nicht klar
ist. Dieses Exanthem tritt typischerweise zwischen dem 8. und 10. Tag nach Therapiebeginn
auf und ist möglicherweise eine allergische Reaktion Typ IV. Bei möglichem
Epstein-Barr Virus (EBV) Infekt sollte das Amoxicillin gestoppt werden. Mononucleosis
infectiosa durch EBV macht alle obengenannten Symptome und Zeichen, wird aber
zusätzlich durch eine Splenomegalie charakterisiert. Die Diagnose wird
anhand der atypischen Lymphozyten im Blutbild unterstützt und durch die
Serologie bestätigt. Anders als bei unserer Patientin, beginnt das Masernexanthem
am Kopf und verbreitet sich Richtung Rumpf und Extremitäten aus. Die Diagnose
wird durch Impf- und Kontakt-Anamnese, Aspekt des Exanthems und eventuell Serologie
ausgeschlossen. Die Leptospirose ist selten in der Schweiz und soll mittels
Serologie nur gesucht werden, wenn die Epidemiologie verdächtig ist (Kontakt
zu infizierten Hunden oder Vieh, oder Baden in Teichen, die mit deren Urin kontaminiert
sein könnten).
Also, konkret mache ich bei diesem Kind folgendes: Ich stoppe das Amoxicillin,
überwache Puls und Blutdruckwerte, mache die üblichen Entzündungsparameter
(Blutbild, CRP), nehme Strepto-Schnelltest, Rachenabstrich, Antistreptolysintiter,
EBV-Serologie und eine Blutkultur ab. In der Annahme, dass sich anamnestisch
herausstellt, dass das Kind gegen Masern geimpft wurde, dass es keinen bekannten
Kontakt mit Masern gehabt hat, dass sein Hund mit der Leptospirose-Impfung à
jour ist, und dass das Mädchen nicht badet wo "des Nachbarn's Schweinchen"
badet, mache ich weder Masern- noch Leptospirose-Serologie. Expektative fange
ich mit der Salicylate- und Immunglobulin-Therapie an.
Kawasaki Syndrom: diagnostische Kriterien
Fieber während mindestens 5 Tagen plus:
Anwesenheit von zumindest 4 der folgenden Zeichen:
1. Bilaterale nicht exsudative Konjunktivitis
2. Fissurbildung od. Rötung der Lippen, geröteter Pharynx
od.
Erdbeerzunge
3. Aenderungen der peripheren Extremitäten:
Palmar- od. Plantarerythem oder
Oedem der Hände od. Füsse oder
Hautschuppung der Fingerkuppen
4. Polymorphes Exanthem am Stamm (nicht vesikulär)
5. Zervikale Lymphadenopathie
Symptomatik nicht durch andere bekannte Erkrankung erklärbar
Literatur :
Newburger JW, Takahashi M, Burns JC et al. Treatment of Kawasaki syndrom
with intravenous gamma globulin. N Eng J Med. 1986;315:341-347.
Newburger JW, Takahashi M, Beiser AS et al. A single intravenous infusion
of gamma globulin as compared with four infusions in the treatment of akute
Kawasaki syndrom. N Eng J Med 1991:324;1633-1639.
Akagi T, Inoue O, Sato N, Salicylate treatment in Kawasaki disease. Eur
J Pediatr 1991:150;642-646.
Schrag SJ, Besser RE, Olson C et al. Lack of association between Kawasaki
syndrom and Chlamydia pneumoniae infection: an investigation of a Kawasaki
syndrom cluster in San Diego County. Pediatr Infect Dis J 2000:19;17-22.
Meissner HC, Leung DY. Superantigens, conventional antigens and the etiology
of Kawasaki syndrom. Pediatr Infect Dis J 2000:19;91-4.