Ein termingeborenes Kind hat eine normale Adaptation, wird gestillt und hat
24 Stunden nach der Geburt zum ersten Mal Mekonium abgegeben. Am 3. Lebenstag
tritt wiederholt Erbrechen auf.
Kommentar des Spezialisten
Die Reihenuntersuchung der Neugeborenen (Neugeborenen-Screening) soll schwerwiegende
aber behandelbare Krankheiten rechtzeitig erfassen. In der Schweiz sind es heute
die kongenitale Hypothyreose, das adrenogenitale Syndrom (AGS), die Phenylketonurie,
die Galaktosämie und der Biotinidasemangel.
Neugeborene mit Galaktosämie beginnen wenige Tage nach Milcheinnahme (Muttermilch
oder adaptierte Neugeborenenmilch) zu erbrechen. Es kann in kurzer Zeit zu schwerem
Leber- und Nierenschaden kommen (Ikterus, Gerinnungsstörung, Sepsis bei
Hypokomplementämie, renale Tubulopathie) sowie zur Katarakt. Wird das Neugeborene
rasch auf galaktosefreie Ernährung umgestellt, bilden sich die Krankheitszeichen
zurück. Die Langzeitprognose ist gut, obwohl man heute weiss, dass trotz
guter Behandlung gewisse Komplikationen (Ovarialinsuffizienz) auftreten können.
Wie soll man nun bei diesem bereits erkrankten Neugeborenen diagnostisch und
therapeutisch vorgehen? Die erste Massnahme ist das Stoppen jeglicher Galaktosezufuhr
und die Umstellung auf einen galaktosefreien Schoppen (z. B. Pregomin). Gleichzeitig
wird man eine Urinprobe asservieren (Nachweis von reduzierenden Substanzen mittels
Clinitest; gehört auf jede Geburtsabteilung!) und eine Blutprobe für
die direkte Bestimmung der Galaktose-1-Phosphat Uridyl-Transferase abnehmen.
In Ländern mit grossen geographischen Distanzen und weniger guten Infrastrukturen
(z.B. in Teilen der USA) wird das Galaktosämie-Screening in Frage gestellt,
weil die Ergebnisse zum Teil erst nach drei bis vier Wochen eintreffen, wenn
betroffene Neugeborene bereits lebensbedrohlich krank sind oder die Diagnose
schon gestellt ist. Dem ist in der Schweiz nicht so: dank der guten Zusammenarbeit
zwischen den Geburtskliniken in der ganzen Schweiz, der (noch) zuverlässigen
Postzustellung und den zwei Screeninglabors in Bern und Zürich wird die
Diagnose - wie in obigem Beispiel - vor dem Eintreten irreversibler Schäden
gestellt. Wir können also auf "unser" Neugeborenen-Screening
stolz sein. Der Jahresbericht des Neugeborenen-Screenings wird jedes Jahr in
der Paediatrica veröffentlicht (siehe diese Nummer!).