Sie wohnen im gleichen Block wie Frau Müller, eine
sympathische 78-jährige Frau mit einer symptomatischen (bereits 2
Schenkelhalsfrakturen) Osteoporose. Es sei den Ärzten nicht gelungen,
eine spezielle Ursache für ihre Osteoporose zu finden. Frau Müller
befürchtet, dass jüngere Mitglieder der Familie und speziell
die Enkel ebenfalls eine Osteoporose entwickeln könnten. Sie weiss,
dass Sie ein erfahrener Kinderarzt sind und bespricht das Problem immer
wieder mit Ihnen im Lift.
Kommentar:
Das Gesamtkalzium im Skelet beträgt bei Geburt 25
g und jeweils 900 g bei erwachsenen Frauen und 1200 g bei erwachsenen
Männern. Als "Peak bone mass" (PBM) bezeichnet man den
maximal im Leben erreichten Knochenmineralgehalt. Mindestens 90% der PBM
ist mit dem 18. Altersjahr erreicht und 25% der PBM wird während
der zwei Jahre, die vor und nach dem Gipfel der puberalen Wachstumsgeschwindigkeit
liegen, erworben. Die PBM wird um das 20.-23. Altersjahr herum erreicht.
Bei beiden Geschlechtern erfolgt ungefähr nach dem 50. Altersjahr
eine Abnahme der Knochenmasse um 0.5-1% /Jahr. Bei Frauen kommt es zusätzlich
nach der Menopause zur postmenopausalen Abnahme der Knochenmasse mit höherer
Knochenverlustrate. Die PBM ist ein wesentlicher bestimmmender Faktor
für das spätere Osteoporoserisiko.
Daher ist es besonders in der Pädiatrie wichtig präventive Strategien
zur Optimierung der PBM und somit zur Reduktion des Osteoporose- und Frakturrisikos
auszuarbeiten. Drei Maßnahmen haben erwiesenermaßen zu
einer Verbesserung des Knochenmineralgehalts bei Kindern und Jugendlichen
geführt: hohe Kalziumzufuhr in der Ernährung (mind. 1500 mg/Tag),
sportliche Aktivität im Sinne von knochenbelastendem Sport (z.B. Volleyball, Badminton, Gymnastik, aber nicht Schwimmen) und Vitamin D
Supplementation während des ersten Lebensjahrs. Wie in einem kürzlich
erschienenen Artikel berichtet wird, ist der positive Effekt von Kalziumsupplementation
auch noch Jahre nach der Studienintervention unter normaler Kalziumzufuhr
nachweisbar. Allerdings gibt es keine Studien, die zeigen würden,dass
diese Interventionen auch zu einer Reduktion des Osteoporose asssozierten
Frakturrisikos führen würden.
Zu den Risikogruppen, bei denen an eine Osteoporose im Kindesalter gedacht
werden muß, gehören Kinder mit langdauernder medikamentöser
Behandlung. Eine lange Liste von Medikamenten ist bekannt, die zu einer
Reduktion der Knochenmasse führen können. Besonders erwähnenswert
sind Antiepileptika und Glukokortikoide. Besonders bei behinderten Kindern,
die bettlägerig oder Rollstuhl abhängig sind und eine Antiepileptikatherapie
haben, sollte eine Bestimmung der Knochenmasse mittels DXA durchgeführt
werden. Dasselbe gilt für Kinder, die während mehr als eines
halben Jahres systemisch Glukokortikoide erhalten. Prospektive Studien
werden aktuell durchgeführt mit der Frage nach der adäquaten
Behandlung der Glukokortikoid induzierten Osteoporose im Kindesalter.
Resultate liegen allerdings noch keine vor.
Marco Janner, Bern
Korrespondenzadresse :
Dr. M. Janner, Frohbergweg 3,
Pädiatrische Endokrinologie und Diabetologie FMH
3012 Bern marco.janner@bluewin.ch
Referenzen
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Weitere Ref:
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