Sie arbeiten in einem kleinen Dorf, wo auch gleichzeitig
ein Internist tätig ist, der ebenfalls "viel" von Pädiatrie
versteht. Er betreut unter anderem die nun 5 Wochen alte Daniela, die
einen Ikterus prolongatus aufweist. Daniela wurde termingerecht
mit einem Geburtsgewicht von 2.920 kg und einem Apgar-Score von 8/9/10
geboren. Die Reihenuntersuchung für angeborene Stoffwechselstörungen
fiel normal aus. Beim ausschliesslich mit Muttermilch ernährten Kind
hat der Kollege nun einige Spezialuntersuchungen im Blut verordnet. Diese
ergaben folgendes: Hämoglobin 123 g/L, Leukozyten 6.6 x 10 9/L, Thrombozyten
325 x 10 9/L, ASAT (= GOT) 205 E/L (obere Grenze: 50 E/L), ALAT (= GPT)
785 E/L (obere Grenze: 50 E/L), g-GT 250 E/L (obere Grenze: 50 E/L), Bilirubin
total 136 µmol/L, Bilirubin direkt 110 µmol/L, alkalische
Phosphatase 759 E/L (obere Grenze: 300 E/L). Bei einem gemeinsamen Nachtessen
erfahren Sie vom Kollegen die obenerwähnten Informationen. Für
ihn ist der Fall klar und simpel: das Kind leidet an einem Muttermilchikterus.
Kommentar:
Die vorgestellte Situation wirft das Problem des Icterus
neonati auf.Grundsätzlich muss zwischen konjugierten und nicht-konjugierten
Hyperbilirubinämien unterschieden werden,da die Differenzialdiagnosen
volllkommen verschieden sind.Die Differenzialdiagnose der nicht-konjugierten
Hyperbilirubinämien umfasst die hämolytischen Anämien,insbesondere
die ABO- und Rh-Inkompatibilitäten,den physiologischen Icterus neonati,das
Crigler-Najjar-Syndrom,sowie später den Morbus Gilbert-Meulengracht.Des
weiteren wird hier der sogenannte Muttermilchsikterus eingereiht.Dessen
Ursache bleibt unklar,obwohl während der letzten Jahrzehnte zahlreiche
Hypothesen aufgestellt worden sind.
Die konjugierte Hyperbilirubinämie weist auf eine
neonatale Cholostase hin,welche ihrerseits ein Alarmzeichen ist.Auch hier
ist die Differenzialdiagnose weiter aufzugliedern,nämlich in intra-
und extrahepatische konjugierte Hyperbilirubinämien.Die Unterscheidung
ist ausserordentlich wichtig,da eine extrahepatische Cholostase ein rasches
Handeln des Pädiaters erfordert.Die Ursachen der neonatalen extrahepatischen
Cholostase sind im Wesentlichen die extrahepatische Gallengangsatresie
und die verschiedenen neonatalen Formen der Choledochuszysten.
Die extrahepatische Gallengangsatresie ist eine medizinische
Notfallsituation und muss vor dem Alter von 3 Monaten identifiziert werden,damit
durch die porto-enterale Anastomose gemäss Kasai der Gallenfluss
wiederhergestellt werden kann.Nach dem Alter von 3 Monaten ist der Eingriff
nach Kasai in weniger als 30 % der Fälle erfolgreich.
Folgende klinische Zeichen müssen an eine Gallengangsatresie
denken lassen:ein Neugeborenes mit im allgemeinen initial unauffälligem
Status,mit Gewicht,Grösse und Kopfumfang im Normbereich,die Entwicklung
eines mehr grünlich-gelben als orangen Icterus,eine hellgraue Verfärbung
des Stuhles,sei es initial,sei es sekundär,sowie eine auffällig
dunkle Verfärbung des Urins.Mit zunehmendem Icterus tritt eine progressive
Gedeihstörung auf.
Sowohl Klinik wie Laboruntersuchungen sind für die
Diagnostik einer Gallengangsatresie nicht absolut zuverlässig.Die
abdominale Ultraschalluntersuchung kann das Fehlen der Gallenblase dokumentieren,was
ein indirektes Zeichen der Gallengangsatresie ist.Die perkutane Leberbiopsie
zeigt frühzeitig eine Fibrose sowie eine reaktive Gallengangshyperplasie.Letzlich
wird die abschliessende Antwort auf die Frage nach Gallengangsatresie
und die Notwendigkeit einer porto-enterale Anastomose gemäss Kasai
einzig durch die bildgebenden Verfahren erbracht.
Falls es sich nicht um eine extrahepatische Cholostase
handelt,muss die Differenzialdiagnose von den intrahepatischen neonatalen
Cholostasen ausgehen.Die häufigste ist die neonatale Riesenzellhepatitis,welche
nicht eine eigenständige Diagnose,sondern einen Sammeltopf darstellt,da
die histologische Riesenzelltransformation eine Folge der Gallenansammlung
in der Leber ist.Beim Vorliegen einer neonatalen Riesenzellhepatitis muss
daher an infektiöse Hepatitiden ,insbesondere CMV,gedacht werden,des
weiteren an andere intrahepatische Cholostasen vom Typ PFIC(Progressive
Familiar Intrahepatic Cholostases ,ehemals Byler-Syndrom genannt).Auch
muss man einen alpha-1-Antitrypsinmangel,welcher einen typischen histologischen
Aspekt aufweist, in Betracht ziehen,sowie das Alagille-Syndrom,mit seiner
Rarefizierung der intrahepatischen Gallengänge und seinen - meist
pulmonalen - Gefässanomalien.Es existieren noch andere Ursachen der
neonatalen intrahepatischen Cholostase,namentlich mitochondriale Erkrankungen,gewisse
Glycogenosen oder andere Stoffwechselkrankheiten wie die Tyrosinose.
Allgemein ist beim Vorliegen eines Icterus neonati auf
das Risiko eines Vitamin-K-Mangels hinzuweisen:als fettlösliches
Vitamin bedarf dieses einer normalen mizellären Phase und einer hinreichenden
intraintestinalen Gallensäurekonzentration,um genügend absorbiert
zu werden.Wir haben mehrere Fälle von Hirnblutungen infolge Vitamin-K-Mangels
bei neonatalen Cholostasen beobachtet.
Zusammenfassung : die Differenzialdiagnose eines Icterus
neonati erfolgt stufenweise,zuerst mit der Unterscheidung zwischen konjugierten
und nicht-konjugierten Hyperbilirubinämien.Handelt es sich um eine
konjugierte Hyperbilirubinämie,muss zwischen intra- und extrahepatischer
Cholostase unterschieden werden.Die extrahepatischen Ursachen sind medizinische
Notfallsituationen,da beim Vorliegen einer Gallengangsatresie die Diagnose
vor dem Alter von 6-8 Wochen,spätestens von 3 Monaten,gestellt werden
muss,um rechtzeitig eine Kasai-Operation durchzuführen,den Gallenfluss
wiederherzustellen und das Fortschreiten des Leidens zur biliären
Leberzirrhose zu vermeiden.
Dominique Belli, Genf
Uebersetzung:
A.Corboz,La Chaux-de-Fonds
(ich danke Frau Dr.Christen,Neuchâtel,für die Ueberprüfung
der histopathologischen Fachausdrücke)
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