Ein 5 Monate alter Knabe wird Ihnen am 15.1.2002 auf
dem Spitalnotfall vorgestellt wegen Husten, Rhinitis, Temperatur rectal
bis 38.3 °C. Die Mutter selbst ist ebenfalls seit einer Woche erkältet.
Sie vermuten eine RSV-Infektion (die Diagnose wird übrigen mikrobiologisch
bestätigt).
Kommentar:
Normal
Bronchiolis:
1. Überblähung
- zwerchfell nach caudal verlagt /abgeflacht/evertiert
- Lunge wölbt sich vor zwischen den Rippen
- Rippen parallel oder angehoben
2. multifokale Atelektasen
3. Parazentrale bis zum Teil in die Peripherie rechende Bronchialwandverdickungen
4. Unschärfe der Herzsilhouette (inkonstant)
Legenda RX
Atelektasen
Lungen
Rippen+BWS
Herzsilhouette
Ad Frage 1
Zu Beginn leidet der Säugling mit einer RSV Infektion
meist an einer profusen Rhinitis und eventuell leichtem Fieber. Bei einem
beträchtlichen Teil entwickelt sich dann innerhalb weniger Tage eine
Infektion der unteren Luftwege mit dem typischen Bild der Bronchiolitis.
Die korrekte klinische Beurteilung des Schweregrades einer Bronchiolitis
ist wichtig, um diejenigen Säuglinge zu identifizieren, welche eine
Spitaleinweisung zur Überwachung und Behandlung benötigen. Säuglinge
mit milden respiratorischen Symptomen können ohne weiteres zu Hause
behandelt werden. Die klinische Beurteilung der respiratorischen Beeinträchtigung
eines Säuglings mit einer RSV-Infektion erfolgt anhand einer integrativen
Beurteilung folgender Kriterien:
a) Atemfrequenz
b) Gebrauch der Atemhilfsmuskulatur, Retraktionen, Nasenflügeln
c) Messung der peripheren Sauerstoffsättigung
d) Auftreten intermittierender Apnoen
e) Trinkfähigkeit
f) Genereller Allgemeinzustand und Bewusstseinszustand
Die klinischen Zeichen der Ateminsuffizienz wie Tachypnoe
(d.h. im Säuglingsalter eine Atemfrequenz > 40/Minute), Retraktionen
und Nasenflügeln sollten bei diesen Patienten auch im zeitlichen
Verlauf beurteilt werden. Das Ausmass der Tachypnoe sowie der Retraktionen
nimmt natürlich mit dem Schweregrad der Atemnot zu. Dabei ist zu
berücksichtigen, dass eine Abnahme der Atemfrequenz im weiteren Verlauf
nicht unbedingt eine klinische Besserung bedeuten muss, sondern auch Zeichen
eines drohenden Atemstillstandes in Folge Ermüdung der Atemmuskulatur
darstellen kann. Dies ist in der Regel begleitet von einer Veränderung
des Bewusstseinszustandes. Ebenfalls ist das Vorhandensein von Rasselgeräuschen
("crackles") und Fieber mit einem schwereren klinischen Verlauf
assoziiert[1]. Der Entscheid zur Hospitalisation wird zudem beeinflusst
vom Alter des Säuglings, Ausmass der Dehydratation bei Trinkschwäche,
den sozialen Umständen und dem Vorhandensein von Risikofaktoren[2].
Ad Frage 2:
Die typischen radiologischen Veränderungen sind
Peribronchitis, Dystelektasen, Überblähung, aber auch grössere,
fleckige Verschattungen. Letztere entsprechen in der Regel Atelektasen
in Folge von Schleimpfröpfen in den Atemwegen. Die Differenzierung
zwischen Atelektase und bakteriellem Infiltrat ist radiologisch oft nicht
möglich, wobei bei der RSV Infektion viel häufiger Atelektasen
als bakterielle Superinfektionen vorliegen. Selten können auch Pleuraergüsse,
ein Pneumothorax oder ein Mediastinalemphysem vorkommen[3]. Die RSV Infektion
kann sich zudem in Form einer Pneumonie manifestieren. Radiologisch finden
sich dann alveoläre Infiltrate in meist allen vier Quadranten. Diese
Manifestation verläuft meist schwerer als die reine Bronchiolitis
und diese Säuglinge brauchen in der Regel intensivmedizinische Betreuung[4].
Ad Frage 3:
Die beste objektive Zusatzmethode, um bronchiolitische
Säuglinge zu beurteilen, ist die Pulsoximetrie, da weder das Ausmass
der Tachypnoe noch die Auskultation (Giemen, Pfeifen) mit dem Schweregrad
der Hypoxämie korrelieren[5]. Die Sauerstoffsättigung ist auch
der beste einzelne, objektive Prädiktor für einen schweren Verlauf
der Erkrankung. Säuglinge mit einer Sauerstoffsättigung unter
92% sollten grosszügig hospitalisiert werden.
Es ist wichtig zu verstehen, dass mit der Pulsoximetrie die Ventilation
nicht beurteilt werden kann. Selbst bei akzeptabler Oxygenation (insbesondere
unter zusätzlicher Sauerstoffgabe) kann eine signifikante Hyperkapnie
vorliegen. Die Interpretation von PCO2-Werten muss auch mit dem Ausmass
der Tachypnoe in Beziehung gebracht werden, da schwer kranke Säuglinge
gelegentlich bis kurz vor dem Auftreten eines Herzkreislaufstillstandes
keine schwere Hyperkapnie entwickeln. Die Blutgasanalyse kann auch bei
der Beurteilung des Flüssigkeitsdefizites hilfreich sein.
Ad Frage 4:
Risikofaktoren für einen schwereren klinischen Verlauf
einer RSV Infektion umfassen
Frühgeburtlichkeit
Pulmonale Erkrankung
Chronische Lungenerkrankung (CLD)
Bronchopulmonale Dysplasie
Zystische Fibrose
Kardiale Erkrankung
Kongenitale Herzvitien (insbesondere bei pulmonaler Hypertension)
Neuromuskuläre Erkrankung
Demographische Risikofaktoren
Säuglingsalter (< 6 Wochen)
Niedriger sozioökonomischer Status
Passivrauchen
Erhöhte Exposition (Krippe)
Geburt nahe der RSV Saison
Stillverzicht
Angeborene/erworbene Immunsschwäche
Jürg Hammer, Basel
Kontaktadresse:
PD Dr. Jürg Hammer
Leitender Arzt
Pulmonologie und Intesivmedizin
UKBB
Postfach
4005 Basel
Referenzen
[1] Mulholland EK, Olinsky A, Shann FA. Clinical findings
and severity of acute bronchiolitis. Lancet. 1990 May 26;335(8700):1259-1261.
[2] Hammer J. Die RSV Infektion im Kindesalter. Schweiz Med Wschr 1998,
128: 1366-1374.
[3] Kern S, Uhl M, Berner R, Schwoerer T, Langer M. Respiratory syncytial
virus infection of the lower respiratory tract: radiological findings
in 108 children. Eur Radiol. 2001;11: 2581-2584.
[4] Hammer J, Numa A, Newth CJL. Acute respiratory distress syndrome
induced by respiratory syncytial virus. Pediatr Pulmonol 1997; 23: 176-183.
[5] Shaw KN, Bell LM, Sherman NH. Outpatient assessment of infants with
bronchiolitis. Am J Dis Child 1991; 145: 151-155.